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Gorgias (Platon)

aus AufEinWort, der freien Forschung

GORGIAS. (De Rhetorica)

2. Teil: Gorgias 2 (Platon)

3. Teil: Gorgias 3 (Platon)

4. Teil: Gorgias 4 (Platon)

Nach der Übersetzung von Friedrich E. D. Schleiermacher

in: Platons Werke. Zweiten Teiles erster Band. Dritte Auflage, Berlin 1856, bearbeitet.

Durch Anklicken der indizierenden Seitenzahlen im deutschen Text wird die entsprechende Seite mit dem griechischen und lateinischen Text der Didot-Edition angezeigt.

[447 St.1 A] KALLIKLES: Zum Kriege und zur Schlacht, heißt es, o Sokrates, muss man zur rechten Zeit kommen.

SOKRATES: Also sind wir wohl, wie man so sagt, nach dem Fest gekommen?

KALLIKLES: Und nach einem gar herrlichen Fest! Denn viel Schönes hat uns Georgias nur ganz vor kurzem zu hören gegeben.

SOKRATES: Daran, o Kallikles, ist uns also Chairephon Schuld, der uns nötigte, auf dem Markte zu verweilen.

CHAIREPHON: Keine große Sache, Sokrates, denn ich kann es auch wieder gut machen. Gorgias ist mir freund, [B] und wird es uns auch wohl hören lassen, wenn es beliebt, jetzt, oder wenn du lieber willst ein anderes Mal.

KALLIKLES: Wie doch, Chairephon, hat Sokrates Lust den Gorgias zu hören? CHAIREPHON: Eben dazu ja sind wir gekommen.

KALLIKLES: Also wenn ihr zu mir kommen wollt nach Hause, denn bei mir wohnt Gorgias, so wird er sich vor euch hören lassen.

SOKRATES: Gut gesprochen, Kallikles. Aber ob er sich wohl möchte mit uns ins Gespräch geben? Denn ich will gern von ihm erfahren, was doch die Kunst des Mannes eigentlich vermag, und was das ist, [C] was er ausbietet und lehrt. Was er uns sonst zeigen will, mag er, wie du auch sagst, ein andermal tun.

KALLIKLES: Nichts besser als ihn selbst fragen, Sokrates. Auch gehörte ja das mit zu seinem Auftritt, denn er hieß nur eben Alle drinnen fragen, was einer nur wollte, und auf Alles verhieß er zu antworten.

SOKRATES: Sehr wohl gesprochen. Frage ihn also, Chairephon. CHAIREPHON: Was soll ich ihn fragen?

SOKRATES: Was er ist.

CHAIREPHON: Wie meinst du das?

SOKRATES: [D] Wie wenn er nun einer wäre, der Schuhe verfertigte, er dir dann gewiss antworten würde, er wäre ein Schuhmacher. Oder verstehst du nicht, was ich meine?

CHAIREPHON: Ich verstehe und will ihn fragen. Sage mir doch, Gorgias, ist es wahr, was Kallikles sagt, dass du dich erbietest zu beantworten, was dich einer nur fragt?

GORGIAS: Es ist wahr, [448 St.1 A] Chairephon. Auch jetzt hatte ich mich eben dazu erboten, und ich sage dir, Niemand hat mich mehr etwas Neues gefragt seit vielen Jahren.

CHAIREPHON: Du antwortest also gewiss sehr leicht, Gorgias. GORGIAS: Darüber, Chairephon, kannst du ja einen Versuch machen.

POLOS: Beim Gotte, wenn du irgend willst, Chairephon, lieber mit mir. Denn Gorgias, dünkt mich, ist wohl müde, da er nur eben gar vieles vorgetragen hat.

 

CHAIREPHON: Wie doch, Polos, meinst du besser als Gorgias antworten zu können? [B] POLOS: Darauf kommt es nicht an, aber gut genug für dich.

CHAIREPHON: Allerdings. Also da du doch willst, so antworte.

POLOS: Frage nur.

CHAIREPHON: Ich frage also, wenn Gorgias ein Meister in eben der Kunst wäre, worin sein Bruder Herodikos, wie würden wir ihn dann recht benennen? Nicht ebenso wie jenen?

POLOS: Allerdings.

CHAIREPHON: Wenn wir also sagten, er wäre ein Arzt, so würden wir uns richtig ausdrücken.

POLOS: Ja.

CHAIREPHON: Wäre er aber mit Aristophon, dem Sohne des Aglaophon, oder mit dessen Bruder in einerlei Kunst erfahren, wie würden wir ihn dann wohl richtig nennen?

POLOS: Offenbar einen Maler.

CHAIREPHON: Nun er aber in was doch für einer Kunst sachverständig ist, [C] müssen wir ihn wie doch nennen, um ihn richtig zu nennen?

POLOS: O Chairephon, viele Künste sind unter den Menschen durch Geschicklichkeit geschickt erfunden. Denn Geschicklichkeit macht, dass unser Leben nach der Kunst geführt wird, Ungeschicktheit aber nach der Gunst. Von allen diesen nun ergreift je ein Anderer eine andere und auf andere Weise, die Besten aber auch die besten, zu welchen dann auch Gorgias hier gehört und also Anteil hat an der vortrefflichsten unter den Künsten.

SOKRATES: Trefflich gewiss, o Gorgias, scheint Polos [D] gerüstet zu sein auf Reden, allein was er dem Chairephon versprochen hat, leistet er nicht.

GORGIAS: Was doch, Sokrates?

SOKRATES: Was er gefragt ward, scheint er mir gar nicht zu beantworten. GORGIAS: So frage du ihn, wenn du willst.

SOKRATES: Nicht, wofern du selbst antworten wolltest, sondern dann weit lieber dich. Denn vom Polos ist mir schon aus dem was er gesagt hat deutlich, dass er sich auf die sogenannte Redekunst weit mehr gelegt hat, als auf die Führung des Gesprächs.

POLOS: Wie so, [E] Sokrates?

SOKRATES: Weil du, da Chairephon dich fragt, in welcher Kunst Gorgias ein Meister wäre, seine Kunst zwar rühmst, als ob Jemand sie tadelte, was sie aber ist doch nicht beantwortet hast.

POLOS: Habe ich denn nicht geantwortet, sie wäre die vortrefflichste?

SOKRATES: Ja wohl. Aber niemand hat ja gefragt, was des Gorgias Kunst wert wäre, sondern was sie wäre, und wie man den Gorgias deshalb nennen müsse. Wie du nun, was dir vorhin Chairephon vorlegte, ihm [449 St.1 A] kurz und gut beantwortet hast, eben so sage doch auch jetzt, welches seine Kunst ist, und wie wir ihn zu nennen haben? Oder vielmehr Gorgias, sage du uns selbst, wie wir dich nennen müssen als Meister welcher Kunst?

GORGIAS: Der Redekunst, Sokrates.

SOKRATES: Einen Redner also müssen wir dich nennen?

GORGIAS: Und zwar einen guten, Sokrates, wenn du mich, was ich zu sein mich rühme, wie Homer sagt, nennen willst.

SOKRATES: Das will ich freilich.

GORGIAS: So nenne mich demnach.

SOKRATES: Sagen wir nicht auch, du vermögest auch andre dazu zu machen? GORGIAS: Dazu [B] erbiete ich mich ja, nicht nur hier, sondern auch anderwärts.

SOKRATES: Möchtest du wohl, Gorgias, so wie wir jetzt mit einander reden, die Sache zu Ende bringen durch Frage und Antwort, die langen Reden aber, womit auch schon Polos anfing, für ein


andermal versparen? Also was du versprichst, das sollst du auch halten und lasse dir gefallen, in der Kürze das Gefragte zu beantworten.

