Werk:Werk:Phaidon (Platon)/104
◀▷Aber allein von allem Seienden – danach nämlich frage ich – [1] oder auch noch etwas anderes, das zwar nicht dasselbe ist wie das Ungerade, dem man aber zugleich mit seinem eigenen Namen auch immer diesen geben muß, weil es von Natur aus so ist, daß es vom Ungeraden nie verlassen wird? Ich meine eben das, was auch der Dreiheit widerfährt und vielem anderen. Prüfe es doch an der Dreiheit. Meinst du nicht, daß sie immer sowohl mit ihrem eigenen Namen bezeichnet werden muß als auch mit dem des Ungeraden, obwohl es nicht dasselbe ist wie die Dreiheit? Aber dennoch ist die Drei und die Fünf und insgesamt die Hälfte der Zahlen von Natur aus so, daß jede vonihnen immer ungerade ist, obwohl sie nicht dasselbe sind wie das Ungerade.[2] [3] Und die Zwei wiederum und die Vier und insgesamt wieder die andere Reihe der Zahlen sind nicht dasselbe wie das Gerade, und dennoch ist jede von ihnen immer gerade. Stimmst du zu oder nicht?
Wie sollte ich nicht? sagte er.
So schau also, sagte er, was ich klar machen will. Es ist dieses, daß nicht nur jene Entgegengesetzten einander nicht anzu- nehmen scheinen; sondern auch all das, was, ohne einander entgegengesetzt zu sein, doch das Entgegengesetzte immer an sich hat, auch das scheint jene Idee nicht anzunehmen, die der entgegengesetzt ist, die in ihm ist, sondern wenn sie herannaht, vergeht es entweder oder weicht aus. [4] Oder wollen wir nicht sagen, die Drei werde eher vergehen und alles andere erlei- den als zu verharren und, während sie noch drei ist, gerade werden?[5]
Allerdings, sagte Kebes.
Nun ist doch, sagte er, die Zwei der Drei nicht entgegengesetzt.
Allerdings nicht.
Folglich verharren nicht nur die entgegengesetzten Ideen nicht, wenn sie einander nahekommen, sondern auch einiges andere Entgegengesetzte verharrt nicht, wenn es einander nahekommt.
Du hast vollkommen recht, sagte er.
[6] Wollen wir nun, fragte er, wenn wir dazu imstande sind, bestimmen, was für welche das sind? Gewiß.
[7] Werden es, sagte er, nicht diejenigen sein, Kebes, welche das, was sie in Besitz nehmen, nicht nur zwingen, ihre eigene Idee festzuhalten, sondern auch immer die eines bestimmten ihm Entgegengesetzten?
Wie meinst du das?
Wie wir eben sagten. Denn du weißt doch wohl, daß das, wovon die Idee der Drei Besitz nimmt, notwendig nicht nur drei, sondern auch ungerade ist.
Gewiß.
Zu einem solchen, sagen wir, könnte die Idee, welche jener Form entgegengesetzt ist, die das bewirkt, niemals kommen.
Wohl nicht.
Bewirkt hat es aber die Form des Ungeraden?
Ja.
Dieser entgegengesetzt ist aber die des Geraden?
Ja.
[8] Zu dem, was drei ist, wird folglich die Idee des Geraden niemals kommen.
Offenbar nicht.
Das Gerade also wird dem nicht zuteil, was drei ist.
Es wird ihm nicht zuteil.
Ungerade ist demnach, was drei ist.
Ja.▷
- ↑ [104.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.170
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.171
- ↑ 53.
- ↑ [D]
- ↑ [C]