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„Fatalismus“ – Versionsunterschied

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<p>Als '''Fatalismus''' (von [https://de.wikipedia.org/wiki/Latein lateinisch] ''[[fatalis]]'' ‚das [https://de.wikipedia.org/wiki/Schicksal Schicksal] betreffend‘) bezeichnet man eine [[Weltanschauung]], der zufolge das Geschehen in Natur und Gesellschaft durch eine höhere Macht oder aufgrund [[logisch|logischer]] Notwendigkeit vorherbestimmt ist. Aus der Sicht von Fatalisten sind die Fügungen des Schicksals unausweichlich, der Wille des Menschen kann ihnen nichts entgegensetzen. Daraus ergibt sich aber nicht zwangsläufig die Folgerung, menschliche Entscheidungen und Handlungen seien bedeutungslos. Mit der Überzeugung vom eigenen Ausgeliefertsein verbindet sich im Fatalismus eine davon geprägte Gefühlslage und Lebenseinstellung, die „Schicksalsergebenheit“.</p>
[[Datei:DiderotJacquesFatalist01.jpg|mini|Der Anfang der Erzählung ''[[Jacques der Fatalist und sein Herr]]'' von [[Denis Diderot]] in der Erstausgabe von 1796: Die Titelfigur trägt das Prinzip des Fatalismus vor.|324x324px]]
[[Datei:220px-DiderotJacquesFatalist01.jpg|verweis=https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:DiderotJacquesFatalist01.jpg|mini|297x297px|Der Anfang der Erzählung ''''[https://de.wikipedia.org/wiki/Jacques_der_Fatalist_und_sein_Herr Jacques der Fatalist und sein Herr]''' von [https://de.wikipedia.org/wiki/Denis_Diderot Denis Diderot] in der Erstausgabe von 1796: Die Titelfigur trägt das Prinzip des Fatalismus vor.]]
 
Kennzeichnend für den Fatalismus ist die Annahme einer universell wirkenden Instanz oder einer logischen Zwangsläufigkeit, die den Geschichtsverlauf ebenso wie die individuellen Schicksale von vornherein festgelegt hat. Die bestimmende Instanz kann die [https://de.wikipedia.org/wiki/Vorsehung Vorsehung] einer Gottheit sein, die den Gang der Ereignisse von Anfang an geplant und arrangiert hat, oder eine unpersönliche Macht, die im Rahmen einer kosmischen Ordnung für einen bestimmten fixierten Ablauf sorgt. Eine alternative Begründung postuliert die Gleichsetzung des Möglichen mit dem Tatsächlichen als Erfordernis der Logik. Von diesen fatalistischen Konzepten unterscheidet sich der Ansatz des „kausalen [https://de.wikipedia.org/wiki/Determinismus Determinismus]“, der alle Ereignisse als notwendige Folgen ihrer Ursachen im Rahmen einer lückenlosen naturgesetzlichen Kausalität erklärt.<p>Allgemeinsprachlich versteht man unter Fatalismus in erster Linie die Bereitschaft, die angenommene Unvermeidlichkeit der schicksalhaften Abläufe zu akzeptieren. Das Spektrum fatalistischer Einstellungen reicht von einem resignierten Hinnehmen des Unabänderlichen bis zur enthusiastischen Verherrlichung der bestehenden Gegebenheiten und des sich darin heroisch behauptenden Individuums. Für die [https://de.wikipedia.org/wiki/Emphase emphatische] Schicksalsbejahung hat sich die von [https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Nietzsche Friedrich Nietzsche] geprägte lateinische Bezeichnung ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Amor_fati amor fati]'' (‚Liebe zum Schicksal‘) eingebürgert.</p><p>In Philosophie und Theologie werden fatalistische und deterministische Lehren seit der [https://de.wikipedia.org/wiki/Antike Antike] kontrovers erörtert. Philosophisch wird die Fixiertheit der Zukunft oft mit der allgemeinen Gültigkeit des [https://de.wikipedia.org/wiki/Prinzip_der_Zweiwertigkeit Prinzips der Zweiwertigkeit] begründet, wonach Aussagen über Zukünftiges zeitunabhängig entweder wahr oder unwahr sind. Dieser Ansatz wird logischer Fatalismus genannt. Eine andere Ausgangsbasis hat der religiöse Fatalismus. Er beruht auf dem Konzept der [https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4destination Prädestination], der göttlichen Vorherbestimmung, die aus Offenbarungsschriften oder Prophezeiungen abgeleitet wird. Historisch besonders wirkmächtige Erscheinungsformen sind die Prädestinationslehren der [https://de.wikipedia.org/wiki/Stoa Stoiker], des [https://de.wikipedia.org/wiki/Calvinismus Calvinismus] und des Islams. Einen Sonderfall bildet der astrologische Fatalismus, der die Schicksalsmacht mit Gestirnkonstellationen verbindet.</p><p>Als kulturübergreifendes Phänomen zeigt sich der Fatalismus in den meist weiblichen [https://de.wikipedia.org/wiki/Schicksalsg%C3%B6ttin Schicksalsgottheiten] von Mythen und Traditionen des [https://de.wikipedia.org/wiki/Volksglaube Volksglaubens]. Im Sagengut und Brauchtum zahlreicher europäischer Völker ist seit der Antike der Glaube an die drei „Schicksalsfrauen“ verankert, die nach der Geburt eines Kindes dessen Geschicke festlegen, insbesondere die Lebensdauer.</p><p>Auf verbreitete Ablehnung stößt der Fatalismus ebenso wie der Determinismus wegen seiner Konsequenzen für die [https://de.wikipedia.org/wiki/Ethik Ethik]. Kritiker machen geltend, er lähme die Tatkraft, verneine die menschliche [https://de.wikipedia.org/wiki/Autonomie Autonomie] und unterminiere die moralische Verantwortlichkeit.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
Als '''Fatalismus''' (von {{laS|fatalis}} ‚das [[Schicksal]] betreffend‘) bezeichnet man eine [[Weltanschauung]], der zufolge das Geschehen in Natur und Gesellschaft durch eine höhere Macht oder aufgrund [[Logik|logischer]] Notwendigkeit vorherbestimmt ist. Aus der Sicht von Fatalisten sind die Fügungen des Schicksals unausweichlich, der Wille des Menschen kann ihnen nichts entgegensetzen. Daraus ergibt sich aber nicht zwangsläufig die Folgerung, menschliche Entscheidungen und Handlungen seien nahezu bedeutungslos. Mit der Überzeugung vom eigenen Ausgeliefertsein verbindet sich im Fatalismus eine davon geprägte sorglose Gefühlslage und Lebenseinstellung, die „Schicksalsergebenheit“.
 
