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„Konvention“ – Versionsunterschied

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[[conventio]][[-n]] {{dt.-lat.}} '[[Zusammenkunft]], [[Übereinstimmung]], [[Einigung]]; [[Übereinkunft]], (völkerrechtlicher) [[Vertrag]]'
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* Konvention f. ‘Übereinkunft, (völkerrechtlicher) Vertrag’ (1. Hälfte 16. Jh.) und ‘geltende, von der Gesellschaft gebilligte Verhaltensnorm, Herkommen, Brauch’ (2. Hälfte 18. Jh.),  
* Konvention f. ‘Übereinkunft, (völkerrechtlicher) Vertrag’ (1. Hälfte 16. Jh.) und ‘geltende, von der Gesellschaft gebilligte Verhaltensnorm, Herkommen, Brauch’ (2. Hälfte 18. Jh.),
* Entlehnung (zunächst als staatsrechtlicher Terminus) aus lat. ''[[conventio]]'' (Genitiv conventiōnis) ‘Übereinkunft, Abrede, Vertrag, Volksversammlung’  
* Entlehnung (zunächst als staatsrechtlicher Terminus) aus lat. ''[[conventio]]'' (Genitiv conventiōnis) ‘Übereinkunft, Abrede, Vertrag, Volksversammlung’
** (zu lat. ''[[convenīre]]'', s. ''[[konvenieren]]''), teilweise,  
** (zu lat. ''[[convenīre]]'', s. ''[[konvenieren]]''), teilweise,
*** besonders in der zweiten Bedeutung, auch aus (auf dem lat. Substantiv beruhendem) mfrz. frz. ''convention'' ‘Übereinkunft, Vertrag’,  
*** besonders in der zweiten Bedeutung, auch aus (auf dem lat. Substantiv beruhendem) mfrz. frz. ''convention'' ‘Übereinkunft, Vertrag’,
**** frz. auch ‘was willkürlich, durch stillschweigende Übereinkunft festgelegt ist’.
**** frz. auch ‘was willkürlich, durch stillschweigende Übereinkunft festgelegt ist’.
<p>Eine '''Konvention''' (Aussprache: [<span class="navigation-not-searchable"><span class="IPA">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_IPA-Zeichen <span lang="zxx" title="Aussprache im Internationalen Phonetischen Alphabet (IPA)">kɔnvɛnˈʦi̯oːn</span>]</span></span>]; vom lateinischen ''conventio'' für „Übereinkunft“ oder „Zusammenkunft“) ist eine (nicht notwendig geschriebene) [https://de.wikipedia.org/wiki/Regel_(Richtlinie) Regel] oder [https://de.wikipedia.org/wiki/Verhaltensnorm Verhaltensnorm], die von einer [https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Gruppe Gruppe] von Menschen aufgrund eines beschlossenen [https://de.wikipedia.org/wiki/Konsens Konsenses] eingehalten wird. Die Übereinkunft kann stillschweigend zustande gekommen oder ausgehandelt worden sein. Entsprechend schwankt die Bedeutung des Begriffs zwischen willkürlicher Übereinkunft einerseits, [https://de.wikipedia.org/wiki/Tradition Tradition] oder [https://de.wikipedia.org/wiki/Sitte Sitte]andererseits.</p>Zum selben Wortstamm gehören auch die Begriffe [https://de.wikipedia.org/wiki/Konvent_(Kloster) Konvent] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Konventionalismus Konventionalismus]. Das Adjektiv '''konventionell''' hat neben der Bedeutung ''den (gesellschaftlichen) Konventionen entsprechend'', auch die von ''herkömmlich'' oder ''hergebracht'', beispielsweise ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Konventionelle_Kriegf%C3%BChrung konventionelle Kriegführung]'' (als Abgrenzung zu atomarer, biologischer, chemischer), ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Konventionelle_Landwirtschaft konventionelle Landwirtschaft]'' (als Abgrenzung zur [https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96kologische_Landwirtschaft ökologischen Landwirtschaft]). In der [https://de.wikipedia.org/wiki/Kunst Kunst] bezeichnet ''konventionell'' eine nicht neue, nicht originelle schöpferische Leistung.
== Konvention ==
<div class="mw-heading mw-heading2">
=== Begriffsgeschichte ===
