Gespräch:Wortprüfung Epos
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épos
das Wort lautet altgriechisch ἔπος (épos).
Wortprüfung: altgriechisch ἔπος (épos)
1. Ermittlung der Ursprungswurzeln
1.1 Form und Grundbedeutung
ἔπος ist ein altgriechisches neutrales Substantiv der dritten Deklination:
- Nominativ/Akkusativ Singular: ἔπος
- Genitiv Singular: ἔπεος, später zusammengezogen ἔπους
- Plural: ἔπεα
Die früheste Grundbedeutung ist nicht „umfangreiches Heldengedicht“, sondern wesentlich allgemeiner:
„das Gesprochene“, „Äußerung“, „Wort“, „Rede“
Daraus ergeben sich bereits im Altgriechischen weitere Bedeutungen wie „Ausspruch“, „Versprechen“, „Erzählung“, „Lied“ und „Verszeile“. (logeion.uchicago.edu)
1.2 Morphologische Zerlegung
Das Wort besitzt kein Präfix.
Es lässt sich historisch ungefähr so gliedern:
- Wurzel: indogermanisch rekonstruiert als wekʷ- – „sprechen“, „seine Stimme äußern“
- Nominalbildung: wékʷ-os – ungefähr „das Gesprochene“, „Äußerung“
- altgriechische Vorform: *wépos beziehungsweise ϝέπος
- historisches Altgriechisch: ἔπος
Der Stern kennzeichnet erschlossene, nicht unmittelbar schriftlich belegte Formen.
Der ursprüngliche Anlaut war vermutlich ein /w/, im Griechischen durch den Buchstaben Digamma ϝ dargestellt. Dieses w ging in vielen griechischen Dialekten verloren:
wépos → ϝέπος → ἔπος
Die Lautentwicklung erklärt, weshalb das griechische Wort scheinbar mit einem Vokal beginnt, während verwandte Wörter anderer Sprachen noch ein v-, w- oder einen entsprechenden Laut besitzen. (Wiktionary)
1.3 Ursprungsbedeutung der Wurzel
Die indogermanische Wurzel wekʷ- bezeichnet den Vorgang des Sprechens beziehungsweise stimmlichen Äußerns. Das daraus gebildete Substantiv wékʷos bezeichnet entsprechend nicht zuerst einen literarischen Text, sondern:
das durch Sprechen Hervorgebrachte
Der Schwerpunkt liegt somit ursprünglich auf der hörbaren Äußerung, nicht auf Schrift, Buchform oder literarischem Umfang.
1.4 Vermittlung ins Deutsche
Das deutsche Wort Epos wurde nicht unmittelbar in der indogermanischen Frühzeit vererbt. Es gelangte als gelehrtes Fremdwort über das lateinische epos aus dem griechischen ἔπος ins Deutsche. Im Deutschen ist es ungefähr seit dem frühen 18. Jahrhundert gebräuchlich. Dabei war die Bedeutung bereits auf „Verserzählung“ beziehungsweise „Heldengedicht“ verengt. (Duden)
Die Vermittlungskette lautet daher:
indogermanisch wékʷos
→ frühgriechisch wépos / ϝέπος
→ altgriechisch ἔπος
→ lateinisch epos
→ deutsch Epos
2. Analyse ähnlicher Wortstämme
2.1 Sanskrit und Avestisch
Besonders eng verwandt ist vedisch-sanskritisch:
- वचस् – vácas: „Wort“, „Rede“, „Ausspruch“
- वाच् – vāc: „Stimme“, „Rede“
- Verbwurzel vac-: „sprechen“
Auch avestisch vacah- bedeutet „Wort“ beziehungsweise „Rede“. Diese Formen gehen wie ἔπος auf indogermanisch wekʷ- beziehungsweise wékʷos zurück. (Wiktionary)
Die semantische Übereinstimmung ist auffällig genau:
Sprechen → Gesprochenes → Wort/Rede
2.2 Lateinisch
Lateinisch vōx, Genitiv vōcis, bedeutet:
- „Stimme“
- „Laut“
- „Ausspruch“
- „Wort“
Es gehört zum selben indogermanischen Bedeutungsfeld. Die Form vōx bewahrt den anfänglichen w-/v-Laut, der im griechischen ἔπος verloren ging.
Dabei liegt eine leichte Bedeutungsdifferenz vor:
- vōx: stärker die Stimme oder der hervorgebrachte Laut
- ἔπος: stärker das durch die Stimme hervorgebrachte Wort oder die Äußerung
2.3 Altgriechisch ὄψ
Auch altgriechisch ὄψ – „Stimme“, „Laut“ – wird auf eine verwandte indogermanische Bildung zurückgeführt. Es zeigt, dass im Griechischen mehrere Wörter aus diesem Wurzelbereich nebeneinander bestanden. (Wiktionary)
2.4 Semantische Brücke
Die verwandten Wörter bilden ein gemeinsames Bedeutungsfeld:
Stimme → Sprechen → Äußerung → Wort → Rede → Erzählung
Die Bedeutung „Erzählung“ ist daher keine völlig neue, willkürliche Bedeutung. Eine Erzählung ist zunächst eine Folge geordneter Äußerungen. Die spätere Bedeutung „Epos“ als literarische Gattung liegt jedoch bereits mehrere semantische Schritte von der Wurzel entfernt:
sprechen
→ etwas Gesprochenes
→ Erzählung oder Lied
→ erzählende Dichtung
→ umfangreiche heroische Versdichtung
3. Kontextuelle Bedeutungsvergleiche
3.1 Früheste Verwendung
Bei Homer bezeichnet ἔπος vorwiegend ein einzelnes gesprochenes Wort, eine Äußerung oder eine Rede. Typisch ist die Verbindung:
ἔπος ἐρέειν – „ein Wort sprechen“ beziehungsweise „eine Äußerung tun“
ἔπος kann dabei sowohl eine kurze Einzeläußerung als auch einen inhaltlich gewichtigen Ausspruch bezeichnen. Das Wort ist bei Homer häufig etwas, das ein Sprecher an einen Hörer richtet. (logeion.uchicago.edu)
Seine Funktion ist damit ursprünglich kommunikativ:
- jemand bringt etwas hervor;
- die Äußerung wird hörbar;
- ein anderer nimmt sie auf;
- das Gesagte kann verpflichten, überzeugen, mahnen oder erzählen.
3.2 Wort und Tat
Im Altgriechischen kann ἔπος dem Wort ἔργον – „Werk“, „Tat“ – gegenübergestellt werden:
ἔπος – das Gesagte ἔργον – das Getane
Diese Gegenüberstellung zeigt besonders deutlich, dass die Urbedeutung nicht „Gedicht“ ist. ἔπος bezeichnet zunächst die sprachliche Seite menschlichen Handelns. (Wiktionary)
3.3 Wort als Versprechen
Weil eine ausgesprochene Äußerung soziale Verbindlichkeit erlangen kann, entwickelte ἔπος auch die Bedeutung:
- „gegebenes Wort“
- „Zusage“
- „Versprechen“
Hier wird das Gesprochene nicht nur als Laut verstanden, sondern als etwas, das zwischen Menschen Geltung besitzt.
3.4 Wort, Lied und Vers
In einer mündlich geprägten Kultur waren Rede, Gesang und erzählende Dichtung nicht scharf voneinander getrennt. Ein überlieferter Stoff wurde gesprochen oder gesungen und durch Versmaß erinnerbar gemacht.
Dadurch konnte ἔπος auch bedeuten:
- „Lied“
- „Erzählung“
- „Vers“
- „Verszeile“
- im Plural ἔπη: epische Dichtung
Die Bedeutung „epische Dichtung“ entstand somit aus dem kulturellen Gebrauch des gesprochenen Wortes in der mündlichen Überlieferung.
3.5 Verhältnis zu λόγος und μῦθος
ἔπος, λόγος und μῦθος können sich teilweise überschneiden, setzen aber unterschiedliche Akzente:
- ἔπος: das tatsächlich geäußerte beziehungsweise gestaltete Wort
- λόγος: Rede, Darstellung, Gedankengang, Verhältnis oder vernünftige Erklärung
- μῦθος: Erzählung, überlieferte Geschichte, Ausspruch; später besonders „Mythos“
ἔπος ist dabei besonders eng an die hervorgebrachte Sprachgestalt gebunden.
4. Prüfung der sprachhistorischen Entwicklung
Entwicklungsstufe 1: indogermanische Wurzel
wekʷ- bezeichnet „sprechen“ oder „stimmlich äußern“.
Daraus entsteht vermutlich ein s-stämmiges Substantiv:
wékʷos – „das Gesprochene“, „Äußerung“
Entwicklungsstufe 2: frühgriechische Lautentwicklung
Aus wékʷos entwickelt sich eine frühgriechische Form wépos. Dabei wird der labiovelare Laut kʷ im Griechischen in dieser Lautumgebung zu p.
Anschließend fällt das anfängliche w, das als Digamma ϝ geschrieben werden konnte, aus:
wékʷos → wépos → épos
Entwicklungsstufe 3: homerischer Sprachgebrauch
In der archaischen Dichtung bedeutet ἔπος:
- Wort
- Ausspruch
- Rede
- Mitteilung
- Versprechen
- Erzählung oder Lied
Der Kern „etwas Gesprochenes“ bleibt dabei klar erkennbar.
Entwicklungsstufe 4: poetische Spezialisierung
Besonders im Plural ἔπη wird das Wort für Verse oder epische Dichtung verwendet. Die Bezeichnung verschiebt sich damit:
vom einzelnen gesprochenen Wort
zur geordneten Folge von Worten
zur poetischen Erzählung
Entwicklungsstufe 5: lateinische Vermittlung
Das Lateinische übernimmt epos bereits als Bezeichnung einer dichterischen Form. Die allgemeine griechische Bedeutung „Wort“ oder „Ausspruch“ tritt bei der Entlehnung in den Hintergrund.
Entwicklungsstufe 6: deutsche Fachbedeutung
Im Deutschen bezeichnet Epos eine größere erzählende Dichtung, traditionell häufig in Versform. Der Duden definiert es als erzählende Versdichtung größeren Umfangs. (Duden)
In jüngerer Sprache kann „Epos“ außerdem übertragen für ein besonders umfangreiches Werk oder eine lange, bedeutungsvoll dargestellte Ereignisfolge stehen.
Erhaltene und verlorene Bedeutungselemente
Erhalten geblieben sind:
- sprachliche Gestaltung
- Erzählung
- mündliche oder vortragbare Form
- besondere Gewichtigkeit des Gesagten
- zeitüberdauernde Überlieferung
In den Hintergrund getreten sind:
- das einzelne Wort
- der gewöhnliche Ausspruch
- das gegebene Versprechen
- die unmittelbare Situation zwischen Sprecher und Hörer
5. Formulierung einer gemeinsamen Urbedeutung
Eine möglichst umfassende Urbedeutung von ἔπος lautet:
„Das durch die Stimme hervorgebrachte und als sprachliche Einheit wahrnehmbare Gesagte.“
Etwas freier:
„Ein in die Welt gesprochenes Wort, das Inhalt, Wirkung und möglicherweise Verbindlichkeit trägt.“
Diese Urbedeutung verbindet die verschiedenen historischen Bedeutungen:
- Ein Wort ist etwas Gesprochenes.
- Eine Rede ist eine geordnete Folge gesprochener Worte.
