Zum Inhalt springen

GDSG/Einwanderung/09

aus AufEinWort, der freien Forschung

▷Solche Zweifel fanden schon vor alters Raum und unsre frühsten Berichterstatter über gallische Völkerschaften durchschauten das Verhältnis nicht. Es ist mir wichtig hier die Stellen Caesars und Tacitus auszuheben. Caesar, der das vordringen germanischer Sueven in Gallien selbst erlebte, aber noch Helvetier, Bojen und Tektosagen auf germanischem Boden jenseits wußte, deutet sich diese östlichen Gallier folgendermaßen 6, 24:

ac fuit antea tempus quum Germanos Galli virtute superarent et ultro bella inferrent, ac propter hominum multitudinem agrique inopiam trans Rhenum colonias mitterent. itaque ea, quae fertilissima sunt, Germaniae loca circum Hercyniam silvam … Volcae Tectosages occuparunt atque ibi consederunt, quae gens ad hoc tempus iis sedibus se continet, summamque habet justitiae et bellicae laudis opinionem, nuncque in eadem egestate patientia, qua Germani permanent, eodem victu et cultu corporis utuntur. Gallis autem provinciae propinquitas et transmarinarum rerum notitia multa ad copiam 166 atque usus largitur. paullatim assuefacti superari multisque victi proeliis ne se quidem ipsi cum illis virtute comparant. Diese worte im auge hat Tacitus Germ. 28: validiores olim Gallorum res fuisse summus auctorum divus Julius tradit, eoque credibile est etiam Gallos in Germaniam transgressos. quantulum enim amnis obstabat, quo minus ut quaeque gens evaluerat occuparet permutaretque sedes promiscuas adhuc et nulla regnorum potentia divisas ? igitur inter Hercyniam silvam Rhenumque et Moenum amnes Helvetii, ulteriora Boji, gallica utraque gens, tenuere. manet adhuc Boihemi nomen signatque loci veterem memoriam, quamvis mutatis cultoribus. sed utrum Aravisci in Pannoniam ab Osis Germanorum natione, an Osi ab Araviscis in Germaniam commigraverint, quum eodem adhuc sermone institutis moribus utantur, incertum est."[1]

In der Volksage bei Livius wie in Caesars nachrichten hat jene Annahme von siegreichen Zügen alter Gallier auf den germanischen Boden wenig für und alles gegen sich. Wie sollten die östlichen Helvetier, die norischen Bojen schon im eigentlichen Gallien sitz gefaßt und ihren Rücklauf über den Rhein genommen haben? Naturgemäß war, daß alle Gallier auf ihrem Zug gegen Westen vorher das ganze Donau und Rheingebiet inne hatten, und als ihre große Masse den letzten Strom überschritt, ihre hintersten Stämme noch jenseits hausten; so geschah es, dasz Teile der Bojen und Helvetier zurück blieben, bis auch sie deutschem Andrang erlagen. Aus Böhmen wichen die Bojen nach Baiern, aus der Maingegend die Helvetier nach der Schweiz gegen den Hauptstock ihres Volks: beide flüchteten südwärts, immer aber von deutschen Völkern erreicht und endlich aufgerieben; der bojische Name haftete in zwei gebieten, die slavischen Tschechen und deutschen Markomannen zufielen.[2] Dem herkynischen Wald heißt es gewaltige Ausdehnung geben, wenn man noch in seinen östlichen Raum jene Tektosagen unterbringen will; Zeuß meint s. 171, 167 sie seien von Pannonien aus über die Donau in Umgebungen der östlichen germanischen Waldhöhen eingezogen: aber wie gelangt waren sie nach Pannonien? Livius 38, 16 läßt bald nach des Brennus Zug Tektosagen über Illyrien tief nach Asien vorbrechen, Polybius hat sie im südlichen Gallien an der Garumna, Ptolemaeus gar im asiatischen Skythien. Mag sich schon Tacitus, jener Tektosagen geschweigend, nicht über Osen und Aravisker entscheiden, deren Sprache und Lebensart ihm einstimmig deutsch erscheint; wie muß die Unsicherheit steigen bei fernentlegnen Völkerschaften, die in griechischer Berichterstattung unter dem Namen von Kelten oder Galatern auftreten, von deren Sprache, welche hier allein aufschluß bringen könnte, wir nichts wissen. Über allen Verhältnissen dieser illyrischen makedonischen thrakischen skythischen asiatischen Kelten schwebt undurchdringliches dunkel. waren sie wirklich eines Volks mit den Westlichen, so mögen sie eher im Osten verharrt, als vom Westen aus dahin zurückgewandert sein; das stimmt auch, wie wir sehn werden, mit dem vordringen und dahintenbleiben einzelner germanischen Stämme.

