Werk:Werk:Phaidon (Platon)/114
◀▷… Von denen man meint, daß sie zwar heilbare, aber doch große Verfehlungen begangen haben, indem sie zum Beispiel im [1] Zorn gegen Vater oder Mutter etwas Gewaltsames getan haben und dann den Rest des Lebens in Reue verlebten, oder die, die auf irgendeine andere, diesem verwandte Art Mörder geworden sind, die stürzen zwar mit Notwendigkeit in den Tartaros hinab, wenn sie aber hinabgestürzt und ein Jahr dort gewesen sind, wirft sie die Woge wieder heraus; die Mörder beim Kokytos, die Frevler gegen Vater und Mutter beim Pyriphlegethon. Wenn sie nun, auf diesem fortgetrieben, am Acherusischen See ankommen, schreien und rufen dort die einen nach den von ihnen Getöteten, die anderen nach den von ihnen frevelhaft Behandelten, und wenn sie sie herbeigerufen haben, flehen und bitten sie, [2] sie mögen sie in den See aussteigen lassen und sie aufnehmen. Können sie sie überreden, dann steigen sie aus und ihre Leiden haben ein Ende; wenn aber nicht, dann werden sie wieder zum Tartaros fortgetrieben und von dort erneut in die Flüsse, und es hört nicht eher auf, daß sie dies erleiden, bis sie diejenigen überredet haben, denen sie Unrecht taten. Denn diese Strafe ist ihnen von den Richtern angeordnet. Von denen man aber meint, daß sie sich ausgezeichnet haben in Hinsicht auf das fromme Leben, das sind diejenigen, die von allen Orten in der Erde befreit und [3] losgelassen wie aus Gefängnissen hinauf in die reine Wohnung kommen und sich auf der Erde ansiedeln. Von diesen selbst leben die, die sich durch Philosophie hinreichend gereinigt haben, in der künftigen Zeit gänzlich ohne Körper und kommen in noch schönere Wohnungen als jene, welche zu schildern weder leicht ist, noch ist gegenwärtig hinreichend Zeit dazu vorhanden. Aber schon um dessentwillen, was wir vorgetragen haben, Simmias, muß man alles tun, um an Tugend und Vernunft im Leben Anteil zu haben. Denn schön ist der Preis und die Hoffnung groß.
[4] Nun allerdings fest zu behaupten, daß sich das so verhält, wie ich es vorgetragen habe, gehört sich nicht für einen vernünftigen Menschen. Daß es jedoch diese oder eine ähnliche Bewandtnis haben muß mit unseren Seelen und ihren Wohnungen, da doch die Seele offenbar unsterblich ist, das scheint sich mir zu gehören und wert zu wagen, daß man glaube, es verhalte sich so – denn schön ist das Wagnis; und man muß sich mit derartigem wie mit Beschwörungen selbst heilen, weshalb ich auch den Mythos schon so lange ausdehne.[5] …▷