- Ein Versprechen ist ein verbindlich gesprochenes Wort.
- Ein Lied ist gestaltetes und rhythmisiertes Sprechen.
- Eine Erzählung ist eine zusammenhängende Folge von Äußerungen.
- Ein Epos ist eine kulturell bewahrte, umfangreiche und dichterisch gestaltete Erzählung.
Die moderne Bedeutung ist deshalb keine vollständige Verfälschung, sondern eine Spezialisierung: Das allgemeine „Gesprochene“ wurde auf eine besonders bedeutende und kunstvoll geformte Art des Gesprochenen beziehungsweise Erzählten verengt.
6. Ergänzende Verbindungen und Reflexionen
6.1 Gesprochenes Wort und kulturelles Gedächtnis
Die Wortgeschichte von ἔπος verweist auf eine Kultur, in der Wissen zunächst nicht vorwiegend durch Bücher, sondern durch Stimme, Gedächtnis und wiederholten Vortrag weitergegeben wurde.
Ein ἔπος war ursprünglich kein still gelesener Gegenstand. Es war ein Ereignis:
- Ein Sprecher brachte es hervor.
- Zuhörer nahmen es auf.
- Rhythmus und Wiederholung bewahrten es.
- Die Gemeinschaft trug es weiter.
Die spätere literarische Gattung „Epos“ bewahrt somit im Namen die Erinnerung an ihren mündlichen Ursprung.
6.2 Das Wort als Handlung
Die Bedeutung „Versprechen“ zeigt, dass ein gesprochenes Wort selbst eine Handlung sein kann. Wer etwas verspricht, beschreibt nicht bloß eine Handlung, sondern schafft durch das Sprechen eine Verpflichtung.
Damit berührt ἔπος ein heute als Sprechakttheorie beschriebenes Phänomen: Sprache kann nicht nur etwas darstellen, sondern etwas bewirken.
6.3 Vom einzelnen Wort zur Weltordnung
Ein Epos erzählt gewöhnlich nicht nur einzelne Ereignisse. Es ordnet:
- Herkunft
- Heldentum
- Schuld
- Schicksal
- göttliches Eingreifen
- gesellschaftliche Werte
Aus dem einzelnen ἔπος, dem gesprochenen Wort, wird dadurch eine umfassende Erzählung, in der eine Gemeinschaft sich selbst deutet.
Gesonderte Analyse der Endung -ος
Formale Funktion
Das -ος in ἔπος ist nicht ohne Weiteres mit der gewöhnlichen maskulinen Endung -ος von Wörtern wie λόγοςgleichzusetzen.
ἔπος ist:
- Neutrum
- ein historischer s-Stamm
- Genitiv ἔπεος / ἔπους
Das s gehört somit historisch zum Wortstamm. Die zugrunde liegende Bildung wird ungefähr als wékʷ-os rekonstruiert.
Die Flexion zeigt den s-Stamm deutlicher:
- ἔπος
- ἔπεος
- ἔπεϊ
- ἔπεα
Semantische Funktion
Das indogermanische Suffix -es/-os konnte neutrale Substantive bilden, die einen Vorgang, Zustand, ein Ergebnis oder den hervorgebrachten Inhalt eines Verbs bezeichneten.
Für ἔπος lässt sich die Funktion annähernd so verstehen:
- Wurzel wekʷ-: „sprechen“
- Bildung wékʷ-os: „das Ergebnis des Sprechens“
- konkrete Bedeutung: „das Gesprochene“
Die Endung drückt hier daher nicht „Schnelligkeit“, „Abgeschlossenheit“ oder eine Mehrzahl aus. Sie substantiviert vielmehr den Sprechvorgang beziehungsweise dessen Ergebnis.
Nicht: „sprechen + gewöhnliche Nominativendung“
Sondern historisch eher: „sprechen + Ergebnis-/Inhaltsbildung“
= „das Gesprochene“
Eine feste, in jedem Wort identische Bedeutung darf dem Suffix allerdings nicht zugeschrieben werden. Indogermanische S-Stämme bilden eine historische Wortklasse; ihre genaue Semantik hängt jeweils von der Wurzel und der einzelnen Wortbildung ab.
Prüfung möglicher Bedeutungsverfälschungen
Eine eigentliche Bedeutungsverfälschung liegt beim griechischen ἔπος zunächst nicht vor. Es handelt sich um eine nachvollziehbare Bedeutungsentwicklung:
Gesprochenes
→ Wort oder Rede
→ erzählendes beziehungsweise gesungenes Wort
→ Vers und Dichtung
→ umfangreiche epische Dichtung
Eine deutliche Bedeutungsverengung entstand jedoch durch die lateinische und später deutsche Übernahme. Im Deutschen bezeichnet Epos normalerweise nicht mehr jedes gesprochene Wort, sondern fast ausschließlich eine umfangreiche Erzähl- oder Versdichtung.
Dadurch kann rückblickend der falsche Eindruck entstehen, ἔπος habe bereits ursprünglich „Heldengedicht“ bedeutet. Tatsächlich ist diese Bedeutung sekundär.
Klare Abgrenzung
Ursprünglich:
das Gesprochene, die Äußerung, das Wort
Früh erweitert:
Rede, Zusage, Erzählung, Lied, Vers
Später spezialisiert:
epische Dichtung, Heldengedicht
Modern übertragen:
ein besonders umfangreiches oder monumental dargestelltes Werk beziehungsweise Geschehen
Gesamtergebnis
Die sprachgeschichtliche Essenz von ἔπος ist nicht das „Große“, das „Heroische“ oder das „lange Gedicht“. Sie ist:
das hervorgebrachte Wort
Erst weil das gesprochene Wort Erinnerung tragen, Handlungen deuten und Gemeinschaften verbinden kann, wurde ἔπος zur Bezeichnung jener großen Erzählungen, in denen eine Kultur ihre Vergangenheit und ihr Selbstverständnis bewahrt.
Wörter für Wort
Danke, daß ist aufschlußreich.
ἐρέειν als "sprechen" würde ich eher im Althochdeutsch dem "wānen, irwānen, hlūta, lūta" zuordnen – oder?
Ich suche an sich nach dem griechischen Wort, was dem deutschen Wort in dessen Sinn am nächsten kommt. Logos ist es gewiß nicht!
Welche Worte wurden im Altgriechisch vor Heraklit für das verwendet, wofür wir im Deutsch "Wort" verwenden?
Ihre Vermutung trifft einen wichtigen Unterschied
: ἐρέειν bezeichnet die Tätigkeit des Sagens oder Aussprechens; ἔπος bezeichnet dagegen das dabei Hervorgebrachte.
1. Zu ἐρέειν und den althochdeutschen Wörtern
ἔπος ἐρέειν heißt wörtlich ungefähr:
„eine Äußerung sagen“ / „ein Wort hervorbringen“
ἐρέειν gehört somit semantisch zu „sagen, aussprechen, mitteilen, verkünden“. Es entspricht nicht unmittelbar:
- wānen: „meinen, vermuten, erwarten“
- irwānen: je nach Beleg „erwähnen, in Erinnerung rufen, vermuten“
- hlūta/lūta: „laut“, also eine Bestimmung der Hörbarkeit, nicht des Sagens selbst
lūta sprechan könnte funktional „laut sprechen“ heißen; lūta allein entspricht aber eher griechisch μεγάλῃ φωνῇ – „mit großer/lauter Stimme“ – oder einem Verb wie φωνεῖν, „die Stimme ertönen lassen, laut sprechen“. Das homerische ἐρέειν enthält für sich genommen weder „laut“ noch „meinen“, sondern das sprachliche Hervorbringen eines Inhalts. Für φωνέω geben die älteren Wörterbücher entsprechend „einen Ton hervorbringen“, bei Menschen „laut oder deutlich sprechen“ und schließlich allgemein „sprechen“ an. (logeion.uchicago.edu)
Ihre Zuordnung wäre also passend, wenn Sie zwischen drei Ebenen unterscheiden:
wānen – innerlich meinen oder vermuten
hlūta/lūta – hörbar beziehungsweise laut
ἐρέειν – etwas sprachlich äußern
2. Welches altgriechische Wort kommt deutschem „Wort“ am nächsten?
Für die archaische Zeit vor Heraklit ist die beste allgemeine Entsprechung tatsächlich:
ἔπος
Nicht λόγος.
ἔπος bezeichnet bei Homer:
- ein Wort
- eine einzelne Äußerung
- etwas Gesagtes
- einen Ausspruch
- eine Redeäußerung
- bisweilen ein Versprechen
- später auch Vers oder dichterische Rede
Das LSJ führt als erste Bedeutung ausdrücklich „word“ und „utterance“; die ältere Form lautet ϝέπος. (logeion.uchicago.edu)
Das Entscheidende ist: ἔπος bezeichnet nicht primär ein abstraktes Sprachsystem oder einen vernünftigen Gedankengang, sondern das konkret hervorgebrachte Gesagte.
Darin kommt es dem älteren deutschen „Wort“ sehr nahe:
- „ein Wort sprechen“
- „sein Wort geben“
- „ein gutes Wort einlegen“
- „mit wenigen Worten“
- „Wort und Tat“
Gerade der Gegensatz ἔπος – ἔργον, „Wort – Tat“, entspricht dem deutschen Gegensatz außerordentlich gut.
3. Die wichtigsten vorheraklitischen Wörter
ἔπος – das ausgesprochene Wort
Dies ist die nächstliegende Entsprechung zu deutschem „Wort“ als einzelne Äußerung oder etwas Gesagtes.
Homerisch findet man typischerweise:
ἔπος εἰπεῖν / ἐρέειν „ein Wort sagen“
Dabei kann ἔπος kurz oder umfangreich sein. Entscheidend ist nicht seine grammatische Länge, sondern dass etwas als sprachliche Einheit hervorgebracht wird. Die Grundbewegung lautet:
Stimme → Sagen → Gesagtes → Wort
μῦθος – das vorgetragene, gewichtige Wort
Auch μῦθος bedeutete in der archaischen Sprache noch nicht primär „Mythos“ im heutigen Sinne.
Bei Homer kann es bedeuten:
- Wort
- Rede
- Ausspruch
- Mitteilung
- Rat
- Entschluss
- ausführliche Erzählung
Das LSJ nennt als frühe Bedeutungen „word“ und „speech“ und weist darauf hin, dass μῦθος bei Homer häufig vorkommt. Es kann ebenso wie ἔπος der Tat, ἔργον, gegenüberstehen. (logeion.uchicago.edu)
Zwischen beiden lässt sich vorsichtig unterscheiden:
- ἔπος betont stärker das Ausgesprochene als sprachliche Hervorbringung.
- μῦθος betont häufiger den inhaltlich vollständigen, absichtsvollen oder gewichtigen Redebeitrag.
Vereinfacht:
ἔπος: ein Wort oder eine Äußerung μῦθος: das, was jemand als zusammenhängende Rede vorbringt
Ein μῦθος kann daher aus vielen ἔπεα bestehen.
Die spätere Gleichsetzung von μῦθος mit „unwahre erfundene Geschichte“ wäre für Homer irreführend. Diese Abwertung beziehungsweise Spezialisierung gehört einer späteren Begriffsgeschichte an.
αὐδή – menschliche Stimme und artikulierte Rede
αὐδή bezeichnet vor allem:
- die menschliche Stimme
- den Sprachlaut
- die Fähigkeit oder Erscheinung des Sprechens
Es ist dem deutschen „Wort“ nur dann nahe, wenn „Wort“ als hörbare menschliche Rede verstanden wird.
