GULR/Einleitung/2
▷Dem der lateinischen und deutschen Sprache Kundigen dringen sich eine Menge gleichlautender Wörter auf, welche in beiden Sprachen gleiche oder doch verwandte Bedeutung haben. Von einem Theile ist es klar, dass wir zugleich mit den Gegenständen der Kunst, Wissenschaft und Religion, welche uns meist durch Römer gebracht wurden, die Ausdrücke mit erhielten, so dass Probst, Prediger, Münster, Meile etc. von prōpositus, praedicātor, monastērium, mīle stammen. Allein diese Wörter hat die deutsche Sprache spät erhalten.
Nun giebt es aber andere, welche die ersten schon dem Kinde bekannten und dem Menschen unenthehrliche Gegenstände, so wie die ersten Grade der Verwandschaft, die Theile des Körpers, die ersten Regungen des Geistes bezeichnen, – pater Vater, frāter Bruder, nāsus Nase, auris Ohr, habeō haben, velle wollen, esse essen, und tausend andere, welche nicht durch ein Spiel des Zufalls gleich lauten, nicht erst von den Römern zu den Deutschen gebracht sein können bei den ersten feindlichen Berührungen beider Völker, oder gar erst bei den kurzen und schnell vorübergehenden Einfällen der Römer in Deutschland. Wo sollen wir den Grund dieser Ähnlichkeit suchen? Drei Fälle nur sind möglich:
- Diese gleichlautenden Wörter stammen von einer gemeinschaftlichen Ursprache;
- sie sind aus dem Latein in das Deutsche;
- sie sind aus dem Germanischen in die lateinische Sprache übergegangen.