Werk:VGGWSM/Erinnerung Wegen der dritten Auflage

Als ich diese vernüfftigen Gedancken von GOTT, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt, zum andern mahl muste auflegen lassen, da sie kaum zwey Jahr heraus waren; so freuete ich mich darüber, daß die Wahrheit in die Gemüther der Verständigen so bald ein eingedrungen war, und zum gemeinen Nutzen angewendet ward. Und diese Freude muß ich wiederholen, da ich zu der dritten Auflage schreite. Denn unerchtet einige Widriggesinnte mich auf eine gantz ungewöhnliche Art verfolget und zu stürtzen gesuchet haben, den Vorwand aber dazu aus gegenwärtigem Buche genommen; so hat doch dieses niemanden, der mir zugethan gewesen, von mir abgewandt, sondern vielmehr Anlaß gegeben, meine Schriften zu lesen, und der Wahrheit Platz zu geben. Die Beschuldigungen waren über alle Massen hart, und wurden mit grosser Bitterkeit vorgebracht.
"Ich öffnete dem Atheismo und allen Sünden und lastern Thür und Thor, ich gäbe den Atheisten die Waffen in die Hände, ich bewegte sie mit den Wunder-Wercken den ein Gespötte zu treiben, ich beraubte den Menschen aller Freiheit und hübe alle göttliche Gesetze, Moralité und Religion auf, und stösse den Grund aller Imputation, folglich aller Bestraffung und Belohnung, ja alle Grund-Sätze der Religion um, daß nicht einmahl eine heydnische, vielweniger christliche Religion bestehen könnte. Und dieses alles sey mir nicht ex-imprudentia oder præcipitantia, aus Unvorsichtigleit oder Übereilung entfallen, sondern ich hätte alles mit Bedacht und gutem Willen geschrieben. Ich hätte als ein scharfsinniger Philosophus dieses alles, daß es aus meinem Lehren folge, vorher gesehen, und könne man nicht nach der Liebe von mir urtheilen. Es müste einer gantz blind und alles Verstandes beraubet seyn, der nicht erkennenwolte, daß durch meine Lehren alle Moralité und alle Religion mit eins zu Grunde giengen. Man könte unmöglich anders gedencken, als daß ich mein Systema mit Fleiß so eingerichtet hätte, daß die göttliche Providentz keinen Platz darinnen findete, und damit zugleich alle Religion und Gotesdienst aufgehoben würde".
Die Beschuldigungen können nicht härter erdacht werden, sonst wären sie auch sonder Zweiffel härter gerathen. Und gleichwohl machte es ein Aufsehen, daß sie von Wort zu Wort, wie ich sie angeführet, von eineem Manne vorgebracht wurden, der das Lob einer sonderbahren Bescheidenheit bey seinen Anhängern erhalten. Der grund dazu solte darin bestehen, daß ich die Ewigkeit der Welt, eine unvermeidliche Nothwendigkeit aller Dinge, und keine Feyheit des menschlichen Willens behauptete, einem Beweiß von GOtt führte, der nicht nach dem Geschmack meiner Widersacher wäre. Alles sind Sätze, die in meinem Buche nicht zu finden, sondern davon vielmehr das Gegentheil erwiesen wird. Und demnach darf ich nur zu verständigen und unpartheyischen Lesern sagen, sie sollen mein uch selber lesen; so fallen alle Beschuldigungen mit ihren erdichteten Gründen für sich auf einmahl hin. Man saget zwar um seine Beschuldigungen zu bescheinigen, ich brächte die wahren Sätze nur vor, ein Blendwerck zu machen, es sey mir auch kein rechter Ernst einen Beweiß von GOtt zu führen: allein man verkehret hin und wieder einige Worte, damit man selbst ein Blendwerck mache. Als ich nach Marburg kam und gleich Gelegenheit hatte dieses Buch in einem Collegio zu erklären; so ließ ich mir auch angelegen syen, nicht allein den richtigen Verstand meiner Worte, aus den von mir gegebenen Erklärungen und dem gantzen Zusammenhange meines Systemarius zu zeigen, sondern wieß auch zugleich die Absicht, die ich bey jedem Satze gehabt, indem ich alle meine Lehren, die ich der studirenden Jugend vortrage, auf einen gewissen Nutzen richte, den man davon haben kan, damit man nichts vergeblich lerne. Weil nun daraus die Verdrehungen meiner Widersacher handgreiflich worden; so hielt ich es vor rathsam, diese Erläuterungen unter dem Titul der Anmerckungen über die vernüfftige Gedancken von GOTT, der Welt und der Seele des Menschen heraus zu geben, und damit ich sie desto nutzbarer machte; so erweiterte ich zugleich meine Lehren durch allerhand neue Zusätze. Solchergestalt habe ich nicht nöthig gehabt in dieser neuen Auflage der gegenwärtigen Umstände halber vieles hinzu zu setzen. Ich habe demnach den gantzen Text unverändert gelassen, damit nichts anders darinnen zu finden ist, als wie es von meinem Widersachern aus den vorhergehenden Auflagen angeführet wird. Nur habe ich an einigen Orten einige Worte beygefüget, dadurch die andern erläutert werden. Im übrigen wird der geneigte Leser meine Anmerckungen mit zur Hand nehmen. wenn es insonderheit sein Werck nicht ist das gantze Buch mit Weile und Überlegung durchzugehen. Zum Beschluß muß ich noch dieses erinnern. Ich bin zu meiner eigenen Befriedigung, nachdem ich alles, was ich in diesem Buche geschrieben, nochmals reiflich erwogen hatte, die Lehren der christlichen Religion nach einander durchgegangen, und indem ich denselben nachgedacht, habe ich nicht allein gefunden, daß für sie aus meinen Lehren kein Anstoß zu besorgen, sondern so gar mit Vergnügen ersehen, daß sie gute Dienste leisten die geoffenbahrte Wahrheit wider die Feinde des Evangelii zu vertheidigen, und die unterweilen aufsteigende Scrupel gründlich zu benehmen. Und es haben mich sowohl vor diesem, ehe noch an eine Verfolgung gedacht ward, als auch nach diesem andere rechtschaffene Männer versichert, daß sie es gleichfals so befunden. Ich zweifle nicht am geringsten, daß, je mehr die Zeiten verschwinden werden, da haß und Neid die Handlungen der Menschen determiniren, je mehr auch meine Lehren die ich in diesem Buche vortrage, zum gemeinen Nutzen werden angewandt werden. Mein Buch, das bisher bey der unpartheiischen Welt für mich geredet, wird noch ferner für mich reden, und zeuget um so viel kräfftiger wider meine Widersacher, je härter ihre Beschuldigungen sind, die sie sich weiß machen lassen, weil sie gewünscht, daß sie wahr seyn möchten. Marburg den 21. Martii, 1725.