Werk:Phaidon (Platon)/Anm.114
114. Wenn hier die Redefeindschaft als das größte Übel bezeichnet wird, das einem Menschen widerfahren kann, ist das kein Widerspruch zu 83c, wo Sokrates den Glauben, das Sinnliche sei die eigentliche Wirklichkeit, das größte Übel nennt. Redefeindschaft und Vergötzung der Sinnlichkeit sind verschiedene Erscheinungsweisen desselben: Wer Reden haßt, tut dies gemeinhin in dem Glauben, daß ihnen ohnehin nichts Wirkliches entspricht, daß Reden bloßes Gerede sind. Da derjenige nicht nur die unwahren Reden haßt, sondern alle, muß er voraussetzen, daß es gar keine Wahrheit, gar kein Sein gibt, das man mit dem Logos treffen könnte – es gibt nicht das Eine, sondern nur das Viele, stets Wechselnde. Wer andererseits die sinnliche Welt für die einzige Wirklichkeit hält, muß jeden nicht-sinnlichen Maßstab für ihre Beurteilung als bloß imaginär ablehnen. Da für einen solchen den Zugang zur Wirklichkeit die Wahrnehmung, nicht die Erkenntnis schafft, da der Maßstab für das Leben Lust und nicht das Gute ist, empfindet er gar keine Notwendigkeit, den eigenen Zugang, den eigenen Maßstab diskursiv zu prüfen, denn beides ist per se subjektiv.