Kennzeichnend für den Fatalismus ist die Annahme einer universell wirkenden Instanz oder einer logischen Zwangsläufigkeit, die den Geschichtsverlauf ebenso wie die individuellen Schicksale von vornherein festgelegt hat. Die bestimmende Instanz kann die [[Vorsehung]] einer Gottheit sein, die den Gang der Ereignisse von Anfang an geplant und arrangiert hat, oder eine unpersönliche Macht, die im Rahmen einer kosmischen Ordnung für einen bestimmten fixierten Ablauf sorgt. Eine alternative Begründung postuliert die Gleichsetzung des Möglichen mit dem Tatsächlichen als Erfordernis der Logik. Von diesen fatalistischen Konzepten unterscheidet sich der Ansatz des „kausalen [[Determinismus]]“, der alle Ereignisse als notwendige Folgen ihrer Ursachen im Rahmen einer lückenlosen naturgesetzlichen Kausalität erklärt.
 
Allgemeinsprachlich versteht man unter Fatalismus in erster Linie die Bereitschaft, die angenommene Unvermeidlichkeit der schicksalhaften Abläufe zu akzeptieren. Das Spektrum fatalistischer Einstellungen reicht von einem resignierten Hinnehmen des Unabänderlichen bis zur enthusiastischen Verherrlichung der bestehenden Gegebenheiten und des sich darin heroisch behauptenden Individuums. Für die [[Emphase|emphatische]] Schicksalsbejahung hat sich die von [[Friedrich Nietzsche]] geprägte lateinische Bezeichnung ''[[amor fati]]'' (‚Liebe zum Schicksal‘) eingebürgert.
 
In Philosophie und Theologie werden fatalistische und deterministische Lehren seit der [[Antike]] kontrovers erörtert. Philosophisch wird die Fixiertheit der Zukunft oft mit der allgemeinen Gültigkeit des [[Prinzip der Zweiwertigkeit|Prinzips der Zweiwertigkeit]] begründet, wonach Aussagen über Zukünftiges zeitunabhängig entweder wahr oder unwahr sind. Dieser Ansatz wird logischer Fatalismus genannt. Eine andere Ausgangsbasis hat der religiöse Fatalismus. Er beruht auf dem Konzept der [[Prädestination]], der göttlichen Vorherbestimmung, die aus Offenbarungsschriften oder Prophezeiungen abgeleitet wird. Historisch besonders wirkmächtige Erscheinungsformen sind die Prädestinationslehren der [[Stoa|Stoiker]], des [[Calvinismus]] und des Islams. Einen Sonderfall bildet der astrologische Fatalismus, der die Schicksalsmacht mit Gestirnkonstellationen verbindet.
 
Als kulturübergreifendes Phänomen zeigt sich der Fatalismus in den meist weiblichen [[Schicksalsgöttin|Schicksalsgottheiten]] von Mythen und Traditionen des [[Volksglaube]]ns. Im Sagengut und Brauchtum zahlreicher europäischer Völker ist seit der Antike der Glaube an die drei „Schicksalsfrauen“ verankert, die nach der Geburt eines Kindes dessen Geschicke festlegen, insbesondere die Lebensdauer.
 
