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DG1G/Geschichte der Schrift

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▷Selbst die Geschichte der Schrift ergibt einiges. Daß unsere Vorfahren schon bevor noch die Goten Hand an Übersetzung der heiligen Bücher legten, der Schreibkunst pflagen, ist aus der Beschaffenheit des gotischen Alphabets wahrscheinlich, in welchem griechische und lateinische Buchstaben unter runische genommen werden, trügt nicht vieles, so war der Gebrauch der Runen wenigstens einzelnen deutschen und auch slavischen Stämmen vor ihrer Bekehrung aus dem Heidentum kund. Bei den Slaven trägt die ältere Glagoliza noch Spuren dieses Zusammenhange mit der Runenschrift an sich; auf die Kyrilliza wirkte das griechische Alphabet stärker ein als auf das gotische. Den übertriebnen Vorwurf der Roheit und Barbarei der Deutschen in den ersten Jahrhunderten, wie ihn schon die Beschaffenheit der alten Sprache abwendet, tilgt auch das frühe Vorhandensein der Runen. dabei muß nicht übersehn bleiben, daß Verschiedenheiten der nordischen, sächsischen, markomannischen und gotischen Runschrift eintraten, und eben diese Ausdehnung ihr höheres Alter mit erbürgt. Wenn in alliterierenden Liedern, namentlich dem wessobrunner Denkmal, dem ags. Beovulf und der Elene noch einzelne Runen geschrieben stehn[1]; so scheint mir das merkwürdig auf ihre Anwendung in heidnischen Gedichten zu weisen. Mehrere Runenalphabete überliefern uns Namen der Buchstaben in abweichenden für die Untersuchung der Laute lehrreichen Formen. Nicht weniger lassen sich aus der verschiednen Anordnung der Alphabete, der davon mit abhängigen Bestimmung der Buchstaben für den Zahlwert, wie aus den Richtungen der Runen nach der rechten, oder linken Seite Folgerungen ziehen, die ein höheres Alter dieser Schrift bezeugen und ihren Zusammenhang mit der griechischen und lateinischen auf andere Weise, als bisher zu geschehn pflegt, ermitteln.


▷Man begreift warum den Runen etwas heidnisches anklebte und warum sie unter den Christen verschwanden; im Norden dauerten sie, weil das Heidentum länger anhielt. Überall wurde sonst von den Latein schreibenden und redenden geistlichen lateinische Schrift an die Stelle der runischen gesetzt; bloß für die eigentümlichen Laute þorn und ven blieb bei den Angelsachsen der Runbuchstab in hergebrachtem Recht, in den hss. des alts. Heliand erscheinen beide aufgelöst in th und uu, und auf welche Weise ihrer die ahd. Sprache noch füglicher entraten konnte, wird die Lautlehre auseinandersetzen.

▷Das ganze Mittelalter hindurch bis auf den heutigen Tag währt die lateinische Schrift unter allen Völkern deutscher und romanischer Zunge, auch bei den meisten Slaven, bei den Letten, Finnen und Ungern; nur daß sich im Laufe der Jahrhunderte verschiedentlich die schönen runden Züge der lateinischen Minuskel in Ecken geschärft, die der Majuskel in Schnörkel verunstaltet haben. Es geschieht ohne vernünftigen Grund, daß man diese verdorbene Schrift, wie sie zur Zeit der erfundnen Druckerei sich gerade gebildet hatte, eine Gotische oder Deutsche nennt. die Goten waren längst ausgestorben, und außer deutschen Handschriften und Drucken herrschte die scharfeckige Buchstabenform ebenso in allen lateinischen, französischen, italienischen, slavischen. Nachdem die meisten übrigen Nationen in Europa zu der edleren und gefälligeren Gestalt der Schrift zurückgekehrt sind, hat sich unter uns, zum Teil auch noch den Dänen, Schweden, Finnen, Litthauern, Wenden und Böhmen jenes verzerrte Alphabet für die Schrift und den Druck einheimischer Sprache im Gegensatz zur lateinischen behauptet: es könnte mit gleichem Fug z. B. das böhmische wie das deutsche heißen, und darf durchaus nicht für eine organische Modifikation der lateinischen Schrift zum Behuf der deutschen Sprache gelten, da es nirgend eigentümliche einfache Zeichen zu den deutschen Lauten eingeführt, sondern alle unsere unbequemen Doppelbuchstaben wie ch, sch, ß gelassen hat.[2] Nicht genug daß diese Schrift das Auge beleidigt, Schreiben und Druck mühsamer macht, sie hindert auch die Verbreitung unsrer Literatur im Ausland.

