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Der Logos-Gedanke

aus AufEinWort, der freien Forschung

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12. Juli 2026 n. Chr. bear.  
17:50 Uhr überarbeitet
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→ Der Logos-Gedanke

1

Die Klärung der heraklitisdien Bedeutung von pánta mit Hilfe des Ansichtsbegriffs ermöglicht es, eines der bekanntesten Probleme der Heraklit-Interpretation, die Bedeutung des Wortes Logos, dessen Erörterung eingangs dieses Kapitels zurückgestellt wurde, noch einmal in neuer Weise aufzurollen.

Diese Erörterung soll auch deshalb an dieser Stelle folgen, weil sie erstens erlaubt, die bisher gewonnenen Antworten auf die drei ersten einleitend entwickelten Leitfragen zusammenzufassen (nach dem Unterschied von Denken und Nichtdenken, nach dem Unterschied im Bereich des Nichtdenkens und nach dem Verhältnis zwischen den in diesem Bereich Unterschiedenen), und weil sie es zweitens möglich macht, die vierte Leitfrage, nach dem Verhältnis von Denken und Nichtdenken, in vorläufiger Weise zu beantworten.

Der Aufriß des heraklitischen Denkens gelangt damit zur einem gewissen Abschluß.

2

Die Berechtigung des gesteigerten Interesses, das der heraklitische Logosbegriff schon in der antiken Philosophie und dann wieder in der Heraklit-Interpretation seit Schleiermacher ausgelöst hat, ist gelegentlich durch das Bedenken infrage gestellt worden, ob Heraklit selbst das Wort lógos überhaupt terminologisch und nicht vielmehr bloß operativ in den durch den Sprachgebrauch seiner Zeit vorgegebenen Bedeutungen verwendet habe.

Darauf läßt sich mit einer Unterscheidung antworten:

In den drei von zehn Fragmenten, die das Wort lógos enthalten, wird das Wort mit Artikel und in einer Weise gebraucht, die man in einem weiteren Sinne „terminologisch" nennen darf; denn diese drei Sprüche (B 1, B 2 und B 50) lassen sich nur unter der Voraussetzung verstehen, daß das Wort an ihnen eine Bedeutung hat, die es erst im Zusammenhang des heraklitischen Denkens gewinnt.

An den übrigen Stellen tritt lógos mit Bedeutungen auf, die aus dem Gebrauch des Wortes in der frühgriechischen Literatur bekannt sind.

Ob man allerdings ein zureichendes Verständnis der betreffenden Fragmente schon dann hergestellt hat, wenn man sich darauf beschränkt, diese Bedeutungen einzusetzen, darf mit gutem Grund bezweifelt werden; der überaus bewußte Wortgebrauch Heraklits läßt von vornherein erwarten, daß auch an diesen Stellen die spezifisch heraklitische Bedeutung durchscheint.

Diese Erwartung wird sich bestätigen, nachdem die genuin heraklitische Wortbedeutung in den Fragmenten 1, 2 und 50 geklärt ist. Für diese Klärung wiederum bedarf es einer Interpretation der dort vorliegenden Aussagen im Ganzen.

3

Die Übersetzung der bereits vorgestellten Fragmente 1 und 2 sei noch einmal angeführt:

B1: Für den Logos, der dieser hier ist, erweisen die Menschen sich immer als verständnislos, sowohl bevor sie ihn gehört wie wenn sie ihn zu, ersten Mal gehört haben. Denn obschon alles gemäß diesem Logos geschieht, so gleichen sie doch Unerfahrenen, wenn sie sich auf die Erfahrung mit solchen Worten und Werken einlassen, wie ich sie behandele, indem ich ein Jegliches gemäß seiner Physis auseinanderlege und erkläre, wie es sich verhält; den anderen Menschen aber bleibt verborgen, was sie im Wachen tun, gleichwie sie vergessen, was sie im Schlafe (tun).

