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DG1G/Geschichte der Schrift/03

aus AufEinWort, der freien Forschung

▷Das ganze Mittelalter hindurch bis auf den heutigen Tag währt die lateinische Schrift unter allen Völkern deutscher und romanischer Zunge, auch bei den meisten Slaven, bei den Letten, Finnen und Ungern; nur daß sich im Laufe der Jahrhunderte verschiedentlich die schönen runden Züge der lateinischen Minuskel in Ecken geschärft, die der Majuskel in Schnörkel verunstaltet haben. Es geschieht ohne vernünftigen Grund, daß man diese verdorbene Schrift, wie sie zur Zeit der erfundnen Druckerei sich gerade gebildet hatte, eine Gotische oder Deutsche nennt. die Goten waren längst ausgestorben, und außer deutschen Handschriften und Drucken herrschte die scharfeckige Buchstabenform ebenso in allen lateinischen, französischen, italienischen, slavischen. Nachdem die meisten übrigen Nationen in Europa zu der edleren und gefälligeren Gestalt der Schrift zurückgekehrt sind, hat sich unter uns, zum Teil auch noch den Dänen, Schweden, Finnen, Litthauern, Wenden und Böhmen jenes verzerrte Alphabet für die Schrift und den Druck einheimischer Sprache im Gegensatz zur lateinischen behauptet: es könnte mit gleichem Fug z. B. das böhmische wie das deutsche heißen, und darf durchaus nicht für eine organische Modifikation der lateinischen Schrift zum Behuf der deutschen Sprache gelten, da es nirgend eigentümliche einfache Zeichen zu den deutschen Lauten eingeführt, sondern alle unsere unbequemen Doppelbuchstaben wie ch, sch, ß gelassen hat.[1] Nicht genug daß diese Schrift das Auge beleidigt, Schreiben und Druck mühsamer macht, sie hindert auch die Verbreitung unsrer Literatur im Ausland.


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  1. ↑ 1) Und schon das macht sie verwerflich, daß sie nicht alle Lautunterscheidungen darzustellen vermag, z. B. in der Majuskel fallen ihr L und J zusammen, in der Minuskel mangelt æ, ce, ë; Akzente und Zirkumflex gewährt sie vollends nicht.