DG1G/Einleitung/18
▷Dieses characteristische und für die Erforschung unserer Sprache höchst willkommne Merkmal scheint gleichwohl keinen ursprünglichen, nur einen historischen Unterschied zu liefern, von dem in frühen Zeiten der hochdeutsche, in noch früheren alle übrigen deutschen Stämme nicht betroffen wurden, er zeigt bloß eine im Verlauf der Jahrhunderte eingetretne Richtung an, durch welche der eigentlichen und nahen Gemeinschaft des gesammten deutschen Volks kein Eintrag geschieht. Hiervon zeugen uns merkwürdige Ausnahmen und Unterbrechungen, denen die Regel der Lautverschiebung einzeln und sogar Reihenweise unterliegt, ohne dadurch überhaupt aufgehoben zu werden, solche Ausnahmen sind zumal bei dem Verhältnis der besonderen Mundarten beachtungswert, die zusammen den hochdeutschen Sprachstamm bilden, für den Dialekt, in welchem die hochdeutsche Lautsenkung am reinsten durchgedrungen ist, werde ich mich hin und wieder der Benennung des Strengalthochdeutschen bedienen, ohne daß damit eben auf einen bestimmten Volksschlag gewiesen würde, der jedoch kaum ein andrer als der alamannische sein könnte. Im Mittelhochdeutsch, nochmehr im Neuhochdeutsch weicht diese Strenge ganz: ein Beweis wie sehr unsre Schriftsprache, obschon von der alamannischen Mundart ausgegangen, in allmälichem Fortschritt sich doch wieder den übrigen zu nähern strebte.