Auf verbreitete Ablehnung stößt der Fatalismus ebenso wie der Determinismus wegen seiner Konsequenzen für die [[Ethik]]. Kritiker machen geltend, er lähme die Tatkraft, verneine die menschliche [[Autonomie]] und unterminiere die moralische Verantwortlichkeit.
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== Definition und Begriffsgeschichte ==
== Definition und Begriffsgeschichte ==
</div><p>Der Schicksalsglaube zählt zwar zu den ältesten und verbreitetsten Phänomenen der Kulturgeschichte, doch gab es im Altertum noch kein eigenes Wort für die entsprechende Lebenseinstellung. Zur Bezeichnung der einschlägigen Konzepte dienten verschiedene Ausdrücke; man sprach von Notwendigkeit ([https://de.wikipedia.org/wiki/Altgriechische_Sprache griechisch] ἀνάγκη ''anánkē'', lateinisch ''necessitas''), Vorsehung (griechisch πρόνοια ''prónoia'', lateinisch ''providentia''), Schicksal im Sinne von Vorherbestimmung (griechisch εἱμαρμένη ''heimarménē'', lateinisch ''fatum'') und Schicksal im Sinne von glücklichem oder unglücklichem Geschehen (griechisch τύχη ''týchē'', lateinisch ''fortuna'').<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-1 [1]]</sup></p><p>Die Ausdrücke ''Fatalist'' und – davon abgeleitet – ''Fatalismus'' wurden erst in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%BChe_Neuzeit Frühen Neuzeit] geläufig. Zwar schrieb schon im 13. Jahrhundert der [https://de.wikipedia.org/wiki/Mozaraber mozarabische] Theologe und Islamkritiker Pedro Pascual, Bischof von [https://de.wikipedia.org/wiki/Ja%C3%A9n Jaén], eine Abhandlung „gegen die mohammedanischen Fatalisten“,<sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-2 [2]]</sup>doch fand diese Wortschöpfung kaum Resonanz. Erst im späten 17. Jahrhundert führte der [https://de.wikipedia.org/wiki/Cambridge Cambridger] Philosoph [https://de.wikipedia.org/wiki/Ralph_Cudworth Ralph Cudworth] den Ausdruck ''fatalism'' in die philosophische Terminologie ein. In seiner 1678 veröffentlichten Abhandlung ''The True Intellectual System of the Universe'' wandte er sich gegen drei „Fatalismen“, bei denen es sich um falsche [https://de.wikipedia.org/wiki/Hypothese Hypothesen] über das Universum handle.<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-3 [3]]</sup> Seit 1724 ist ''fatalisme'' im Französischen belegt.<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-4 [4]]</sup> Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Ausdruck ins Deutsche übernommen.<sup id="cite_ref-5" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-5 [5]]</sup></p><p>Die Terminologie von Cudworth und Gleichgesinnten entsprach keineswegs dem Selbstverständnis derjenigen, auf deren Ideen sie sich bezog. ''Fatalist'' und ''Fatalismus'' waren ursprünglich nur abwertende Kampfbegriffe, die zur Diskreditierung missliebiger Ansichten eingeführt und verbreitet wurden. Sie dienten der Polemik konservativer Kreise gegen damals umstrittene philosophische und theologische Modelle, die etablierte Vorstellungen über die menschliche Autonomie gefährdeten und dadurch revolutionär und bedrohlich wirkten. Zu den als „fatalistisch“ bekämpften Lehren zählten insbesondere die Systeme von [https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Calvin Johannes Calvin], [https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Hobbes Thomas Hobbes] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Baruch_de_Spinoza Baruch de Spinoza].<sup id="cite_ref-6" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-6 [6]]</sup></p><p>Die Ausgangsbasis der Wort- und Begriffsschöpfung bildeten das lateinische [https://de.wikipedia.org/wiki/Substantiv Substantiv] ''fatum'' (‚Schicksal‘) und das englische und französische [https://de.wikipedia.org/wiki/Adjektiv Adjektiv] ''fatal'', das auf das lateinische ''fatalis'' (‚das Schicksal betreffend‘, ‚schicksalhaft‘) zurückgeht. Der [https://de.wikipedia.org/wiki/Etymologie Etymologie] nach ist ''fatum'' ‚das (von einer Gottheit) Gesagte (und damit Festgelegte)‘. Schon im klassischen Latein der Antike hatte ''fatalis'' auch die Bedeutungen ''verhängnisvoll'' und ''tödlich''. Mit diesem negativen Bedeutungsgehalt wurde das Eigenschaftswort in die [https://de.wikipedia.org/wiki/Romanische_Sprachen romanischen Sprachen] übernommen und gelangte als Fremdwort ''fatal'' auch ins Deutsche.<sup id="cite_ref-7" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-7 [7]]</sup> Der Aspekt des unabwendbaren Unheils schwingt traditionell in allen von dem lateinischen Wortstamm abgeleiteten Wörtern mit. Dieser Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass der Ausdruck ''Fatalismus'' aus dem Arsenal polemischer Kritik stammt und daher von Anfang an negativ [https://de.wikipedia.org/wiki/Konnotation konnotiert] war. Der abwertende Beiklang ist auch heute noch präsent: In der Alltagssprache sind mit dem Wort die Vorstellungen von Ohnmacht und Ausgeliefertsein verbunden. Fatalismus wird als [https://de.wikipedia.org/wiki/Pessimismus Pessimismus] und Erwartung eines schlechten Ausgangs aufgefasst.<sup id="cite_ref-8" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-8 [8]]</sup></p><p>Allerdings ist in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Moderne Moderne] auch eine Gegenbewegung zum verbreiteten [https://de.wikipedia.org/wiki/Pejorativum pejorativen] Begriffsverständnis der Kritiker entstanden. [https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Nietzsche Friedrich Nietzsche] bekannte sich emphatisch zum Fatalismus. Dadurch wurde der Ausdruck ins Positive gewendet.<sup id="cite_ref-9" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-9 [9]]</sup> Im wissenschaftlichen Diskurs ist eine wertneutrale Verwendung der Terminologie erwünscht.<sup id="cite_ref-10" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-10 [10]]</sup></p><p>Zur Definition des Fatalismus gehört die Abgrenzung von dem verwandten Begriff ''Determinismus'', der die These der Determiniertheit aller Ereignisse bezeichnet und erst im späten 18. Jahrhundert belegt ist.<sup id="cite_ref-11" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-11 [11]]</sup> In der Frühen Neuzeit unterschied man noch nicht zwischen fatalistischem und deterministischem Gedankengut. Verteidiger der [https://de.wikipedia.org/wiki/Freier_Wille Willensfreiheit] pflegten alle Lehren, die eine bereits feststehende Zukunft beinhalten, gleichermaßen als fatalistisch zu brandmarken und zu bekämpfen.<sup id="cite_ref-12" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-12 [12]]</sup> Im modernen philosophischen Diskurs hat sich jedoch die Differenzierung zwischen Fatalismus und Determinismus durchgesetzt. Allerdings werden die beiden Bezeichnungen umgangssprachlich oft wie [https://de.wikipedia.org/wiki/Synonym Synonyme]verwendet, und auch in wissenschaftlichen Texten wird die Trennung nicht immer konsequent durchgeführt.<sup id="cite_ref-13" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-13 [13]]</sup></p><p>Wenn von Determinismus die Rede ist, sind im weitesten Sinne alle Systeme gemeint, die davon ausgehen, dass die Zukunft nicht offen ist, sondern „determiniert“, das heißt schon immer feststehend. Nach diesem Sprachgebrauch ist Determinismus der Oberbegriff für sämtliche Modelle, die von Fixiertheit der aufeinanderfolgenden Zustände ausgehen, und fatalistischer Schicksalsglaube ist eine Variante davon oder – als Lebensüberzeugung – eine Konsequenz daraus. Daher wird der religiöse Fatalismus mitunter auch als theologischer oder [https://de.wikipedia.org/wiki/Metaphysik metaphysischer]Determinismus bezeichnet. Im engeren und geläufigeren Sinn ist mit Determinismus aber nur der „Kausaldeterminismus“ gemeint, der auf einer deterministischen Interpretation naturgesetzlicher Kausalität basiert. Dieser Ansatz geht von einem rein mechanischen Verständnis von Kausalität und Notwendigkeit aus. Man spricht daher auch von mechanistischem oder physikalischem Determinismus. Kausaldeterministen sind der Ansicht, dass durch den Zustand der Welt zu einem beliebigen Zeitpunkt zwangsläufig jeder Zustand zu einem späteren Zeitpunkt festgelegt sei. Sie werden seit der Frühen Neuzeit polemisch als Fatalisten angegriffen, obwohl ihr Weltbild keine Schicksalsvorstellung impliziert.<sup id="cite_ref-14" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-14 [14]]</sup></p>Den Ausgangspunkt des Fatalismus bildet die Annahme, dass künftige Ereignisse und Verhältnisse durch eine schon immer bestehende Notwendigkeit, der niemand entrinnen könne, festgelegt seien. Daran könnten keine gegenwärtigen oder künftigen Entscheidungen und Taten etwas ändern. Die Meinung, es liege in der Macht des Menschen, durch eine freie Willensentscheidung einen anderen Ausgang herbeizuführen, ist demnach eine Illusion. Diese Grundannahme teilen Fatalisten mit den Deterministen. Im Unterschied zum Determinismus kommt der Fatalismus aber ohne die Annahme aus, dass alle Kausalketten auf eine rein mechanische Ursächlichkeit zurückführbar seien, die sämtliche Abläufe einschließlich der menschlichen Willensakte in allen Einzelheiten determiniere. In einer fatalistischen Weltanschauung sind nichtmechanische – auch metaphysische – Ursachen im Prinzip möglich. Außerdem erfordern nicht alle Ausprägungen des Fatalismus eine strenge Determiniertheit jedes einzelnen Ablaufs; in manchen Modellen sind nur zentrale Ereignisse, etwa Eckpunkte der Biografie, festgelegt. In vielen Varianten des Schicksalsglaubens wird keine absolute Einflusslosigkeit des Menschen angenommen; vielmehr kann man versuchen, auf die Schicksalsmacht einzuwirken, etwa durch [https://de.wikipedia.org/wiki/Magie magische] Praktiken oder religiöse Riten. Solche Konzepte sind nur bedingt, nicht im strengen Sinn, als fatalistisch zu bezeichnen, da sie eine gewisse Offenheit der Zukunft einräumen.<sup id="cite_ref-15" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Fatalismus#cite_note-15 [15]]</sup>
Der Schicksalsglaube zählt zwar zu den ältesten und verbreitetsten Phänomenen der Kulturgeschichte, doch gab es im Altertum noch kein eigenes Wort für die entsprechende Lebenseinstellung. Zur Bezeichnung der einschlägigen Konzepte dienten verschiedene Ausdrücke; man sprach von Notwendigkeit ([[Altgriechische Sprache|griechisch]] ἀνάγκη ''anánkē'', lateinisch ''necessitas''), Vorsehung (griechisch πρόνοια ''prónoia'', lateinisch ''providentia''), Schicksal im Sinne von Vorherbestimmung (griechisch εἱμαρμένη ''heimarménē'', lateinisch ''fatum'') und Schicksal im Sinne von glücklichem oder unglücklichem Geschehen (griechisch τύχη ''týchē'', lateinisch ''fortuna'').<ref>Siehe die Artikel zu den einzelnen Begriffen in dem von [[Christoph Horn]] und [[Christof Rapp]] herausgegebenen ''Wörterbuch der antiken Philosophie'', 2., überarbeitete Auflage, München 2008 sowie Margarita Kranz: ''Schicksal.'' In: ''Historisches Wörterbuch der Philosophie'', Band 8, Basel 1992, Sp. 1275–1289, hier: 1275.</ref>
 
