Werk:Werk:Phaidon (Platon)/109
◀▷Ich habe mich also überzeugen lassen, sprach er, daß sie erstens, wenn sie als kreisförmige[1] in der Mitte des Himmels steht, [2] weder Luft brauche,[3] um nicht zu fallen, noch irgendeine andere derartige Naturnotwendigkeit, sondern daß, um sie zu halten, die vollkommene Gleichmäßigkeit des Himmels in sich und das Gleichgewicht der Erde selbst hinreichend sei.[4] Denn ein im Gleichgewicht befindlicher Gegenstand, der in die Mitte eines anderen, ähnlichen gesetzt ist, wird nicht imstande sein, sich mehr oder weniger in irgendeine Richtung zu neigen, und so, in gleicher Haltung, ungeneigt bleiben. Zuerst also habe ich mich hiervon überzeugen lassen.
Und zu Recht, sagte Simmias.
Ferner, sagte er, daß sie etwas sehr Großes sei und daß wir, die [5] wir vom Phasis[6] bis zu den Säulen des Herakles[7] wohnen, nur in einem kleinen Teil, wie Ameisen oder Frösche um einen Sumpf, so um das Meer herum wohnen,[8] und daß noch viele andere anderswo an vielen solchen Orten wohnen. Es gebe nämlich überall um die Erde herum viele Höhlungen, mannigfaltig an Gestalt und Größe, in denen Wasser, Dunst und Luft zusammengeflossen seien. Die Erde selbst aber liege rein im reinen Himmel, an dem die Sterne sind und den die meisten von denen, [9] die über derartige Dinge zu sprechen pflegen, Äther nennen. Dessen Niederschlag seien diese also, und sie flössen immer in den Höhlungen der Erde zusammen. Uns nun, die wir in diesen Höhlungen wohnen, bliebe das verborgen und wir glaubten, oben auf der Erde zu wohnen, so, wie wenn jemand, der mitten auf dem Grund des Meeres wohnt, glaubte, auf dem Meer zu wohnen und, wenn er durch das Wasser hindurch die Sonne und die anderen Sterne sieht, das Meer für den Himmel hielte, wegen [10] seiner Schwerfälligkeit und Schwachheit aber niemals an die Oberfläche des Meeres gekommen wäre, noch auch, aus dem Meer herausgewunden und emporgetaucht zu dem dortigen Ort, gesehen hätte, um wie vieles reiner und schöner er ist als der bei ihnen, noch es von einem anderen gehört hätte, der dies gesehen hat. Ebenso erginge es also auch uns. Denn in einer Höhlung der Erde wohnend glaubten wir, oben auf ihr zu wohnen, und die Luft würden wir Himmel nennen, als ob dies der Himmel wäre, durch den die Sterne wandern.[11] Das sei aber dasselbe; daß wir nämlich aus Schwachheit und Schwerfälligkeit nicht in der Lage seien, bis zur äußersten Grenze der Luft hindurchzudringen. Denn wenn jemand zur Grenze gelangte oder Flügel bekäme und emporflöge, so würde er, nachdem er emporgetaucht ist, sehen, wie die aus dem Meer emporgetauchten Fische das, was hier ist, sehen – ebenso würde wohl jemand auch das, was dort ist, sehen, und wenn seine Natur dazu geeignet wäre, die Betrachtung auszuhalten, würde er erkennen, daß jenes der wahre Himmel ist und das wahre Licht und die wahre Erde. …▷