DG1G/Geschichte der Schrift/04
▷Hierzu tritt aber noch etwas anderes. Die häßlichste Entstellung ist ohne Zweifel der römischen Majuskel widerfahren[1]deren Anwendung unter der Minuskel nur sein kann, den Beginn der Sätze und Reihen, dann aber Eigennamen hervorzuheben, so wird sie allenthalben in griechischen oder lateinischen Büchern, namentlich auch in deutschen Handschriften des ganzen Mittelalters, und noch in den Drucken des 15, zum Teil des 16 Jh. gebraucht. Der Majuskel andere Ausdehnung einräumen heißt die Würde der Sprache verletzen, welche der Schrift keinen Vorrang gestatten, sondern völlige Neutralität von ihr fordern darf, wozu sollen Substantiva, die in der Rede nicht stärker betont sind als Adjektiva und Verba, vor diesen ausgezeichnet werden? Spuren des Misbrauchs zeigen sich bis ins 14 und 13 Jh. hinauf bei Urkundenschreibern, denen geringere Sprachkunde beiwohnte als den Abschreibern der Bücher[2]. im Laufe des 16 Jh. dringt jedoch in unsere Drucke diese schwankende Erweiterung des rechts der großen Buchstaben: außer den Eigennamen verlieh man sie erst den Appellativen, allmälich sächlichen und Abstrakten, endlich allen und jeden Substantiven[3]. Zur Zeit des 16 jh., als unsre Sprache wie nimmer niederlag und sank, konnte sich der Unfug fester einnisten, gleich als müßte deutsche Rede, innen bereits um ihre Gedrungenheit gebracht, auch äußerlich schleppend dargestellt werden. Dabei ging jener eigentliche Zweck der Majuskel ganz verloren, weil es dem Überblick nunmehr erschwert statt erleichtert wird, den beginn der Sätze und die aufgesuchten, den Inhalt lenkenden Nomina propria unter der Menge gleich ausgezeichneter Wörter heraus zu finden, sogar bei heiligen Wörtern, die keinen Eigennamen enthalten, wie Gott, Herr, König scheint das hervorheben nur kleinlich: man hat auch wohl in lat. Drucken Deus, Dominus, Rex versucht, in griechischen nimmt an ϑεός, κύριος, βασιλεύς keiner Anstoß.[4]
- ↑ 2) Man halte B P G l zu 𝕭 𝔓 𝔊 ℑ auf Stein als Kapitalschrift ist soche ungeheuer weder einzuhauen noch zu lesen leicht.
- ↑ 3) Höfers Sammlung deutscher Urkunden, an vielen Stellen.
- ↑ 4) Bei Hans Sachs wenig oder keine falsche große Buchstaben, bei Burcard Waldis selten; Luther meidet sie noch 1522, nicht mehr 1545, doch mit mancher Ausnahme; bei Fischart überwiegen sie.
- ↑ 1) In geistlichen Büchern findet man GOtt, HErr.