</div><p>Die große französische [https://de.wikipedia.org/wiki/Encyclop%C3%A9die_ou_Dictionnaire_raisonn%C3%A9_des_sciences,_des_arts_et_des_m%C3%A9tiers ''Encyclopédie''] verwendet den Begriff ''convention'' noch für alle Formen von Vereinbarungen, Verträgen, Verpflichtungen und Versprechen. Erst [[David Hume]] definiert Konvention als ''a general sense of common interest; which sense all the members of the society express to one another, and which induces them to regulate their conduct by certain rules'' („ein Gefühl für die gemeinsamen Interessen, das die Mitglieder einer Gesellschaft gegenseitig zum Ausdruck bringen, und welches sie veranlasst, ihr Verhalten durch gewisse Regeln zu ordnen“). Damit grenzt er die Konvention klar vom Vertrag und vom expliziten Versprechen ab.<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Konvention?wprov=srpw1_0#cite_note-1 [1]]</sup> Wichtig für das Zustandekommen sind nur Kommunikationsfähigkeit, Interesse an Kooperation und wechselseitige Verhaltenserwartungen. Durch Gewöhnung verlieren sie ihre Künstlichkeit und werden als naturwüchsig gegeben akzeptiert.</p><p>[[Ferdinand Tönnies]] sieht die Entstehung einer Konvention in umgekehrter Reihenfolge: Eine Verhaltensgewohnheit oder „Sitte“ verliert irgendwann ihre Natürlichkeit; an ihre Stelle tritt eine „Kunstsitte“ (z.&nbsp;B. eine [[Zeremonie]]), die als eine dem allgemeinen und dem je eigenen Nutzen zugleich entsprechende Regel empfunden wird.<sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Konvention?wprov=srpw1_0#cite_note-2 [2]]</sup> Die oberste Regel der konventionellen Gesellschaft ist die [[Höflichkeit]].<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Konvention?wprov=srpw1_0#cite_note-3 [3]]</sup></p><p>[[Max Weber]] nimmt nur eine typologische Unterscheidung von Sitte und Konvention vor; er diskutiert die Entstehung von Konventionen nicht genauer. Für ihn wird die „eingelebte Sitte“ allein durch Gewohnheit und Nachahmung, die Konvention hingegen durch Billigung bzw. Missbilligung der Umwelt, nicht jedoch durch einen „Zwangsapparat“ aufrechterhalten wie etwa das Recht (und selbst das [[Gewohnheitsrecht]]).<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Konvention?wprov=srpw1_0#cite_note-4 [4]]</sup></p><p>Der Philosoph [https://de.wikipedia.org/wiki/David_Kellogg_Lewis David Kellogg Lewis] benutzt im Anschluss an Hume den Konventionsbegriff im Sinne eines sich selbst stabilisierenden und perpetuierenden Systems von Erwartungen, Präferenzen und Verhaltensregeln, die den Interessen bei der Lösung von Koordinationsproblemen in [https://de.wikipedia.org/wiki/Interaktion Interaktionsprozessen] dienen. Die gefundene Regel selbst ist beliebig (z.&nbsp;B. das Links- oder Rechtsfahrgebot auf der Straße); sie kommt oft dadurch zustande, dass sich Akteure erinnern, dass sie früher schon einmal ein Problem auf eine bestimmte Art zufriedenstellend gelöst haben. Wenn jemand von einer solchen für alle befriedigenden Regel abweicht, hat er keine Vorteile davon.<sup id="cite_ref-5" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Konvention?wprov=srpw1_0#cite_note-5 [5]]</sup>Damit ähnelt die Konvention einem [https://de.wikipedia.org/wiki/De_facto de-facto]-Standard.</p><p>Für [https://de.wikipedia.org/wiki/John_Niemeyer_Findlay John Niemeyer Findlay]<sup id="cite_ref-6" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Konvention?wprov=srpw1_0#cite_note-6 [6]]</sup> stützen sich moralische Urteile nicht auf individuelle Gefühle und Präferenzen, sondern auf Konventionen hinsichtlich des Gebrauchs von Wörtern wie „moralisch“ oder „ethisch“. Nur durch die Untersuchung dieser Konventionen sind moralische Urteile (für Findley sind das stets emotionale, nicht kognitive Aussagen) zu rechtfertigen.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Konventionen als soziale Handlungsanweisungen ==