▷Hierzu tritt aber noch etwas anderes. Die häßlichste Entstellung ist ohne Zweifel der römischen Majuskel widerfahren[3]deren Anwendung unter der Minuskel nur sein kann, den Beginn der Sätze und Reihen, dann aber Eigennamen hervorzuheben, so wird sie allenthalben in griechischen oder lateinischen Büchern, namentlich auch in deutschen Handschriften des ganzen Mittelalters, und noch in den Drucken des 15, zum Teil des 16 Jh. gebraucht. Der Majuskel andere Ausdehnung einräumen heißt die Würde der Sprache verletzen, welche der Schrift keinen Vorrang gestatten, sondern völlige Neutralität von ihr fordern darf, wozu sollen Substantiva, die in der Rede nicht stärker betont sind als Adjektiva und Verba, vor diesen ausgezeichnet werden? Spuren des Misbrauchs zeigen sich bis ins 14 und 13 Jh. hinauf bei Urkundenschreibern, denen geringere Sprachkunde beiwohnte als den Abschreibern der Bücher[4]. im Laufe des 16 Jh. dringt jedoch in unsere Drucke diese schwankende Erweiterung des rechts der großen Buchstaben: außer den Eigennamen verlieh man sie erst den Appellativen, allmälich sächlichen und Abstrakten, endlich allen und jeden Substantiven[5]. Zur Zeit des 16 jh., als unsre Sprache wie nimmer niederlag und sank, konnte sich der Unfug fester einnisten, gleich als müßte deutsche Rede, innen bereits um ihre Gedrungenheit gebracht, auch äußerlich schleppend dargestellt werden. Dabei ging jener eigentliche Zweck der Majuskel ganz verloren, weil es dem Überblick nunmehr erschwert statt erleichtert wird, den beginn der Sätze und die aufgesuchten, den Inhalt lenkenden Nomina propria unter der Menge gleich ausgezeichneter Wörter heraus zu finden, sogar bei heiligen Wörtern, die keinen Eigennamen enthalten, wie Gott, Herr, König scheint das hervorheben nur kleinlich: man hat auch wohl in lat. Drucken Deus, Dominus, Rex versucht, in griechischen nimmt an ϑεός, κύριος, βασιλεύς keiner Anstoß.[6]

▷Es ist nicht zu spät, und leicht genug, einer so peinlichen und unnützen Schreibweise zu entsagen, welche sich von uns lediglich Dänen und Litthauer[7] haben aufbürden lassen, Schweden und Engländer bald nach den ersten versuchen[8], in richtigerem Takt und gesunderem Sprachgefühl, wieder ablegten, selbst in unsrer Mitte ist sie nie völlig durchgedrungen: es gab noch im 17. und 18. Jh. Schriftsteller, die mit Verschmähung der Neuerung die althergebrachte Einfachheit nicht verjähren ließen[9]. Augenscheinlich rührt in den Ausgaben deutscher Dichter das widerwärtige brechen der Verse oft her von Häufung der gespreizten Majuskel.

Wer den Namen unsers Volks mit T schreibt, sündet wieder den Sprachgeist; wer die sogenannte deutsche Schritt braucht, schreibt barbarisch, wer große Buchstaben für den Anlaut der Substantive, schreibt pedantisch.

  1. ↑ 1) Im Norden auch später, z. B. in einer hs. der Olaf Tryggvasonar Saga.
  2. ↑ 1) Und schon das macht sie verwerflich, daß sie nicht alle Lautunterscheidungen darzustellen vermag, z. B. in der Majuskel fallen ihr L und J zusammen, in der Minuskel mangelt æ, ce, ë; Akzente und Zirkumflex gewährt sie vollends nicht.
  3. ↑ 2) Man halte B P G l zu 𝕭 𝔓 𝔊 ℑ auf Stein als Kapitalschrift ist soche ungeheuer weder einzuhauen noch zu lesen leicht.
  4. ↑ 3) Höfers Sammlung deutscher Urkunden, an vielen Stellen.
  5. ↑ 4) Bei Hans Sachs wenig oder keine falsche große Buchstaben, bei Burcard Waldis selten; Luther meidet sie noch 1522, nicht mehr 1545, doch mit mancher Ausnahme; bei Fischart überwiegen sie.
  6. ↑ 1) In geistlichen Büchern findet man GOtt, HErr.
  7. ↑ 2) nicht Letten.
  8. ↑ 3) namentlich in Ausgaben des Spectator. Einzelne holländische Schriftsteiler bedienen sich der großen Buchstaben selbst noch heute, doch nie für alle Subst. , sondern bloß zur Hervorhebung der Hauptbegriffe, um die es sich gerade handelt.
  9. ↑ 4) Von den meisten Ausgaben der heil. Schrift und der vielen Gesangbücher abgesehn, in welchen das volle nie großer Buchstaben bedurfte, gebe ich hier Beispiele: Christ. Weisen erznarren (Lp. 1672. 1704) und klügste leute (Lp. 1673. 1682) ; gespräche von mehr als einer weit (Lp. 1698, verdeutscht aus Fontenelles pluralité des mondes); Hoffmanswaldaus gedichte (Lp. 1697); asiatische Banise, vierter druck (Lp. 1707, ob frühere? weitß ich nicht); Gundlings samlung kleiner teutscher schriften (Halle 1738); Joh. Matth. Gesners ehrest, ciceroniana (Jena 1734); Brockcs irdisches vergnügen (Zürch 1740); Joh. Andr. Fabricius in den braunschw. anz. 1745 p. 243—46/370—77;Joh. Geo. Estor in allen seinen deutschen büchern (1730 — 1770)|; Orths frankfurter reformation (1731—1757) rechtshändel (1763— 1768); Damms homer. Iexicon (Berl. 1764); Joh. Andr. Hofmanns deutsche reichspraxis (Frankf. 1765) ; (Klöbers) Schlesien vor und seit dem jähr 1740 (Freiburg 1785)'; Wielands kleinere prosaische Schriften (Lp. Weidmann 1785); Wielands neue göttergespräche (Lp. Göschen 1791); Albrechts von Wallenstein lebensgeschichte (von einem preull. general, Berl. 1797); zweite ausg. des vossischen Homers (Königsb. 1802); Baggesens Pardjeriais (Amst. 1808); Godofr. Hermanni opuscula 1, 1U4 (Lp. 1827) de ellipsi et pleon. p. 121.