GORGIAS: Es gibt zwar einige Antworten, Sokrates, die notwendig durch lange Reden wollen erteilt sein, dennoch aber will ich sie versuchen aufs kürzeste. [C] Denn auch dessen rühme ich mich ja, niemand könne kürzer als ich dasselbe sagen.

SOKRATES: Dies eben brauche ich, Gorgias. Eben hier von gib mir ein Meisterstück von der Kürze, vom Langreden aber ein andermal.

GORGIAS: Das will ich tun, und du sollst gestehen, du habest nie einen kürzer reden gehört.

SOKRATES: Wohlan denn, da du behauptest in der Redekunst ein Meister zu sein, und auch einen Andern zum Redner machen zu können, auf welches denn unter allen Dingen bezieht sich die Redekunst [D] so wie doch die Weberei auf Verfertigung der Gewänder? Nicht wahr?

GORGIAS: Ja

SOKRATES: Oder die Tonkunst auf Dichtung der Gesangweisen?

GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Bei der Hera, Gorgias, ich habe meine Freude an deinen Antworten, weil du wirklich antwortest so kurz als nur möglich.

GORGIAS: Das denke ich, o Sokrates, auch gehörig zu tun.

SOKRATES: Wohl gesprochen. Antworte mir nun auch ebenso wegen der Redekunst, auf welches unter allen Dingen bezieht sie sich doch als Wissenschaft?

GORGIAS: Auf Reden.

SOKRATES: Auf was für Reden aber, Gorgias? Etwa auf die, welche den Kranken erklären, [E] hei welcher Lebensweise sie genesen könnten?

GORGIAS: Nein.

SOKRATES: Also doch nicht auf alle Reden bezieht sich die Redekunst?

GORGIAS: Freilich nicht.

SOKRATES: Aber doch macht sie tüchtig zum Reden.

GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Nicht auch worüber zu reden, darüber ebenfalls richtig zu urteilen?

GORGIAS: Wie anders?

SOKRATES: Macht nicht auch die eben angeführte Heilkunst [450 St.1 A] tüchtig, über Kranke sowohl richtig zu urteilen als auch zu reden?

GORGIAS: Gewiss.

SOKRATES: Auch die Heilkunst also wie es scheint bezieht sich auf Reden?

GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Nämlich auf die über Krankheiten?

GORGIAS: Allerdings.

SOKRATES: Bezieht sich nun nicht auch die Turnkunst auf Reden, nämlich auf die über den guten oder schlechten Zustand des Leibes?

GORGIAS: Freilich.

SOKRATES: Und gewiss auch mit den übrigen Künsten, o Gorgias, [B] verhält es sich so, jede hat es auch mit denjenigen Reden zu tun, welche sich auf den Gegenstand beziehen, wovon sie die Kunst ist.

GORGIAS: Offenbar.

SOKRATES: Wie also, nennst du nicht auch die übrigen Künste Redekünste, da sie es doch auch mit Reden zu tun haben, wenn du diejenige die Redekunst nennen willst, welche es mit Reden zu tun hat?


GORGIAS: Weil, o Sokrates, bei den andern Künsten nur auf gewisse Handgriffe und dergleichen Verrichtungen, mit einem Wort die ganze Wissenschaft, geht, die Redekunst aber hat nichts dergleichen handgreifliches, sondern ihre ganze Verrichtung [C] und Vollführung geht durch Reden. Deshalb lasse ich die Redekunst es mit Reden zu tun haben, ganz richtig erklärend, wie ich behaupte.

SOKRATES: Merke ich nun etwa, wovon du sie benennen willst? Doch ich werde es wohl bald noch genauer wissen, antworte mir nur. Wir haben doch Künste, nicht wahr?

GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Unter diesen nun, glaube ich, sind einige, bei denen das meiste Tätigkeit ist, und die nur sehr wenig Rede bedürfen, einige auch gar keiner, sondern was die Kunst will könnte auch schweigend verrichtet werden, dergleichen die Malerei und die Bildhauerei sind, und viele andere. Solche scheinst du mir [D] zu bezeichnen als die, zu welchen wie du behauptest die Redekunst nicht gehöre. Oder nicht?

GORGIAS: Vollkommen richtig hast du es aufgefasst, Sokrates.

SOKRATES: Wiederum andere gibt es unter den Künsten, welche alles durch Rede vollbringen, und Tat, dass ich es gerade sage, ganz und gar nicht oder doch nur sehr wenig bedürfen, wie das Zählen und Rechnen und die Messkunst und die Kunst des Brettspiels, und viele andere Künste, bei deren einigen die Rede [E] fast zu gleichen Teilen geht mit der Tat, bei vielen auch mehr beträgt, so dass ganz und gar ihre Verrichtung und Vollbringen in Reden besteht. Von diesen nun dünkst du mich zu meinen sei eine auch die Redekunst.

GORGIAS: Ganz richtig.

SOKRATES: Aber doch wirst du, denke ich, auch von den genannten keine wollen Redekunst nennen, wiewohl du wörtlich so sagtest, die ihr ganzes Geschäft durch Reden vollendende wäre die Redekunst. Und es könnte wohl einer folgern, der dir die Worte zum Verdruss kehren wollte, also die Rechenkunst, Gorgias, nennst du Redekunst. Aber ich glaube nicht, dass du, sei es nun die Messkunst oder die Rechenkunst Redekunst nennst.

[451 St.1 A] GORGIAS: Und ganz recht glaubst du daran, Sokrates, und verstehst mich ganz richtig.

SOKRATES: Wohlan denn, so bringe mir nun auch die Antwort, nach der ich fragte, zu Ende. Denn da die Redekunst von diesen Künsten eine ist, welche sich gar viel der Rede gebrauchen, es aber auch noch andere von derselben Art gibt, so versuche doch zu sagen, woran denn diejenige ihr Geschäft durch Reden vollendet, welche die Redekunst ist? So wie wenn mich jemand nach irgendeiner Kunst von den eben angeführten fragte: ‚O Sokrates, was ist denn die Arithmetik?‘ ich ihm sagen würde [B] wie du vorhin, eine von den ihr Geschäft durch Reden vollbringenden, und wenn er mich weiter fragte: Woran denn? ich sagen würde: Am Geraden und Ungeraden wie groß jedes sei. Fragte er aber wieder: Und welche Kunst nennst du denn die Mathematik, ich ihm sagen würde: Auch sie ist eine von den Alles durch Reden vollbringenden. Und wenn er weiter fragte: [C] Woran denn? Ich sagen würde, wie es in der Volksversammlung heißt, Alles andere wie zuvor, bei der Mathematik wie bei der Arithmetik, nur so viel ist sie unterschieden, dass die Lehre von den Proportionen auch betrachtet wie Gerades und Ungerades unter sich und gegen einander sich verhält der Größe nach. Und wenn Jemand nach der Astronomie fragte, und auf meine Erklärung, dass auch diese alles durch Reden vollbringe, spräche: Aber die Reden [D] der Astronomie, worauf beziehen sich die? Ich sagen würde: Auf die Bewegung der Gestirne und der Sonne und des Mondes, wie sie sich gegeneinander verhalten an Geschwindigkeit.

GORGIAS: Und ganz recht sprachst du, Sokrates.

SOKRATES: Wohlan, eben so tue also auch du, Gorgias! Die Redekunst ist doch eine von den Alles durch Reden ausführenden und vollbringenden. Nicht wahr?

