ÜHA/1
16a Zuerst ist zu setzen, was ist Name und was Tätigkeitswort; danach, was ist Verneinung, Behauptung, Kundgebung und Rede.[1] –
Es ist nun also das zur Sprache Gekommene Ausdruck von Vorgängen im innern Bewußtsein,[2] so wie das Geschriebene (Ausdruck) des Gesprochenen. Und so, wie nicht alle die gleichen Buchstaben haben, ebenso auch nicht die gleichen Lautäußerungen; wovon allerdings, als seelischen Ersterfahrungen, dies die Ausdrücke sind, die sind allen gleich, und die Tatsachen, deren Abbilder diese sind, die sind es auch.[3] Darüber ist ja nun im Vortrag Über Seele gesprochen – es gehört in ein anderes Sachgebiet –, es ergibt sich aber: Wie im innern Bewußtsein einmal Denkinhalt ist ohne die Frage nach wahr oder falsch, ein andermal aber schon derart, daß dem notwendig das eine oder andere davon eignen muß, so auch in der Aussage; denn im Bereich von Verknüpfung und Trennung erst treten »wahr« und »falsch« auf.[4] Die bloßen Namen und Handlungsworte für sich gleichen nun dem Denkinhalt ohne Verknüpfung und Trennung, z. B. »Mensch« oder »weiß«, wenn nicht etwas hinzugesetzt wird: da liegt nirgends wahr oder falsch vor. Beleg dafür ist: Auch »Bockhirsch« bezeichnet ja etwas, nur noch nicht Wahres oder Falsches, – solange man noch nicht ein »sein« oder »nicht sein« dazusetzt, entweder einfach so oder auf Zeit.[5]
Zunächst habe ich festzustellen, was Hauptwort und was Zeitwort ist; dann was Bejahung und Verneinung und was Aussage und was Rede ist.
Die gesprochenen Worte sind die Zeichen von Vorstellungen in der Seele und die geschriebenen Worte sind die Zeichen von gesprochenen Worten. So wie nun die Schriftzeichen nicht bei allen Menschen die nämlichen sind, so sind auch die Worte nicht bei allen Menschen die nämlichen; aber die Vorstellungen in der Rede, deren unmittelbare Zeichen die Worte sind, sind bei allen Menschen dieselben und eben so sind die Gegenstände überall dieselben, von welchen diese Vorstellungen die Abbilder sind. Hierüber habe ich früher in meiner Schrift über die Seele mich ausgesprochen; es gehört nämlich zu einer andern Untersuchung.
So wie nun das einemal ein Gedanke auftritt, ohne wahr oder falsch zu sein, und das anderemal in der Weise, dass er nothwendig das eine oder das andere ist, so ist es auch mit den Worten; denn bei dem Falschen und Wahren handelt es sich um eine Verbindung oder Trennung. Die Hauptworte und die Zeitworte gleichen jenem Gedanken, bei welchen keine Verbindung oder Trennung statt hat; z.B. Mensch, oder: Weisses, sofern diesen nichts hinzugefügt wird. Ein solches Wort ist weder falsch noch wahr, aber es ist ein Zeichen von etwas; denn auch das Wort Bockhirsch bezeichnet etwas, allein es ist weder wahr noch falsch, so lange man nicht das Sein oder Nicht-sein damit verbindet, sei es überhaupt oder für eine bestimmte Zeit.
| Altgriechisch | Latein Boethius 6. Jh | Latain Übers. 21. Jh. | Selbstübersetzt | Meiner 20. Jh. | Google 21. Jh. | 19.Jh. | Englisch 19. Jh. |
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| [16a] Πρῶτον δεῖ θέσθαι τί ὄνομα καὶ τί ῥῆμα, ἔπειτα τί ἐστιν ἀπόφασις καὶ κατάφασις καὶ ἀπόφανσις καὶ λόγος. | Primum oportet constituere, quid nomen et quid verbum, postea quid est negatio et adfirmatio et enuntiatio et oratio. | Zuerst muss festgestellt werden, was ein Substantiv und was ein Verb ist, dann muss festgestellt werden, was Verneinung und Bestätigung sowie Aussage und Rede sind. | Vorerst stellen wir fest, was ist Name und Wort, und dann was ist Absprechen und Zusprechen und Absage und Satz. | Zuerst ist zu setzen, was ist Name und was Tätigkeitswort; danach, was ist Verneinung, Behauptung, Kundgebung und Rede.? | Erstens, was ist der Name und was ist das Wort, dann was ist Entscheidung und Entscheidung und Entscheidung und Vernunft. | Zunächst habe ich festzustellen, was Hauptwort und was Zeitwort ist; dann was Bejahung und Verneinung und was Aussage und was Rede ist. | First we must define the terms ‘noun’ and ‘verb’, then the terms ‘denial’ and ‘affirmation’, then ‘proposition’ and ‘sentence.’ |
