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Werk:Verborgene Zahl – Verborgener Gott/Paradigmenwechsel.

aus AufEinWort, der freien Forschung

3.2.2. Paradigmenwechsel.

Zahlenmystik vs. geometrische Analogie

Die selbstkritischen Ausführungen zum eigenen Vorgehen in De docta ignorantia sind für Nikolaus also zum Keim einer Einheits- und Erkenntnismetaphysik unter neuen Vorzeichen und, das ist im vorliegenden Zusammenhang besonders wichtig, mit anderen symbolsprachlichen Mitteln geworden: An die Stelle der geometrico-theologischen Spekulationen rückt die epistemologische Auszeichnung der natürlichen Zahlenreihe. Die symboltheologische Instrumentalisierung der Zahl hat gegenüber den geometrischen Symbolen aus De docta ignorantia einen entscheidenden Vorteil: Die Zahl hat keine unmittelbare ‚gestalthafte‘ Ähnlichkeit mit Objekten der sinnlichen Erfahrung. Während sich in der belebten und unbelebten Natur annähernd Kreisförmiges, Rechtwinkliges usw. ja durchaus ausmachen lässt, birgt der ‚numerus‘ zumindest keine direkten morphologischen Verweise auf die sinnliche Außenwelt.

Zwar gelten die geometrischen Figuren Nikolaus weiterhin als genuin geistige Schöpfungen und als solche werden sie auch in De coniecturis angeführt. Sie bringen aber in didaktischer Hinsicht, und dies scheint eines der wichtigsten Ergebnisse der kritischen ‚Nachlese‘ des Kusaners gewesen zu sein, stets die Gefahr mit sich, dass der Betrachter über das ‚Figürliche‘, also den Bereich der reinen Anschauung nicht hinauskommt, da der Weisungscharakter der geometrischen Formen ambivalent ist. Anders gesagt: Die idealisierten Kreise und Dreiecke aus der Schrift über die belehrte Unwissenheit sind schlicht weniger deutlich von der sinnlichen Anschauung abzugrenzen als die wesentlich abstraktere Zahl, die in De coniecturis als allmächtig[1] und das Urbild der Dinge,[2] in dem der menschliche Geist gleichsam wie in einem natürlichen und ihm eigentümlichen Gleichnis, seine eigene Einheit, die seine Seinsheit ist zu erkennen vermag,[3] überhöht wird. Entscheidend ist dabei – das vermerkt Nikolaus ausdrücklich – die Eindeutigkeit und Unwandelbarkeit der zahlenhaften Symbole:

Ea etenim, quae dici possent, numeri quidem sunt inexplicabilis unitatis numeralesve figurae invariabilis veritatis, quae tanto clarius intuebitur, quanto absolutius atque unitius concipitur.[4]

Die allgemeinere Fassung von den signa mathematica und ihrer certitudo incorrupta, wie sie in der Schrift Über die belehrte Unwissenheit auftaucht, ist verschwunden, es geht Nikolaus jetzt vorrangig um den numerus. Diese Einschränkung des symbolischen Zeichensatzes, die weite Teile des ersten Buchs De coniecturis bestimmt, hat insgesamt auch für den cusanischen Unendlichkeitsbegriff Konsequenzen gehabt. Die unendlichen geometrischen Figuren in De docta ignorantia implizierten ja zumindest bis zu einem gewissen Grad noch die Existenzannahme für das Aktual-Unendliche im Sinne eines extensiven Extremums. Die natürliche Zahlenreihe, die in De coniecturis zur zentralen Metapher der Erkenntnis- und Seinslehre wird, führt Nikolaus demgegenüber zunächst klar in Einklang mit Aristoteles als Potenz, die niemals vollständig in Akt überführt werden kann ein.[5]

Dass es sich bei diesem Abfall vom Aktual-Unendlichen für Nikolaus um eine starke ontische privatio handelt, zeigt sich schon daran, dass er zur Kennzeichnung der Andersheit alles Geschaffenen von Unendlichkeiten, also in der Mehrzahl spricht. Infinitates finitae nennt er jene Erkenntnisinhalte,[6] die, insofern sie sich über die ‚Vielheit‘ und nicht über die absolute ‚Einheit‘, das Unendliche ‚an sich‘ erschließen, nur als potentiell unendlich gedacht werden können.

