Werk:Phaidon (Platon)/99
◀▷… Denn sonst, beim Hunde!, wären, wie ich meine, diese Sehnen und [1] Knochen schon lange in Megara oder bei den Boiotiern,[2] von der Vorstellung des Besten in Bewegung gesetzt, wenn ich nicht geglaubt hätte, es sei gerechter und schöner, statt zu fliehen und davonzulaufen, der Stadt die Strafe abzuleisten, welche auch immer sie anordnet.[3] Aber derartige Ursachen anzuführen, ist allzu sonderbar. Wenn jedoch jemand sagen wollte, daß ich, ohne so etwas zu haben wie Knochen und Sehnen und was ich sonst habe, nicht in der Lage wäre, das zu tun, was mir richtig erscheint, dann hätte er wohl recht; daß ich allerdings deshalb tue, was ich tue, und es deshalb mit Vernunft tue, nicht aber wegen der Wahl des Besten, [4] das wäre eine gewaltige und große Nachlässigkeit der Rede. Denn das hieße, nicht imstande zu sein zu unterscheiden, daß für jedes Seiende wohl eines das Verursachende ist, ein anderes aber jenes, ohne das das Verursachende nicht Verursachendes sein könnte. Das scheinen mir die meisten, gleichsam mi Dunkeln herumtappend, mit einem unpassenden Namen zu bezeichnen, als sei es das Verursachende selbst.[5] Deshalb umgibt der eine die Erde mit einem Wirbel[6] und läßt sie so unter dem Himmel bleiben, der andere unterlegt ihr, wie einem breiten Trog[7] einen Sockel, die Luft als Stütze.[8] Die Kraft aber, [9] durch die alles jetzt so liegt, wie es am besten war, gelegt zu werden, die suchen sie weder noch glauben sie, daß ihr göttliche Macht zukommt, sondern sie meinen, sie hätten wohl einen Atlas[10] ausfindig gemacht, der stärker und unsterblicher wäre und alles besser zusammenhielte als dieser; daß in Wahrheit das Gute und Erforderliche verbindet und zusammenhält, das glauben sie nicht.[11] Ich wäre nun darin, wie es sich wohl mit einer derartigen Ursache verhält, gerne jedermanns Schüler geworden. Weil ich aber der Möglichkeit beraubt und weder imstande war, es selbst zu finden noch es von einem anderen zu lernen – willst du, daß ich dir von der zweiten Fahrt[12] auf der [13] Suche nach der Ursache, wie ich sie unternommen habe, eine Beschreibung gebe, Kebes?
Über die Maßen, sprach er, wil ich das.
[14] Es schien mir nämlich nach diesen Erfahrungen, sagte er, als ich die Betrachtung der Dinge aufgegeben hatte, ich müsse mich davor in acht nehmen, daß mir nicht das widerfahre, was denen widerfährt, die die Sonnenfinsternis anschauen und betrachten: Es verderben sich nämlich manche die Augen, [15] wenn sie nicht im Wasser oder etwas anderem dieser Art das Bild der Sonne betrachten. So etwas bemerkte ich auch und ich fürchtete, ich könnte ganz und gar an der Seele geblendet werden, wenn ich die Dinge mit den Augen ansehe und versuche, sie mit jedem der Sinne zu fassen. Es schien mir also, ich müsse, indem ich zu den Reden Zuflucht nehme, in jenen die Wahrheit des Seienden betrachten. …▷