DG1G/Einleitung/03
▷Die östlichsten Stämme, die sich jugendlich und nicht ohne Glanz ausgebreitet hatten, sind erloschen, mit vollem Recht wird ihre Sprache nach den Goten benannt, aus deren Zeit und Mitte uns noch genügende, zweimal gerettete Reste einer unsterblichen Arbeit verbleiben, ohne welche es in der Geschichte deutscher Sprache nur gedämmert, nie getagt hätte. Wir überschauen den edeln Reichtum des gotischen Wortvorrats vielleicht nicht zur Hälfte, doch so daß uns die Regeln der Formen wohl meistenteils offenbar werden, der Mundart verschwistert war ohne Zweifel die der Gepiden, Vandalen, Herulen, vielleicht der Bastarnen, obschon Verschiedenheiten eingetreten sein müssen, wie sie selbst noch an wenigen Eigennamen, die uns Prokop und andere überliefert haben, zu erkennen sind, alle Heldenlieder der Goten gehen uns ab, und daß ihre Dichter, nach der Bekehrung, christliche Stoffe behandelt hätten, wird nirgend versichert.