</div><p>In der [https://de.wikipedia.org/wiki/Soziologie Soziologie] von [https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89mile_Durkheim Émile Durkheim], [https://de.wikipedia.org/wiki/Norbert_Elias Norbert Elias], [https://de.wikipedia.org/wiki/Talcott_Parsons Talcott Parsons] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Erving_Goffman Erving Goffman] bis zu [https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Bourdieu Pierre Bourdieu] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Anthony_Giddens Anthony Giddens] werden ungeschriebene, nicht formalisierte [https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Norm soziale Normen] (Gesellschaftliche Normen, auch: Soziale Skripte) oft als Konventionen bezeichnet. Sie definieren mögliche Verhaltensweisen in einer sozialen Situation und geben Verhaltensregelmäßigkeiten an. Konventionen sind Teil der Kultur einer Gesellschaft und mit der gesellschaftlichen Entwicklung wandelbar. Für Norbert Elias sind verhaltensregulierende Konventionen (neben der Monopolisierung der Gewalt durch den Staat) ein wichtiges Kennzeichen der modernen [https://de.wikipedia.org/wiki/Zivilisation Zivilisation]. Sie können auch als Mittel einer Einschränkung des Einzelnen, seiner Rechte oder Möglichkeiten betrachtet werden. Wer gegen bestehende Konventionen verstößt, verhält sich ''unkonventionell''.</p><p>Über den Sinn der Konvention schreibt [https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Volkmann Kurt Volkmann]:<sup id="cite_ref-7" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Konvention?wprov=srpw1_0#cite_note-7 [7]]</sup></p><div class="Vorlage_Zitat"><div><blockquote><p>„Man kann einem Zwanzigjährigen nicht die Weisheit eines grauen Hauptes beibringen, man kann Dumme nicht klug machen, aber man kann einem reifenden Menschen Form geben. Haltung ist beim Jüngling wichtiger als Klugheit.“</p></blockquote></div><div class="cite">– <span class="Person h-card">Kurt Volkmann</span></div></div><div class="mw-heading mw-heading2">
== Konventionstheorie der Sprache ==
</div>{{Schaufenster|modus=ignorieren|link=1|linkpos=prefix|Seite=Konventionstheorie der Sprache}}<div class="mw-heading mw-heading2">
== Konvention als multilateraler Vertrag ==
</div><p>Der Begriff Konvention bezeichnet auch einen [https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerrechtlicher_Vertrag völkerrechtlichen Vertrag], der [https://de.wikipedia.org/wiki/Multilateralit%C3%A4t multilateral] (mehrseitig) geschlossen wird und [https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsnorm Rechtsnormen] kodifiziert.<sup id="cite_ref-10" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Konvention?wprov=srpw1_0#cite_note-10 [10]]</sup><sup id="cite_ref-11" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Konvention?wprov=srpw1_0#cite_note-11 [11]]</sup> Im Speziellen wird der Begriff „Konvention“ oft für solche multilateralen Verträge benutzt, die von einer Vielzahl von Staaten unter der Schirmherrschaft einer internationalen Organisation vereinbart werden – in Abgrenzung zu anderen multilateralen Verträgen wie Gründungsverträgen internationaler Organisationen (oft „Charta“ oder „Statut“ genannt) oder Änderungs- und Zusatzvereinbarungen (oft „Protokoll“).<sup id="cite_ref-12" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Konvention?wprov=srpw1_0#cite_note-12 [12]]</sup> Eine ''Rahmenkonvention'' legt Rechtsgrundlagen und -rahmen fest, weitere Verträge sorgen für die Ausgestaltung und Ergänzung (→ [https://de.wikipedia.org/wiki/Rahmenabkommen Rahmenabkommen]).</p><p>Zu den Konventionen zählen etwa die Vertragswerke, die unter dem Dach der [https://de.wikipedia.org/wiki/Vereinte_Nationen Vereinten Nationen] entstehen (→ [https://de.wikipedia.org/wiki/UN-Konvention UN-Konvention]). Im offiziellen deutschen Sprachgebrauch wird meist der sinngemäße Ausdruck „Übereinkommen“ verwendet. Bedeutende Beispiele für Konventionen sind die (bilaterale) [https://de.wikipedia.org/wiki/Konvention_von_Tauroggen Konvention von Tauroggen] (1812), ein deutsch-russisches Beistandsversprechen, die [https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Vertragsrechtskonvention Wiener Vertragsrechtskonvention], ein multilaterales Übereinkommen zum Völkerrecht selbst, oder die [https://de.wikipedia.org/wiki/Klimarahmenkonvention Klimarahmenkonvention] zum Klimaschutz, die als Rahmenabkommen durch weitere Verträge, wie das [https://de.wikipedia.org/wiki/Kyoto-Protokoll Kyoto-Protokoll], ergänzt worden ist.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Technische Konventionen ==
