Werk:Phaidon (Platon)/Anm.104
104. Daß die Seele eine Harmonie, eine Stimmung ist, war die pythagoräische Seelenvorstellung. »Pythagoras und Philolaos erklärten die Seele für eine Harmonie« (Macrobios, Traum des Scipio 1, 44, 19; nach Capelle, S. 483). Diese Seelenkonzeption der Pythagoräer hing mit ihrer Sicht des Kosmos zusammen. Pythagoras glaubte, daß die Welt nach Harmoniegesetzen strukturiert ist, die sich in bestimmten Zahlenverhältnissen oder in Analogie dazu ausdrücken lassen. Wenn der Philosoph diese Verhältnisse erforscht und in sich nachvollzieht, gleicht sich seine Seele ihrer Harmonie an und wird selbst harmonisch. – Diese Harmoniekonzeption wird von Simmias materialistisch gedeutet: Die Stimmung ›Seele‹ ist ein Zusammenstimmen körperlicher Elemente. Simmias ist demnach den Pythagoräern zuzurechnen, über die Aristoteles ohne Namensnennung sagt: Ihre Vertreter (die Vertreter dieser Seelenauffassung) legen dar, daß sie (die Seele) eine Art von Harmonie sei. Denn auch die Harmonie sei Mischung und Zusammenfügung des Gegensätzlichen, und der Körper sei aus Gegensätzlichem zusammengefügt« (Über die Seele I, 4, 507b, übers. v. N. Theiler, Darmstadt 1959). Scheinbar hat Simmias mit seiner Harmonie-Konzeption der sokratischen Forderung genügt, das Nicht-Sinnliche zu denken. Da er sich aber auch das Nicht-Sinnliche wieder sinnlich vorstellt, weil die Stimmung nur das Verhältnis stofflicher Elemente zueinander bezeichnen soll, scheitert seine Vorstellung an der sokratischen Widerlegung. So lange wie bei Simmias der Körper als Ursache der Seele gedacht wird, bleibt die Seelenvorstellung widersprüchlich.