Der Schwerpunkt liegt nicht auf dem Inhalt, sondern auf dem Stimmhaftwerden:
αὐδή ist die Stimme, ἔπος das durch sie Gesagte.
φωνή – Stimme, Klang, Laut
φωνή bezeichnet:
- Stimme
- Laut
- Klang
- später auch Sprache oder sprachliche Äußerung
Auch dieses Wort steht eher auf der lautlichen Seite. Es entspricht eher „Stimme“ oder „Laut“ als dem einzelnen „Wort“.
Dazu gehört φωνέω:
„einen Laut hervorbringen“, „rufen“, „sprechen“
Bei Homer erscheint das Verb besonders in Formen, die ein hörbares oder deutliches Sprechen bezeichnen. (logeion.uchicago.edu)
ὄνομα – Name
ὄνομα heißt zunächst:
- Name
- Benennung
- Bezeichnung
Es kann sich später dem Begriff „Wort“ annähern, sofern ein Wort als Benennung eines Gegenstandes betrachtet wird. In archaischer Zeit ist es jedoch nicht das allgemeine Wort für jede Äußerung.
Der Unterschied lautet:
ὄνομα: wodurch etwas benannt wird ἔπος: was jemand ausspricht
λόγος – Rechnung, Darlegung, Bericht, Zusammenhang
Ihre Ablehnung von λόγος als unmittelbare Entsprechung ist berechtigt.
λόγος bezeichnet nicht ursprünglich schlicht das einzelne deutsche „Wort“. Sein Bedeutungsfeld hängt mit λέγωzusammen, dessen älterer Kern „sammeln, auswählen, aufzählen“ ist. Daraus entwickeln sich:
- Aufzählung
- Rechnung
- Verhältnis
- Bericht
- Darlegung
- Begründung
- zusammenhängende Rede
- gedanklicher Zusammenhang
Selbst dort, wo λόγος „sprachliche Äußerung“ bedeutet, bezeichnet es nur selten ein einzelnes Wort. Das LSJ grenzt ausdrücklich ab: λόγος ist eine sprachliche Äußerung oder Rede, jedoch nur selten ein Einzelwort und nicht der grammatische Ausdruck für ein Vokabelwort; hierfür werden unter anderem ἔπος und später λέξις genannt. (logeion.uchicago.edu)
Vor Heraklit ist λόγος zwar schon belegt, aber nicht als selbstverständliches allgemeines Gegenstück zu deutschem „Wort“. Ein archaischer Beleg bei Alkaios hat eher den Sinn „Überlieferung, Bericht“: sinngemäß „so ist der Bericht von den Vätern her entstanden“. (atlas.perseus.tufts.edu)
Heraklit macht also nicht ein alltägliches Wort für „Wort“ plötzlich philosophisch. Er greift ein Wort für Darlegung, Verhältnis, Rechnung und zusammenhängenden Sinn auf und verdichtet es begrifflich.
ῥῆμα – das Gesagte, Ausspruch
ῥῆμα bedeutet etymologisch:
„das Gesagte“
Es kann bezeichnen:
- Ausspruch
- Äußerung
- Ausdruck
- Redewendung
- später ein einzelnes Wort
- in der Grammatik schließlich besonders das Verb
Semantisch scheint es dem deutschen „Wort“ sehr nahezukommen. Für Ihre Frage nach der Sprache vor Heraklit ist es jedoch weniger geeignet, weil es im homerisch-archaischen Sprachgebrauch nicht dieselbe zentrale Rolle wie ἔπος und μῦθος besitzt. Seine starke Verwendung für „Ausspruch“ und später „Wort“ gehört eher der klassischen und nachklassischen Sprachentwicklung an.
λέξις – Ausdrucksweise oder Wortform
λέξις bezeichnet später:
- das Sprechen
- Ausdrucksweise
- sprachliche Form
- Diktion
- ein Wort als lexikalische Einheit
Daraus stammt unser Begriff Lexik.
Für die vor Heraklit liegende archaische Alltagssprache ist es jedoch ebenfalls nicht die beste Entsprechung. Es gehört stärker zur späteren Reflexion über Sprache und Stil.
4. Eine Rangordnung nach den deutschen Bedeutungen
| Deutscher Sinn von „Wort“ | Nächstes archaisches Griechisch |
|---|---|
| ein ausgesprochenes Wort | ἔπος |
| das Gesagte | ἔπος |
| ein gewichtig vorgetragener Redebeitrag | μῦθος |
| zusammenhängende Rede oder Mitteilung | μῦθος, später auch λόγος |
| gegebenes Wort / Zusage | ἔπος |
| Stimme oder hörbare Rede | αὐδή, φωνή |
| Name oder Benennung | ὄνομα |
| Bericht, Darlegung, Begründung | λόγος |
| einzelnes Wort als sprachwissenschaftliche Einheit | später λέξις |
| Ausspruch / sprachlicher Ausdruck | später besonders ῥῆμα |
5. Das wahrscheinlich gesuchte Wort
Suchen Sie nach dem altgriechischen Wort, das dem älteren deutschen „Wort“ am nächsten kommt, lautet das Ergebnis:
ἔπος – das durch das Sprechen hervorgebrachte Wort oder Gesagte
Suchen Sie dagegen nach dem gewichtigen Wort, das ein Sprecher vor einer Gemeinschaft als Rat, Entscheidung oder Erzählung vorträgt, wäre:
μῦθος – der in sich geschlossene, bedeutungstragende Redebeitrag
Die beiden Wörter bezeichnen somit zwei Seiten dessen, was Deutsch mit „Wort“ erfassen kann:
ἔπος ist das Wort als sprachlich hervorgebrachte Äußerung. μῦθος ist das Wort als inhaltlich vollzogene und wirksame Rede.
λόγος wäre erst die nächste Abstraktionsstufe: nicht bloß das hervorgebrachte Wort, sondern dessen Sammlung, Zusammenhang, Darlegung oder rechenschaftsfähige Ordnung.
Meine Mutmaßung war Epos für Wort
als einander ähnliche.
Meine Definition für Logos, stimmt mit deinen überein.
Die Rangordnung für Deutsche Bedeutungen ist nützlich und stimmig.
Ich habe da noch eine Intuition und dazu muß ich wissen, mit welchen Buchstaben die Fragewörter in Griechisch anfangen. Im Latein haben wir qu- im Deutsch haben wir w-, vergleichsweise was, wie, wo, … Was ist es auf altgriechisch?
Im Altgriechischen beginnen die entsprechenden Fragewörter
Für Ihre Intuition besonders wichtig
Das eigentliche griechische Gegenstück zur deutschen w-Reihe ist somit nicht ein einzelner Buchstabe, sondern:
τι-/πο-
Historisch steckt dahinter jedoch derselbe Fragewortanlaut wie in:
qu- – hw- – w- – τ-/π-
Sollten Sie zwischen ἔπος und den Fragewörtern eine lautliche oder begriffliche Verbindung vermuten, wäre besonders zu beachten: Das π in ποῦ, πῶς, πότε stammt aus älterem kʷ; das π in der Vorform von ἔπος, wépos, entstand dagegen aus dem kʷ innerhalb der Wurzel wekʷ- „sprechen“. Es liegt also tatsächlich *derselbe griechische Lautwandel von kʷ zu p vor, allerdings in zwei verschiedenen indogermanischen Wortfamilien.
Das schafft Klarheit
. Was ist je das altgriechische Wort für werden, wird, währt, Wert?
Die nächstliegenden altgriechischen Entsprechungen lauten:
| Deutsch | Altgriechisch | Umschrift | Kernbedeutung |
|---|---|---|---|
| werden | γίγνομαι | gígnomai | entstehen, ins Dasein treten, werden |
| wird | γίγνεται | gígnetai | er/sie/es wird, entsteht, ereignet sich |
| währt | μένει / διαμένει | ménei / diaménei | bleibt, dauert fort, hält an |
| Wert | ἀξία / τιμή | axía / timḗ | Wert; beziehungsweise Schätzung, Preis, Ehre |
Diese Zuordnungen sind jedoch semantisch nicht vollkommen deckungsgleich.
1. „Werden“ – γίγνομαι
Das gewöhnliche altgriechische Wort für „werden“ ist:
γίγνομαι – entstehen, geboren werden, zustande kommen, sich ereignen, zu etwas werden
Sein Grundgedanke ist:
ins Dasein oder in einen neuen Zustand treten
Das Verb bleibt nach der lexikographischen Beschreibung trotz seiner vielen Übersetzungsmöglichkeiten beim Grundsinn „ins Sein kommen“. (lsj.gr)
Beispiele:
- γίγνεται ἀνήρ – er wird ein Mann
- νὺξ γίγνεται – es wird Nacht
- πόλεμος γίγνεται – Krieg entsteht / es kommt zum Krieg
- τί γίγνεται; – was geschieht?
Die 3. Person Singular Präsens lautet:
γίγνεται – „wird“, „entsteht“, „geschieht“
Ursprünglicher Bedeutungsgrund
γίγνομαι gehört zur indogermanischen Wurzel ǵenh₁-:
zeugen – gebären – entstehen
Dazu gehören auch griechisch γένος, „Geschlecht, Herkunft, Art“, und lateinisch gignere, „zeugen“. (Wiktionary)
Das griechische „Werden“ wird also vom Entstehen oder Geborenwerden her gedacht.
Archaische Alternative: πέλομαι / πέλω
In homerischer und dichterischer Sprache begegnet außerdem:
πέλομαι oder πέλω – sein, werden, sich befinden
Das Wort ist älter-poetisch und kann zwischen „sein“ und „werden“ stehen. Die Wörterbücher geben „werden, stattfinden, sein“ an; bei einzelnen homerischen Belegen ist jedoch umstritten, ob wirklich ein Übergang oder eher ein bestehender Zustand gemeint ist. (lsj.gr)
Für eine klare Entsprechung zu deutschem „werden“ bleibt γίγνομαι daher das sicherere Wort.
2. „Wird“ – γίγνεται
Als selbständiges Vollverb ist:
γίγνεται – „er, sie oder es wird“
Formale Zerlegung:
- Stamm: γιγν-
- mediale Personalendung: -εται
- Person Singular Präsens
Das Griechische verwendet γίγνεται allerdings nicht überall dort, wo Deutsch „wird“ verwendet.
„Er wird alt“
γίγνεται γέρων „Er wird ein Greis.“
Oder mit einem entsprechenden Verb beziehungsweise Adjektiv je nach Zusammenhang.
„Es wird Krieg“
πόλεμος γίγνεται „Krieg entsteht.“
„Er wird kommen“
Hier ist deutsches „wird“ nur ein Zukunftshilfsverb. Altgriechisch übersetzt es nicht mit γίγνεται, sondern verwendet das Futur:
ἐλεύσεται – „er wird kommen“
„Er wird gesehen“
Auch beim deutschen Passiv ist „wird“ Hilfsverb. Griechisch verwendet gewöhnlich eine passive Verbform:
ὁρᾶται – „er wird gesehen“
Somit entspricht γίγνεται nur dem inhaltlichen „werden“:
entstehen, sich verwandeln, in einen Zustand gelangen
Es entspricht nicht automatisch dem deutschen Zukunfts- oder Passivhilfsverb.