Fragment 50 lautet:

Haben sie nicht auch mich, sondern auf den Logos gehört, so ist es weise, darin übereinzustimmen, daß alles eins ist.[1]

4

Die philologische Erörterung des Logos-Begriffes am Leitfaden der angeführten Fragmente ist bisher in der Regel so vorgegangen, daß zunächst einige oder alle der folgenden sieben Angaben über den Logos, die sich den Fragmenten entnehmen lassen, aus ihrem jeweiligen Kontext herausgelöst wurden:

B 1:

a) Der Logos ist dieser. (Mit Sicherheit zu beziehen auf die Darlegungen Heraklits selbst)[2].

b) Man kann den Logos hören.

c) Alles geschieht gemäß diesem Logos.

B 2:

a) Es tut not, den Logos zu befolgen.

b) Der Logos ist gemeinsam. (Andere Übersetzung: Der Logos ist allgemein.)

B 50:

a) Man kann auf den Logos hören. („Hören" mit dem Nebensinn „anhören, Gehör schenken, gehorchen")[3].

b) Der Logos hat zum Inhalt: „Alles ist eins".

5

Dann wurde versucht, diese Angaben unter Berücksichtigung anderweitig bekannter Aussagen Heraklits so miteinander in Beziehung zu setzen, daß sich eine Grundbedeutung von lógos herausstellte.

Bei diesem Verfahren ergab sich eine grundlegende Schwierigkeit, die seit langem, mannigfach variiert, in beinahe allen Analysen des Logos-Begriffs wiederkehrt und die in anderer Form im bisher Vorgetragenen, zuletzt bei der Erörterung des Wortes pánta schon mehrfach begegnete:

Einerseits glaubte man bei Hinzuziehung der heraklitischen Leitgedanken von pólemos („Krieg"), díkē („Recht"), harmoniē („Zusammenfügung") und nómos („Gesetz")[4] den Angaben unter B 1 c, B 50 b) und B 2 b) (bei Annahme der Übersetzung mit „allgemein") entnehmen zu dürfen, daß unter lógos ein Regelungsprinzip zu verstehen sei, — das man „Weltgesetz", „Weltvernunft", „Sinn", „Struktur", „formula of things" u. ä. benannte —, aufgrund dessen alles (gegensätzlich beschaffene) Wirkliche eine wie immer geartete Einheit bildet.

Andererseits ließ sich nicht verkennen, daß zumindest aufgrund der Angaben unter B 1 a) und b), möglicherweise auch der unter B 50 a) und B 2 b) (bei Annahme der Übersetzung mit „gemeinsam"), außerdem gewiß aufgrund des Wortgebrauchs in einigen der übrigen Logosfragmente[5] die Bedeutung des Wortes in den Sinnbezirk „Wort, Rede, Darlegung, Überlegung, Lehre ..." gehört.

Damit ergab sich das Problem: Bezeichnet lógos in terminologischem Gebrauch ein Prinzip, das auf eine wie auch immer näherhin zu denkende Weise den Zusammenhang von Gegebenheiten in der Welt, verstanden als „objektiver Wirklichkeit", regelt und das mithin selbst als eine solche „objektive Wirklichkeit", wenn auch höheren Ranges, vorgestellt werden muß; oder bezeichnet der Logos umgekehrt gerade etwas „Subjektives", d. h. den Vollzug oder das Resultat einer menschlichen Tätigkeit wie Sprechen, Lehren, Denken, Überlegen?

Seit K. Reinhardts[6] und A. Busses[7] Lösungsvorschlägen sind die Versuche nicht abgerissen, das Dilemma entweder durch Ausschaltung einer der beiden Deutungsmöglichkeiten oder durch Vermittlungsvorschläge zu beseitigen[8]. Zu diesen Versuchen ist folgendes zu bemerken:

1. Alle Lösungen des Problems, die die Auseinandersetzung zugunsten nur einer der beiden Interpretationsrichtungen entscheiden wollen[9], werden immer wieder berechtigter Kritik ausgesetzt sein, da inzwischen ein Grundbestand von Beobachtungen an den Heraklittexten erarbeitet worden ist[10], der beiden Auslegungstendenzen gleichermaßen solide Anhaltspunkte bietet. Es kommt also nur eine vermittelnde Deutung infrage, die dem gesamten Textbefund in seiner Offenheit für beide Interpretationsmöglichkeiten gerecht wird.