Die mathematischen Unendlichkeiten sind damit niemals unendliches Sein, sondern immer nur unendliches Werden. Darin liegt der wesentliche Unterschied zu den geometrischen Symbolen aus der Schrift Über die belehrte Unwissenheit: Gott soll nicht mehr im direkten Überstieg zu einem maximum absolutum sondern nur im Gegensatz der ‚Vielheit‘ zum unumschränkten ‚Einen‘ gedacht werden. Diese Überlegungen werden in De coniecturis zur Grundlage der neuen dichothomischen Ontologie von unitas und alteritas, ‚Einheit‘ und ‚Andersheit‘ als höchsten Seinsprinzipien jeder substanziellen oder geistigen Entität.

‚Andersheit‘ ist dabei zu verstehen als jener Abfall vom ‚Einen‘, der in der Endlichkeit alles Geschaffenen immer mit angelegt ist. Dieses Zurückstehen der Dinge, die durch die sie auszeichnende ‚Andersheit‘ nie ganz für und nie ganz bei sich sind, hinter ihrem Urgrund, spiegelt sich auch in den verschiedenen Ebenen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit wieder. Die Ausfaltung der vier Erkenntnisvermögen von Vernunft (intellectus), Verstand (ratio), Vorstellungsvermögen (virtus phantastica) und sinnlicher Erfahrung kommt einem steten Sich-Entfernen von der unitas absoluta, einem unausweichlichen Rückgang der certitudo gleich. Das ist soweit, abgesehen von der begrifflichen Variante virtus phantastica statt imaginatio, weitgehend identisch mit den gnoseologischen Modellen aus der Vorgängerschrift.

Neu ist aber, dass Nikolaus sich nun jeden Erkenntnisprozess in zwei simultane aber zugleich reziproke geistige Bewegungen fasst. Dabei bestimmt er zunächst in vier paradigmatischen Sätzen die grundsätzlichen Beziehungen der Erkenntnisvermögen zueinander mit seinem neuen ontologischen Vokabular von unitas und alteritas:

  1. Intellectus [...] alteritas est infinitae unitatis.[7]
  2. Ratio alteritas intellectualis unitatis est.[8]
  3. Unit enim alteritates sensatorum in phantasia, varietatem alteritatum phantasmatum unit in ratione [...].[9]
  4. 4. [...] Unit alteritas sensatorum in phantasia [...].[10]

Jedes Erkenntnisvermögen steht also in einem spezifischen Verhältnis zur jeweils vor- und nachgeordneten Stufe, und zwar derart, dass die jeweils niedrigere geistige ‚Einheit‘ die ‚Andersheit‘ der jeweils höheren darstellt.

Das in De docta ignorantia formulierte Erkenntnisziel des Überstiegs zur Schau des maximum absolutum, das nun unitas infinita oder unitas absoluta heißt, ist und bleibt natürlich das vorrangige Erkenntnisziel. Dieses höchste Ziel, die Annäherung an die göttliche Einheit, ist aber, daran hat sich seit De docta ignorantia nichts geändert, für Nikolaus nur mittelbar zu erreichen, ist also nur im Aufstieg des Denkens durch die verschiedenen Erkenntnisstufen möglich. Dabei ergeben sich aber vor dem Hintergrund der unitas-alteritas-Konzeption Schwierigkeiten, die zuvor durch die indirekte Schlussweise der negativen Theologie verdeckt wurden. Nun, da Nikolaus die Möglichkeiten des transitus genauer ausleuchten, den Erkenntnisprozess selbst also einer noch intensiveren Analyse unterziehen und seine innersten Mechanismen erforschen will, muss er sich auch den Bedingungen, oder besser, den Auslösern menschlicher Erkenntnisprozesse zuwenden, ohne dabei den Anspruch einer prinzipiell unendlichen Entwicklungsfähigkeit des Geistes aufgeben zu müssen.