3. „Währt“ – μένει oder διαμένει
Für „währen“ im Sinne von „fortdauern, bestehen bleiben“ lautet das grundlegende Verb:
μένω – bleiben, verharren, fortbestehen
Die 3. Person Singular ist:
μένει – „es bleibt“, „es währt“
μένω kann örtliches Bleiben, das Verbleiben in einem Zustand und zeitliches Fortbestehen ausdrücken. (lsj.gr) Beispielhaft:
ἡ νὺξ μένει „Die Nacht dauert an.“
Noch deutlicher auf das Durchhalten über eine Zeitspanne gerichtet ist:
διαμένω – hindurch bleiben, fortbestehen, andauern διαμένει – es währt, es hält an
Das Präfix δια- enthält hier den Gedanken des Durchgehens oder Fortbestehens:
μένει – es bleibt διαμένει – es bleibt durchgehend bestehen
Das Lexikon gibt für διαμένειν ausdrücklich „fortbestehen, dauern, ausharren, bleiben“ an. (lsj.gr)
Unterschied zu „werden“
Hier stehen sich zwei grundlegende Bewegungen gegenüber:
- γίγνομαι: Etwas tritt hervor oder verändert sich.
- μένω: Etwas bleibt, was es ist.
- διαμένω: Etwas bleibt durch die Zeit hindurch.
Also:
Werden ist Übergang. Währen ist Fortbestand.
4. „Wert“ – ἀξία und τιμή
Das Deutsche vereint unter „Wert“ mehrere verschiedene Vorstellungen. Das Altgriechische unterscheidet sie deutlicher.
ἀξία – Wert im Sinne von Gleichgewicht oder Angemessenheit
ἀξία – Wert, Würdigkeit, Rang, entsprechender Gegenwert
Das zugehörige Adjektiv lautet:
ἄξιος – gleichwertig, ebenso schwer wiegend, würdig, etwas wert
Die ältere konkrete Vorstellung ist:
auf der Waage gleich viel wiegend
Das LSJ gibt für ἄξιος zuerst „ebenso viel wiegend, von gleichem Wert, ebenso viel wert“ an; ἀξία bezeichnet entsprechend den Wert oder die Geltung einer Sache. (lsj.gr) Beispiel:
πολλοῦ ἄξιος „viel wert“
ἀξία eignet sich besonders für:
- inneren oder zugemessenen Wert
- Würdigkeit
- Bedeutung
- Rang
- angemessenen Gegenwert
τιμή – Wert als Schätzung, Preis und Ehre
τιμή – Schätzung, Preis, Wert, Ehre, Ansehen
Dieses Wort bezeichnet stärker den Wert, der jemandem oder etwas zugemessen und zuerkannt wird. Es kann sowohl materiell als auch gesellschaftlich sein:
- Kaufpreis
- Entschädigung
- Ehrung
- Rang
- öffentlich anerkanntes Ansehen
Die Bedeutungen „Wert“, „Preis“ und „Ehre“ gehören im Griechischen eng zusammen. (lsj.gr)
Für die homerische Welt ist τιμή besonders wichtig: Es ist der einem Menschen zuerkannte Anteil an Ehre, Stellung und sichtbarer Anerkennung.
Der Unterschied
ἀξία fragt: Was ist etwas seinem Gewicht oder seiner Angemessenheit nach wert? τιμή fragt: Welcher Wert, Preis oder welche Ehre wird ihm zugemessen?
Vereinfacht:
- ἀξία – innewohnender oder vergleichender Wert
- τιμή – geschätzter, anerkannter oder bezahlter Wert
Zusammenschau
| Deutsches Wort | Nächstes griechisches Wort | Grundvorstellung |
|---|---|---|
| werden | γίγνομαι | ins Dasein treten |
| wird | γίγνεται | tritt ins Dasein / verändert sich |
| währt | μένει, stärker διαμένει | bleibt durch die Zeit |
| Wert | ἀξία | gleiches Gewicht, Angemessenheit |
| Wert | τιμή | zugemessener Preis oder Ehre |
Für Ihre bisherige lautliche Intuition ist bemerkenswert: Die deutsche Reihe werden – währen – Wert – Wort beginnt zwar durchgängig mit w-, bildet aber keine einheitliche indogermanische Wortfamilie. Im Altgriechischen erscheinen deshalb ganz verschiedene Anlaute und Bedeutungswurzeln:
γ- in γίγνομαι
μ- in μένω
ἀξ- / τιμ- in ἀξία und τιμή
ἐπ- in ἔπος
Die Ähnlichkeit der deutschen Anfangslaute darf daher nicht ohne Weiteres als Hinweis auf eine gemeinsame ursprüngliche Bedeutung gelesen werden.
Ich suche nicht nach einer gemeinsamen ursprünglichen Bedeutung in Sachen der Anfangslaute
, sondern nach dem, wie im Altgriechisch Wortbildungen mit Fragewörter zu Komposita vollzogen wurden., wie es im Lateinisch mit qu- zu questio, qualitas, quantum, … geschehen ist.
Im Altgriechischen beginnen die entsprechenden Fragewörter
Antwort siehe Fragewörter im Altgriechisch
Und genau dort könnte auch Ihre Intuition zu Wort, Frage und begrifflicher Bildung ansetzen: Im Griechischen wird eine Frageform häufig zum Namen derjenigen Kategorie, nach der sie fragt — das Was, das Wie, das Wieviel, das Wo und das Wann.
Ortsgeschehen
Welches Wort könnte man auf Altgriechisch, als ein zusammengesetztes Wort neu bilden das besagt "was am Ort wird"?
Am genauesten und zugleich altgriechisch verständlich wäre zunächst kein Kompositum, sondern:
τὸ ἐν τόπῳ γιγνόμενον
tò en tópōi gignómenon
„das, was an einem Ort wird/entsteht“
Dabei bedeutet:
- τὸ … γιγνόμενον: „das Werdende“, „das, was entsteht“
- ἐν τόπῳ: „an/in einem Ort“
γιγνόμενον ist das substantivierte Partizip von γίγνομαι und bezeichnet gerade etwas, das entsteht, geschieht oder in einen Zustand tritt. Altgriechisch gibt Ortsbestimmungen gewöhnlich durch Adverbien oder Präpositionalverbindungen an; deshalb ist diese Formulierung idiomatischer als ein künstlich verdichtetes Wort. (lsj.gr)
Mögliche Neubildung: τοπογενές
Soll es ausdrücklich ein einziges neu gebildetes Wort sein, bietet sich am ehesten an:
τοπογενές
topogenés
„das ortsentstehende / am Ort hervorgehende [Etwas]“
Als Adjektiv vollständig:
τοπογενής, -ές topogenḗs, -és
Morphologisch:
- τοπο- aus τόπος – Ort, Stelle
- -γενής – entstehend, hervorgegangen, von einer Herkunft oder Erzeugung bestimmt
Das Neutrum τὸ τοπογενές könnte substantivisch verwendet werden:
τὸ τοπογενές – „das am Ort Entstehende“ beziehungsweise „das durch den Ort Hervorgebrachte“
Bedeutungsproblem von τοπογενές
Die Bildung ist verständlich, aber mehrdeutig. Sie kann drei nahe Vorstellungen ausdrücken:
- an einem Ort entstanden
- aus einem Ort hervorgegangen
- durch die Beschaffenheit des Ortes hervorgebracht
Sie sagt daher nicht völlig eindeutig nur „was sich gerade am Ort ereignet“. Das Element -γενής bezeichnet eher Herkunft, Entstehung oder Hervorgebrachtsein als den offenen Vorgang des Werdens.
Vergleichbar sind griechische Bildungen wie:
- γηγενής – aus der Erde geboren
- αὐτογενής – aus sich selbst entstanden
- ἐγγενής – eingeboren, innewohnend
Näher am fortlaufenden Werden: τοπογίγνετον
Für den ganz bestimmten Gedanken
„dasjenige, das an seinem Ort wird“
könnte man experimentell bilden:
τοπογίγνετον topogígneton
aus:
- τοπο- – Ort
- einer Bildung zu γίγνεσθαι – werden
Diese Form wäre jedoch keine natürlich belegte oder regulär zu erwartende klassische Wortbildung. Ein altgriechischer Leser könnte sie möglicherweise erschließen, sie klänge aber stärker wie ein moderner philosophischer Neologismus.
Ich würde sie deshalb nicht als erste Wahl empfehlen.
Wenn „am Ort“ eigentlich „hier“ bedeutet
Soll der Satz nicht „an irgendeinem Ort“, sondern „was hier wird“ bedeuten, wäre die natürliche Form:
τὸ ἐνθάδε γιγνόμενον
tò entháde gignómenon
„das, was hier entsteht“
Oder:
τὸ ἐνταῦθα γιγνόμενον
tò entaûtha gignómenon
„das hier Werdende/Geschehende“
Das ist wichtig, denn deutsches „am Ort“ kann zweierlei meinen:
- örtlich, an einem bestimmten Platz → ἐν τόπῳ
- hier vor Ort → ἐνθάδε / ἐνταῦθα
Wenn „wird“ eher „geschieht“ bedeutet
„Was am Ort wird“ könnte auch gemeint sein als:
„was sich dort ereignet“
Dann wäre συμβαίνειν möglicherweise näher als γίγνεσθαι:
τὸ ἐν τόπῳ συμβαῖνον
tò en tópōi symbaînon
„das am Ort Geschehende“
Das substantivierte τὸ συμβεβηκός wurde später auch für einen eintretenden oder zufälligen Umstand gebraucht. (lsj.gr)
Der Unterschied:
- γιγνόμενον: das Entstehende oder Werdende
- συμβαῖνον: das Geschehende oder sich Ereignende
- γενόμενον: das Gewordene beziehungsweise Geschehene
- γεγενημένον: das bereits Entstandene
Empfohlene Lösung
Für eine historisch und grammatisch natürliche Formulierung:
τὸ ἐν τόπῳ γιγνόμενον „das am Ort Werdende“
Für ein bewusst neu geschaffenes Einzelwort:
τὸ τοπογενές „das ortsentstandene beziehungsweise ortbedingt hervorgehende Etwas“
Als Benennung eines philosophischen Begriffs könnte man den Vorgang außerdem nennen:
τοπογένεσις
topogénesis
„Ortwerdung“, „Entstehung am Ort“ oder „Hervorbringung durch den Ort“
Die drei Formen wären also sauber zu unterscheiden:
τὸ ἐν τόπῳ γιγνόμενον – was am Ort wird
τὸ τοπογενές – das ortgeborene/ortentstandene Etwas
τοπογένεσις – der Vorgang des Entstehens am oder durch den Ort
τοπογένεσις
τοπογένεσις kommt dem am nächsten, was ich meine.
Epos und Wort
Das genügt nun soweit, daß ich nun besser verstehe, wie im Griechisch Wörter gebildet werden.
Die ursprünglichere Bedeutung von Epos im Altgriechisch entspricht gemäß unserer Untersuchung am ehesten Wort im Althochdeutsch und wurdą im germanisch – oder?
