Werk:Phaidon (Platon)/Anm.143
143. Der Wechsel von der mechanischen zur teleologischen Ursache. Die mechanische Ursache konnte Sein und Werden nicht wirklich erklären, sie nannte nur die materiellen Bedingungen, unter denen die Ursache wirken kann, z.B. Spaltung als mögliche Bedingung des Zwei-Werdens. Die teleologische Ursache läßt diesen Fehler offenbar vermeiden. Wenn allem, was ist und wird, dies nicht zufällig zukommt, sondern es sinnvollerweise so geschieht, wenn alles Ausdruck einer ihm innewohnenden Ordnung ist, dann wirkt in allem dasselbe. Dieses Eine muß, da es selbst Vernunft ist, auch von dem ihm korrespondierenden menschlichen Vernunftvermögen erfaßbar sein. Die vernünftige Ordnung der Dinge ist die gute Ordnung, die Vernunft ist Ausdruck des Guten. Das Gute als letzte Ursache von Denken und Sein zu erkennen, ist nun Ziel der sokratischen Suche. – Damit wird auch der Bezug zu den anderen sokratischen Dialogen sichtbar, in denen es letztlich immer um diese Erkenntnis geht. Die anaxagoreische Lösung kann nicht genügen, da sich Anaxagoras die Vernunft doch wieder als sinnliches Prinzip vorstellt – eine contradictio in adiecto. Das zeigt, daß die gedachte Vernunft noch nicht die wirkliche Vernunft ist. Daher zielt die sokratische Frage stets auf den Nachweis der Wirklichkeit der Vernunft, des Guten, z.B. in der Frage nach dem Wesen der Tugenden. Diese Wirklichkeit ist noch nicht mit der richtigen Wesensdefinition gegeben, sondern erst mit der widerspruchsfreien (Letzt-)Begründung der richtigen Definition. Daß Sokrates nach dem Guten vornehmlich in der Tugend sucht, liegt daran, daß die Tugend das spezifisch menschliche Gute ist. Das Gute ist jedoch nicht nur ethisches Grundprinzip, sondern Grundlage von Wirklichkeit schlechthin (vgl. das ›Sonnengleichnis‹ in ›Politeia‹, Buch VI).