GORGIAS: So ist es.

SOKRATES: Sage also von den worauf doch gehenden ist sie eine? Welches unter allen Dingen ist doch dasjenige eigentlich, worauf die Reden sich beziehen, deren die Redekunst sich bedient?


GORGIAS: Die wichtigsten, o Sokrates, unter allen menschlichen Dingen, und die herrlichsten.

[E] SOKRATES: Aber auch dies, Gorgias, ist ja wieder unklar und noch gar nichts bestimmtes. Du hast ja wohl, denke ich, bei Gastmählern Leute jenes Trinklied singen gehört, worin sie aufzählen das Beste sei die Gesundheit, und das zweite in Schönheit einherzugehen und das dritte wie der Dichter des Trinkliedes meint, reich sein ohne Falsch.

GORGIAS: Wohl habe ich das gehört. Aber wozu führst du es an?

SOKRATES: Weil dir nun gleich [452 St.1 A] die Meister in dem was das Trinklied gelobt hat, werden in den Weg treten, der Arzt und der Turnmeister und der Erwerbsmann; und der Arzt zuerst würde sagen: O Sokrates, Gorgias hintergeht dich, denn nicht seine Kunst geht auf das wichtigste Gut für die Menschen, sondern die meinige. Wenn ich ihn nun fragte: Und wer bist du, dass du das sagst? So würde er eben sagen: Ein Arzt. Wie meinst du, spräche ich dann, also das Werk deiner Kunst wäre das größte Gut? Wie sollte denn nicht, [B] o Sokrates, würde er vielleicht sagen, die Gesundheit dies sein? Was für ein größeres Gut gibt es denn für die Menschen als Gesundheit? Wenn nun nach diesem wiederum der Meister der Leibesübungen sagte: Es sollte mich wundern, Sokrates, wenn Gorgias dir ein größeres Gut von seiner Kunst aufzeigen könnte, als ich von der meinigen! So würde ich auch zu dem sagen, Und wer bist du denn Mensch, und was ist dein Geschäft? Ich bin der Turnmeister, spräche er, und mein Geschäft ist, die Menschen schön und stark zu machen am Leibe. Und nach diesem sagte dann der Erwerbsmann, ich denke recht mit Verachtung aller Andern, sieh doch zu, Sokrates, ob sich [C] dir irgendein größeres Gut zeigt als der Reichtum beim Gorgias oder bei irgendwem sonst. Und wie, sprächen wir dann zu ihm, du kannst den machen? Er bejahte es. Als wer denn? Als Erwerbsmann. Und wie? Du hältst also dafür der Reichtum sei das größte Gut für den Menschen? sagten wir. Wie sollte ich nicht! Würde er antworten. Aber Gorgias hier, sprächen wir, behauptet doch gegen dich, dass seine Kunst ein größeres Gut hervorbringe als die deinige. Offenbar würde er dann weiter fragen: Und was ist denn dieses Gut? Das beantworte, Gorgias. Wohlan [D] denn, Gorgias, denke dir, du werdest so von jenen sowohl als von mir gefragt, und beantworte uns, was doch das ist, wovon du behauptest, es sei das größte Gut für die Menschen, und du der Meister davon.

GORGIAS: Was auch in der Tat das größte Gut ist, Sokrates, und kraft dessen die Menschen sowohl selbst frei sind, als auch über andere herrschen, jeder in seiner Stadt.

SOKRATES: Was meinst du doch eigentlich hiermit?

GORGIAS: Wenn. man durch Worte zu überreden im Stande ist, sowohl an der Gerichtsstätte die Richter, als in der Ratsversammlung die Ratmänner, und in der Gemeinde die Gemeindemänner, [E] und so in jeder anderen Versammlung, die eine Staatsversammlung ist. Denn hast du dies in deiner Gewalt, so wird der Arzt dein Knecht sein, der Turnmeister dein Knecht sein, und von diesem Erwerbsmann wird sich zeigen, dass er Anderen erwirbt und nicht sich selbst, sondern dir, der du verstehst zu sprechen und die Menge zu überreden.

SOKRATES: Nun, Gorgias dünkst du mich aufs genaueste erklärt zu haben, für was für eine Kunst [453 St.1 A] du die Redekunst hältst, und wenn ich anders etwas verstehe, so sagst du, der Überredung Meisterin sei die Redekunst, und ihr ganzes Geschäft und Wesen laufe hierauf hinaus. Oder weißt du noch etwas weiteres zu sagen, was die Redekunst vermöge, als Überredung in der Seele des Hörenden zu bewirken?

GORGIAS: Keineswegs, Sokrates, sondern du scheinst sie mir vollständig erklärt zu haben. Denn dies ist ihre Hauptsache.

SOKRATES: So höre denn, Gorgias. Denn ich, das wisse nur, glaube gewiss, wenn irgendwer im Gespräch beabsichtigt, [B] das wirklich zu erforschen wovon die Rede ist, bin ich gewiss auch ein solcher, und ich denke du auch.

GORGIAS: Was also weiter, Sokrates?

SOKRATES: Ich sage es gleich. Diese durch die Redekunst entstehende Überredung, von der du sprichst, was für eine die ist, und in Bezug auf welche Gegenstände sie Überredung ist, dies, bedenke nur, weiß ich noch immer nicht recht. Ich ahne freilich wohl was für eine du, wie ich

 

glaube, meinst, und wovon, nichts desto weniger aber werde ich dich doch weiter fragen, was für eine Überredung du meinst, dass aus der Redekunst entstehe, und auf welche Gegenstände sie gehe. Weshalb aber, da ich es ja schon ahne, [C] ich dich noch fragen will, und es nicht selbst sage? Nicht deinetwegen, sondern unsers Gespräches wegen, damit es so fortgehe, dass uns das möglichst deutlich werde, wovon die Rede ist. Denn überlege nur, ob dich nicht dünkt ich habe Recht dich weiter zu fragen. Nämlich wie wenn ich dich gefragt hätte: Welcher Maler ist doch Zeuxis, und du mir gesagt hättest, der Gemälde malt. Würde ich dich dann nicht mit Recht fragen, der was doch für Gemälde malt und wo?

GORGIAS: Gewiss.

SOKRATES: Etwa deshalb, [D] weil es auch noch andere Maler gibt, die viele andere Gemälde malen?

GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Wenn aber kein anderer als Zeuxis dergleichen malte, dann wäre deine Antwort gut gewesen.

GORGIAS: Wie sollte sie nicht?

SOKRATES: Wohlan denn, auch von der Redekunst sage mir, ob du denkst, die Redekunst allein bewirke Überredung oder auch andere Künste? Ich meine nämlich dies, wer irgendetwas lehrt, überredet der in dem was er lehrt oder nicht?

GORGIAS: Bewahre, sondern ganz gewiss überredet er.

SOKRATES: Wenn wir nun wieder auf dieselben Künste zurückkommen wie oben, lehrt uns nicht [E] die Arithmetik und der sie lehrt die Größe der Zahlen?

GORGIAS: Freilich.

SOKRATES: Und überredet uns also auch?

GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Also auch die Arithmetik ist eine Meisterin der Überredung? GORGIAS: So scheint es.

SOKRATES: Und wenn uns Jemand fragt, in was für einer Überredung und wovon? So werden wir ihm etwa antworten, in einer belehrenden von dem Graden und Ungeraden, wie groß es ist. Und auch [454 St.1 A] von allen anderen eben angeführten Künsten werden wir zeigen können, dass sie Meisterinnen der Überredung sind, und was für einer und wovon? Oder nicht?

GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Nicht also die Redekunst allein ist Meisterin der Überredung. GORGIAS: Freilich nicht.

SOKRATES: Da nun nicht sie allein dieses Werk hervorbringt, so möchten wir wohl mit Recht, eben wie bei dem Maler, den der dies gesagt, hernach weiter fragen, die Kunst was für einer Überredung und wovon, ist wohl die Redekunst? Oder hältst du es nicht für Recht, dies weiter zu fragen?

GORGIAS: Ich wohl.

SOKRATES: So antworte denn, Gorgias, [B] wenn es dich auch so dünkt.

GORGIAS: Jener Überredung also sage ich, Sokrates, welche an den Gerichtsstätten vorkommt, und bei den anderen Volksversammlungen, wie ich auch schon vorhin sagte, und in Beziehung auf das, was gerecht ist und ungerecht.

SOKRATES: Das ahnte ich auch, dass du diese Überredung meintest, Gorgias, und in Beziehung hierauf. Wundere dich aber nur nicht, wenn ich dich auch bald wieder einmal um so etwas frage, was deutlich zu sein scheint, und ich frage doch erst darnach. Denn wie gesagt, um in der Ordnung die Rede zu Ende zu bringen, frage ich dergleichen, nicht deinetwegen, sondern damit wir uns nicht gewöhnen, halbverstanden einander [C] das Gesagte vorweg zu nehmen, sondern du deinen Satz ganz nach deiner Ansicht durchführen mögest, wie du selbst willst.


GORGIAS: Und ganz Recht tust du daran, wie mich dünkt.

SOKRATES: So komm denn, lasse uns auch dies überlegen: du sagst doch bisweilen, man habe etwas gelernt?

GORGIAS: O ja.

SOKRATES: Auch man habe etwas geglaubt?

GORGIAS: Ich gewiss.

SOKRATES: Dünkt dich dies nun einerlei, gelernt haben und geglaubt? Erlerntes Wissen und Glauben? oder verschieden?

GORGIAS: Ich, o Sokrates, meine, es ist verschieden.

[D] SOKRATES: Und gar recht, meinst du. Du kannst es aber hieraus erkennen. Wenn dich jemand fragte, gibt es wohl einen falschen Glauben und einen wahren? Das würdest du bejahen, denke ich?

GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Wie? Auch eine falsche Erkenntnis und eine wahre?

GORGIAS: Keineswegs.

SOKRATES: Offenbar also ist nicht beides einerlei.

GORGIAS: Du hast Recht.

SOKRATES: Doch aber sind sowohl die Wissenden überredet als die Glaubenden.

GORGIAS: So ist es.

SOKRATES: Willst du also, wir sollen zwei Arten der Überredung setzen, die eine welche Glauben hervorbringt [E] ohne Wissen, die andere aber welche Erkenntnis?

GORGIAS: Allerdings.

SOKRATES: Welche von beiden Überredungen also bewirkt die Redekunst an der Gerichtsstätte und in den andern Volksversammlungen und in Beziehung auf das Gerechte und Ungerechte? Aus welcher das Glauben entsteht ohne Wissen? Oder aus welcher das Wissen?

GORGIAS: Offenbar doch, Sokrates, aus welcher das Glauben.

SOKRATES: Die Redekunst also, Gorgias, ist wie es scheint Meisterin in einer glaubenmachenden

[455 St.1 A] nicht in einer belehrenden Überredung in Bezug auf Gerechtes und Ungerechtes. GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Also belehrt auch der Redner nicht in den Gerichts- und anderen Versammlungen über Recht und Unrecht, sondern macht nur glauben. Auch könnte er wohl nicht einen so großen Haufen in kurzer Zeit belehren über so wichtige Dinge.

GORGIAS: Wohl nicht.

SOKRATES: Wohlan denn, lasse uns sehen, was wir doch eigentlich sagen von der Redekunst, denn ich selbst kann noch gar nicht verstehen [B] was ich recht sage. Wenn um Ärzte zu erwählen die Stadt sich versammelt, oder um Schiffsbaumeister, oder eine andere Art von Gewerbetreibenden, nicht wahr, dann darf der Redner nicht Rat geben? Denn es ist klar, dass bei jeder Wahl der kunstverständigste muss gewählt werden. Auch nicht, wenn von Erbauung der Mauern die Rede ist, und davon, die Häfen in Stand zu setzen oder die Werften, sondern dann die Baumeister. [C] Auch nicht wenn die Beratschlagung die Wahl eines Heerführers betrifft, oder die Stellung eines Heers gegen den Feind, oder die Besitznahme einer Gegend; sondern die Kriegskünstler werden dann Rat erteilen, nicht die Redekünstler. Oder was meinst du, Gorgias, hiervon? Denn da du behauptest, selbst sowohl ein Redner zu sein, als auch andere zu Redekünstlern zu machen, so ist es ja recht was deine Kunst betrifft von dir zu erfragen. Ja glaube nur, dass auch ich jetzt zugleich auf das deinige bedacht bin, denn vielleicht ist Mancher hier drinnen [D] gesonnen dein Schüler zu werden, wie ich denn fast mehrere glaube zu bemerken, die aber nur zu schüchtern sind dich weiter zu fragen. Wie du also jetzt von mir befragt wirst, so denke dir, du würdest auch von jenen


gefragt. Welcher Gewinn, o Gorgias, wird uns dafür werden, wenn wir uns zu dir gesellen? Worüber werden wir vermögen der Stadt Rat zu geben? Nur über Recht und Unrecht allein, oder auch über das, was Sokrates eben anführte? Versuche also ihnen zu antworten.

[E] GORGIAS: So will ich denn versuchen, Sokrates, dir recht deutlich die ganze Kraft der Redekunst aufzudecken. Denn du selbst hast es sehr gut eingeleitet. Nämlich du weißt ja wohl, dass diese Werften und diese Mauern der Athener, und dieser Bau ihrer Häfen auf den Rat des Themistokles entstanden ist, teils auch des Perikles, nicht aber jener Baumeister aller Art.

SOKRATES: So sagt man, o Gorgias, vom Themistokles. Den Perikles aber habe ich noch selbst gehört, als er seine Meinung vortrug wegen der mittleren Mauer.

GORGIAS: Und wenn eine Wahl solcher Männer [456 St.1 A] angesetzt ist, wie du erwähntest, so siehst du doch, dass die Redner die Ratgebenden sind, und deren Meinung durchgeht in solchen Dingen.

SOKRATES: Eben weil ich mich hierüber wundere, Gorgias, frage ich so lange schon, was doch eigentlich das Wesen der Redekunst ist. Denn ganz übermenschlich groß dünkt sie mich, wenn ich sie so betrachte.