Ja – semantisch entspricht das archaische ἔπος am ehesten althochdeutsch wort und urgermanisch rekonstruiertem *wurdą. Dabei sind wort und *wurdą aber nicht zwei verschiedene Vergleichswörter: Das althochdeutsche wort ist die geschichtlich fortgesetzte Form des urgermanischen *wurdą. (Etymologie Online)
Die Bedeutungsfelder liegen bemerkenswert nahe beieinander:
| Altgriechisch ἔπος | Urgermanisch *wurdą / ahd. wort |
|---|---|
| Gesprochenes | Gesprochenes |
| Äußerung | Äußerung |
| Wort | Wort |
| Ausspruch | Aussage |
| Rede beziehungsweise Redebeitrag | Rede, Mitteilung |
| gegebenes Wort | verbindliche Aussage |
| Nachricht oder Erzählung | Nachricht, Bericht |
Das germanische Wort bezeichnete ebenfalls nicht ausschließlich das isolierte Wörterbuchwort. Seine älteren Bedeutungen umfassten „Rede“, „Gespräch“, „Äußerung“, „Aussage“, „Nachricht“ und „Bericht“. (Etymologie Online)
Die entscheidende Einschränkung
ἔπος und *wurdą sind semantische Entsprechungen, aber keine etymologischen Verwandten.
Sie stammen nach der üblichen Rekonstruktion aus verschiedenen indogermanischen Wurzeln:
- ἔπος ← frühgriechisch wépos ← indogermanisch wékʷos, zu wekʷ- „sprechen, sich äußern“ (Wiktionary)
- *wurdą → althochdeutsch wort, gotisch waurd, altnordisch orð, altenglisch word; gewöhnlich zu einer indogermanischen Wurzel mit der Bedeutung „sprechen, sagen“ gestellt. (Etymologie Online)
Beide Wortfamilien bilden also unabhängig voneinander denselben Grundgedanken:
Verb des Sprechens → Ergebnis des Sprechens → das Gesprochene
Die genaueste Gleichsetzung
Die historische Entsprechung lässt sich so formulieren:
ἔπος ≈ *wurdą ≈ althochdeutsch wort in der Urbedeutung: „das hervorgebrachte Gesagte“
Nicht völlig deckungsgleich wären dagegen die modernen Bedeutungen:
- neuhochdeutsch Wort kann eine abstrakte lexikalische oder grammatische Einheit sein;
- deutsch Epos bezeichnet eine umfangreiche Erzählung;
- archaisches ἔπος und älteres germanisches wort liegen noch vor diesen späteren Spezialisierungen.
Besonders überzeugend ist die Parallelität in Wendungen wie:
griechisch ἔπος εἰπεῖν – „ein Wort/eine Äußerung sagen“
germanisch-deutsch ein Wort sprechen
griechisch ἔπος – ἔργον – „Wort – Tat“
deutsch Wort und Werk/Tat
Das Ergebnis Ihrer Mutmaßung ist daher:
Ja, ἔπος ist wahrscheinlich die beste archaisch-griechische Bedeutungsentsprechung zu germanisch *wurdą und althochdeutsch wort – nicht aufgrund gemeinsamer Abstammung, sondern aufgrund nahezu paralleler Bedeutungsbildung.
War am Anfang der Epos und nicht der Logos.
Dann haben wir soweit alles dargelegt und es ging mir nicht um eine etymologische Anbindung von Epos und Wort über eine gemeinsame Wortwurzel, sondern nur um den Anwendungssinn, dem Gebrauch beider, welcher äußerst ähnlich ist.
Nun die eigentliche Frage, wie kommt man darauf im Christentum Logos mit Wort zu übersetzen, wo es hätte Epos sein müssen?
Der entscheidende Punkt ist:
Nicht das Christentum hat im griechischen Text „Wort“ an die Stelle von λόγος gesetzt. Der Verfasser des Johannesevangeliums selbst schrieb λόγος. Erst die lateinischen und deutschen Übersetzer mussten entscheiden, wie sie λόγος wiedergeben.
Johannes 1,1 lautet:
Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος … „Im Anfang war der λόγος …“
Und Vers 3 erklärt, dass alles durch ihn geworden sei; Vers 14 sagt, dass der λόγος Fleisch wurde. (greekbible.com)
1. Weshalb Johannes nicht ἔπος schrieb
Unsere bisherige Untersuchung bleibt richtig:
ἔπος entspricht dem älteren deutschen Wort sehr gut, wenn „Wort“ das konkret Ausgesprochene, den Ausspruch oder das gegebene Wort bezeichnet.
Aber Johannes sucht in seinem Prolog offenbar keinen Ausdruck für eine einzelne hervorgebrachte Äußerung.
Sein λόγος:
- war bereits „im Anfang“;
- war bei Gott;
- war göttlich;
- war an der Entstehung aller Dinge beteiligt;
- enthält Leben;
- wird Fleisch.
Ein ἔπος wäre seinem ursprünglichen Anwendungssinn nach etwas Ausgesprochenes: eine Äußerung, ein Ausspruch, eine sprachlich hervorgebrachte Einheit. Es setzt semantisch einen Vorgang des Äußerns voraus.
Johannes beschreibt dagegen etwas, das vor aller geschaffenen Hervorbringung bereits ist. Der λόγος ist nicht nur ein von Gott ausgesprochenes Einzelelement, sondern Träger von Zusammenhang, Offenbarung, Schöpfungswirksamkeit und schließlich personaler Erscheinung.
Darum wäre:
Ἐν ἀρχῇ ἦν τὸ ἔπος
ungefähr zu verstehen als:
„Im Anfang war die Äußerung / der Ausspruch.“
Das wäre sprachlich möglich, würde aber den johanneischen Gedanken stark verkürzen. Es fehlten die Bedeutungsanteile:
- gedanklicher Zusammenhang,
- Darlegung,
- Verhältnis,
- vernünftige Ordnung,
- offenbarender Sinn,
- wirksame göttliche Selbstmitteilung.
2. Warum λόγος für Johannes besonders geeignet war
λόγος hatte zur Zeit des Johannesevangeliums ein sehr breites Bedeutungsfeld:
- Aussage,
- Rede,
- Bericht,
- Botschaft,
- Darlegung,
- Begründung,
- Rechenschaft,
- Verhältnis,
- geordneter Gedankengang,
- vernünftiger Zusammenhang.
Es konnte durchaus auch „Wort“ im weiteren Sinn bedeuten, aber eben nicht bloß das einzelne ausgesprochene ἔπος. Das Lexikonfeld reicht von Rede und Darstellung bis zu Rechnung und vernünftiger Beziehung. (logeion.uchicago.edu)
Dadurch konnte Johannes mit einem einzigen Wort mehrere Bedeutungsebenen gleichzeitig ansprechen.
Die jüdische Ebene
Im hebräischen Denken ist das Wort Gottes nicht bloß ein Laut oder ein sprachliches Zeichen. Gottes Wort spricht, befiehlt, offenbart und bewirkt.
Genesis 1 stellt die Schöpfung als Folge göttlichen Sprechens dar:
Gott sprach: Licht soll werden – und Licht wurde.
Die griechische Septuaginta gibt dies mit εἶπεν ὁ θεός und γενηθήτω wieder: „Gott sprach“ – „es werde“. (die-bibel.de) Noch unmittelbarer heißt es in der griechischen Fassung von Psalm 32,6 beziehungsweise nach anderer Zählung Psalm 33,6:
τῷ λόγῳ τοῦ κυρίου οἱ οὐρανοὶ ἐστερεώθησαν „Durch den λόγος des Herrn wurden die Himmel befestigt.“
Hier bezeichnet λόγος gerade das schöpferisch wirksame Wort Gottes. (StudyLight.org) Johannes greift diesen Zusammenhang erkennbar auf:
„Im Anfang …“ „Alles wurde durch ihn …“
Der Anfang seines Evangeliums verweist sprachlich und gedanklich auf den Schöpfungsanfang.
Die griechisch-philosophische Ebene
Seit Heraklit und später besonders in der Stoa konnte λόγος den Zusammenhang oder die vernünftige Ordnung bezeichnen, nach der die Wirklichkeit aufgebaut ist. Bei Philon von Alexandria wurde der Logos innerhalb einer jüdisch-griechischen Synthese als vermittelnde göttliche Schöpfungs- und Ordnungskraft ausgearbeitet. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
Johannes muss Philons Lehre nicht einfach übernommen haben. Aber er verwendete ein Wort, das für griechischsprachige Hörer sowohl Folgendes anklingen lassen konnte:
Gottes wirksames Wort
und
der verstehbare, ordnende Sinn der Wirklichkeit.
ἔπος hätte die erste Seite nur teilweise erfasst und die zweite kaum.
3. Weshalb übersetzte man λόγος trotzdem mit „Wort“?
Hier liegt tatsächlich eine Unschärfe der Übersetzung vor.
Die lateinische Tradition übersetzte:
λόγος → Verbum
Die Vulgata lautet:
In principio erat Verbum.
Diese Wiedergabe wird auch in der heutigen Nova Vulgata beibehalten. (Vatikans Webseite) Das deutsche „Wort“ setzte dann weitgehend die lateinische Übersetzungstradition fort:
griechisch λόγος
→ lateinisch verbum
→ deutsch Wort
Dabei war „Wort“ im älteren Deutschen semantisch weiter als die heutige Vorstellung eines einzelnen Lexems. Wie wir festgestellt haben, konnte es auch heißen:
- Aussage,
- Rede,
- Botschaft,
- Zusage,
- Nachricht,
- Ausspruch,
- sprachlich vermittelter Inhalt.
Deshalb war Wort keine völlig falsche Übersetzung. Es war ein verfügbares deutsches Wort, das sowohl eine Äußerung als auch deren bedeutungsvollen Inhalt bezeichnen konnte.
Problematisch wurde es dort, wo der Leser „Wort“ nur noch versteht als:
eine einzelne sprachliche Einheit zwischen zwei Leerzeichen.
Das ist in Johannes 1 offensichtlich nicht gemeint.
4. Wäre „Sinn“ besser?
Teilweise.
Eine moderne erklärende Übertragung könnte lauten:
„Im Anfang war der Sinn.“
Das erfasst:
- Zusammenhang,
- Verstehbarkeit,
- innere Ordnung,
- geistigen Gehalt.
Es verliert aber:
- Sprechen,
- Offenbarung,
- Botschaft,
- schöpferischen Ausspruch,
- persönliche Mitteilung.
5. Wäre „Vernunft“ besser?
Ebenfalls nur teilweise:
„Im Anfang war die Vernunft.“
Das erfasst den philosophischen Anteil von λόγος, klingt aber zu sehr nach einer menschlichen geistigen Fähigkeit. Außerdem wird „die Vernunft wurde Fleisch“ im Deutschen leicht abstrakt und unpersönlich verstanden.
6. Wäre „Rede“ besser?
„Im Anfang war die Rede.“
Das bewahrt den sprachlichen Vorgang, klingt aber so, als habe bereits eine konkrete Rede stattgefunden. Außerdem erfasst „Rede“ den Gedanken von Maß, Verhältnis und Weltordnung nicht ausreichend.
7. Wäre „Epos“ besser?
Für λόγος in vielen alltäglichen Sätzen könnte ein dem älteren „Wort“ entsprechendes ἔπος durchaus näherliegen. Für den Johannesprolog jedoch nicht.
Der Unterschied lässt sich so zuspitzen:
ἔπος ist das hervorgebrachte Gesagte. λόγος ist das Gesagte als geordneter, verstehbarer und rechenschaftsfähiger Sinnzusammenhang.
Oder noch genauer auf Johannes bezogen:
ἔπος wäre Gottes ausgesprochene Äußerung. λόγος ist Gottes sich äußernder, schaffender und offenbarender Sinn.