2. Die vermittelnden Deutungen von philologischer Seite kranken durchweg daran, daß sie die behauptete Einheit des „objektiven" und des „subjektiven" Bedeutungsgehalts von lógos in irgendeiner Form auf die Differenzierungsarmut der archaischen Frühzeit zurückführen.

Indem aber z. B. behauptet wird, Heraklit habe „noch nicht" zwischen seiner Darlegung einer Lehre und ihrem Gegenstand unterscheiden können und das Resultat dieses Unterscheidungsmangels sei der Logosbegriff in seiner Doppeldeutigkeit, sinkt dieser zum Gegenstand eines bloß antiquarischen und bereits nicht mehr philosophischen Interesses herab.

6

Von philosophischer Seite hat M. Heidegger die Unterscheidung zwischen einem subjektiven und einem objektiven Bedeutungsgehalt von lógos von vornherein unterlaufen, indem er lógos mit „Sammlung"[11] bzw. „lesende Lege"[12] übersetzte.

Dabei liegt weniger in der Wahl gerade dieser deutschen Übersetzungen als vielmehr in dem Interesse, das die Fragestellung Heideggers leitete, der entscheidende Hinweis dafür, auf welchem Wege allein die vermittelnde Deutung gefunden werden kann: auf dem Wege einer denkenden Aneignung des heraklitischen Denkens, die die überlieferten Texte nicht als Museumsstücke aus einer im Grunde für die Situation des gegenwärtigen Denkens belanglosen, weil differenzierungsarmen Frühzeit der Wissenschaft zur Kenntnis nimmt, sondern sie im Ernst auf Denkmöglichkeiten hin befragt, die sie der heutigen Philosophie eröffnen könnten.

7

Auf dem Weg zu derjenigen vermittelnden Deutung des Logosbegriffes in den Fragmenten 1, 2 und 50, die hier versucht werden soll, muß zunächst darauf verzichtet werden, im oben beschriebenen Stil einzelne „Informationen" über den Logos aus dem jeweiligen gedanklichen Kontext der Sprüche herauszulösen.

Stattdessen von einer Betrachtung ihres Gesamtaufbaus auszugehen, erscheint deswegen angebracht, weil dieser in den drei Texten die folgende bemerkenswerte Gemeinsamkeit aufweist:

Nirgendwo legt Heraklit selbst die Aussagen über den Logos, auf die hin wir die Texte zumeist unmittelbar befragen, so unmittelbar vor; er weist vielmehr jedesmal, in verschiedener Weise, eigens und nachdrücklich darauf hin, daß es zum Verständnis der jeweils vorgelegten Gedanken der Abkehr von der Denkweise der Vielen bedarf, die dieses Verständnis verhindert oder zumindest zum Mißverständnis verfälscht.

Der Hypothese gemäß, die dieser Untersuchung zugrundegelegt wurde, ist dieser Aufbau der Texte keine Belanglosigkeit, sondern enthält den entscheidenden Hinweis für ihr angemessenes Verständnis.

Die Fragmente 1 und 2 lassen auf den ersten Blick erkennen, daß ihr beherrschendes Thema die Abgrenzung des Denkens von der Denk- und Verhaltensart der polloí ist und daß der Logos nur im Zuge dieser Abgrenzung zur Sprache kommt.

Anders steht es mit Fragment 50.

Es begünstigt zunächst den bisher herrschenden Eindruck, gegenüber einem Hauptgedanken — hier: der Logos hat zum Inhalt: Alles ist eins — werde ein mögliches Mißverständnis der Vielen, nämlich hier: die Verwechslung des Logos mit Heraklit selbst, nur am Rande erwähnt und beiläufig abgeschoben.

Die Warnung: „auf den Logos hören, heißt nicht: auf mich hören" wird demgemäß als eine mehr oder weniger assoziativ dem Heraklit in den Sinn gekommene oder bestenfalls als eine in propädeutischer Absicht vorangeschickte Wendung verstanden.

