sophistische Lehre
Die Darstellung einer „Lehre“ der Sophisten stützt sich auf eine dürftige Quellenlage. Die ältesten Quellen sind Zitate aus Platons Dialogen und aus den Schriften des Aristoteles sowie wenige Kurztexte und Fragmente. Die Authentizität und Zuverlässigkeit der den Sophisten zuerkannten Texte ist umstritten. Es lässt sich nicht belegen, inwieweit Texte über einzelne Sophisten für alle gelten. Philosophen und Philosophiehistoriker haben dies durch die Jahrhunderte mehrheitlich unterstellt.[1]
Schon im 6./5. Jahrhundert v. Chr. hatten Männer wie Anaximander, Pythagoras, Xenophon, Parmenides und Herakleitos mit ihren Welterklärungen deutlich gemacht, dass sich unter den Griechen die Glaubwürdigkeit des Mythos auflöste, die Götter seien Welterschaffer und bestimmten das Leben des Menschen. Das als unzulänglich erlebte alte Weltbild förderte das Entstehen des philosophischen Denkens. „Die Wahrheit über die Götter kennt keiner“, äußerte sich Xenophanes. Viele Menschen machten sich in anderer Weise Gedanken über ihr Leben als bisher. Ideen für eine Lebensgestaltung ohne Göttermythen waren bereits – u. a. als Sprüche der Sieben Weisen und anderer Kundiger – im Umlauf. Menschen sollten sich z. B. frei davon machen, welche Auffassungen und Werte ihre „Erzeuger“ hatten. Außerdem wurde empfohlen, sich eigene Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen, um das Leben zu meistern. Darüber hinaus entstanden aus der religiösen Tradition neue Kulte und Bewegungen, z. B. Orphiker, Bakchicher, Pythagoräer, die Menschen zusammenführten, die mit anderen neue Ideen für ein gelingendes, individuelles Leben umsetzten.[2]
Protagoras war einer der Ersten, die sich als Sophisten im hier erwähnten Sinne bezeichneten. Seine Kenntnisse und sein Rat wurden von vielen Athenern geschätzt.[3] Seine Schriften wurden später verbrannt, als er wegen Asebie verurteilt worden war. Er starb auf der Flucht. Wie Xenophanes ging er davon aus, dass Menschen nicht wissen können, ob es Götter gibt und wie sie sind. Protagoras behauptete ferner, dass jeder Mensch die Dinge und Sachverhalte auf seine eigene Weise sehe und entsprechend urteile.[4] In diesem Sinne war der Mensch für Protagoras „das Maß aller Dinge“. In der Folge gaben er – und mit ihm vermutlich andere – dem Individuellen den Vorzug vor dem Allgemeinen. Wie Menschen sprechen, wie Menschen sich selber, andere und Sachverhalte beurteilen, welches Handeln sie für positiv halten, wird von Menschen entschieden. Gesetze, Ethik und Sprache sind Produkte von Menschen infolge gemeinsam geteilter Überzeugungen. Kulturtechniken sind daher nicht graduelle Abstufungen absoluter Wahrheiten.[5]Andere – wie z. B. Thrasymachos[A 1] oder Gorgias[A 2] – gingen davon aus, dass Allgemeingültiges wie Gesetze dem Interesse bestimmter gesellschaftlicher Gruppen dienen. Hippias aus Elis[A 3] soll behauptet haben, dass die geltenden Gesetze Menschen dazu zwingen, gegen ihre Natur zu handeln. Kallikles meinte, dass sich die Stärkeren, wie es seiner Ansicht nach die Natur fordert, durchsetzen sollten.
Aristoteles berichtete im 2. Buch der Politik, dass einzelne Sophisten sehr weitgehende politische Forderungen stellten. Lykophron soll die Abschaffung der Adelsvorrechte gefordert haben. Alkidamas und andere wollten die Sklaverei abschaffen. Phaleas von Chalkedon verlangte gleichen Besitz, Erziehung und kollektives Wirtschaften für alle freien Bürger.