Wie aber kann Kausalität mit der menschlichen Willensfreiheit, die in der unendlichen Entwicklungsfähigkeit des Geistes ganz zwangsläufig mitgedacht werden muss, in Einklang gebracht werden? Die analogischen Betrachtungen aus De docta ignorantia konnten dieses unbegrenzte Entwicklungspotential letztlich nur in Aussicht stellen, ohne aber den Erkenntnisvorgang selbst intelligibel zu machen. In De coniecturis geht es Nikolaus nun aber um genau dieses epistemologische ‚Wie?‘. Er entwirft dabei ein neues erkenntnistheoretisches Begründungsmodell, in dem ‚Einheit‘ und ‚Andersheit‘ als die zwei hauptsächlichen Prinzipien in einen unweigerlichen Zirkelschluss münden.

Unbedingte Voraussetzung für die Einsicht in höhere Wahrheiten ist nämlich – hier argumentiert Nikolaus ganz im Sinne der docta ignorantia – die Selbsterkenntnis des wahrheitssuchenden Geistes. Insofern dieser aber gleichsam durch ‚Einheit‘ und ‚Andersheit‘ bestimmt ist, unterliegt seine Möglichkeit zur Reflexion gewissen Einschränkungen. Es gilt nämlich: Unitas per se est inattingiblis. [...] Non igitur attingitur unitas nisi mediante alteritate.[11]

Das ist in Hinblick auf die grundsätzliche Geschiedenheit von Gott und Welt, die für Nikolaus außer Frage steht, eigentlich klar. Alle Dinge in der Welt sind dem ‚Einen‘ lediglich ähnlich, es muss also ein Unterscheidendes, die ‚Andersheit‘ zu ihrer Wesensbestimmung hinzutreten. Da von der Warte des Geschaffenen aus nichts, also auch nicht die ‚Andersheit‘, absolut, d.h. ‚für sich‘ genommen betrachtet werden kann, gilt nun aber zugleich: [...] Neque alteritas attingitur per se [...]. Unde non attingitur alteritas nisi mediante unitate.[12]

Der Wahrheitssuchende steckt also auf den ersten Blick in einem unüberwindbaren Dilemma. Die wechselseitige Bedingtheit von ‚Einheit‘ und ‚Andersheit‘ macht es ihm auf den ersten Blick unmöglich, überhaupt Erkenntnisinhalte zu extrapolieren und so den gewünschten Überstieg zur Schau seiner selbst und damit der ihm gegenüberstehenden unendlichen Einheit zu leisten.

Nikolaus aber gibt auch hier der düsteren erkenntniskritischen Prognose eine optimistische Wendung. Er durchbricht den ‚circulus vitiosus‘, indem er die beiden gegenläufigen Begründungsprozesse als simultan und koinzidierend denkt. Dabei weicht er von ‚Einheit‘ und ‚Andersheit‘ zugleich auf eine andere Terminologie aus, auf die von ‚Akt‘ und ‚Potenz‘. Die ‚Einheit‘ jedes Erkenntnis vermögens liegt in ihrer Möglichkeit (potentia), so dass der intellectus in der Potenz der ratio, die ratio in der Potenz der virtus phantastica usw. liegen. Umgekehrt ‚aktuieren‘, d.h. ‚verwirklichen‘ sich in jeder dieser Stufen die ihr je übergeordneten Einheiten. Hierzu bedarf es aber eines Anstoßes, einer Initialzündung für den Vorgang der Aktuierung.

Dieser Erkenntnisimpuls wird vordergründig durch einen wahrhaft paradox anmutenden geistigen Vorgang geliefert: Nikolaus geht zunächst von den folgenden Prämissen aus: Anders als Verstand, Vorstellung und Wahrnehmung, die von der Vernunft aus dieser selbst heraus als in ihr vollständig eingefaltet erkannt werden können, kann sich der intellectus seiner selbst nie vollständig vergewissern. Denn nur im unerreichbaren Unendlich-Einen, der ihm übergeordneten, letzten Erkenntnisinstanz, Gott selbst, könnte sich der Intellekt so sehen, wie er ist: Non potest intellectus seipsum, qui alteritas est, [...] nisi in ipsa divinissima unitate uti est intueri.[13]