Demgegenüber soll hier behauptet werden, daß die Warnung vor dem Mißverständnis der Vielen kein Nebengedanke ist, sondern der gedankliche Keim, aus dem sich der eine und einheitliche Gedanke des Spruches in seiner Gesamtheit entfaltet.

8

Wieso für die Vielen das Mißverständnis charakteristisch ist, auf Heraklit statt auf den Logos zu hören, ergibt sich aus allem bisher über die Ansicht Gesagten:

Die Vielen als Vollzieher der strittigen Ansichten bewegen sich nach der Aussage von Fragment 2 in einer Welt der Befangenheit in bloßen Privatmeinungen.

Zerrissen zwischen Auch und Oder vermögen sie auch die vom anderen Menschen dargelegte Sicht immer nur als bloße Ansicht aufzufassen.

Damit gerät aber die philosophische Einsicht in eine fatale Lage:

Sie etabliert sich gegenüber dem außerphilosophischen Leben als das vom Bereich bloßer Privatmeinung bleibender Ansichten Unterschiedene; will sie sich aber darlegen und d. h. sich bei den Menschen des außerphilosophischen Lebens Gehör verschaffen, so droht sie in Konsequenz der von ihr selbst aufgestellten Unterscheidungen selbst als eine solche Privatmeinung angesehen zu werden.

Damit wiederum ist das Gelingen des heraklitischen Denkens infrage gestellt; denn das Verhältnis zwischen Einsicht und Ansicht („Ansicht" verstanden als Titel für den Bereich der Ansichten überhaupt) droht mit dem Verhältnis zwischen einzelnen Ansichten verwechselt zu werden.

In dieser Lage muß Heraklit vor dem Mißverständnis eben dieser Verwechslung warnen. Das tut er in Fragment 50: Auf den Logos hören, heißt nicht: auf Heraklit als den Vertreter einer Ansicht hören[13].

9

Die Verwechslung kann nun nur dadurch vermieden werden, daß dasjenige Merkmal der Einsichtigen genannt wird, durch das sie sich von den Vielen in einer nicht mehr zu mißdeutenden Weise unterscheiden:

Es ist ihre Übereinstimmung untereinander, ihr homologeîn.

Diese Übereinstimmung verschafft den Einsichtigen gegenüber dem Schein von Einsicht („Privateinsicht'' ) und der damit einhergehenden vermeintlichen Sicherheit, sich in allem auszukennen und Bescheid zu wissen, die der Denk- und Verhaltensart der Vielen eignet[14], die Überlegenheit einer neuen Art solchen Sich-Auskennens, aufgrund deren die Denk- und Verhaltensart der Einsichtigen von Heraklit in Aufnahme des geläufigen Wortgebrauchs sophós, „weise", genannt werden kann[15].

Die Aussage, daß es weise sei, daß die Einsichtigen übereinstimmen, ist also tatsächlich nur die Konsequenz des Gedankens, mit dem der Spruch einsetzt:

Die Einsicht kann nur dadurch vor ihrer Mißdeutung als Ansicht geschützt werden, daß derjenige Zug genannt wird, der eindeutig ihre Überlegenheit gegenüber Ansichten überhaupt begründet.

10

Damit wird zugleich klar, daß homologeîn an dieser Stelle zunächst in der Bedeutung gelesen werden muß, die das Wort auch im außerphilosophischen Sprachgebrauch der Zeit hat[16], in dem es nämlich u. a. die Übereinstimmung oder Übereinkunft mehrerer bezeichnet.

Das schließt allerdings nicht aus, daß Heraklit zugleich, wie er es auch bei anderen Wörtern tut, z. B. bei dem bereits erwähnten xynó in Fragment 114, einen etymologischen Hintersinn mithört, d. h. in diesem Falle die homo-logía, die Übereinkunft mit dem Logos.

Diese bewußte Wortwahl dient wie in 114 der Hervorhebung des entscheidenden Gedankens:

Die Übereinstimmung der Einsichtigen untereinander ist nichts anderes als ihre gemeinsame Übereinstimmung mit dem Logos, den sie befolgen.

Eine Übereinstimmung läßt sich ja niemals allein als die Einigkeit der Übereinstimmenden bestimmen, sondern ist immer Übereinstimmung in etwas.

