Werk:Phaidon (Platon)/Anm.94
94. Die Täuschung liegt nicht in den Sinnen, sondern in der Untersuchung mittels der Sinne. Es ist zwar ›notwendig‹, sie zu gebrauchen, die Sinne ermöglichen aber nur den Bezug zur Außenseite des Objekts. Was das Wesen des Obiekts ausmacht, muß die Untersuchung mittels des Denkens ergeben. Das Denken darf dann seinerseits nicht einfach sinnliche Daten ›hochrechnen‹ – das wäre besagte Täuschung –, sondern es muß das Sinnliche als Wirkung einer nicht-sinnlichen Ursache erkennen. Zusammengefaßt: Das sinnliche Vermögen des Menschen (die Wahrnehmung) muß sich auf das Sinnliche am Ding (die Erscheinung) richten, ebenso das nicht-sinnliche Vermögen (das Denken) auf das Nicht-Sinn- liche am Ding (Wesen und Ursache). Täuschung entsteht, wenn sich Vermögen und Gegenstand nicht entsprechen, wenn mittels der Wahrnehmung das Wesen erfaßt werden soll.