Die Ausdrücke ''Fatalist'' und – davon abgeleitet – ''Fatalismus'' wurden erst in der [[Frühe Neuzeit|Frühen Neuzeit]] geläufig. Zwar schrieb schon im 13. Jahrhundert der [[Mozaraber|mozarabische]] Theologe und Islamkritiker Pedro Pascual, Bischof von [[Jaén]], eine Abhandlung „gegen die mohammedanischen Fatalisten“,<ref>Franziska Rehlinghaus: ''Die Semantik des Schicksals'', Göttingen 2015, S. 132.</ref> doch fand diese Wortschöpfung kaum Resonanz. Erst im späten 17. Jahrhundert führte der [[Cambridge]]r Philosoph [[Ralph Cudworth]] den Ausdruck ''fatalism'' in die philosophische Terminologie ein. In seiner 1678 veröffentlichten Abhandlung ''The True Intellectual System of the Universe'' wandte er sich gegen drei „Fatalismen“, bei denen es sich um falsche [[Hypothese]]n über das Universum handle.<ref>[[Michael Franz (Theologe)|Michael Franz]]: ''Schellings Tübinger Platon-Studien'', Göttingen 1996, S. 22 f.</ref> Seit 1724 ist ''fatalisme'' im Französischen belegt.<ref>[[Walther von Wartburg]]: ''[[Französisches Etymologisches Wörterbuch]]'', Band 3, Tübingen 1949, S. 434.</ref> Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Ausdruck ins Deutsche übernommen.<ref>Isolde Nortmeyer: ''fatal.'' In: Hans Schulz, [[Otto Basler]] (Hrsg.): ''Deutsches Fremdwörterbuch'', 2., neubearbeitete Auflage, Band 5, Berlin 2004, S. 737–742, hier: 737.</ref>
 
Die Terminologie von Cudworth und Gleichgesinnten entsprach keineswegs dem Selbstverständnis derjenigen, auf deren Ideen sie sich bezog. ''Fatalist'' und ''Fatalismus'' waren ursprünglich nur abwertende Kampfbegriffe, die zur Diskreditierung missliebiger Ansichten eingeführt und verbreitet wurden. Sie dienten der Polemik konservativer Kreise gegen damals umstrittene philosophische und theologische Modelle, die etablierte Vorstellungen über die menschliche Autonomie gefährdeten und dadurch revolutionär und bedrohlich wirkten. Zu den als „fatalistisch“ bekämpften Lehren zählten insbesondere die Systeme von [[Johannes Calvin]], [[Thomas Hobbes]] und [[Baruch de Spinoza]].<ref>Monika Oertner: ''Fatalismus'', Konstanz 2005, S. 16 f.; Jürgen Ruhnau: ''Fatalismus''. In: ''Historisches Wörterbuch der Philosophie'', Band 2, Basel 1972, Sp. 913–915.</ref>
 