Der johanneische Logos ist nicht nur ein Wort Gottes, sondern diejenige göttliche Wirklichkeit, durch welche Gott sich ausdrückt und durch welche alles Gewordene seinen Ursprung erhält.
8. Die eigentliche Übersetzungsverschiebung
Sie haben insofern einen berechtigten Einwand:
Wer λόγος unterschiedslos mit „Wort“ gleichsetzt, verwischt den Unterschied zwischen λόγος und ἔπος.
Das geschieht in der christlichen Alltagssprache häufig. Dann entsteht der Eindruck:
λόγος = griechisches Wörterbuchwort für deutsches „Wort“.
Das ist zu grob.
Richtiger wäre:
- ἔπος entspricht dem deutschen „Wort“ in seinem älteren Gebrauch als konkrete Äußerung besonders gut.
- λόγος kann je nach Kontext „Wort“, „Rede“, „Botschaft“, „Darlegung“, „Begründung“, „Verhältnis“, „Rechnung“ oder „Sinnzusammenhang“ bedeuten.
- In Johannes 1 ist „Wort“ ein traditioneller Stellvertreter für einen Begriff, den kein einzelnes deutsches Wort vollständig abbildet.
Ergebnis
Es hätte nicht ἔπος sein müssen, sofern Johannes das ausdrücken wollte, was der gesamte Prolog entfaltet. Johannes hat offenbar bewusst den umfassenderen Begriff λόγος gewählt.
Die fragwürdigere Entscheidung liegt nicht im griechischen Original, sondern in der Vorstellung, das deutsche Wort sei eine vollständige Übersetzung von λόγος.
Eine ausführlichere sinngemäße Wiedergabe könnte lauten:
„Im Anfang war Gottes sich mitteilender und schöpferisch wirkender Sinn; dieser Sinn war auf Gott bezogen und war göttlicher Art.“
Das ist weniger einprägsam als „Im Anfang war das Wort“, legt aber offen, warum Johannes λόγος und nicht ἔπος schrieb.
Ich verstehe die Hintergründe.
Ich verstehe die Hintergründe.
Johann Wolfgang von Goethe hatte Sinn ebenso in Faust eine Tragödie es ebenso vermittelt:
"Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort! … (dann) Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn. … (und entscheidet sich für ) Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!"
Goethe entschied sich dann für Tat, doch Logos mit Verbum oder Wort zu übersetzen ist gemäß dem Stand unserer Untersuchung völlig falsch und irreführend.
Logos ist somit synkretisch insofern verfehlt, als daß man den jüdischen Hintergedanken der Wortschöpfung an sich in der Vulgata erhalten wollte. Daß heißt, es macht den Eindruck, daß nicht Johannes das Wort Logos mit der Bedeutung "Wort" einbrachte, da er dazu Epos hätte verwenden können, sondern die Übersetzer des Johannesevangelium ins Latein dies tat – oder?
Wie hätte man gemäß der Datenlage zu Logos dann Logos ins Latein übersetzen müssen?
Ihre Folgerung braucht eine wichtige Korrektur
, trifft danach aber den Kern des Übersetzungsproblems:
Johannes schrieb selbst λόγος. Die lateinischen Übersetzer machten also nicht aus einem griechischen ἔπος nachträglich einen Logos. Sie entschieden vielmehr, welchen Bedeutungsanteil des bereits von Johannes gewählten λόγος sie im Lateinischen hervorheben wollten.
Die Bedeutungsverengung entstand bei:
λόγος → verbum → Wort
Nicht bei der Wahl des griechischen Ausdrucks.
1. Hat Johannes λόγος selbst im Sinne von „Wort“ gebraucht?
Nicht im engen Sinn von ἔπος – „konkret Gesagtes, Ausspruch“.
Der johanneische λόγος vereinigt mindestens drei Ebenen:
- ratio – Gedanke, Vernunft, Verhältnis und ordnender Sinn;
- sermo – sich äußernde Rede oder Mitteilung;
- wirksamer Schöpfungsvollzug – das Gedachte und Geäußerte wird Wirklichkeit.
Johannes verwendet also λόγος nicht einfach als griechische Bezeichnung eines einzelnen „Wortes“. Seine Wahl scheint gerade darauf angelegt zu sein, inneren Sinn und äußere Mitteilung zusammenzuhalten.
Das zeigt die Abfolge des Prologs:
Der λόγος war im Anfang.
Alles wurde durch ihn.
Der λόγος wurde Fleisch.
Ein ἔπος wäre stärker das bereits hervorgebrachte Gesagte. Der λόγος kann dagegen sowohl den noch inneren Sinn als auch dessen Äußerung und wirksame Verwirklichung bezeichnen.
2. Weshalb ist verbum dennoch problematisch?
Lateinisches verbum war historisch breiter als das heutige deutsche „Einzelwort“. Es konnte auch bedeuten:
- Ausdruck,
- Ausspruch,
- Redeweise,
- sprachliche Formulierung,
- Äußerung.
Deshalb war verbum nicht sprachlich unmöglich. Es war jedoch für λόγος sehr unvollständig, denn es stellte den sprachlichen Anteil in den Vordergrund und ließ leicht verschwinden:
- ratio – innere Vernunft und Gedanke;
- geordneter Zusammenhang;
- Maß und Verhältnis;
- geistiger Entwurf;
- vernünftige Weltordnung.
Das spätere deutsche Wort verstärkte diese Verengung nochmals.
Man sollte daher unterscheiden:
verbum ist als kontextuelle Wiedergabe möglich, aber als vollständige begriffliche Gleichsetzung irreführend.
„Völlig falsch“ wäre philologisch zu stark, weil λόγος tatsächlich auch Rede, Aussage und sprachliche Mitteilung bedeuten kann. Falsch wird es, sobald behauptet wird:
λόγος bedeute eigentlich „Wort“ im Sinne von ἔπος.
Das tut es nicht.
3. Die drei möglichen lateinischen Übersetzungen
Verbum
In principio erat Verbum.
Bedeutungsschwerpunkt:
- sprachlich geformter Ausdruck;
- ausgesprochenes oder innerlich formuliertes Wort;
- göttliche Selbstäußerung.
Vorteil: Es verbindet den Prolog leicht mit der biblischen Schöpfung durch Gottes Sprechen.
Nachteil: Es verengt λόγος in Richtung einzelner sprachlicher Ausdruck und nähert ihn dadurch semantisch ἔπος oder ῥῆμα an.
Sermo
In principio erat Sermo.
Sermo bedeutet:
- Rede;
- Gespräch;
- sprachliche Mitteilung;
- zusammenhängende Darlegung;
- sprachlicher Verkehr.
Das kommt dem λόγος als geäußertem Sinnzusammenhang näher als verbum. Es bezeichnet nicht nur ein einzelnes Wort, sondern eine bedeutungstragende Rede.
Tertullian verwendete in seiner Auslegung von Johannes 1 tatsächlich regelmäßig sermo. Er erklärt ausdrücklich, die Griechen bezeichneten mit λόγος etwas, das man lateinisch sowohl ratio als auch sermo nennen könne. (tertullian.org)
Auch Erasmus ersetzte in seiner überarbeiteten lateinischen Fassung von 1519 das traditionelle verbum durch sermo; gerade diese Änderung löste erheblichen Widerstand aus. (Brill)
Vorteil: Es bewahrt Sprache, Mitteilung und zusammenhängenden Sinn.
Nachteil: Es kann wie eine bereits ausgesprochene Rede oder sogar ein Gespräch klingen. Der vorweltliche innere Ordnungsgrund wird nicht vollständig erfasst.
Ratio
In principio erat Ratio.
Ratio umfasst:
- Vernunft;
- Gedanke;
- Erwägung;
- Berechnung;
- Verhältnis;
- Maß;
- Ordnung;
- Begründung;
- Rechenschaft.
Damit entspricht es besonders gut der philosophischen Seite von λόγος.
Tertullian sagt bemerkenswert deutlich, dass ratio für den Anfang sogar angemessener sei als sermo: Gott sei vor dem Hervortreten seiner Rede bereits vernünftig; die Rede selbst bestehe aufgrund der ihr zugrunde liegenden ratio. (tertullian.org)
Seine gedankliche Reihenfolge lautet ungefähr:
Gott trägt in sich die ratio,
aus dieser geht der sermo hervor,
durch diesen wird das Gedachte wirksam hervorgebracht.
Vorteil: Es bewahrt inneren Sinn, Vernunft, Ordnung und Verhältnis.
Nachteil: Es verliert den Charakter von Äußerung, Offenbarung und persönlicher Mitteilung. Außerdem klingt ratioleicht wie eine unpersönliche Denkfähigkeit, während Johannes den λόγος mit αὐτός, „er/dieser“, personal fortführt.
4. Welche Übersetzung wäre die genaueste gewesen?
Wenn nur ein klassisches lateinisches Wort gewählt werden darf, hängt die Entscheidung davon ab, welcher Aspekt des Johannesprologs als grundlegend angesehen wird.
Begriffsgeschichtlich am nächsten: ratio
Für den vorweltlichen, ordnenden und verstehbaren Grund:
In principio erat Ratio. „Im Anfang war der vernünftige Sinn / die ordnende Vernunft.“
Dies erfasst besser als verbum, weshalb der λόγος bereits vor jeder geschaffenen Äußerung sein kann.
Im Zusammenhang des gesamten Prologs am ausgewogensten: sermo
Für den sich mitteilenden und wirksam hervortretenden Sinn:
In principio erat Sermo.
Sermo ist weniger atomar als verbum und bewahrt stärker die Vorstellung eines zusammenhängenden Ausdrucks von Sinn. Deshalb halte ich es als einzelnes lateinisches Ersatzwort im Kontext von Johannes 1 für geeigneter als verbum.
Philologisch am ehrlichsten: Logos beibehalten
Da kein einzelnes lateinisches Wort beide Hauptseiten vollständig vereint, wäre die präziseste Lösung gewesen:
In principio erat Logos.
Anschließend hätte man erklären müssen:
Logos est ratio se exprimens et sermo rationem continens – „Der Logos ist der sich ausdrückende Sinn und die den Sinn enthaltende Rede.“
Damit wäre vermieden worden, dass verbum den griechischen Begriff scheinbar restlos ersetzt.
5. Eine lateinische Doppelübersetzung
Soll der Bedeutungsumfang innerhalb der Übersetzung selbst sichtbar bleiben, wäre eine erläuternde Doppelung möglich:
In principio erat Ratio et Sermo.
Das ist jedoch theologisch gefährlich, weil es wie die Behauptung zweier Wesen erscheinen könnte. Besser wäre:
In principio erat Ratio loquens. „Im Anfang war der sich äußernde Sinn.“
Oder:
In principio erat Sermo rationalis. „Im Anfang war die sinn- und vernunfttragende Rede.“
Noch genauer:
In principio erat Ratio sese exprimens. „Im Anfang war der sich selbst ausdrückende Sinn.“
Das ist keine wörtliche Übersetzung mehr, aber eine begrifflich aufschlussreiche Auslegung.
6. Hat die Vulgata bewusst den jüdischen Schöpfungsgedanken bevorzugt?
Das ist eine plausible Wirkung, aber als bewusste Absicht aller Übersetzer nicht sicher nachweisbar.
Die Wahl von verbum begünstigt zweifellos diese Lesart:
Gott spricht → das Wort geht hervor → die Schöpfung entsteht.