Dem Wort homologein[17] können wir vielleicht den Hinweis entnehmen, daß dieses Worin der Übereinkunft der Logos ist, was der Aussage in Fragment 2 entspricht, der Logos sei das „Gemeinsame".

Damit ergibt sich die Möglichkeit, die genuin heraklitische Bedeutung von lógos festzustellen; denn das Worin der Übereinkunft wird am Schluß des Spruches eigens ausgesprochen in der Formel „Alles ist eins", hen pänta einai[18] — eine Formel, die man als den Leitsatz Heraklits bezeichnen könnte.

An dieser Stelle scheint nun aber das Dilemma der Entscheidung zwischen einem subjektiven und einem objektiven Bedeutungsgehalt von logos aufzutauchen:

Denn wenn pänta nach der communis opinio des bisherigen Heraklit-Verständnisses das Objektive im Sinne des nicht-erfahrungsrelativ Vorliegenden bezeichnet, dann hat die Formel, wie auch immer man den überaus vieldeutidigen Ausdruck „einssein" verstehen mag, zumindest nicht mehr die Einigkeit der Einsichtigen, sondern die Einheit von allem objektiv in der Welt Seienden zum Thema, und es sieht so aus, als ließe ihr Inhalt sich im Gegensatz zu den bisher erörterten Aussagen des Spruches nicht mehr aus seinem Eingangsgedanken entwickeln.

Wenn das „Alles" in der Formel alles objektiv in der Welt Seiende bezeichnet, treten auch die Schwierigkeiten mit der Übersetzung von xynós auf, die bei der Interpretation von Fragment 2 bereits erörtert wurden.

Da nämlich die Aussage der Formel durch die Angabe in Fragment 1, alles (pántōn als Genitiv von pánta aufgefaßt) geschehe gemäß dem Logos, gestützt zu werden scheint und da man ferner davon ausgehen darf, daß diese Angabe wiederum der Aussage in Fragment 2 „der Logos ist xynós" äquivalent ist, so legt sich der Schluß nahe, xynós als Attribut des Logos bedeute nicht oder zumindest nicht ausschließlich „verbindend, Gemeinsamkeit stiftend", sondern stattdessen oder jedenfalls auch „allgemein, allgemeingültig" in dem Sinne, daß der Logos auf jegliches Seiende zutrifft.

In der Konsequenz dieses Verständnisses war xynös in Fragment 2 bisher zumeist mit „allgemein" übersetzt worden, obwohl der Zusammenhang des Spruches dagegen sprach.

11

Die Einheitlichkeit der Interpretation von Fragment 50 läßt sich aber ohne alle diese Schwierigkeiten wahren, wenn man pánta — wie zuletzt bei der Interpretation von Fragment 50 geschehen — als Titel für die Totalität versteht, die jegliches Seiende als ein jeweils in einer strittigen Ansicht Ansichtiges umfaßt.

Der Leitsatz hén pánta eînai gibt dann den formalen Hinweis darauf, daß sich das gegensätzlich Ansichtige im Vollzug des Verhältnisses der gegenspännigen Zusammenfügung der strittigen Ansichten zur Einheit zusammenschließt.

Dieser Zusammenschluß geschieht zwar unbegriffenermaßen immer schon im vorphilosophischen Leben, indem sich die Ansichten auf ein Identisches hin überschreiten, wird aber erst dann als dieser begreifbar, wenn die Befangenheit im bloßen Vollzug des strittigen Verhältnisses der Ansichten überstiegen und das Verhältnis als dieses von der Einsicht vollzogen, d. h. von ihrem überlegenen Standpunkt aus thematisiert wird.

Auch die Aufstellung des Leitsatzes „Alles ist eins"[Anm. 1] fügt sich dann der Entfaltung des Ausgangsgedankens des Spruches ein, der Warnung vor dem Mißverständnis einer Verwechslung von Einsicht und Ansicht.