</div><p>Technische Konventionen werden in [https://de.wikipedia.org/wiki/Normung Normungen] festgelegt.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Siehe auch ==
</div>
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Norm Norm]
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Berner_Konvention Berner Konvention]
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Genfer_Konventionen Genfer Konventionen]
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Kinderrechtskonvention Kinderrechtskonvention]
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Vertragsstrafe Vertragsstrafe] auch Konventionalstrafe
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Namenskonvention_(Datenverarbeitung) Namenskonvention (Datenverarbeitung)]
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Zeichen Zeichen]
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== Literatur ==
</div>
*David Lewis: ''Convention''. Harvard University Press, Cambridge (MA) 1969.
*Dennis Büscher-Ulbrich, Stefanie Kadenbach, Martin Kindermann: ''Innovation - Konvention: Transdisziplinäre Beiträge zu einem kulturellen Spannungsfeld.'' transcript, 2014.
<div class="mw-heading mw-heading2">
== Weblinks ==
[[Kategorie:Wikipedia.de Artikel]]
</div><div class="sisterproject"><span class="noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span class="mw-default-size"><span title="Wiktionary">[[file:16px-Wiktfavicon_en.svg.png|16x16px]]</span></span></span>'''[https://de.wiktionary.org/wiki/Konvention Wiktionary: Konvention]'''&nbsp;– Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen</div>
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Stanford_Encyclopedia_of_Philosophy Stanford Encyclopedia of Philosophy] (Michael Rescorla): [https://plato.stanford.edu/entries/convention/ ''Convention'']
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== Einzelnachweise ==
</div>
#<span class="reference-text">David Hume: ''A treatise of human nature.'' 1738–1740. Band III, 2, 2.</span>
#<span class="reference-text">Ferdinand Tönnies: ''Die Sitte.'' In: Die Gesellschaft; Sammlung sozialpsychologischer Monographien, Hrsg. [https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Buber Martin Buber]. Rütten & Loening, Frankfurt 1909, S. 7 f.</span>
#<span class="reference-text">Tönnies 1909, S. 54.</span>
#<span class="reference-text">Max Weber: ''Wirtschaft und Gesellschaft.'' 5. Auflage. Tübingen 1980, S. 15 (Anmerkung), 187.</span>
#<span class="reference-text">David Lewis: ''Convention: A Philosophical Study.'' Harvard University Press 1969.</span>
#<span class="reference-text">J. N. Findlay: ''Morality by Conventions'', in: [https://de.wikipedia.org/wiki/Mind_(Zeitschrift) Mind], Vol. 33, No. 210 (1944), S. 142–169.</span>
#<span class="reference-text">''Die Tübinger Rhenanen'', 5. Auflage (2002), S. 167</span>
#<span class="reference-text">Platon: ''Kratylos'', 384 c-e, 432 c/d, 435 a-d.</span>
#<span class="reference-text">Aristoteles: ''De interpretatione'' 16a.</span>
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_von_Arnauld Andreas von Arnauld]: <cite>Völkerrecht</cite>. C.F. Müller, 2014, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783811463233 ISBN 978-3-8114-6323-3], S.&nbsp;76.</span>
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Kimminich Otto Kimminich]: <cite>Einführung in das Völkerrecht</cite>. De Gruyter, 2013, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783111533780 ISBN 978-3-11-153378-0], S.&nbsp;248.</span>
#<span class="reference-text">Jost Delbrück, Rüdiger Wolfrum (Hrsg.): <cite>Die Formen des völkerrechtlichen Handelns; Die inhaltliche Ordnung der internationalen Gemeinschaft</cite>. De Gruyter, 2013, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783110906967 ISBN 978-3-11-090696-7], S.&nbsp;541–542.</span>