Durch Sextus Empiricus ist eine Schrift des Sophisten Gorgias überliefert, in der es um die rätselhafte Frage geht, „was ist bzw. was nicht ist“. Laut Vorländer lautete der Titel: Von der Natur oder dem Nicht-Seienden. Parmenides hatte mit seinem Lehrgedicht eine rätselhafte Antwort zu einem ähnlichen Thema gegeben, die bis heute Anlass für viele Interpretationen ist. Ein Rätsel enthielt auch die Antwort des Gorgias: 1. Es existiert nichts. 2. Wenn aber etwas existierte, so wäre es doch für den Menschen unfassbar. 3. Wenn es aber auch fassbar wäre, so wäre es doch unaussprechbar und nicht mitteilbar. Derartiges wurde weder von vielen Zeitgenossen noch von späteren Philosophen verstanden. Das floss in die negative Bewertung des sophistischen Denkens mit ein. Vereinzelt wurde dies so interpretiert, dass derartige paradoxe Aussagen nur dann einen Sinn ergäben, wenn sie als Verneinung der einen objektiven Wahrheit aufgefasst würden. In gleicher Weise ließe sich folgender sophistischer Widerspruch auflösen: Protagoras soll gesagt haben, jede Überzeugung ist wahr, Gorgias dagegen soll behauptet haben, jede Überzeugung ist falsch.[6]
Die Sophisten befassten sich auch mit Grammatik und Syntax. Sie untersuchten die Satzteile, den Wortgebrauch, Synonymik und Etymologie. Es wird Protagoras zugerechnet, erste grammatische Kriterien festgelegt zu haben.[7] Prodikos schrieb und hielt Vorträge über Synonymik und Sprachrichtigkeit. Von ihm sind auch Vorträge über Ethik überliefert.
Hippias aus Elis war unter den Sophisten derjenige, der in allen Künsten und Kenntnissen seiner Zeit bewandert war. Er war auch Lehrer, Philosoph und geachteter Teilnehmer der Olympischen Spiele. Schon zu Lebzeiten wurde ihm in seiner Heimatstadt Elis – nahe Olympia – ein Denkmal errichtet. Er beschäftigte sich mit Astronomie, Mathematik, Mnemonik, Chronologie, Sagen- und Völkerkunde, Theorie der Künste und lehrte in diesen Disziplinen. Er hielt moralische Mahnreden und war Dichter und Kunsthandwerker.[8]
Anmerkungen
[✎]- ↑ platonischer Dialog Politeia (Platon)
- ↑ platonischer Dialog Gorgias (Platon)
- ↑ platonische Dialoge Hippias Minor, dem Hippias Maior und dem Protagoras.
Einzelnachweise
- ↑ Vgl. zu dem ganzen Abschnitt Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 1919, 5. Aufl. S. 60–64. zeno.org – Friedrich Albert Lange: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Frankfurt am Main 1974, S. 30–42. zeno.org – Johannes Hirschberger: Kleine Philosophiegeschichte. 6. Auflage, Freiburg i. B. 1966, S. 19–22. – Wilhelm Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. 6. Auflage. Tübingen 1912, S. 85. zeno.org
- ↑ Vgl. Diels: Vorsokratische Fragmente. Xenophanes, Frg. 34. Herakleitos Frge. 35, 73f. – Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 1965, 4. Aufl., Bd. 3, S. 661–693.
- ↑ Perikles hatte ihn beauftragt, eine Verfassung für einen neuen Staat in Süditalien zu schreiben.
- ↑ „Wie alles einzelne mir erscheint, so ist es für mich, wie dir, so ist es für dich“ (frg. 1) Zit. bei Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie. Bd. 1, Freiburg i. B. 1976, S. 55.
- ↑ Die Auffassung der meisten Historiker, dass Sophisten Relativisten gewesen sind, bezieht sich auf diese protagoräischen Annahmen. Andere rechneten die Sophisten den Sensualisten zu. Vgl. Friedrich Albert Lange: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Frankfurt am Main 1974 u. Wilhelm Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. Tübingen 1912, 6. Aufl., S. 73 ff. – Raoul Richter nannte Protagoras „den bahnbrechendsten Vertreter des Skeptizismus“. Ders. Der Skeptizismus in der Philosophie, Band 1., Leipzig 1923. Nachdruck 2011, S. 10.
- ↑ Friedrich Überweg: Grundriss der Geschichte der Philosophie von Thales bis auf die Gegenwart. I. Teil, Berlin 1865, S. 71.
- ↑ Vgl. Wilhelm Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. Tübingen 1912, 6. Aufl., S. 71. – Elmar Siebenborn: Die Lehre von der Sprachrichtigkeit und ihren Kriterien: Studien zur antiken normativen Grammatik. Amsterdam 1976, S. 15f u. 51.
- ↑ Vgl. auch Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 1965, 4. Aufl., Bd. 4, S. 1.