Die Ausgangsbasis der Wort- und Begriffsschöpfung bildeten das lateinische [[Substantiv]] ''fatum'' (‚Schicksal‘) und das englische und französische [[Adjektiv]] ''fatal'', das auf das lateinische ''fatalis'' (‚das Schicksal betreffend‘, ‚schicksalhaft‘) zurückgeht. Der [[Etymologie]] nach ist ''fatum'' ‚das (von einer Gottheit) Gesagte (und damit Festgelegte)‘. Schon im klassischen Latein der Antike hatte ''fatalis'' auch die Bedeutungen ''verhängnisvoll'' und ''tödlich''. Mit diesem negativen Bedeutungsgehalt wurde das Eigenschaftswort in die [[Romanische Sprachen|romanischen Sprachen]] übernommen und gelangte als Fremdwort ''fatal'' auch ins Deutsche.<ref>Duden: ''Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache.'' Mannheim 2007, Lemma fatal.</ref> Der Aspekt des unabwendbaren Unheils schwingt traditionell in allen von dem lateinischen Wortstamm abgeleiteten Wörtern mit. Dieser Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass der Ausdruck ''Fatalismus'' aus dem Arsenal polemischer Kritik stammt und daher von Anfang an negativ [[Konnotation|konnotiert]] war. Der abwertende Beiklang ist auch heute noch präsent: In der Alltagssprache sind mit dem Wort die Vorstellungen von Ohnmacht und Ausgeliefertsein verbunden. Fatalismus wird als [[Pessimismus]] und Erwartung eines schlechten Ausgangs aufgefasst.<ref>Zur Wortgeschichte siehe Isolde Nortmeyer: ''fatal.'' In: Hans Schulz, Otto Basler (Hrsg.): ''Deutsches Fremdwörterbuch'', 2., neubearbeitete Auflage, Band 5, Berlin 2004, S. 737–742; zum umgangssprachlichen Fatalismusbegriff Monika Oertner: ''Fatalismus'', Konstanz 2005, S. 10–24. Vgl. Jürgen Ruhnau: ''Fatalismus''. In: ''Historisches Wörterbuch der Philosophie'', Band 2, Basel 1972, Sp. 913–915, hier: 913.</ref>
 
Allerdings ist in der [[Moderne]] auch eine Gegenbewegung zum verbreiteten [[Pejorativum|pejorativen]] Begriffsverständnis der Kritiker entstanden. [[Friedrich Nietzsche]] bekannte sich emphatisch zum Fatalismus. Dadurch wurde der Ausdruck ins Positive gewendet.<ref>Zu Nietzsches Ansatz siehe Marco Brusotti: ''Die Leidenschaft der Erkenntnis'', Berlin 1997, S. 454–471.</ref> Im wissenschaftlichen Diskurs ist eine wertneutrale Verwendung der Terminologie erwünscht.<ref>Monika Oertner: ''Fatalismus'', Konstanz 2005, S. 16 f.</ref>
 
Zur Definition des Fatalismus gehört die Abgrenzung von dem verwandten Begriff ''Determinismus'', der die These der Determiniertheit aller Ereignisse bezeichnet und erst im späten 18. Jahrhundert belegt ist.<ref>[[Heidrun Kämper]]: ''determinieren''. In: Hans Schulz, Otto Basler (Hrsg.): ''Deutsches Fremdwörterbuch'', 2., neubearbeitete Auflage, Band 4, Berlin 1999, S. 433–445, hier: 435.</ref> In der Frühen Neuzeit unterschied man noch nicht zwischen fatalistischem und deterministischem Gedankengut. Verteidiger der [[Freier Wille|Willensfreiheit]] pflegten alle Lehren, die eine bereits feststehende Zukunft beinhalten, gleichermaßen als fatalistisch zu brandmarken und zu bekämpfen.<ref>Monika Oertner: ''Fatalismus'', Konstanz 2005, S. 3, 16 f.</ref> Im modernen philosophischen Diskurs hat sich jedoch die Differenzierung zwischen Fatalismus und Determinismus durchgesetzt. Allerdings werden die beiden Bezeichnungen umgangssprachlich oft wie [[Synonym]]e verwendet, und auch in wissenschaftlichen Texten wird die Trennung nicht immer konsequent durchgeführt.<ref>Monika Oertner: ''Fatalismus''. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): ''Enzyklopädie Philosophie'', Band 1, Hamburg 2010, S. 701–706, hier: 701.</ref>
 
Wenn von Determinismus die Rede ist, sind im weitesten Sinne alle Systeme gemeint, die davon ausgehen, dass die Zukunft nicht offen ist, sondern „determiniert“, das heißt schon immer feststehend. Nach diesem Sprachgebrauch ist Determinismus der Oberbegriff für sämtliche Modelle, die von Fixiertheit der aufeinanderfolgenden Zustände ausgehen, und fatalistischer Schicksalsglaube ist eine Variante davon oder – als Lebensüberzeugung – eine Konsequenz daraus. Daher wird der religiöse Fatalismus mitunter auch als theologischer oder [[Metaphysik|metaphysischer]] Determinismus bezeichnet. Im engeren und geläufigeren Sinn ist mit Determinismus aber nur der „Kausaldeterminismus“ gemeint, der auf einer deterministischen Interpretation naturgesetzlicher Kausalität basiert. Dieser Ansatz geht von einem rein mechanischen Verständnis von Kausalität und Notwendigkeit aus. Man spricht daher auch von mechanistischem oder physikalischem Determinismus. Kausaldeterministen sind der Ansicht, dass durch den Zustand der Welt zu einem beliebigen Zeitpunkt zwangsläufig jeder Zustand zu einem späteren Zeitpunkt festgelegt sei. Sie werden seit der Frühen Neuzeit polemisch als Fatalisten angegriffen, obwohl ihr Weltbild keine Schicksalsvorstellung impliziert.<ref>Monika Oertner: ''Fatalismus''. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): ''Enzyklopädie Philosophie'', Band 1, Hamburg 2010, S. 701–706, hier: 701; Mark Bernstein: ''Fatalism.'' In: [[Robert Kane (Philosoph)|Robert Kane]] (Hrsg.): ''The Oxford Handbook of Free Will'', Oxford 2002, S. 65–81, hier: 67–69; [[Pirmin Stekeler-Weithofer]] u. a.: ''Determinismus/Indeterminismus.'' In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): ''Enzyklopädie Philosophie'', Band 1, Hamburg 2010, S. 382–395, hier: 382–384.</ref>
 