Der Leitsatz enthält in formaler Fassung das Resultat der Thematisierung des Verhältnisses der Ansichten als Verhältnisses, in welchem Resultat die Einsichtigen übereinstimmen (homologeîn) und worin sich ihre überlegene Erkenntnisart (sophón) bekundet.

Damit ist die letzte Schwierigkeit beseitigt, die genuin heraklitische Bedeutung von lógos zu bestimmen.

Der Logos ist zunächst das, was die Vertreter der Ansichten trotz des Auseinandergehens ihrer Sichten immer schon „gemeinsam" haben und wovon sie sich gemäß Fragment 2 niemals abwenden können, auch wenn sie eine „private Einsicht" erlangen zu können glauben.

Die Gemeinsamkeit besteht darin, daß sie ohne Wissen und Willen ihre Sichten gerade im Auseinandergehen ins Verhältnis der Vereinbarkeit setzen.

Das Gemeinsame ist also der Vollzug dieses Verhältnisses.

Die Grundbedeutung von lógos läßt sich demnach mit der Übersetzung „Vollzug des Verhältnisses" umschreiben (im folgenden wird abkürzend auch von „Verhältnisvollzug" gesprochen; die hier vorgelegte Interpretation hängt aber nicht an gerade dieser, nicht besonders schön klingenden Übersetzung.)

Mit „Verhältnis" ist in diesem Zusammenhang das der Ansichten untereinander gemeint, d. h. die bereits erläuterte unscheinbare und gegenspännige Zusammenfügung.

In den Vollzug dieses Verhältnisses bleibt jeglicher Ansichtsvollzug einbehalten, weil der für das Haben einer Ansicht konstitutive Ausschließlichkeitsanspruch, ihre Verschlossenheit in sich, das Beharren auf dem ausschließenden Oder, selbst bereits — von der Ansicht undurchschaut — die Anerkennung der Gegenansicht, die Öffnung für sie im „Auch" ist.

Darüberhinaus ist nun aber zu berücksichtigen, daß dieser Verhältnisvollzug mit dem Auftreten der Einsicht nicht Sache der Vielen allein bleibt, sondern von den Einsichtigen in der Weise wiederaufgenommen und zu ihrer Sache gemacht wird, daß sie sich an der auf der Identität von Auch und Oder beruhenden starken Zusammenfügung eigens „stark machen", d. h. daß sie das in jenem Vollzug vollzogene Verhältnis als dieses vollziehen.

Die Bedeutung von lógos erweitert sich damit auf dem Standpunkt der Einsicht um die Bestimmung: „Vollzug des Verhältnisses als Verhältnisses".

Dieser Vollzug schließt aber zugleich die Aufstellung eines neuen Verhältnisses ein, da das Verhältnis der Ansichten nur dadurch als dieses durchschaut werden kann, daß sich der Standpunkt der Einsicht, auf dem dies geschieht, eigens zum Bereich der Ansichten überhaupt ins Verhältnis setzt.

Genauer: Die Etablierung der überlegenen Erkenntnisart der Einsicht ist ineins Thematisierung des Verhältnisses der Ansichten als eines solchen.

„Logos" in der zuletzt genannten Bedeutung „Vollzug des Verhältnisses (nämlich: der Ansichten untereinander) als Verhältnisses" bedeutet also ebensogut „Vollzug des Verhältnisses von Einsicht und Ansicht".

12

Mithin läßt sich die genuin heraklitisdie Grundbedeutung von lógos doppelt auslegen,

1. als einfacher Vollzug des Verhältnisses der Ansichten untereinander und

2. als Vollzug des Verhältnisses von Einsicht und Ansicht.

Die beiden Bedeutungsvarianten, die sich damit ergeben haben, lassen sich aber weder voneinander ablösen, noch darf die eine als die primäre gegenüber der anderen gelten; denn das Verhältnis der strittigen Ansichten untereinander wird erst im Rahmen des Vollzugs des Verhältnisses von Einsicht und Ansicht aufgedeckt, und umgekehrt besteht der letztere Verhältnisvollzug konkret in nichts anderem als in dieser Aufdeckung.

