Werk:Verborgene Zahl – Verborgener Gott/Fazit.
3.1.6. Fazit.
Drei Formen der Unendlichkeit in einer Einheit
Wir können in De docta ignorantia also drei Formen des Unendlichen unterscheiden, die man, wie Eduard Dijksterhuis vorgeschlagen hat, mit der Terminologie Gerolamo Cardanos (1501–1576) als privative (das infinite Universum, die Unbegrenztheit des Geistes) und absolute (a priorische) Unendlichkeit (Gott als Transfinitum) fassen kann.[1]
Im Universum, dem Seinsbereich der entia realia, besteht ein unendliches Relationsgefüge zwischen den Einzeldingen. In der außerhumanen Natur ist sich nichts so ähnlich, dass es nicht noch viel ähnlicher sein könnte.[2] Der unendliche Weisungszusammenhang ist dabei der ontologische Grundcharakter der Geschöpfe.[3]
Dieser fundamentale Gedanke kann bereits bei Nikolaus auf eine lange Geistestradition zurückblicken. Man wird von den kosmologischen Einschüben in De docta ignorantia an den paradigmatischen Anfangssatz aus Anaximanders (um 610–545 v. Chr.) Περὶ Φύσεως, dem Buch über die Natur der Dinge, erinnert, demzufolge die Ordnung der Welt, der Kosmos, harmonisch aus Unbegrenzt-Unbestimmten (άπειρον) und Begrenzt-Bestimmten (πέρας)[4] zusammengesetzt ist, und zwar der gesamte Kosmos an sich wie auch die in ihm existierenden Einzeldinge.[5] So macht der Vorsokratiker, genau wie Nikolaus,[6] eine unendliche Vielzahl von Welten im Kosmos aus, die alle aus einem Ur-Einen, in dem vor Be- ginn der Welt alle Gegensätzlichkeiten aufgelöst waren, hervorgegangen sein sollen. Dieses Hervorgehen der Dinge aus der unumschränkten Einheit trennt dann, so führt Nikolaus den Gedanken fort, nicht nur Gott und Welt, sondern auch Geist und Welt.
Die Bestimmung des privativ-Unendlichen ist deshalb eine zweifache: Der unendlichen Verschiedenheit der entia realia steht das unendliche Entwicklungspotential des menschlichen Geistes gegenüber, der sich einerseits auf die Objekte in der Welt, andererseits auf ihren Urgrund, die göttliche Allmacht richtet. Gott selbst wird dabei als das maximum absolutum, letztlich meint dies die unendliche Einheit, gefasst, in der alle Gegensätze in einer schlechthinigen coincidentia oppositorum aufgelöst werden.
Das maximum absolutum ist also gewissermaßen die Koinzidenz selbst, gleichsam Potenz und Akt oder maximum und minimum.[7] Das Göttliche ist als absolutum aber nicht nur in einem quantitativen Sinne unendlich, sondern grenzenlos im Sinne einer ausschließlichen Qualität. Gott begrenzt als absolute Unendlichkeit die Schöpfung, die so begrenzte und eingeschränkte Unendlichkeit (infinitas finita) wird, und zwar nicht nur in ihrer Gesamtheit, sondern auch derart, dass jedes Geschöpf gleichsam eine endliche Unendlichkeit oder ein geschaffener Gott ist.[8]
Jeglicher Versuch der damit als aktual endlich definierten mens humana aber, vermittels sensus, ratio oder intellectus auf das Unendliche selbst zu schließen, kann lediglich in einer docta ignorantia (belehrten Unwissenheit) münden, der Annäherung an Gott ist durch Stufung des Unendlichkeitsbegriffs eine Grenze gesetzt, die zwar − Paradoxie des Unendlichen − beständig verschoben, nie aber überwunden werden kann.[9]
Man kann dabei kaum genug betonen, dass dieser im Konzept der docta ignorantia gründende Erkenntnisskeptizismus unter keinen Umständen als epistemologischer Egalitarismus zu verstehen ist. Die Erfahrung der notwendigen Unzulänglichkeit menschlicher Erkenntnisbegabung ist nicht direkt vermittelbar, sondern setzt eine individuelle Geistesanstrengung, oder genauer: das Erleben individuellen Scheiterns an einem (falschen) anthropozentrischen Genauigkeits- und Wahrheitsanspruch voraus.
Das geeignetste Werkzeug dieser Apologetik ist dabei (ausdrücklich) die Mathematik. Sie allein vermag durch ihre Unzulänglichkeit bei der Erfassung des Unendlichen – wenn also das menschliche Denken die mathematischen Schlussweisen gewissermaßen an ihre Grenzen führt – den Erkenntnissuchenden über die unendliche Größe der Schöpfung und die Maßlosigkeit des Schöpfergottes in Form der belehrten Unwissenheit zu unterrichten.
Dass Nikolaus’ mathematisierende Symbol-Theologie dabei nicht als eine Gegenentwicklung zu scholastischen Positionen, sondern in vielerlei Hinsicht als deren konsequente Weiterentwicklung zu begreifen ist, ist bereits angeklungen. Fritz Hoffmann hat dies nachdrücklich herausgestellt.
Zwischen dem frühmittelalterlichen, anschaulichen Symbolismus [...] und dem durch die mathematischen Zeichen sublimierten Symbolismus des Nikolaus Cusanus liegt die geschichtliche Wende der mittelalterlichen Theologie zur Abstraktion – durch die Logik – und zur Naturerfahrung – durch die scholastische Physik und die in ihrem Dienste stehende Mathematik.[10]
Nikolaus überführt mit De docta ignorantia den mathematischen Symbolismus innerhalb seiner Gottes- und Seinslehre in eine zuvor selten erreichte Dimension. Kaum ein Exponent des mittelalterlichen Geisteslebens hat vor ihm mit einem einzigen Werk geometrische Symbolik so konsequent in den Dienst der Gottes- und Erkenntnislehre gestellt. Aber die Mehrdeutigkeit der Bildsprache birgt, umso mehr wenn sie auf derartig komplexe Inhalte angewandt wird wie in De docta ignorantia, immer auch das Risiko von Fehldeutungen. Schon bald nach Abschluss der Schrift Über die belehrte Unwissenheit entstand massiver Klärungsbedarf. Und Nikolaus reagierte.