Aktuelle Version vom 2. April 2026, 09:07 Uhr

conventio-n lat.-deu. 'Übereinkunft'; 'Zusammenkunft, Übereinstimmung, Einigung, (völkerrechtlicher) Vertrag'

  • Konvention f. ‘Übereinkunft, (völkerrechtlicher) Vertrag’ (1. Hälfte 16. Jh.) und ‘geltende, von der Gesellschaft gebilligte Verhaltensnorm, Herkommen, Brauch’ (2. Hälfte 18. Jh.),
  • Entlehnung (zunächst als staatsrechtlicher Terminus) aus lat. conventio (Genitiv conventiōnis) ‘Übereinkunft, Abrede, Vertrag, Volksversammlung’
    • (zu lat. convenīre, s. konvenieren), teilweise,
      • besonders in der zweiten Bedeutung, auch aus (auf dem lat. Substantiv beruhendem) mfrz. frz. convention ‘Übereinkunft, Vertrag’,
        • frz. auch ‘was willkürlich, durch stillschweigende Übereinkunft festgelegt ist’.

Eine Konvention (Aussprache: [kɔnvɛnˈʦi̯oːn]; vom lateinischen conventio für „Übereinkunft“ oder „Zusammenkunft“) ist eine (nicht notwendig geschriebene) Regel oder Verhaltensnorm, die von einer Gruppe von Menschen aufgrund eines beschlossenen Konsenses eingehalten wird. Die Übereinkunft kann stillschweigend zustande gekommen oder ausgehandelt worden sein. Entsprechend schwankt die Bedeutung des Begriffs zwischen willkürlicher Übereinkunft einerseits, Tradition oder Sitteandererseits.

Zum selben Wortstamm gehören auch die Begriffe Konvent und Konventionalismus. Das Adjektiv konventionell hat neben der Bedeutung den (gesellschaftlichen) Konventionen entsprechend, auch die von herkömmlich oder hergebracht, beispielsweise konventionelle Kriegführung (als Abgrenzung zu atomarer, biologischer, chemischer), konventionelle Landwirtschaft (als Abgrenzung zur ökologischen Landwirtschaft). In der Kunst bezeichnet konventionell eine nicht neue, nicht originelle schöpferische Leistung.