Der Vulgatatext lautet tatsächlich In principio erat Verbum; diese Form wurde in der lateinischen Kirche maßgeblich. (vulgate.org)
Aber bereits Tertullian zeigt, dass lateinische Christen das Problem kannten. Er trennte ausdrücklich zwischen:
- ratio als innerem göttlichem Sinn;
- sermo als hervortretender Äußerung;
- der sichtbaren und wirksamen Hervorbringung bei „Es werde Licht“. (tertullian.org)
Die Verengung war also nicht unbemerkt. Vielmehr entschied sich die kirchliche Tradition letztlich für verbum, weil es den biblischen Offenbarungs- und Schöpfungszusammenhang gut abbildete und sich theologisch als „inneres Wort“ weiter auslegen ließ.
Ergebnis
Gemäß unserer Bedeutungsuntersuchung wäre die Rangfolge:
- Logos – am genauesten, weil der unersetzbare griechische Begriff erhalten bleibt;
- Sermo – beste lateinische Einzelwiedergabe des sich mitteilenden Sinnzusammenhangs;
- Ratio – beste Wiedergabe seines inneren, vernünftigen und ordnenden Wesens;
- Verbum – traditionsgeschichtlich verständlich, aber am stärksten verengend und am leichtesten mit ἔποςbeziehungsweise dem Einzelwort zu verwechseln.
Eine begrifflich angemessene lateinische Fassung von Johannes 1,1 könnte deshalb lauten:
In principio erat Logos, id est Ratio sese exprimens. „Im Anfang war der Logos, das heißt der sich selbst ausdrückende Sinn.“
Damit blieben sowohl der griechische Begriff als auch seine beiden untrennbaren Seiten erhalten: ratio und sermo.
Also habe den Eindruck
, man hätte als Lateiner logos eher mit "lexon" zu lex ein neues Wort schöpfen und es damit übersetzen sollen, schließlich ist der Logos Gottes auch sein Gesetz.
Lateinisch lex- und leg- hat mit altgriechisch log- dieselbe Wortwurzel pie. *leǵ- – oder?
Im Grundsatz ja: Altgriechisch λέγω / λόγος und lateinisch legō gehören sehr wahrscheinlich zur selben indogermanischen Wurzel leǵ- mit dem älteren Bedeutungsfeld „sammeln, auswählen, ordnen“, woraus sich „aufzählen, darlegen, sagen“ entwickelte. λόγος ist dabei eine o-stufige Nominalbildung zu λέγω. (Wikipedia)
Bei lateinisch lēx, lēgis ist die Lage etwas vorsichtiger zu formulieren:
Die traditionelle und weiterhin weithin vertretene Erklärung verbindet lēx mit lateinisch legō und damit ebenfalls mit leǵ-.
Die Grundvorstellung wäre dann etwa:
„das Ausgewählte, Festgelegte, Zusammengestellte“
→ eine festgesetzte Regel
→ Gesetz, Satzung, Vertrag.
Eine fachwissenschaftliche Untersuchung bezeichnet diese Herleitung von lēx aus legō ausdrücklich als die traditionelle, von de Vaan und anderen angenommene Etymologie; zugleich wird darauf hingewiesen, dass eine bereits urindogermanische Vorform von lēx wegen fehlender genauer Entsprechungen nicht sicher nachweisbar ist. (IdUS)
Die Verwandtschaft lässt sich so darstellen
| Form | unmittelbare Bedeutung | Verhältnis zur Wurzel |
|---|---|---|
| griechisch λέγω | sammeln, auswählen; aufzählen, sagen | Verbalbildung zu leǵ- |
| griechisch λόγος | Sammlung, Rechnung, Darlegung, Rede, Zusammenhang | o-Stufe derselben Wurzel |
| lateinisch legō | sammeln, auswählen, lesen | unmittelbare lateinische Fortsetzung |
| lateinisch lēx, lēgis | Festsetzung, Satzung, Gesetz | wahrscheinlich daraus gebildetes Wurzelnomen |
Ihre Beobachtung ist daher sachlich stark:
λόγος und lēx liegen nicht nur begrifflich, sondern wahrscheinlich auch etymologisch nahe beieinander.
Allerdings sind sie keine vollständigen Synonyme. Lex ist das festgesetzte und verbindliche Ordnungsgefüge; λόγοςist umfassender: Sammlung, Verhältnis, Rechnung, Darlegung, vernünftige Ordnung und sprachliche Artikulation.
Wäre lexon eine geeignete lateinische Neubildung?
Als Gedanke ist es nachvollziehbar, als lateinische Wortform jedoch nicht besonders natürlich.
Lexon wirkt aus zwei Gründen problematisch:
- Die Endung -on ist typisch für griechische neutrale Formen wie ἔργον, nicht für eine reguläre lateinische Neubildung.
- Der Stamm lex- ist im Lateinischen bereits eindeutig durch lēx, lēgis „Gesetz“ besetzt.
Ein Lateiner hätte lexon daher wahrscheinlich entweder als griechisches Fremdwort oder als ungewöhnliche Kunstbildung empfunden, nicht als selbstverständlich durchsichtiges lateinisches Wort.
Mögliche lateinische Neubildungen wären formal eher:
- lexium – ein zu lex gebildetes Neutrum, aber ebenfalls künstlich;
- legium – formal denkbar, jedoch leicht mit legiō und anderen leg--Bildungen verwechselbar;
- logus oder logos – direkte Übernahme des griechischen Wortes;
- ratio legis universalis – „der allgemeine Sinn/die Vernunft des Gesetzes“;
- ratio ordinans – „die ordnende Vernunft“;
- lex viva – „das lebendige Gesetz“.
Von diesen wäre Logos als Fremdwort philologisch am saubersten gewesen.
Ist der Logos Gottes sein Gesetz?
Teilweise, aber nicht ausschließlich.
Der johanneische Logos kann als Ursprung der göttlichen Ordnung verstanden werden. In diesem Sinn ist das Gesetz eine Ausprägung oder Artikulation des Logos. Aber Logos und Gesetz sind nicht deckungsgleich:
lex ist die festgesetzte Ordnung; logos ist auch der Sinn, aus dem Ordnung, Gesetz, Aussage und Schöpfung hervorgehen.
Anders gesagt:
Das Gesetz kann Ausdruck des Logos sein, aber der Logos ist mehr als das Gesetz.
Eine Übersetzung von Johannes 1 mit lex —
In principio erat Lex
— würde deshalb einen echten Bedeutungsanteil treffen: die ursprüngliche und verbindliche Weltordnung. Sie würde jedoch andere Bestandteile abschneiden:
- Selbstmitteilung,
- Darlegung,
- Vernunft,
- Verhältnis,
- Schöpfungsmittlerschaft,
- Personalisierung.
Außerdem würde „das Gesetz wurde Fleisch“ im jüdisch-christlichen Zusammenhang leicht so verstanden, als sei unmittelbar die Tora oder ein Kodex Mensch geworden. Das wäre eine erhebliche Bedeutungsverschiebung.
Eine treffendere lateinische Neubildung
Sollte ein Lateiner bewusst ein neues Wort schaffen, das die griechische Wurzelstruktur bewahrt, wäre eher eine direkte Latinisierung denkbar gewesen:
Logos oder latinisiert Logus
Dann hätte man schreiben können:
In principio erat Logos.
Oder mit lateinischer Erläuterung:
In principio erat Logos, ratio ordinans et sese exprimens. „Im Anfang war der Logos, die ordnende und sich selbst ausdrückende Vernunft.“
Eine stärker an Ihrer Gesetzesintuition orientierte Auslegung wäre:
In principio erat ratio legis.
Das hieße aber nicht „Im Anfang war das Gesetz“, sondern:
„Im Anfang war der Sinn beziehungsweise Grund der Ordnung.“
Ergebnis
Ihre etymologische Vermutung ist mit einer Einschränkung richtig:
*griechisch log- und lateinisch leg- gehören sicher beziehungsweise sehr wahrscheinlich zur PIE-Wurzel leǵ-. Lateinisch lēx wird traditionell ebenfalls aus diesem Wurzelbereich erklärt, doch die genaue vorgeschichtliche Bildung ist nicht vollkommen gesichert.
Lexon wäre als philosophische Kunstbildung verständlich, aber nicht idiomatisch lateinisch. Inhaltlich wäre es außerdem zu stark auf „Gesetz“ verengt. Die präziseste Lösung wäre gewesen, Logos unübersetzt ins Lateinische zu übernehmen und ihn durch ratio, sermo, ordo und gegebenenfalls lex zu erläutern:
Logos = ratio quae se exprimit, ordinem constituit et legem fundit. „Logos ist der Sinn, der sich ausdrückt, Ordnung begründet und Gesetz hervorbringt.“
Das man logos einfach hätte übernehmen sollen
ist auch mein Eindruck und dazu habe ich schon eine Abhandlung geschrieben die genau das feststellt. Nehmen wir an, die Lateiner hätten logos belassen, wie hätte man dann logos von Latein ins Deutsch übersetzen müssen, da man im Deutsch zu damaliger Zeit logos wie auch im Fall von Spyche und Spirit geschehen womöglich ebenso nicht akzeptiert hätte?
Unter Ihrer Voraussetzung – λόγος bleibt im Lateinischen zunächst Logos
, soll aber anschließend ohne griechisches Fremdwort ins ältere Deutsche übertragen werden – hätte man nicht nach einem bereits vorhandenen Einzelwort suchen dürfen. Man hätte ein deutsches Bedeutungslehnwort schaffen müssen.
Die sinnvollste Lösung wäre meines Erachtens:
Ursinn
Johannes 1,1 hätte dann lauten können:
Im Anfang war der Ursinn, und der Ursinn war bei Gott, und göttlich war der Ursinn.
Warum gerade „Ursinn“?
Sinn konnte und kann mehr bezeichnen als eine subjektive Empfindung:
- gedanklicher Gehalt;
- Bedeutung;
- verständlicher Zusammenhang;
- Richtung und Ausrichtung;
- geistige Wahrnehmung;
- Absicht.
Damit erfasst es wichtige Seiten von λόγος:
Ordnung – Zusammenhang – Bedeutung – Gedanke – Ausrichtung
Das Bestimmungswort Ur- macht deutlich, dass nicht irgendein menschlicher Sinn gemeint ist, sondern:
der ursprüngliche Sinn, aus dem alles Gewordene seinen Zusammenhang erhält.
Dies passt unmittelbar zur johanneischen Folge:
Der Logos war im Anfang.
Alles wurde durch ihn.
In ihm war Leben.
Dass „Wort“ nur einen begrenzten Ausschnitt von λόγος wiedergibt, wird auch in theologischen Erörterungen ausdrücklich eingeräumt: Der Begriff umfasst sowohl das Gedachte als auch dessen Aussprechen und den vernünftigen Zusammenhang. (Universität Münster)
Das verbleibende Problem von „Ursinn“
„Ursinn“ erfasst den inneren, ordnenden Gehalt, aber noch nicht vollständig dessen:
- Äußerung;
- Offenbarung;
- Wirksamkeit;
- Hervortreten;
- personale Verkörperung.
Der Logos ist bei Johannes nicht nur Sinn, sondern ein sich mitteilender und schöpferisch wirksamer Sinn. Deshalb wäre „Ursinn“ als Einzelwort zwar besser als „Wort“, müsste aber erläutert werden.