Den Ausgangspunkt des Fatalismus bildet die Annahme, dass künftige Ereignisse und Verhältnisse durch eine schon immer bestehende Notwendigkeit, der niemand entrinnen könne, festgelegt seien. Daran könnten keine gegenwärtigen oder künftigen Entscheidungen und Taten etwas ändern. Die Meinung, es liege in der Macht des Menschen, durch eine freie Willensentscheidung einen anderen Ausgang herbeizuführen, ist demnach eine Illusion. Diese Grundannahme teilen Fatalisten mit den Deterministen. Im Unterschied zum Determinismus kommt der Fatalismus aber ohne die Annahme aus, dass alle Kausalketten auf eine rein mechanische Ursächlichkeit zurückführbar seien, die sämtliche Abläufe einschließlich der menschlichen Willensakte in allen Einzelheiten determiniere. In einer fatalistischen Weltanschauung sind nichtmechanische – auch metaphysische – Ursachen im Prinzip möglich. Außerdem erfordern nicht alle Ausprägungen des Fatalismus eine strenge Determiniertheit jedes einzelnen Ablaufs; in manchen Modellen sind nur zentrale Ereignisse, etwa Eckpunkte der Biografie, festgelegt. In vielen Varianten des Schicksalsglaubens wird keine absolute Einflusslosigkeit des Menschen angenommen; vielmehr kann man versuchen, auf die Schicksalsmacht einzuwirken, etwa durch [[Magie|magische]] Praktiken oder religiöse Riten. Solche Konzepte sind nur bedingt, nicht im strengen Sinn, als fatalistisch zu bezeichnen, da sie eine gewisse Offenheit der Zukunft einräumen.<ref>Siehe zur Abgrenzung von Fatalismus und Determinismus Mark H. Bernstein: ''Fatalism'', Lincoln/London 1992, S. 61–65; Monika Oertner: ''Fatalismus''. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): ''Enzyklopädie Philosophie'', Band 1, Hamburg 2010, S. 701–706, hier: 701 f.</ref>


=== [[Voraussetzungen und Grundzüge fatalistischer Modelle]] ===
=== Voraussetzungen und Grundzüge fatalistischer Modelle ===
[[Voraussetzungen und Grundzüge fatalistischer Modelle]]


=== [[Fatalismus Erscheinungsformen im Altertum|Erscheinungsformen im Altertum]] ===
=== Fatalismus Erscheinungsformen im Altertum|Erscheinungsformen im Altertum ===
[[Fatalismus Erscheinungsformen im Altertum|Erscheinungsformen im Altertum]]


=== [[Fatalismus mittelalterliche Auffassungen|Mittelalterliche Auffassungen]] ===
=== Fatalismus mittelalterliche Auffassungen|Mittelalterliche Auffassungen ===
[[Fatalismus mittelalterliche Auffassungen|Mittelalterliche Auffassungen]]


=== [[Fatalismus Rezeption in der Moderne|Rezeption in der Moderne]] ===
=== Fatalismus Rezeption in der Moderne|Rezeption in der Moderne ===
[[Fatalismus Rezeption in der Moderne|Rezeption in der Moderne]]


=== [[Fatalismus europäisches Sagengut und Brauchtum|Europäisches Sagengut und Brauchtum]] ===
=== [[Fatalismus europäisches Sagengut und Brauchtum|Europäisches Sagengut und Brauchtum]] ===

Version vom 28. März 2026, 20:29 Uhr

Der Anfang der Erzählung Jacques der Fatalist und sein Herr von Denis Diderot in der Erstausgabe von 1796: Die Titelfigur trägt das Prinzip des Fatalismus vor.

Als Fatalismus (von lat. fatalis ‚das Schicksal betreffend‘) bezeichnet man eine Weltanschauung, der zufolge das Geschehen in Natur und Gesellschaft durch eine höhere Macht oder aufgrund logischer Notwendigkeit vorherbestimmt ist. Aus der Sicht von Fatalisten sind die Fügungen des Schicksals unausweichlich, der Wille des Menschen kann ihnen nichts entgegensetzen. Daraus ergibt sich aber nicht zwangsläufig die Folgerung, menschliche Entscheidungen und Handlungen seien nahezu bedeutungslos. Mit der Überzeugung vom eigenen Ausgeliefertsein verbindet sich im Fatalismus eine davon geprägte sorglose Gefühlslage und Lebenseinstellung, die „Schicksalsergebenheit“.

Kennzeichnend für den Fatalismus ist die Annahme einer universell wirkenden Instanz oder einer logischen Zwangsläufigkeit, die den Geschichtsverlauf ebenso wie die individuellen Schicksale von vornherein festgelegt hat. Die bestimmende Instanz kann die Vorsehung einer Gottheit sein, die den Gang der Ereignisse von Anfang an geplant und arrangiert hat, oder eine unpersönliche Macht, die im Rahmen einer kosmischen Ordnung für einen bestimmten fixierten Ablauf sorgt. Eine alternative Begründung postuliert die Gleichsetzung des Möglichen mit dem Tatsächlichen als Erfordernis der Logik. Von diesen fatalistischen Konzepten unterscheidet sich der Ansatz des „kausalen Determinismus“, der alle Ereignisse als notwendige Folgen ihrer Ursachen im Rahmen einer lückenlosen naturgesetzlichen Kausalität erklärt.

Allgemeinsprachlich versteht man unter Fatalismus in erster Linie die Bereitschaft, die angenommene Unvermeidlichkeit der schicksalhaften Abläufe zu akzeptieren. Das Spektrum fatalistischer Einstellungen reicht von einem resignierten Hinnehmen des Unabänderlichen bis zur enthusiastischen Verherrlichung der bestehenden Gegebenheiten und des sich darin heroisch behauptenden Individuums. Für die emphatische Schicksalsbejahung hat sich die von Friedrich Nietzsche geprägte lateinische Bezeichnung amor fati (‚Liebe zum Schicksal‘) eingebürgert.

In Philosophie und Theologie werden fatalistische und deterministische Lehren seit der Antike kontrovers erörtert. Philosophisch wird die Fixiertheit der Zukunft oft mit der allgemeinen Gültigkeit des Prinzips der Zweiwertigkeit begründet, wonach Aussagen über Zukünftiges zeitunabhängig entweder wahr oder unwahr sind. Dieser Ansatz wird logischer Fatalismus genannt. Eine andere Ausgangsbasis hat der religiöse Fatalismus. Er beruht auf dem Konzept der Prädestination, der göttlichen Vorherbestimmung, die aus Offenbarungsschriften oder Prophezeiungen abgeleitet wird. Historisch besonders wirkmächtige Erscheinungsformen sind die Prädestinationslehren der Stoiker, des Calvinismus und des Islams. Einen Sonderfall bildet der astrologische Fatalismus, der die Schicksalsmacht mit Gestirnkonstellationen verbindet.