| Ἔστι μὲν οὖν τὰ ἐν τῆι φωνῆι τῶν ἐν τῆι ψυχῆι παθημάτων σύμβολα, καὶ τὰ γραφόμενα τῶν ἐν τῆι φωνῆι. | Sunt ergo ea quae sunt in voce earum quae sunt in anima passionum notae et ea quae scribuntur eorum quae sunt in voce. | Es gibt also Dinge, die in der Stimme derer sind, die in der Seele sind, die durch die Leidenschaften erkannt werden, und solche, die von denen geschrieben stehen, die in der Stimme sind. | Es ist so, daß also die (Sprech-)Laute Symbole des seelischen Leiden und das Geschriebene die (Symbole) der (Sprech-)Laute sind. | Es ist nun also das zur Sprache Gekommene Ausdruck von Vorgängen im innern Bewußtsein, so wie das Geschriebene (Ausdruck) des Gesprochenen. | Die Worte in den Stimmen sind also die Symbole der Leiden in der Seele und der Dinge, die in den Stimmen geschrieben sind. | Die gesprochenen Worte sind die Zeichen von Vorstellungen in der Seele und die geschriebenen Worte sind die Zeichen von gesprochenen Worten. | Spoken words are the symbols of mental experience and written words are the symbols of spoken words. |
| καὶ ὥσπερ οὐδὲ γράμματα πᾶσι τὰ αὐτά, ο ὐδὲ φωναὶ αἱ [5] αὐταί· ὧν μέντοι ταῦτα σημεῖα πρώτως[6], ταὐτὰ πᾶσι παθήματα τῆς ψυχῆς, καὶ ὧν ταῦτα ὁμοιώματα, πράγματα ἤδη ταὐτά. | et quemadmodum nec litterae omnibus eaedem, sic nec voces eaedem quorum autem haec primorum notae, eaedem omnibus passiones animae et quorum hae similitudines, res etiam eaedem. | Und so wie die Buchstaben nicht für alle gleich sind, so sind auch die Stimmen nicht für alle gleich, sondern dies sind die Merkmale des ersten, die Leidenschaften der Seele sind für alle gleich, und die Ähnlichkeiten dieser, die Dinge sind auch die gleichen Dasselbe. | So wie nicht alle gleiche Schrift haben, so haben nicht alle die gleichen Laute, aber die seelischen Leiden, die diese direkt symbolisieren, sind für alle gleich, ebenso wie die Dinge, deren Bilder unsere Erfahrungen sind . | Und so wie dies alles keine Buchstaben sind, sind es auch keine Stimmen, wo diese Zeichen zuerst erwähnt werden, das sind alles Leiden der Seele, und wo diese Bilder sind, diese Dinge bereits. | So wie nun die Schriftzeichen nicht bei allen Menschen die nämlichen sind, so sind auch die Worte nicht bei allen Menschen die nämlichen; aber die Vorstellungen in der Rede, deren unmittelbare Zeichen die Worte sind, sind bei allen Menschen dieselben und eben so sind die Gegenstände überall dieselben, von welchen diese Vorstellungen die Abbilder sind. | Just as all men have not the same writing, so all men have not the same speech sounds, but the mental experiences, which these directly symbolize, are the same for all, as also are those things of which our experiences are the images. |
[16a] Πρῶτον δεῖ θέσθαι τί ὄνομα καὶ τί ῥῆμα, ἔπειτα τί ἐστιν ἀπόφασις καὶ κατάφασις καὶ ἀπόφανσις καὶ λόγος.
Ἔστι μὲν οὖν τὰ ἐν τῆι φωνῆι τῶν ἐν τῆι ψυχῆι παθημάτων σύμβολα, καὶ τὰ γραφόμενα τῶν ἐν τῆι φωνῆι. καὶ ὥσπερ οὐδὲ γράμματα πᾶσι τὰ αὐτά, ο ὐδὲ φωναὶ αἱ [5] αὐταί· ὧν μέντοι ταῦτα σημεῖα πρώτως[6], ταὐτὰ πᾶσι παθήματα τῆς ψυχῆς, καὶ ὧν ταῦτα ὁμοιώματα, πράγματα ἤδη ταὐτά. περὶ μὲν οὖν τούτων εἴρηται ἐν τοῖς περὶ ψυχῆς· ἄλλης γὰρ πραγματείας. ἔστι δ', ὥσπερ ἐν τῆι ψυχῆι ὁτὲ μὲν νόημα ἄνευ τοῦ ἀληθεύειν ἢ ψεύδεσθαι, ὁτὲ δὲ ἤδη [10] ὧι ἀνάγκη τούτων ὑπάρχειν θάτερον, οὕτω καὶ ἐν τῆι φωνῆι· περὶ γὰρ σύνθεσιν καὶ διαίρεσίν ἐστι τὸ ψεῦδὸς[7] καὶ τὸ ἀληθές. τὰ μὲν οὖν ὀνόματα αὐτὰ καὶ τὰ ῥήματα ἔοικε τῶι ἄνευ συνθέσεως καὶ διαιρέσεως νοήματι, οἷον τὸ ἄνθρωπος ἢ λευκόν, ὅταν μὴ προστεθῆι τι· οὔτε γὰρ ψεῦδος [15] οὔτε ἀληθές πω. σημεῖον δ' ἐστὶ τοῦδε· καὶ γὰρ ὁ τραγέλαφος σημαίνει μέν τι, οὔπω δὲ ἀληθὲς ἢ ψεῦδος, ἐὰν μὴ τὸ εἶναι ἢ μὴ εἶναι προστεθῆι, ἢ ἁπλῶς ἢ κατὰ χρόνον.
First we must define the terms ‘noun’ and ‘verb’, then the terms ‘denial’ and ‘affirmation’, then ‘proposition’ and ‘sentence.’
Spoken words are the symbols of mental experience and written words are the symbols of spoken words. Just as all men have not the same writing, so all men have not the same speech sounds, but the mental experiences, which these directly symbolize, are the same for all, as also are those things of which our experiences are the images. This matter has, however, been discussed in my treatise about the soul, for it belongs to an investigation distinct from that which lies before us.
As there are in the mind thoughts which do not involve truth or falsity, and also those which must be either true or false, so it is in speech. For truth and falsity imply combination and separation. Nouns and verbs, provided nothing is added, are like thoughts without combination or separation; ‘man’ and ‘white’, as isolated terms, are not yet either true or false. In proof of this, consider the word ‘goat-stag.’ It has significance, but there is no truth or falsity about it, unless ‘is’ or ‘is not’ is added, either in the present or in some other tense.
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