13

Nachdem sich der gerade umrissene Doppelsinn von lógos herausgestellt hat, läßt sich jene Kontroverse zum Abschluß bringen und das relative Recht der in ihr vertretenen Positionen klären, in der es um den „subjektiven" und „objektiven" Bedeutungsgehalt von „lógos" ging.

Was zunächst die vermeintlich „objektive" Bedeutung betrifft, so ist der einfache Vollzug des Verhältnisses der Ansichten untereinander in der Tat so etwas wie ein Gesetz, dem Alles „unterworfen" ist, sofern Jegliches zunächst nur als ein in jeweiligen strittigen Ansichten Ansichtiges in seinem „Was" erscheint und der Vollzug dieser Ansichten durch ihre jeweiligen Vertreter gemäß der unumstößlichen Regelung durch den göttlichen Nomos in gegenstrebiger Zusammenfügung geschieht.

Diese Regelung ist allerdings kein mysteriöses, der objektiven Welt von einer unbestimmbaren Instanz auferlegtes „Weltgesetz", sondern die Regelung, die den Ansichtsvollzug als solchen konstituiert.

Und jene „Unterwerfung" unter das nach Auskunft von Fragment 114 menschlichem Einfluß entzogene göttliche Gesetz darf nicht so mißverstanden werden, als gebe es auf der einen Seite den Vollzug von Ansichten und daneben auf der anderen Seite noch etwas, dem sich der Mensch in diesem Vollzug unterstellt; der Ansichtsvollzug ist vielmehr als solcher bereits die (auf dieser Ebene undurchschaute) Einhaltung der Regelung, d. h. der einfache Verhältnisvollzug.

14

Damit wird nicht nur die Aussage Heraklits, daß alles dem Logos, nämlich diesem einfachen Verhältnisvollzug, gemäß geschehe (Fragment 1) voll verständlich, sondern es läßt sich auch erklären, wieso Heraklit unterstellt, daß es „not tut" (Fragment 2), dem Logos Gehör zu schenken (Fragment 50) und ihn in diesem Sinne zu „befolgen" (Fragment 2).

Wenn der Mensch, zu dessen Verfassung es gehört, sich in seinem vorphilosophischen Leben in einem ansichtshaften Bescheidwissen zu orientieren, in jeglichem Ansichtsvollzug, d. h. aber in seinem gesamten Weltverhalten, das Verhältnis vollzieht, ohne über diese sein ganzes Weltverhalten bestimmende Regelung selbst Bescheid zu wissen, dann liegt darin so etwas wie eine Aufforderung an ihn („es tut not"), dem Verhältnis, dem er immer schon unterstellt ist, in der Weise eigens gerecht zu werden („Gehör schenken, befolgen"), daß er es als dieses vollzieht.

15

An dieser Stelle bedarf aber noch der charakteristische Sprachgebrauch des Heraklit der Erklärung, demgemäß er das genannte Befolgen als ein „Gehör schenken" (akū́ein mit gen.) versteht, d. h. offensichtlich als eine Intensivierung jenes Hörens, als das er schon in Fragment 1 das Verhältnis der Menschen zum Logos charakterisiert hatte.

Woran Heraklit bei dieser Kennzeichnung denkt, geht deutlich aus zwei von den sieben vorhin erwähnten Fragmenten hervor, in denen das Wort lógos in unterminologischer Bedeutung aufzutreten scheint, in denen aber, wie sich nun zeigen wird, die genuin heraklitische Bedeutung durch den zunächst unterminologisch klingenden Wortgebrauch durchschlägt.

Die Fragmente 72 und 87 lauten:

Womit sie am meisten fortwährend zu tun haben, mit dem Wort (Logos) (andere Übersetzung: mit der Rede), mit dem entzweien sic sich, und worauf sie täglich stoßen, das erscheint ihnen fremd.[19]

Der Blöde neigt dazu, bei jedem Wort (Logos) erschreckt aufzufahren.[20]

Subjekt des Fragmentes 72 sind zweifellos die Vielen.

Ebenfalls deren Verhaltensart verdeudicht Heraklit durch den Vergleich[21] mit einer charakteristischen Reaktion des Begriffsstutzigen, von dem in Fragment 87 die Rede ist[22].