Eine vollständigere Fassung könnte lauten:
Im Anfang war der Ursinn, der sich kundgibt und alles ins Werden bringt.
Das ist allerdings bereits Auslegung und keine knappe Übersetzung mehr.
Mögliche deutsche Neubildungen
1. Ursinn
ursprünglicher, allem zugrunde liegender Sinn
Stärken:
- erfasst Anfang und Ursprung;
- erfasst Zusammenhang und Bedeutung;
- klingt nicht nach einem einzelnen gesprochenen Wort;
- ist männlich: der Ursinn, sodass die personale Fortführung „er“ möglich bleibt.
Schwäche:
- die sprachliche Selbstmitteilung bleibt nur mittelbar enthalten.
Gesamturteil: beste knappe Neubildung.
2. Schöpfsinn
der Sinn, der schöpferisch hervorbringt
Johannes 1 könnte lauten:
Im Anfang war der Schöpfsinn. Alles wurde durch ihn.
Das Wort verbindet:
- Schöpfung
- mit Sinn und Ordnung
Es ist stärker auf Johannes 1,3 zugeschnitten als „Ursinn“.
Allerdings könnte „Schöpfsinn“ im heutigen Deutsch auch missverstanden werden als:
Begabung zum schöpferischen Denken.
Für eine neu einzuführende theologische Fachsprache wäre es dennoch brauchbar.
3. Weltsinn
der Sinn oder verständliche Grund der Welt
Dies erfasst die kosmologische Seite von λόγος:
- Weltordnung;
- Zusammenhang;
- Verständlichkeit des Seienden.
Aber es könnte den Eindruck erwecken, der Sinn gehöre der Welt an. Bei Johannes ist der Logos jedoch nicht aus der Welt hervorgegangen; vielmehr wurde die Welt durch ihn.
Daher wäre Weltsinn schwächer als Ursinn.
4. Ordnungsgrund
der Grund, durch den alles in Zusammenhang und Ordnung steht
Das ist philosophisch recht genau:
Im Anfang war der Ordnungsgrund.
Es erfasst:
- Grund;
- Verhältnis;
- vernünftige Ordnung;
- strukturierende Wirksamkeit.
Es verliert jedoch nahezu vollständig:
- Rede;
- Mitteilung;
- Offenbarung;
- personale Lebendigkeit.
Außerdem klingt „Grund“ im Deutschen eher wie ein unpersönliches Prinzip.
5. Urrede
die ursprüngliche, schöpferische Selbstäußerung
Diese Bildung wäre näher an lateinisch sermo:
Im Anfang war die Urrede.
Sie erfasst den Logos als:
- Mitteilung;
- Offenbarung;
- zusammenhängenden Ausdruck;
- schöpferisches Sprechen.
Althochdeutsch reda/redia und das zugehörige Verb bezeichneten Rede und Sprechen; das Wortfeld konnte zugleich in Richtung Rechenschaft und Darlegung reichen. (Wiktionary)
Dennoch wäre „Urrede“ problematisch:
- Eine Rede scheint gewöhnlich von jemandem gehalten zu werden.
- Johannes sagt aber nicht nur, dass Gott am Anfang eine Rede hielt.
- Der Logos selbst wird personal bestimmt und „Fleisch“.
„Urrede“ wäre deshalb besser als „Wort“, aber schlechter als „Ursinn“.
6. Sinnrede
Diese künstliche Zusammensetzung verbindet die beiden Hauptseiten:
Sinn – innerer Gehalt, Ordnung und Bedeutung Rede – Äußerung, Mitteilung und Offenbarung
Im Anfang war die Sinnrede.
Begrifflich wäre das erstaunlich genau:
die Rede, die nicht bloß Laut ist, sondern Sinn enthält und Sinn hervorbringt.
Doch sprachlich hat es Nachteile:
- Es klingt ungewohnt und erklärungsbedürftig.
- Es ist feminin, während der johanneische Logos anschließend personal mit οὗτος, „dieser/er“, aufgenommen wird.
- „Die Sinnrede wurde Fleisch“ klingt eher wie die Verkörperung einer Äußerungsform als die Menschwerdung eines personalen göttlichen Prinzips.
7. Redegrund
der Grund, der sich ausspricht und Rechenschaft beziehungsweise Zusammenhang trägt
Diese Neubildung könnte ratio und sermo annähernd verbinden:
Im Anfang war der Redegrund.
Sie bliebe männlich und erlaubte:
„Er war im Anfang bei Gott.“
Aber „Redegrund“ wird im Deutschen spontan eher verstanden als:
Grund oder Anlass, eine Rede zu halten.
Daher wäre die Bildung missverständlich.
8. Urvernunft
die ursprüngliche, schöpferische und ordnende Vernunft
In einem späteren philosophischen Deutsch wäre dies eine starke Möglichkeit:
Im Anfang war die Urvernunft.
Sie erfasst:
- Einsicht;
- Ordnung;
- Verhältnis;
- Begründbarkeit;
- vernünftige Struktur.
Aber Vernunft ist als deutsche Bildung geschichtlich und semantisch nicht einfach mit dem altgriechischen Logos gleichzusetzen. Außerdem verliert sie die Seite der Offenbarung und sprachlichen Selbstmitteilung. Sie klingt stärker nach einem Erkenntnisvermögen als nach einem sich äußernden Träger des Weltzusammenhangs.
Warum nicht einfach „Sinn“?
Goethes Versuch:
„Im Anfang war der Sinn“
ist unter den im Faust erwogenen Fassungen tatsächlich diejenige, die λόγος begrifflich am nächsten kommt. „Tat“ erfasst dagegen besonders Johannes 1,3:
Alles wurde durch ihn.
Goethe zerlegt damit gewissermaßen die verschiedenen Seiten des Logos:
- Wort – Äußerung;
- Sinn – Bedeutung und vernünftiger Gehalt;
- Kraft – Wirksamkeit;
- Tat – Verwirklichung.
Keines dieser Wörter allein deckt den Logos ab. Seine Entscheidung für „Tat“ ist keine lexikalische Übersetzung, sondern eine philosophische Auslegung: Der Ursprung wird als tätige Wirksamkeit verstanden.
Das einfache Sinn hätte jedoch zwei Schwierigkeiten:
- Es könnte als subjektive menschliche Sinngebung verstanden werden.
- Das grammatische Geschlecht ist männlich, was günstig ist, doch fehlt der Hinweis darauf, dass es sich um den ursprünglichen, allem vorausliegenden Sinn handelt.
Deshalb wäre Ursinn präziser.
Ein möglicher deutscher Johannesprolog
Eine sprachlich knappe Fassung könnte lauten:
Im Anfang war der Ursinn,
und der Ursinn war bei Gott,
und göttlich war der Ursinn.
Dieser war im Anfang bei Gott.
Alles ward durch ihn,
und ohne ihn ward nichts von dem, was geworden ist.
In ihm war Leben,
und das Leben war das Licht der Menschen.
Und der Ursinn ward Fleisch
und wohnte unter uns.
Diese Fassung bewahrt mehrere Eigenschaften, die „Wort“ verdunkelt:
- Der Logos ist kein einzelner Ausspruch.
- Er liegt allem Gewordenen voraus.
- Er trägt Zusammenhang und Bedeutung.
- Alles erhält durch ihn sein Werden.
- Er kann grammatisch als er personal fortgeführt werden.
- Seine Fleischwerdung erscheint als Verkörperung des göttlichen Ursinns.
Eine noch genauere deutsche Kunstbildung
Soll nicht nur ein möglichst lesbares Wort, sondern eine möglichst vollständige Begriffsbildung entstehen, wäre denkbar:
der sich kundgebende Ursinn
Johannes 1,1:
Im Anfang war der sich kundgebende Ursinn.
Darin sind enthalten:
- Ursinn: ratio, Ordnung, Zusammenhang und Bedeutung;
- sich kundgebend: sermo, Offenbarung und Äußerung;
- männliche personale Form: der … Ursinn, er.
Noch stärker auf die Schöpfungswirkung bezogen:
der sich kundgebende Schöpfsinn
Das wäre begrifflich reich, aber als Übersetzung bereits zu ausführlich.
Ergebnis
Unter der Bedingung, dass Logos nicht als Fremdwort übernommen werden konnte, wäre meine Rangfolge:
- Ursinn – beste knappe deutsche Neubildung;
- Schöpfsinn – beste Hervorhebung der schöpferischen Wirksamkeit;
- Urrede – beste Hervorhebung der Selbstmitteilung;
- Urvernunft – beste philosophische, aber zu abstrakte Fassung;
- Wort – traditionsnah, jedoch wegen der Nähe zu ἔπος irreführend.
Die präziseste knappe Fassung wäre daher:
Im Anfang war der Ursinn.
Die präziseste erklärende Fassung:
Im Anfang war der sich kundgebende und schöpferisch wirkende Ursinn.
Damit wäre λόγος nicht durch das germanische Gegenstück zu ἔπος ersetzt, sondern durch eine neue deutsche Bildung, die seine eigentliche Funktion im Johannesprolog erkennbar macht.
Auf Ursinn für Logos gemäß dem Kontext des Johannes
können wir uns vorerst einigen, da alles anderer eher Unsinn ist (lach).
An sich lese und untersuche ich gerade das Kapitel "Der Logos-Gedanke" aus dem Buch "
Heraklit, Parmenides und der Anfang von Philosophie und Wissenschaft" und versuche den Ursinn des Heraklit in Sachen Logos zu ergründen, welcher uns anhand der Fragmente überliefert wird.
Ja, „Ursinn“ statt „Unsinn“ ist zumindest eine brauchbare Arbeitsgrundlage.
Für Heraklit sollte man den johanneischen Bedeutungsrahmen jedoch zunächst vollständig beiseitelassen. Sein λόγος ist aus den Fragmenten selbst zu erschließen: aus dem Zusammenspiel von λέγειν – sammeln, auswählen, darlegen –, gemeinsamer Ordnung, Maß, Verhältnis, Gegensätzen und menschlichem Verstehen beziehungsweise Nichtverstehen.
Methodisch wäre es sinnvoll, bei jedem Fragment getrennt festzuhalten:
- Was bezeichnet λόγος grammatisch unmittelbar?
- Ist damit Heraklits eigene Darlegung, eine allgemeine Ordnung oder beides gemeint?
- Welche älteren Bedeutungen von λέγω/λόγος sind im Satz tatsächlich wirksam?
- Welche Übersetzung setzt bereits eine spätere philosophische oder christliche Deutung voraus?
- Welcher deutsche Ausdruck trifft den jeweiligen Gebrauch: Darlegung, Verhältnis, Maß, Zusammenhang, gemeinsame Ordnung, Ursinn?
Gerade bei Heraklit dürfte sich zeigen, dass λόγος nicht überall durch dasselbe deutsche Wort ersetzt werden kann. Ursinn könnte am Ende eine synthetische Gesamtdeutung sein, darf aber nicht schon am Anfang in jedes Fragment hineingelesen werden.
Gib als Nächstes das erste Fragment oder den betreffenden Abschnitt aus dem Kapitel ein.
Wie lautet deine Übersetzung von Fragment 108, ohne da moderne Wort in die Begriffsschicht der Antike einzubringen?
(B 108) Ὁκόσων λόγους ἤκουσα, οὐδεὶς ἀφικνεῖται ἐς τοῦτο, ὥστε γιγνώσκειν ὅτι σοφόν ἐστι πάντων κεχωρισμένον.