Konvention

Begriffsgeschichte

Die große französische Encyclopédie verwendet den Begriff convention noch für alle Formen von Vereinbarungen, Verträgen, Verpflichtungen und Versprechen. Erst David Hume definiert Konvention als a general sense of common interest; which sense all the members of the society express to one another, and which induces them to regulate their conduct by certain rules („ein Gefühl für die gemeinsamen Interessen, das die Mitglieder einer Gesellschaft gegenseitig zum Ausdruck bringen, und welches sie veranlasst, ihr Verhalten durch gewisse Regeln zu ordnen“). Damit grenzt er die Konvention klar vom Vertrag und vom expliziten Versprechen ab.[1] Wichtig für das Zustandekommen sind nur Kommunikationsfähigkeit, Interesse an Kooperation und wechselseitige Verhaltenserwartungen. Durch Gewöhnung verlieren sie ihre Künstlichkeit und werden als naturwüchsig gegeben akzeptiert.

Ferdinand Tönnies sieht die Entstehung einer Konvention in umgekehrter Reihenfolge: Eine Verhaltensgewohnheit oder „Sitte“ verliert irgendwann ihre Natürlichkeit; an ihre Stelle tritt eine „Kunstsitte“ (z. B. eine Zeremonie), die als eine dem allgemeinen und dem je eigenen Nutzen zugleich entsprechende Regel empfunden wird.[2] Die oberste Regel der konventionellen Gesellschaft ist die Höflichkeit.[3]

Max Weber nimmt nur eine typologische Unterscheidung von Sitte und Konvention vor; er diskutiert die Entstehung von Konventionen nicht genauer. Für ihn wird die „eingelebte Sitte“ allein durch Gewohnheit und Nachahmung, die Konvention hingegen durch Billigung bzw. Missbilligung der Umwelt, nicht jedoch durch einen „Zwangsapparat“ aufrechterhalten wie etwa das Recht (und selbst das Gewohnheitsrecht).[4]

Der Philosoph David Kellogg Lewis benutzt im Anschluss an Hume den Konventionsbegriff im Sinne eines sich selbst stabilisierenden und perpetuierenden Systems von Erwartungen, Präferenzen und Verhaltensregeln, die den Interessen bei der Lösung von Koordinationsproblemen in Interaktionsprozessen dienen. Die gefundene Regel selbst ist beliebig (z. B. das Links- oder Rechtsfahrgebot auf der Straße); sie kommt oft dadurch zustande, dass sich Akteure erinnern, dass sie früher schon einmal ein Problem auf eine bestimmte Art zufriedenstellend gelöst haben. Wenn jemand von einer solchen für alle befriedigenden Regel abweicht, hat er keine Vorteile davon.[5]Damit ähnelt die Konvention einem de-facto-Standard.

Für John Niemeyer Findlay[6] stützen sich moralische Urteile nicht auf individuelle Gefühle und Präferenzen, sondern auf Konventionen hinsichtlich des Gebrauchs von Wörtern wie „moralisch“ oder „ethisch“. Nur durch die Untersuchung dieser Konventionen sind moralische Urteile (für Findley sind das stets emotionale, nicht kognitive Aussagen) zu rechtfertigen.

Konventionen als soziale Handlungsanweisungen

In der Soziologie von Émile Durkheim, Norbert Elias, Talcott Parsons und Erving Goffman bis zu Pierre Bourdieu und Anthony Giddens werden ungeschriebene, nicht formalisierte soziale Normen (Gesellschaftliche Normen, auch: Soziale Skripte) oft als Konventionen bezeichnet. Sie definieren mögliche Verhaltensweisen in einer sozialen Situation und geben Verhaltensregelmäßigkeiten an. Konventionen sind Teil der Kultur einer Gesellschaft und mit der gesellschaftlichen Entwicklung wandelbar. Für Norbert Elias sind verhaltensregulierende Konventionen (neben der Monopolisierung der Gewalt durch den Staat) ein wichtiges Kennzeichen der modernen Zivilisation. Sie können auch als Mittel einer Einschränkung des Einzelnen, seiner Rechte oder Möglichkeiten betrachtet werden. Wer gegen bestehende Konventionen verstößt, verhält sich unkonventionell.