GORGIAS: Wie wenn du erst alles wüsstest, Sokrates, dass sie mit einem Wort alle andern Kräfte zusammengenommen unter sich begreift! [B] Einen auffallenden Beweis will ich dir hiervon geben. Nämlich gar oft bin ich mit meinem Bruder oder andern Ärzten zu einem Kranken hingegangen, der entweder keine Arznei nehmen, oder den Arzt nicht wollte schneiden und brennen lassen, und da dieser ihn nicht überreden konnte, habe ich ihn doch überredet durch keine andere Kunst als die Redekunst. Ja ich behaupte, es möge in eine Stadt wohin du willst ein Redekünstler kommen und ein Arzt, und wenn sie vor der Gemeine oder [C] sonst einer Versammlung redend durchfechten müssten, welcher von beiden zum Arzt gewählt werden sollte, so würde nirgends an den Arzt gedacht werden, sondern der zu reden versteht würde gewählt werden, wenn er wollte. Ebenso im Wettbewerb gegen jeden andern Sachverständigen würde der Redner eher als irgendeiner überreden, ihn selbst zu wählen. Denn es gibt nichts, worüber nicht ein Redner überredender spräche als irgendein Sachverständiger vor dem Volke. Die Kraft dieser Kunst ist also in der Tat eine solche und so große. [D] Indessen muss man sich, o Sokrates, der Redekunst gebrauchen wie auch jeder andern Streitkunst. Denn auch anderer Streitkunst muss man sich deshalb nicht gegen alle Menschen gebrauchen, weil einer den Faustkampf und das Ringen und das Fechten in Waffen so gut gelernt hat, dass er stärker darin ist als Freunde und Feinde, und muss deswegen nicht seine Freunde schlagen und stoßen und töten. [E] Noch, beim Zeus, wenn einer der den Übungsplatz besucht hat, und ein tüchtiger Fechter geworden ist, hernach Vater und Mutter schlägt, oder sonst einen von Verwandten und Freunden, darf man deshalb nicht die Turnmeister und Fechtmeister verfolgen, und aus den Städten vertreiben. Denn diese haben ihre Kunst mitgeteilt, damit man sich ihrer rechtlich bediene gegen Feinde und Beleidiger zur Verteidigung, nicht zum Angriff, und nur jene kehren es um, [457 St.1 A] und bedienen sich der Stärke und der Kunst nicht richtig. Nicht also die Lehrer sind böse, noch ist die Kunst hieran Schuld und deshalb böse, sondern die, glaube ich, welche sie nicht richtig anwenden. Dasselbe nun gilt auch [B] von der Redekunst. Vermögend ist freilich der Redner gegen Alle und über Alles so zu reden, dass er den meisten Glauben findet beim Volk, um es kurz heraus zu sagen, worüber er nur will. Deshalb aber, soll er doch weder den Ärzten den Ruf entziehen, weil er das wohl auszurichten vermöchte, noch andern Sachverständigen den ihrigen, sondern rechtlicher Weise sich auch der Redekunst gebrauchen, eben wie der Streitkunst. Und wenn einer, meine ich, ein Redner geworden ist, und handelt hernach ungerecht [C] vermöge dieser Kraft und Kunst, so muss man, denke ich, nicht seinen Lehrer hassen und aus der Stadt verweisen. Denn zu rechtlichem Gebrauch hat dieser sie ihm übergeben, er aber bedient sich ihrer entgegengesetzt. Den also, der sie unrichtig anwendet, mag es Recht sein zu hassen und zu vertreiben, nicht aber den, der ihn unterrichtet hat.

SOKRATES: Ich denke, Gorgias, auch du wirst schon vielen Unterredungen beigewohnt, und dieses dabei bemerkt haben, [D] dass nicht leicht eine Zusammenkunft so auseinander gehen kann, dass

 

sie dasjenige, worüber sie zu sprechen unternahmen, gemeinsam bestimmt haben, und so einander belehrt und voneinander gelernt hätten, vielmehr wenn sie über etwas uneins sind, und einer den andern beschuldigt er rede nicht richtig oder nicht bestimmt, so erzürnen sie sich, und meinen der Andere sage so etwas aus Missgunst gegen sie, weil er nämlich nur um seine Ehre sich ereifere beim Gespräch, [E] nicht aber den vorliegenden Gegenstand suche. Ja einige gehen zuletzt auf die unanständigste Art auseinander mit Schimpfreden, und indem sie dergleichen Dinge einander anzuhören geben, die es sogar den Anwesenden leid machen für sich selbst, dass sie solcher Leute Zuhörer haben sein gewollt. Weshalb nun sage ich dies? Weil mich dünkt, du sagest jetzt etwas nicht folgerechtes, und nicht zusammenstimmend mit dem was du vorher sagtest von der Redekunst. Ich fürchte mich aber dich zu widerlegen, damit du nicht denkest, ich sage es nicht im Eifer auf die Sache, dass sie uns offenbar werde, sondern auf dich. Bist du nun eben ein solcher als ich, [458 St.1 A] so möchte ich dich gern weiter fragen, wo nicht, so würde ich es lassen. Und von welchen bin ich einer? Von denen, die es sich gern nachweisen lassen, wenn sie etwas Unrichtiges sagen, auch gern selbst überführen, wenn ein anderer etwas Unrichtiges sagt, nicht unlieber jedoch jenes als dieses. Denn für ein größeres Gut halte ich jenes um so viel, als es ja besser ist, selbst von dem größten Übel befreit zu werden, als einen Andern davon zu befreien. Denn nichts denke ich ist ein so großes Übel für den Menschen, als irrige Meinungen über das, [B] wovon jetzt die Rede ist unter uns. Behauptest nun auch du ein solcher zu sein, so wollen wir weiter reden, dünkt dich aber dass wir es lassen müssen, so wollen wir es lassen, und die Unterredung aufgeben.

GORGIAS: Allerdings behaupte auch ich ein solcher zu sein, wie du jetzt vorzeigst. Vielleicht jedoch müssen wir auch auf die Anwesenden Bedacht nehmen. Denn schon lange ehe ihr gekommen seid, habe ich den Anwesenden vieles vorgetragen, und es mag sich leicht auch jetzt in die Länge ziehen, [C] wenn wir dieses Gespräch führen. Wir müssen also auch diese bedenken, damit wir nicht Einige hindern, die lieber etwas anderes vornehmen wollten.

CHAIREPHON: Das Ungestüm dieser Männer hört ihr ja selbst, o Gorgias und Sokrates, wie sehr sie zu hören wünschen, wenn ihr etwas redet. Ich selbst aber möchte ja nie so in Geschäften verwickelt sein, dass ich solche und so vorgetragene Reden hintansetzen müsste, weil es mir [D] dringender wäre etwas anderes zu verrichten.

KALLIKLES: Bei den Göttern, Chairephon, auch ich, der schon so vielen Unterredungen beigewohnt, weiß nicht, ob ich jemals so viel Vergnügen hatte als eben jetzt, so dass es mir, und wenn ihr euch den ganzen Tag unterreden wollt, immer lieb sein wird.

SOKRATES: Von meiner Seite, Kallikles, ist kein Hindernis, wenn Gorgias nur will.

GORGIAS: Unziemlich würde es ja nun sein, Sokrates, wenn ich nicht wollte, zumal ich selbst aufgefordert habe [E] zu fragen, was einer nur Lust hätte. Also, wenn es diesen gefällt, so sprich und frage was du willst.

SOKRATES: So höre denn, Gorgias, was mich wundert an dem von dir Gesagten. Denn vielleicht hast du ganz Recht gesagt, und ich habe nur nicht richtig aufgefasst. Zum Redner, sagst du doch, könnest du einen machen, wenn er bei dir lernen will.

GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Und zwar über jegliches, so dass er die Menge überredet, nicht belehrend jedoch, sondern nur Glauben erregend.

[459 St.1 A] GORGIAS: Allerdings.

SOKRATES: Denn du sagst eben, dass auch in Sachen der Gesundheit der Redner mehr Glauben

finden würde, als der Arzt.

GORGIAS: Das sagte ich auch, bei der Menge nämlich.

SOKRATES: Und nicht wahr, dieses bei der Menge heißt bei denen die nicht wissen? Denn bei den Wissenden wird er doch nicht mehr Glauben finden als der Arzt?

GORGIAS: Darin hast du Recht.