◀Solche zweifel fanden schon vor alters raum und unsre frühsten berichterstatter über gallische völkerschaften durchschauten das verhältnis nicht. es ist mir wichtig hier die stellen Caesars und Tacitus auszuheben. Caesar, der das vordringen germanischer Sueven in Gallien selbst erlebte, aber noch Helvetier, Bojen und Tectosagen auf germanischem boden jenseits wuste, deutet sich diese östlichen Gallier folgendermaszen 6, 24: ac fuit antea tempus quum Germanos Galli virtute superarent et ultro bella inferrent, ac propter hominum multitudinem agrique inopiam trans Rhenum colonias mitterent. itaque ea, quae fertilissima sunt, Germaniae loca circum Hercyniam silvam … Volcae Tectosages occuparunt atque ibi consederunt, quae gens ad hoc tempus iis sedibus se continet, summamque habet justitiae et bellicae laudis opinionem, nuncque in eadem egestate patientia, qua Germani permanent, eodem victu et cultu corporis utuntur. Gallis autem provinciae propinquitas et transmarinarum rerum notitia multa ad copiam 166 atque usus largitur. paullatim assuefacti superari multisque victi proeliis ne se quidem ipsi cum illis virtute comparant. Diese worte im auge hat Tacitus Germ. 28: validiores olim Gallorum res fuisse summus auctorum divus Julius tradit, eoque credibile est etiam Gallos in Germaniam transgressos. quantulum enim amnis obstabat, quo minus ut quaeque gens evaluerat occuparet permutaretque sedes promiscuas adhuc et nulla regnorum potentia divisas ? igitur inter Hercyniam silvam Rhenumque et Moenum amnes Helvetii, ulteriora Boji, gallica utraque gens, tenuere. manet adhuc Boihemi nomen signatque loci veterem memoriam, quamvis mutatis cultoribus. sed utrum Aravisci in Pannoniam ab Osis Germanorum natione, an Osi ab Araviscis in Germaniam commigraverint, quum eodem adhuc sermone institutis moribus utantur, incertum est. In der volksage bei Livius wie in Caesars nachrichten hat jene annahme von siegreichen zügen alter Gallier auf den germanischen boden wenig für und alles gegen sich. Wie sollten die östlichen Helvetier, die norischen Bojen schon im eigentlichen Gallien sitz gefaszt und ihren rücklauf über den Rhein genommen haben? naturgemäsz war, dasz alle Gallier auf ihrem zug gegen westen vorher das ganze Donau und Rheingebiet inne hatten, und als ihre grosze masse den letzten strom überschritt, ihre hintersten stämme noch jenseits hausten; so geschah es, dasz theile der Bojen und Helvetier zurück blieben, bis auch sie deutschem andrang erlagen. aus Böhmen wichen die Bojen nach Baiern, aus der Maingegend die Helvetier nach der Schweiz gegen den hauptstock ihres volks: beide flüchteten südwärts, immer aber von deutschen völkern erreicht und endlich aufgerieben; der bojische name haftete in zwei gebieten, die slavischen Tschechen und deutschen Markomannen zufielen. * Dem hercynischen wald heiszt es gewaltige ausdehnung geben, wenn man noch in seinen östlichen raum jene Tectosagen unterbringen will; Zeusz meint s. 171, 167 sie seien von Pannonien aus über die Donau in umgebungen der östlichen germanischen waldhöhen eingezogen: aber wie gelangt waren sie nach Pannonien? Livius 38, 16 läszt bald nach des Brennus zug Tectosagen über Illyrien tief nach Asien vorbrechen, Polybius hat sie im südlichen Gallien an der Garumna, Ptolemaeus gar im asiatischen Skythien. Mag sich schon Tacitus, jener Tectosagen geschweigend, nicht über Osen und Aravisker entscheiden, deren sprache und lebensart ihm einstimmig deutsch erscheint; wie musz die unsicherheit steigen bei fernentlegnen völkerschaften, die in griechischer berichterstattung unter dem namen von Kelten oder Galatern auftreten, von deren sprache, welche hier allein aufschlusz bringen könnte, wir nichts wissen. Über allen verhältnissen dieser illyrischen makedonischen thrakischen skythischen asiatischen Kelten schwebt undurchdringliches dunkel. waren sie wirklich eines volks mit den westlichen, so mögen sie eher im osten verharrt, als vom westen aus dahin zurückgewandert sein; das stimmt auch, wie wir sehn werden, mit dem vordringen und dahintenbleiben einzelner germanischen stämme.▷

  1. ↑ und es gab eine Zeit zuvor, in der die Gallier die Germanen mit Gewalt besiegten, Kriege gegeneinander führten und wegen der Menschenmenge und des Mangels an Land Kolonien über den Rhein schickten. und daher die fruchtbarsten Teile Deutschlands, der Wald um Hercynia... Die Volcai nahmen die Tektosagen in Besitz und ließen sich dort nieder, eine Nation, die sich zu dieser Zeit an diese Sitze hält und die höchste Meinung von Gerechtigkeit und kriegerischem Lob hat, und jetzt in der gleichen Geduld wie die Germanen, mit der gleichen Ernährung und dem Körperkult. Aber die Nähe der Provinz zu den Gallier und die Kenntnis überseeischer Angelegenheiten verschaffen ihnen viel Überfluss und Nutzen. Nachdem sie sich nach und nach daran gewöhnt haben, in vielen Schlachten besiegt und besiegt zu werden, können sie sich nicht einmal an Stärke mit ihnen vergleichen. Diese Worte im Auge hat Tacitus Germ. 28: Julius, die höchste Autorität, berichtet, dass die Gallier einst stärker waren und es daher glaubhaft ist, dass die Gallier nach Germanien übergingen. Denn wie sehr stand der Fluss zur Verfügung, wie viel weniger, damit jede Nation Sitze erobern und austauschen konnte, die noch promiskuitiv waren und durch keine Macht der Königreiche geteilt wurden? Daher herrschten zwischen Hercynia, dem Rheinwald und dem Moen, den Flüssen der Helvetia und dem weiteren Boji, beide Nationen der Gallier. Der Name Bohemi bleibt bestehen und prägt die alte Erinnerung an den Ort, obwohl die Gläubigen gewechselt haben. aber ob die Aravisker aus dem Volk der germanischen Osis nach Pannonien einwanderten oder ob die Osis von den Araviskern nach Germanien wanderten, da sie immer noch dieselbe Sprache und etablierte Bräuche verwenden, ist ungewiss.
  2. ↑ In der Zusammensetzung Boihemum ist mindestens hemum deutsch. So wurde der deutsche Volksname Aestier zuletzt einem finnischen Stamm überwiesen.