So sucht die Vernunft sich selbst zu bestimmen, indem sie über Verstand und Vorstellungskraft wie der Funke eines geistigen Feuers[14] in die Sinne hinabsteigt. Nur so vermag die Vernunft sich ihrer ‚Wirklichkeit‘ zu vergewissern. Nur im Abstieg hört sie auf, nur der Möglichkeit nach zu sein, also sich als Potenz von ratio, virtus phantastica und sensus zu begreifen, sondern sich in actu als Einfaltendes der übrigen Erkenntnisvermögen zu erkennen – ein Gedanke, den Nikolaus übrigens so auch bei Lull hätte finden konnte.[15]

Während sich der Intellekt im Abstieg über Verstand und Vorstellungskraft bis zu den Sinnesvermögen aktuiert, kann sich aber zugleich die niederste und ungenauste Form des Erkennens, die sinnliche Wahrnehmung, durch den aktuierten Intellekt angestoßen gewissermaßen zu der ihr innewohnenden Möglichkeit erheben, also über Verstand und Vorstellungskraft bis in die Sphäre der Vernunft aufsteigen. Dort, das macht die schwer begreifbare Simultanität des Vorgangs aus, regt das Sinnesvermögen ‚in potentia‘ die Vernunft an, sich ‚in actu‘ in den Abstieg durch die Erkenntnissphären zu begeben. Aufstieg und Abstieg sind also nicht als isolierte, autarke Prozesse zu denken, sondern als ein einziger geschlossener (überzeitlicher, oder besser, unzeitlicher) Prozess, der sich selbst ohne erkennbaren ‚äußeren‘ Anlass spontan auslöst und als ein epistemologisches ‚perpetuum mobile‘ beständig selbst begründet:

Intellectus autem iste in nostra anima eapropter in sensum descendit, ut sensibile ascendat in ipsum. Ascendit ad intellectum sensibile, ut intelligentia ad ipsum descendat.[16]

Diesen beständigen Rückbezug des menschlichen Geistes hat Nikolaus in den folgenden bemerkenswerten Satz aus dem ersten Buch De coniecturis gefasst:

Mens ipsa omnia se ambire omniaque lustrare comprehendereque supponens, se in omnibus atque omnia in se esse taliter concludit, ut extra ipsam ac quod eius obtutum aufugiat nihil esse posse affirmet.[17]

Wenn aber der Geist, wie es hier anklingt, aus sich selbst seine konjekturale Welt entfaltet,[18] wo bleibt dann noch Raum für die Gottesschau, dem eigentlichen Ziel jeder geistigen Tätigkeit? Wie soll der menschliche Geist seine Verähnelung mit Gott nachvollziehen, wenn er aus seiner Erfahrungswelt keine direkten Anhaltspunkte für das Wirken des Schöpfergottes ableiten kann? Ist der Vorwurf des Pantheismus, den Johannes Wenck bereits in seiner Fundamentalkritik an De docta ignorantia vorgebracht hatte,[19] also doch gerechtfertigt, zumal Nikolaus schließlich ausdrücklich vom humanus Deus spricht?[20] Es gilt zu bedenken: Die schöpferische Kraft des menschlichen Geistes bezieht sich nur auf ‚Denkbares‘. Was undenkbar ist, also sich nicht mit den Denkprinzipien der einzelnen Erkenntnisbereiche fassen lässt, ist dem Menschen entzogen. Die mens humana erschöpft schon in der Schau der intellektualen Koinzidenz ihr Potential, obgleich in dieser natürlich ein unendliches Voranschreiten auf dem Weg der Erkenntnis angelegt ist. Dieser unendliche Prozess ist aber gegenüber der absoluten Unendlichkeit kontrakt, eingeschränkt, eine Welt im Kleinen: Est igitur homo microcosmos aut humanus quidem mundus.[21]