 

SOKRATES: Findet er nun mehr Glauben als der Arzt, [B] so findet er mehr Glauben als der Wissende?

GORGIAS: Allerdings.

SOKRATES: Ohne ein Arzt zu sein, nicht wahr?

GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Der Nichtarzt ist aber dessen unkundig, wessen der Arzt kundig ist?

GORGIAS: Offenbar.

SOKRATES: Der Nichtwissende also findet mehr als der Wissende Glauben unter den Nichtwissenden, wenn der Redner mehr Glauben findet als der Arzt. Folgt dies, oder was anders?

GORGIAS: Dies folgt hier freilich.

SOKRATES: Verhält sich nun nicht auch gegen die andern Künste insgesamt der Redner eben so und die Redekunst? Die Sachen selbst [C] braucht sie nicht zu wissen, wie sie sich verhalten, sondern nur einen Kunstgriff der Überredung ausgefunden zu haben, so dass sie das Ansehen bei den Nichtwissenden gewinnt, mehr zu wissen als die Wissenden.

GORGIAS: Ist das nun nicht ein großer Vorteil, Sokrates, dass man ohne andere Künste gelernt zu haben, sondern nur diese einzige, um nichts zurücksteht hinter den Meistern in jenen?

SOKRATES: Ob der Redner, weil es sich so mit ihm verhält, zurücksteht oder nicht hinter jenen Andern, das wollen wir hernach überlegen, wenn es uns zur Sache dient. Jetzt lasse uns dieses zuerst bedenken: [D] ob auch, in Absicht des Gerechten und Ungerechten, des Schönen und Unschönen, des Guten und Üblen, der Redner sich ebenso verhält, wie in Hinsicht auf das Gesunde und die andern Gegenstände der andern Künste, nämlich dass er von der Sache selbst nicht weiß, was gut ist oder übel, schön oder unschön, gerecht oder ungerecht, sondern nur Überredung sich erkünstelt hat, so dass er ein Nichtwissender unter den Nichtwissenden dafür gilt mehr zu wissen als ein Wissender. Oder ist notwendig es zu wissen, [E] und muss dessen schon vorher kundig zu dir kommen, wer die Redekunst von dir lernen soll? Wo aber nicht, wirst dann du, der Lehrer der Redekunst, den Ankömmling dieses nicht lehren, als welches deine Sache nicht ist, sondern ihn nur dahin bringen, dass er der Menge auch dieses zu wissen scheine, ohne es zu wissen, und gut zu sein scheine, ohne es zu sein? Oder wirst du ganz und gar nicht im Stande sein ihn die Redekunst zu lehren, wenn er nicht hierüber vorher das Richtige weiß? Oder wie verhält es sich hiermit, Gorgias? Ja, um Zeus willen! [460 St.1 A] Decke nun, wie du vorher sagtest, die ganze Kraft der Redekunst auf, und sprich worin sie besteht.

GORGIAS: Ich meine eben, Sokrates, wenn er jenes zufällig noch nicht weiß, so wird er auch das vom mir lernen.

SOKRATES: Halt ein. Denn das ist vortrefflich gesagt. Wenn du einen zum Redner machen sollst, muss er notwendig wissen was gerecht ist und ungerecht, es sei nun zuvor schon, oder erst nachdem er es von dir gelernt?

GORGIAS: Allerdings.

SOKRATES: Wie nun? Wer die Baukunst gelernt hat ist der ein Baumeister, oder nicht?

[B] GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Und wer die Tonkunst ein Tonkünstler?

GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Und wer die Heilkunst ein Heilkundiger, und so auch im Übrigen nach derselben Regel, wer etwas gelernt hat ist ein solcher, wozu jeden diese Erkenntnis macht?

GORGIAS: Freilich.

SOKRATES: Also, nach demselben Verhältnis, wer das Gerechte gelernt hat, ist gerecht? GORGIAS: Auf alle Weise freilich.

SOKRATES: Der Gerechte aber handelt doch gerecht.


GORGIAS: Ja.

[C] SOKRATES: Also ist es notwendig, dass der Redekünstler gerecht ist, und der Gerechte gerecht handelt?

GORGIAS: So zeigt es sich ja.

SOKRATES: Und niemals wird doch der Gerechte wollen Unrecht tun? GORGIAS: Natürlich.

SOKRATES: Der Rednerische aber ist unserer Rede zufolge notwendig gerecht. GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Niemals also wird der Rednerische wollen Unrecht tun.

GORGIAS: Nein, wie es ja scheint.

SOKRATES: [D] Erinnerst du dich nun vor kurzem gesagt zu haben, man müsse den Turnmeistern nicht die Schuld geben, noch sie aus der Stadt verweisen, wenn der Faustkämpfer seine Kunst nicht schön gebraucht und unrecht tut? Ebenso wenn ein Redner die Redekunst ungerecht gebrauche, müsse man nicht dem Lehrer die Schuld geben, noch ihn aus der Stadt verweisen, sondern dem Unrechttuenden und die Redekunst nicht richtig Anwendenden? Ist das gesagt worden oder nicht?

[E] GORGIAS: Es ist gesagt worden.

SOKRATES: Nun aber zeigt sich, dass dieser nämliche, der Redekünstler, niemals unrecht tut. Oder nicht?

GORGIAS: So zeigt es sich.

SOKRATES: Auch in unsern ersten Reden, o Gorgias, wurde ja gesagt, die Redekunst habe es mit Reden nicht vom Geraden und Ungeraden zu tun, sondern vom Gerechten und Ungerechten. Nicht so?

GORGIAS: Ja.

SOKRATES: Ich nun, als du dies damals sagtest, verstand dich so, die Redekunst könne niemals etwas ungerechtes sein, da ja immer ihre Reden die Gerechtigkeit berücksichtigen. [461 St.1 A] Als du aber bald darauf sagtest, der Redner könne wohl auch sich der Redekunst ungerecht bedienen, so habe ich, hierüber verwundert, und in der Meinung das Gesprochene stimme nicht zusammen, jenes gesagt, dass wenn du es für einen Gewinn hieltest überführt zu werden, wie ich es dafür halte, es dann lohnte uns weiter zu besprechen, wo aber nicht, wir es besser unterließen. Und nun wir es noch einmal erwogen haben, siehst du auch selbst, ist wiederum festgestellt worden, [B] dass unmöglich sei der Redner könne die Redekunst ungerecht gebrauchen oder unrecht tun wollen. Dieses nun, wie es sich eigentlich verhalte, zu untersuchen, dazu, o Gorgias, mag, beim Hunde! eine gar nicht kurze Unterredung erfordert werden.

POLOS: Wie doch, Sokrates? Denkst du auch wirklich so über die Redekunst, wie du jetzt sprichst? Oder meinst du, weil Gorgias sich geschämt dir darin nicht beizustimmen, dass ein Redner nicht auch das Gerechte wissen müsse, und das Schöne, [C] und das Gute? Und dass wenn einer, dies nicht wissend, zu ihm käme, er es ihn lehren müsse? Und hernach eben durch dieses Eingeständnis vielleicht etwas Widersprechendes in seine Reden gekommen, daran deine Freude zu haben, nachdem du zu solchen Fragen die Unterredung hingeleitet. Denn wer meinst du wohl würde leugnen wollen, dass er selbst nicht des Gerechten kundig sei, und es auch andere lehren könne? Aber auf dergleichen die Rede hinzuführen ist sehr ungesittet.