Über den Sinn der Konvention schreibt Kurt Volkmann:[7]

„Man kann einem Zwanzigjährigen nicht die Weisheit eines grauen Hauptes beibringen, man kann Dumme nicht klug machen, aber man kann einem reifenden Menschen Form geben. Haltung ist beim Jüngling wichtiger als Klugheit.“

– Kurt Volkmann

Konventionstheorie der Sprache

Konvention als multilateraler Vertrag

Der Begriff Konvention bezeichnet auch einen völkerrechtlichen Vertrag, der multilateral (mehrseitig) geschlossen wird und Rechtsnormen kodifiziert.[10][11] Im Speziellen wird der Begriff „Konvention“ oft für solche multilateralen Verträge benutzt, die von einer Vielzahl von Staaten unter der Schirmherrschaft einer internationalen Organisation vereinbart werden – in Abgrenzung zu anderen multilateralen Verträgen wie Gründungsverträgen internationaler Organisationen (oft „Charta“ oder „Statut“ genannt) oder Änderungs- und Zusatzvereinbarungen (oft „Protokoll“).[12] Eine Rahmenkonvention legt Rechtsgrundlagen und -rahmen fest, weitere Verträge sorgen für die Ausgestaltung und Ergänzung (→ Rahmenabkommen).

Zu den Konventionen zählen etwa die Vertragswerke, die unter dem Dach der Vereinten Nationen entstehen (→ UN-Konvention). Im offiziellen deutschen Sprachgebrauch wird meist der sinngemäße Ausdruck „Übereinkommen“ verwendet. Bedeutende Beispiele für Konventionen sind die (bilaterale) Konvention von Tauroggen (1812), ein deutsch-russisches Beistandsversprechen, die Wiener Vertragsrechtskonvention, ein multilaterales Übereinkommen zum Völkerrecht selbst, oder die Klimarahmenkonvention zum Klimaschutz, die als Rahmenabkommen durch weitere Verträge, wie das Kyoto-Protokoll, ergänzt worden ist.

Technische Konventionen

Technische Konventionen werden in Normungen festgelegt.

Siehe auch

Literatur

  • David Lewis: Convention. Harvard University Press, Cambridge (MA) 1969.
  • Dennis Büscher-Ulbrich, Stefanie Kadenbach, Martin Kindermann: Innovation - Konvention: Transdisziplinäre Beiträge zu einem kulturellen Spannungsfeld. transcript, 2014.
Wiktionary: Konvention – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. David Hume: A treatise of human nature. 1738–1740. Band III, 2, 2.
  2. Ferdinand Tönnies: Die Sitte. In: Die Gesellschaft; Sammlung sozialpsychologischer Monographien, Hrsg. Martin Buber. Rütten & Loening, Frankfurt 1909, S. 7 f.
  3. Tönnies 1909, S. 54.
  4. Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. 5. Auflage. Tübingen 1980, S. 15 (Anmerkung), 187.
  5. David Lewis: Convention: A Philosophical Study. Harvard University Press 1969.
  6. J. N. Findlay: Morality by Conventions, in: Mind, Vol. 33, No. 210 (1944), S. 142–169.
  7. Die Tübinger Rhenanen, 5. Auflage (2002), S. 167
  8. Platon: Kratylos, 384 c-e, 432 c/d, 435 a-d.
  9. Aristoteles: De interpretatione 16a.
  10. Andreas von Arnauld: Völkerrecht. C.F. Müller, 2014, ISBN 978-3-8114-6323-3, S. 76.
  11. Otto Kimminich: Einführung in das Völkerrecht. De Gruyter, 2013, ISBN 978-3-11-153378-0, S. 248.
  12. Jost Delbrück, Rüdiger Wolfrum (Hrsg.): Die Formen des völkerrechtlichen Handelns; Die inhaltliche Ordnung der internationalen Gemeinschaft. De Gruyter, 2013, ISBN 978-3-11-090696-7, S. 541–542.