Als kulturübergreifendes Phänomen zeigt sich der Fatalismus in den meist weiblichen Schicksalsgottheiten von Mythen und Traditionen des Volksglaubens. Im Sagengut und Brauchtum zahlreicher europäischer Völker ist seit der Antike der Glaube an die drei „Schicksalsfrauen“ verankert, die nach der Geburt eines Kindes dessen Geschicke festlegen, insbesondere die Lebensdauer.

Auf verbreitete Ablehnung stößt der Fatalismus ebenso wie der Determinismus wegen seiner Konsequenzen für die Ethik. Kritiker machen geltend, er lähme die Tatkraft, verneine die menschliche Autonomie und unterminiere die moralische Verantwortlichkeit.

Definition und Begriffsgeschichte

Der Schicksalsglaube zählt zwar zu den ältesten und verbreitetsten Phänomenen der Kulturgeschichte, doch gab es im Altertum noch kein eigenes Wort für die entsprechende Lebenseinstellung. Zur Bezeichnung der einschlägigen Konzepte dienten verschiedene Ausdrücke; man sprach von Notwendigkeit (griechisch ἀνάγκη anánkē, lateinisch necessitas), Vorsehung (griechisch πρόνοια prónoia, lateinisch providentia), Schicksal im Sinne von Vorherbestimmung (griechisch εἱμαρμένη heimarménē, lateinisch fatum) und Schicksal im Sinne von glücklichem oder unglücklichem Geschehen (griechisch τύχη týchē, lateinisch fortuna).[1]

Die Ausdrücke Fatalist und – davon abgeleitet – Fatalismus wurden erst in der Frühen Neuzeit geläufig. Zwar schrieb schon im 13. Jahrhundert der mozarabische Theologe und Islamkritiker Pedro Pascual, Bischof von Jaén, eine Abhandlung „gegen die mohammedanischen Fatalisten“,[2] doch fand diese Wortschöpfung kaum Resonanz. Erst im späten 17. Jahrhundert führte der Cambridger Philosoph Ralph Cudworth den Ausdruck fatalism in die philosophische Terminologie ein. In seiner 1678 veröffentlichten Abhandlung The True Intellectual System of the Universe wandte er sich gegen drei „Fatalismen“, bei denen es sich um falsche Hypothesen über das Universum handle.[3] Seit 1724 ist fatalisme im Französischen belegt.[4] Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Ausdruck ins Deutsche übernommen.[5]

Die Terminologie von Cudworth und Gleichgesinnten entsprach keineswegs dem Selbstverständnis derjenigen, auf deren Ideen sie sich bezog. Fatalist und Fatalismus waren ursprünglich nur abwertende Kampfbegriffe, die zur Diskreditierung missliebiger Ansichten eingeführt und verbreitet wurden. Sie dienten der Polemik konservativer Kreise gegen damals umstrittene philosophische und theologische Modelle, die etablierte Vorstellungen über die menschliche Autonomie gefährdeten und dadurch revolutionär und bedrohlich wirkten. Zu den als „fatalistisch“ bekämpften Lehren zählten insbesondere die Systeme von Johannes Calvin, Thomas Hobbes und Baruch de Spinoza.[6]

Die Ausgangsbasis der Wort- und Begriffsschöpfung bildeten das lateinische Substantiv fatum (‚Schicksal‘) und das englische und französische Adjektiv fatal, das auf das lateinische fatalis (‚das Schicksal betreffend‘, ‚schicksalhaft‘) zurückgeht. Der Etymologie nach ist fatum ‚das (von einer Gottheit) Gesagte (und damit Festgelegte)‘. Schon im klassischen Latein der Antike hatte fatalis auch die Bedeutungen verhängnisvoll und tödlich. Mit diesem negativen Bedeutungsgehalt wurde das Eigenschaftswort in die romanischen Sprachen übernommen und gelangte als Fremdwort fatal auch ins Deutsche.[7] Der Aspekt des unabwendbaren Unheils schwingt traditionell in allen von dem lateinischen Wortstamm abgeleiteten Wörtern mit. Dieser Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass der Ausdruck Fatalismus aus dem Arsenal polemischer Kritik stammt und daher von Anfang an negativ konnotiert war. Der abwertende Beiklang ist auch heute noch präsent: In der Alltagssprache sind mit dem Wort die Vorstellungen von Ohnmacht und Ausgeliefertsein verbunden. Fatalismus wird als Pessimismus und Erwartung eines schlechten Ausgangs aufgefasst.[8]

Allerdings ist in der Moderne auch eine Gegenbewegung zum verbreiteten pejorativen Begriffsverständnis der Kritiker entstanden. Friedrich Nietzsche bekannte sich emphatisch zum Fatalismus. Dadurch wurde der Ausdruck ins Positive gewendet.[9] Im wissenschaftlichen Diskurs ist eine wertneutrale Verwendung der Terminologie erwünscht.[10]

Zur Definition des Fatalismus gehört die Abgrenzung von dem verwandten Begriff Determinismus, der die These der Determiniertheit aller Ereignisse bezeichnet und erst im späten 18. Jahrhundert belegt ist.[11] In der Frühen Neuzeit unterschied man noch nicht zwischen fatalistischem und deterministischem Gedankengut. Verteidiger der Willensfreiheit pflegten alle Lehren, die eine bereits feststehende Zukunft beinhalten, gleichermaßen als fatalistisch zu brandmarken und zu bekämpfen.[12] Im modernen philosophischen Diskurs hat sich jedoch die Differenzierung zwischen Fatalismus und Determinismus durchgesetzt. Allerdings werden die beiden Bezeichnungen umgangssprachlich oft wie Synonyme verwendet, und auch in wissenschaftlichen Texten wird die Trennung nicht immer konsequent durchgeführt.[13]

