Werk:Werk:Phaidon (Platon)/113
[1] Es gibt nun zwar noch viele andere und verschiedenartige Flüsse, unter diesen vielen befinden sich aber vier Flüsse,[2] von denen der größte und der am weitesten außen rings umher fließende der sogenannte Okeanos ist, diesem gegenüber und in entgegengesetzter Richtung der Acheron, der durch andere [3] öde Gebiete fließt und dann unter der Erde in den Acherusischen See gelangt, wohin auch die Seelen der meisten Verstorbenen gelangen und von wo sie, nachdem sie bestimmte, vom Geschick verhängte Zeiten geblieben sind – die einen länger, die anderen kürzer – wieder entsandt werden zu der Entstehung der Lebewesen. Der dritte Fluß strömt in der Mitte von diesen aus, und nahe bei seiner Quelle bricht er hervor in ein gewaltiges, durch ein großes Feuer brennendes Gebiet und bildet einen See, der größer ist als bei uns das Meer und von Wasser und Schlamm kocht. [4] Von dort aus zieht er schmutzig und schlammig im Kreis umher und kommt, indem er sich um die Erde herumwindet, an andere Orte und auch zu den Rändern des Acherusischen Sees, vermischt sich aber nicht mit seinem Wasser. Nachdem er sich oftmals unter der Erde herumgewunden hat, ergießt er sich weiter unten in den Tartaros. Dieser ist es, den sie Pyriphlegethon[5] nennen, dessen Lavaströme auch, wo sie gerade in der Erde sind, kleine Teilchen emporsprühen. Diesem gegenüber wiederum bricht der vierte hervor, zuerst an einen furchtbaren und wilden Ort, wie man sagt, der aber eine Farbe hat, ganz wie [6] Lasurstein, die man deshalb die stygische nennt, und den See, den der einmündende Fluß bildet, Styx. Der geht, nachdem er dort eingedrungen ist und furchtbare Kräfte in sein Wasser aufgenommen hat, unter die Erde, rückt, indem er sich herumwindet, in entgegengesetzter Richtung zum Pyriphlegethon vor und trifft mit ihm von der entgegengesetzten Seite her im Acherusischen See zusammen. Auch sein Wasser mischt sich mit keinem anderen, sondern er geht ebenfalls mi Kreis umher und ergießt sich in den Tartaros in entgegengesetzter Richtung zum Pyriphlegethon. Sein Name aber ist, wie die Dichter sagen, Kokytos. [7] [8] Weil das aber so ist, werden, sobald die Verstorbenen an dem Ort angekommen sind, wohin der Dämon jeden bringt, zuerst die gerichtet,[9] die schön und fromm gelebt haben und die, die nicht. Die, von denen man meint, daß sie ein mittleres Leben geführt haben, begeben sich zum Acheron, steigen auf die Fahrzeuge, die es für sie dort gibt, und kommen auf diesen zum See; da wohnen sie und werden, indem sie sich reinigen und für ihr Unrecht bestraft werden, losgesprochen, wenn einer Unrecht getan hat, und für ihr richtiges Handeln erhalten sie den Lohn, [10] jeder nach seinem Verdienst. Von denen man aber meint, daß sie wegen der Größe ihrer Verfehlungen unheilbar sind, weil sie entweder viele und große Tempeldiebstähle oder viele ungerechte und gesetzwidrige Mordtaten begangen haben oder andere Dinge von dieser Art, die wirft das ihnen gebührende Schicksal in den Tartaros, aus dem sie niemals mehr herauskommen. …▷