Dass der menschliche Geist die Aussage, es gäbe außerhalb seiner nichts, was denkbar wäre, affirmativ treffen kann, sich selbst also als geschlossen begreifen kann, weist schon auf seine Unzulänglichkeit und Abhängigkeit von einer übergeordneten geistigen Instanz hin. Dazu gehört ja, davon war schon die Rede, auch die Bejahung der Koinzidenz. Es sei noch einmal in aller Ausdrücklichkeit gesagt: Über Gott will Nikolaus weder in affirmativer noch negativer Weise Aussagen treffen. Da der menschliche Geist in der Betrachtung seiner selbst aber ohne Bejahung und Verneinung nicht auskommt, auch nicht im Kontext der Koinzidenz, erkennt er zugleich, dass die Möglichkeit zu dieser Reflexion durch ein unendlich größeres Vermögen, Gott selbst, überhaupt erst gewährleistet werden muss. Man sieht nun auch sofort, dass actus und potentia nur vorrübergehend und gewissermaßen als Hilfsbegriffe bei der Etablierung einer gänzlich neuen terminologischen Konzeption eingeführt wurden.

In der grundsätzlichen Bestimmung, die sie bei den Aristotelikern haben, sind sie am Ende auf die Konjektur-Lehre nicht mehr anwendbar, denn im Akt-Potenz-Denken bleibt doch stets ein gewisses Maß an Ungleichzeitigkeit bestehen. Die Selbstbetrachtung der Erkenntnisvermögen und die mit ihr verbundenen Einsichten kennt kein ‚Vorher‘ und ‚Nachher‘, sondern ist ein unbedingtes ‚Zugleich‘. Im Zusammenhang mit der konjekturalen Zahlenlehre ist das, davon wird noch die Rede sein, besonders evident. Das Akt-Potenz-Denken muss, das ist entscheidend, in De coniecturis zugunsten der Einheitsmetaphysik schließlich zurückgestellt werden.

Der ganze Gedankengang ist überaus schwer verständlich. Die Transparenz und Pointiertheit der Darstellung in De docta ignorantia ist zugunsten einer präziseren Terminologie, aber auch auf Kosten der Verbindlichkeit und Anschaulichkeit gewichen. Nikolaus ist sich dessen wohl bewusst. Zum besseren Verständnis greift er auf die figurative Symbolik zurück, allerdings ist das Repertoire der Verbildlichung in De coniecturis ungleich breiter als in den rein geometrico-theologischen Gleichnissen der Vorgängerschrift. Die Symbolsprache der Mutmaßungs-Philosophie lässt dabei stets eine Vielzahl von Lesarten zu. Die Mehrdeutigkeit des Vorgebrachten ist in diesem Falle aber sicher nicht, oder zumindest sicher nicht überwiegend, Ausdruck eines unsicheren, mit der Vermittlung komplexer Inhalte hadernden Geistes, sie ist vielmehr Programm. An der fehlenden Deutungshoheit nämlich kann Nikolaus die Konjektur-Lehre selbst exemplifizieren, die Pluralität des Denkbaren en passant versinnbildlichen: Da, wo das Erkenntnisziel letztlich unbestimmbar bleibt und nur in Annäherung gedacht werden kann, da lässt sich auch kein allgemeinverbindlicher Erkenntnisweg vorzeichnen. Auch hier muss der Betrachter Nikolaus’ stets erkenntnisoptimistische Grundhaltung mitdenken: dass kein Erkenntnisweg, kein philosophisches, theologisches oder wissenschaftliches Denkgerüst absolute Erkenntnisse zu garantieren vermag, kann nämlich durchaus auch so verstanden werden, dass letztlich alle Erkenntniswege, sofern sie in der rechten Absicht, d.h. in der Hinordnung auf die Annäherung an die Einheit, beschritten werden, zulässig sein können.

Bild an Bild reiht Nikolaus in De coniecturis und vermischt dabei unterschiedlichste geistesgeschichtliche Stränge aus Theologie, Naturphilosophie und Mathematik. Von diesem Bilderreigen wird im Folgenden zu handeln sein.

  1. ↑
  2. ↑
  3. ↑ Ebd., lib. 2, cap. 2, n 83, S. 81, Z. 14ff.
  4. ↑
  5. ↑
  6. ↑
  7. ↑
  8. ↑
  9. ↑
  10. ↑
  11. ↑
  12. ↑
  13. ↑
  14. ↑
  15. ↑
  16. ↑
  17. ↑ Ebd., lib. 1, cap. 4, n 12, S. 18, Z. 1–6.
  18. ↑
  19. ↑
  20. ↑
  21. ↑