Wenn von Determinismus die Rede ist, sind im weitesten Sinne alle Systeme gemeint, die davon ausgehen, dass die Zukunft nicht offen ist, sondern „determiniert“, das heißt schon immer feststehend. Nach diesem Sprachgebrauch ist Determinismus der Oberbegriff für sämtliche Modelle, die von Fixiertheit der aufeinanderfolgenden Zustände ausgehen, und fatalistischer Schicksalsglaube ist eine Variante davon oder – als Lebensüberzeugung – eine Konsequenz daraus. Daher wird der religiöse Fatalismus mitunter auch als theologischer oder metaphysischer Determinismus bezeichnet. Im engeren und geläufigeren Sinn ist mit Determinismus aber nur der „Kausaldeterminismus“ gemeint, der auf einer deterministischen Interpretation naturgesetzlicher Kausalität basiert. Dieser Ansatz geht von einem rein mechanischen Verständnis von Kausalität und Notwendigkeit aus. Man spricht daher auch von mechanistischem oder physikalischem Determinismus. Kausaldeterministen sind der Ansicht, dass durch den Zustand der Welt zu einem beliebigen Zeitpunkt zwangsläufig jeder Zustand zu einem späteren Zeitpunkt festgelegt sei. Sie werden seit der Frühen Neuzeit polemisch als Fatalisten angegriffen, obwohl ihr Weltbild keine Schicksalsvorstellung impliziert.[14]

Den Ausgangspunkt des Fatalismus bildet die Annahme, dass künftige Ereignisse und Verhältnisse durch eine schon immer bestehende Notwendigkeit, der niemand entrinnen könne, festgelegt seien. Daran könnten keine gegenwärtigen oder künftigen Entscheidungen und Taten etwas ändern. Die Meinung, es liege in der Macht des Menschen, durch eine freie Willensentscheidung einen anderen Ausgang herbeizuführen, ist demnach eine Illusion. Diese Grundannahme teilen Fatalisten mit den Deterministen. Im Unterschied zum Determinismus kommt der Fatalismus aber ohne die Annahme aus, dass alle Kausalketten auf eine rein mechanische Ursächlichkeit zurückführbar seien, die sämtliche Abläufe einschließlich der menschlichen Willensakte in allen Einzelheiten determiniere. In einer fatalistischen Weltanschauung sind nichtmechanische – auch metaphysische – Ursachen im Prinzip möglich. Außerdem erfordern nicht alle Ausprägungen des Fatalismus eine strenge Determiniertheit jedes einzelnen Ablaufs; in manchen Modellen sind nur zentrale Ereignisse, etwa Eckpunkte der Biografie, festgelegt. In vielen Varianten des Schicksalsglaubens wird keine absolute Einflusslosigkeit des Menschen angenommen; vielmehr kann man versuchen, auf die Schicksalsmacht einzuwirken, etwa durch magische Praktiken oder religiöse Riten. Solche Konzepte sind nur bedingt, nicht im strengen Sinn, als fatalistisch zu bezeichnen, da sie eine gewisse Offenheit der Zukunft einräumen.[15]

Voraussetzungen und Grundzüge fatalistischer Modelle

Voraussetzungen und Grundzüge fatalistischer Modelle

Fatalismus Erscheinungsformen im Altertum|Erscheinungsformen im Altertum

Erscheinungsformen im Altertum

Fatalismus mittelalterliche Auffassungen|Mittelalterliche Auffassungen

Mittelalterliche Auffassungen

Fatalismus Rezeption in der Moderne|Rezeption in der Moderne

Rezeption in der Moderne

  1. ↑ Siehe die Artikel zu den einzelnen Begriffen in dem von Christoph Horn und Christof Rapp herausgegebenen Wörterbuch der antiken Philosophie, 2., überarbeitete Auflage, München 2008 sowie Margarita Kranz: Schicksal. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 8, Basel 1992, Sp. 1275–1289, hier: 1275.
  2. ↑ Franziska Rehlinghaus: Die Semantik des Schicksals, Göttingen 2015, S. 132.
  3. ↑ Michael Franz: Schellings Tübinger Platon-Studien, Göttingen 1996, S. 22 f.
  4. ↑ Walther von Wartburg: Französisches Etymologisches Wörterbuch, Band 3, Tübingen 1949, S. 434.
  5. ↑ Isolde Nortmeyer: fatal. In: Hans Schulz, Otto Basler (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch, 2., neubearbeitete Auflage, Band 5, Berlin 2004, S. 737–742, hier: 737.
  6. ↑ Monika Oertner: Fatalismus, Konstanz 2005, S. 16 f.; Jürgen Ruhnau: Fatalismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 2, Basel 1972, Sp. 913–915.
  7. ↑ Duden: Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Mannheim 2007, Lemma fatal.
  8. ↑ Zur Wortgeschichte siehe Isolde Nortmeyer: fatal. In: Hans Schulz, Otto Basler (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch, 2., neubearbeitete Auflage, Band 5, Berlin 2004, S. 737–742; zum umgangssprachlichen Fatalismusbegriff Monika Oertner: Fatalismus, Konstanz 2005, S. 10–24. Vgl. Jürgen Ruhnau: Fatalismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 2, Basel 1972, Sp. 913–915, hier: 913.
  9. ↑ Zu Nietzsches Ansatz siehe Marco Brusotti: Die Leidenschaft der Erkenntnis, Berlin 1997, S. 454–471.
  10. ↑ Monika Oertner: Fatalismus, Konstanz 2005, S. 16 f.
  11. ↑ Heidrun Kämper: determinieren. In: Hans Schulz, Otto Basler (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch, 2., neubearbeitete Auflage, Band 4, Berlin 1999, S. 433–445, hier: 435.
  12. ↑ Monika Oertner: Fatalismus, Konstanz 2005, S. 3, 16 f.
  13. ↑ Monika Oertner: Fatalismus. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie, Band 1, Hamburg 2010, S. 701–706, hier: 701.
  14. ↑ Monika Oertner: Fatalismus. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie, Band 1, Hamburg 2010, S. 701–706, hier: 701; Mark Bernstein: Fatalism. In: Robert Kane (Hrsg.): The Oxford Handbook of Free Will, Oxford 2002, S. 65–81, hier: 67–69; Pirmin Stekeler-Weithofer u. a.: Determinismus/Indeterminismus. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie, Band 1, Hamburg 2010, S. 382–395, hier: 382–384.
  15. ↑ Siehe zur Abgrenzung von Fatalismus und Determinismus Mark H. Bernstein: Fatalism, Lincoln/London 1992, S. 61–65; Monika Oertner: Fatalismus. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie, Band 1, Hamburg 2010, S. 701–706, hier: 701 f.