SOKRATES: [D] Nun, schönster Polos, eben dazu ausdrücklich haben wir ja unsere Freunde und Söhne, damit, wenn wir selbst im höheren Alter uns irren, ihr jüngeren bei der Hand seid, und uns das Leben wieder berichtiget in Tat und Wort. Auch jetzt also, wenn ich und Gorgias in unserer Rede uns irren, bist du ja bei der Hand, berichtige uns also. Gebühren mag es dir wohl. Und ich bin bereit, wenn du glaubst irgendetwas von dem Zugestandenen sei nicht mit Recht zugestanden worden, [E] dir zurückzugeben, was du willst, wenn du mir nur Eins beobachtest.


POLOS: Was meinst du nur?

SOKRATES: Die langen Reden, o Polos, wenn du die nur zurückhältst, deren du dich auch zuvor schon bedienen wolltest.

POLOS: Wie doch? Es soll mir nicht erlaubt sein, zu reden wieviel ich will?

SOKRATES: Das wäre freilich hart für dich, Bester, wenn du solltest nach Athen gekommen sein, wo in ganz Hellas die größte Freiheit im Reden herrscht, und du allein solltest ihrer eben hier entbehren. Nur nimm auch dagegen, wenn du Weitläufiges redest und das Gefragte nicht beantworten willst, wäre es dann nicht wiederum sehr hart für mich, wenn mir nicht erlaubt sein sollte wegzugehen, und dich nicht anzuhören? [462 St.1 A] Also wenn du dich des aufgestellten Satzes annehmen, und ihn berichtigen willst, so nimm, wie ich eben sagte, zurück was dir beliebt, und dann nach der Ordnung fragend und befragt, wie ich und Gorgias, überführe mich und lasse dich überführen. Denn du rühmst dich doch auch dasselbe zu verstehen wie Gorgias. Oder nicht?

POLOS: Das behaupte ich.

SOKRATES: Also auch du forderst wohl auf, dass man dich frage, was jeder jedesmal will, als der wohl versteht zu antworten.

POLOS: Allerdings.

SOKRATES: So tue denn auch jetzt, welches von beiden du willst; frage oder antworte.

POLOS: Wohl, das will ich tun. Antworte mir also, Sokrates, da du doch meinst, Gorgias wisse keinen Rat wegen der Redekunst, was meinst du denn, dass sie ist?

SOKRATES: Fragst du welche Kunst ich behaupte dass sie sei?

POLOS: Eben das.

SOKRATES: Gar keine, dünkt mich, o Polos, um doch dir die Wahrheit zu sagen.

POLOS: Sondern was dünkt dich denn die Redekunst zu sein?

SOKRATES: Dasjenige, woraus die Kunst hervorgeht, wie du sagst in der Schrift, [C] die ich neulich gelesen.

POLOS: Was meinst du doch wohl?

SOKRATES: Eine gewisse Übung meine ich.

POLOS: Also eine Übung dünkt dich die Redekunst zu sein?

SOKRATES: Ja, wenn du nicht etwas anderes sagst?

POLOS: Und eine Übung worin?

SOKRATES: In Bewirkung einer gewissen Lust und Wohlgefallens.

POLOS: Dünkt dich also nicht die Redekunst etwas Schönes zu sein, wenn man im Stande ist, [D] den Menschen gefällig zu sein?

SOKRATES: Wie doch Polos? Hast du etwa schon von mir erfahren, was sie meiner Meinung nach ist, dass du schon das weitere fragst, ob ich sie nicht für etwas schönes halte?

POLOS: Habe ich denn nicht erfahren, dass sie deiner Meinung nach eine Übung ist?

SOKRATES: Willst du wohl, da du auf das Gefälligsein so viel Wert legst, mir auch in einer Kleinigkeit gefällig sein?

POLOS: Sehr gern.

SOKRATES: So frage mich doch, welche Kunst die Kochkunst mir zu sein scheint? POLOS: [E] Ich frage dich also, welche Kunst ist die Kochkunst?

SOKRATES: Gar keine, o Polos.

POLOS: Aber was denn? sprich.

SOKRATES: Ich spreche also, eine Übung.

POLOS: Was doch für eine? sage an.


SOKRATES: Ich sage also in Bewirkung einer gewissen Lust und Wohlgefallens, o Polos. POLOS: Einerlei ist also Kochkunst und Redekunst?

SOKRATES: Keineswegs, sondern nur Teile desselben Bestrebens.

POLOS: Was doch für eines?

SOKRATES: Wenn es nur nicht unziemlich ist die Wahrheit heraus zu sagen, denn ich trage wirklich Bedenken, des Gorgias wegen es zu sagen, damit er nicht glaube, ich wolle sein eigenes Bestreben auf Spott ziehen. Indes, ob dies die Redekunst ist, [463 St.1 A] was Gorgias treibt, weiß ich ja nicht, denn eben jetzt aus dem Gespräch ist uns nicht offenbar worden, was er recht meint. Was ich aber die Redekunst nenne, das ist ein Teil einer Sache, die gar nicht unter die schönen gehört.

GORGIAS: Was doch für einer, Sokrates? Sage es nur ohne mich zu scheuen.

SOKRATES: Mich dünkt also, Gorgias, es gibt ein gewisses Bestreben, das zwar nicht künstlerisch ist, aber einer dreisten Seele die richtig zu treffen weiß, und schon von Natur stark ist in Behandlung der Menschen, [B] im ganzen aber nenne ich es Schmeichelei. Diese Bestrebung nun scheint mir viele andere Teile zu haben, wovon einer auch die Kochkunst ist, welche für eine Kunst zwar gehalten wird, wie aber meine Rede lautet, keine Kunst ist, sondern nur eine Übung und Fertigkeit. Von derselben nun betrachte ich als einen Teil auch die Redekunst, und die Putzkunst, [C] und die Sophistik: vier Teile für vier Gegenstände. Wenn also Polos mich ausfragen will, so tue er es. Denn noch hat er mir nicht abgefragt, welcher Teil der Schmeichelei ich meine, dass die Redekunst sei, sondern ohne zu bemerken, dass ich dies noch nicht beantwortet, fragt er schon weiter, ob ich sie nicht für etwas Schönes halte. Ich aber werde ihm nicht eher antworten, ob ich die Redekunst für etwas Schönes oder etwas Unschönes halte, bis ich ihm zuvor geantwortet habe, [D] was sie ist. Denn das wäre nicht recht, Polos. Also wenn du es erfahren willst, so frage, welcher Teil Schmeichelei ich dann meine dass die Redekunst sei.

POLOS: So frage ich denn, und antworte du, was für ein Teil.

SOKRATES: Ob du auch wohl verstehen wirst, wenn ich antworte? Nämlich nach meiner Erklärung ist die Redekunst von einem Teile der Staatskunst das Schattenbild.

POLOS: Wie nun? Sagst du, sie sei schön oder unschön?

SOKRATES: Unschön. [E] Denn das Böse nenne ich unschön, da ich dir doch antworten soll, als wüsstest du schon, was ich meine.

GORGIAS: Beim Zeus, Sokrates, verstehe ich doch selbst nicht, was du meinst.

SOKRATES: Wohl glaublich, Gorgias. Denn ich sage auch noch nichts Bestimmtes. Dieser Polos aber ist gar jung und hitzig.

GORGIAS: Also lasse nur diesen, und sage mir, wie du denn meinst, die Redekunst sei von einem Teile der Staatskunst das Schattenbild.

SOKRATES: Wohl, ich will versuchen zu erklären, was mir die Redekunst zu sein scheint, und wenn sie dies nicht sein sollte, so mag mich Polos widerlegen. Du nennst doch etwas Leib und Seele?

[464 St.1 A] GORGIAS: Wie sollte ich nicht.

SOKRATES: Und glaubst auch, dass es ein Wohlbefinden gibt für jedes von diesen beiden? GORGIAS: Auch das.

SOKRATES: Wie aber? Auch ein scheinbares Wohlbefinden, das keines ist? Ich meine dergleichen: Viele haben das Ansehen, sich ganz wohl zu befinden dem Leibe nach, denen nicht leicht jemand anmerken würde, dass sie sich nicht wohl befinden, außer ein Arzt etwa und einer von den Turnverständigen.

GORGIAS: Ganz recht.

SOKRATES: Dergleichen nun, sage ich, gibt es am Leibe und in der Seele, [B] welches macht, dass Leib oder Seele scheint sich wohl zu befinden, befindet sich aber deshalb doch nicht so.

GORGIAS: Das gibt es.

 

SOKRATES: Wohlan denn, wenn ich kann, will ich dir nun deutlicher zeigen was ich meine. Für diese zwei Dinge setze ich zwei Künste, und nenne dir für die Seele die Staatskunst, die aber für den Leib kann ich dir nicht so als Eine benennen, sondern ich setze von dieser Einen [C] Besorgung des Leibes wiederum zwei Teile, die Turnkunst als den einen, die Heilkunst als den andern. So auch in der Staatskunst, gegenüberstehend der Turnkunst die Gesetzgebung, gegenüberstehend aber der Heilkunst die Rechtspflege. So haben je zwei von diesen als auf denselben Gegenstand sich beziehend etwas mit einander gemein, [D] die Heilkunde mit der Turnkunst, und die Rechtspflege mit der Gesetzgebung, doch aber sind sie auch wieder verschieden. Diese viere nun, welche immer mit Hinsicht auf das Beste die Angelegenheiten, jene beiden des Leibes, diese beiden der Seele besorgen, bemerkt nun die Schmeichelei, nicht sie erkennt sie, sage ich, sondern sie spürt und trifft sie nur, [E] teilt sich nun selbst in vier Teile, verkleidet sich in jene Teile, und stellt sich nun an dasjenige zu sein, worin sie sich verkleidet, auf das Beste aber gar nicht denkend fängt sie durch das jedesmal angenehmste den Unverstand und hintergeht ihn so, dass sie ihm scheint überaus viel wert zu sein. In die Heilkunst nun verkleidet sich die Kochkunst, und stellt sich an zu wissen, welches die besten Speisen sind für den Leib, so dass wenn vor Kindern oder auch vor Männern, die so unverständig wären als die Kinder, ein Arzt und ein Koch sich um den Vorzug streiten sollten, wer von beiden sich auf heilsame und schädliche Speisen verstände, der Arzt oder der Koch, könnte der Arzt Hungers sterben. Schmeichelei nun nenne ich das, und behaupte es sei etwas schlechtes, o Polos, [465 St. 1 A] denn zu dir sage ich dies, weil es das Angenehme zu treffen sucht ohne das Beste. Eine Kunst aber leugne ich, dass es sei, sondern nur eine Übung, weil sie keine Einsicht hat von dem was sie anwendet, was es wohl seiner Natur nach ist, und also den Grund von einem jeden nicht anzugeben weiß, ich aber kann nichts Kunst nennen, was eine unverständige Sache ist. Und bist du etwa hierüber anderer Meinung, so will ich dir Rede stehen. In die Heilkunst also, wie gesagt, [B] versteckt sich die kochkundige Schmeichelei, in die Turnkunde aber auf eben die Weise die putzkundige, die gar verderblich ist und betrügerisch, unedel und unanständig, und durch Gestalten und Farben und Glätte und Bekleidung die Menschen so betrügt, dass sie fremde Schönheit herbeiziehend, die eigne, welche durch die Kunst der Leibesübungen entsteht, vernachlässigen. Um nun nicht weitläufig zu werden will ich es dir ausdrücken wie die Geometer, denn nun wirst du ja wohl schon folgen können, nämlich [C] dass wie die Putzkunst zur Turnkunst, so die Kochkunst zur Heilkunst, oder vielmehr so, wie die Putzkunst zur Turnkunst, so die Sophistik zur Gesetzgebung, und wie die Kochkunst zur Heilkunst, so die Redekunst zur Rechtspflege. Wie ich nun sage, so stehen sie ihrem Wesen nach auseinander, wie sie aber auch nahe sind, werden sie unter einander gemischt, und in Beziehung auf dasselbe, und wissen selbst nicht, was sie mit sich, noch auch andere Menschen, [D] was sie mit ihnen anzufangen haben. Denn wenn die Seele nicht dem Leibe vorstände, sondern dieser sich selbst, dass also von jener nicht Kochkunst und Heilkunst verglichen und unterschieden würden, sondern der Leib selbst nach Maßgabe des für ihn wohlgefälligen urteilen müsste, so würde es mit jenem Anaxagoreischen gar weit gehen, lieber Polos, denn du bist dieser Dinge ja kundig, nämlich alle Dinge würden alles zugleich sein unter einander gemischt, und ungesondert bliebe das [E] Gesunde und Heilkunstmäßige von dem Kochkunstmäßigen. Was ich nun meine dass die Redekunst sei hast du gehört, nämlich das Gegenstück zur Kochkunst, für die Seele was diese für den Leib. Vielleicht nun habe ich es widersinnig angefangen, dass ich dich nicht wollte lange Reden halten lassen, und nun selbst die Rede ziemlich lang gedehnt habe. Billig aber muss man mir dies verzeihen. Denn als ich kurz redete, verstandst du mich nicht, und wusstest nichts anzufangen mit der Antwort, die ich dir gab, sondern bedurftest einer Erörterung. Wenn nun auch ich mit deinen Antworten nichts werde [466 St.1 A] anzufangen wissen, dann dehne auch du die Rede; weiß ich es aber, so lasse mich damit machen, denn so ist es billig. Auch jetzt also, wenn du mit dieser Antwort etwas zu machen weißt, so tue es.

POLOS: Was sagst du also? Schmeichelei dünkt dich die Redekunst zu sein?

SOKRATES: Von der Schmeichelei, sagte ich, ein Teil. Hast du kein Gedächtnis in deinen Jahren, Polos, was wirst du denn tun wenn du alt wirst?

 

POLOS: Scheinen dir denn in den Staaten die ausgezeichneten Redner wie Schmeichler für schlechte Leute schlecht geachtet zu werden?

SOKRATES: [B] Fragst du da eine Frage, oder ist es der Anfang einer Rede?

POLOS: Ich frage.

SOKRATES: Nun dann, gar nicht geachtet werden sie, meine ich.

POLOS: Wie, nicht geachtet? Haben sie nicht am meisten Macht in den Städten?

SOKRATES: Nein, wenn du unter dem Macht haben verstehst, dass es etwas Gutes ist für den Vermögenden.

POLOS: So verstehe ich es allerdings.

SOKRATES: Dann dünkt mich haben die Redner unter allen in der Stadt am wenigsten Macht.

POLOS: Wie? Töten sie nicht wie die [C] Tyrannen, wen sie wollen, und berauben des Vermögens, und verweisen aus der Stadt, wen ihnen gut dünkt?

SOKRATES: Beim Hunde! Jedoch bin ich zweifelhaft, Polos, bei jedem was du sagst, ob du selbst das sagst und deine Meinung darlegst, oder ob du mich fragst.

POLOS: Freilich frage ich dich.

SOKRATES: Wohl, Lieber! Dann fragst du zweierlei zugleich.

POLOS: Wie so zweierlei?