Die beiden Sprüche kennzeichnen offenbar die Situation, die für die Vielen entsteht, wenn ihnen der Verhältnisvollzug selbst, der ihnen im vorphilosophischen Leben ganz vertraut und doch zugleich als solcher unbegriffen geblieben war, plötzlich im Vollzug des Verhältnisses als Verhältnisses durch einen Einsichtigen als ein eigenes Thema menschlichen Weltverhaltens entgegentritt[23].

Dann erscheint dem Menschen das Vertrauteste, worin er sich bisher aufgrund erprobter Erfahrung (vgl. Fragment 1) auszukennen glaubte (vgl. Fragment 17), d.h. die Orientierung in der Lebenswelt der zueinander ins Verhältnis gesetzten strittigen Ansichten und der ineins damit in überschaubare Verhältnisse gebrachten Mannigfaltigkeit des ansichtshaft Begegnenden („worauf sie täglich stossen") auf einen Schlag unvertraut, d. h. erschreckend und fremd.

16

In der Weise nun, wie Heraklit diese Lage kennzeichnet, läßt er die Erkenntnis deutlich werden, daß sich der Verhältnisvollzug als Sprache abspielt, und zwar in doppelter Hinsicht:

Der Logos ist erstens sprachlich verfaßt, sofern er als einfacher Verhältnisvollzug der Ansichten untereinander, durch den ineins die Orientierung des Menschen sowohl in der sozialen- wie in der Dingwelt geregelt wird, sich als Sprache artikuliert; denn ebenso wie das jeweils begegnende Seiende im Vollzug der strittigen Ansichten den Ort hat, wo es sich als etwas darbietet, in seinem Was erscheint, hat dieser Vollzug selbst seine Weise, in einem menschlichen Vollzug in die Offenbarkeit seines Was zu treten, und zwar in der sprachlichen Darlegung; Sprache ist also für Heraklit nichts anderes als der erscheinende Verhältnisvollzug selbst, wie im folgenden auch noch an der Verwendung des Wortes ónoma deutlich werden wird.

Das erlaubt es Heraklit, in den Fragmenten 72 und 87 den Wortgebrauch seiner Zeit aufzunehmen, in dem lógos u. a. auch „Wort, Rede, Erzählung" u. ä. als Weisen sprachlicher Darlegung bezeichnen kann.

17

Indem Heraklit in der für ihn charakteristischen doppelbödigen Ausdrucksweise (vgl. xynó, homologein), die der Doppelbödigkeit seiner Gleichnisse entspricht logos zugleich im Sinne der geläufigen Verwendung des Wortes und verstecktermaßen im betonten Sinne versteht, kann er unter der Oberfläche trivial klingender Aussagen über Situationen menschlichen Umgangs mit der Sprache die Beziehung des Menschen zu dem in dieser Sprache sich darlegenden Verhältnisvollzug enthüllen.

— Dieser Vollzug ist nun — zweitens — nicht nur als einfache Regelung des Verhältnisses der Ansichten untereinander sprachlich verfaßt, sondern ebenso auch, sofern er das Verhältnis zwischen Einsicht und Ansicht betrifft.

Der Vollzug dieses Verhältnisses hat die Weise seines Erscheinens in der von einem Einsichtigen vorgelegten philosophischen Darlegung, und insofern kann logos — nicht aufgrund archaischer Differenzierungsarmut, sondern sachgemäß — diese Darlegung in Form einer „Lehre", eines „Buches" — oder welche Übersetzung man auch bevorzugen mag — bezeichnen.

Daß die philosophische Erkenntnis ein Reden mit Vernunft ist, spricht Heraklit auch am Anfang von Fragment 114 aus.

Er sagt dort, wie bekannt, die mit Vernunft Redenden (xýn no légontas[24]) müßten sich mit dem Gemeinsamen stark machen.

18

Zu dieser Stelle behauptet Kirk allerdings[25], der Ausdruck „die Redenden" sei hier nicht wörtlich zu nehmen, sondern dürfe so verstanden werden, als ob im Griechischen λέγοντας καὶ ποιοῦντας, „redend und handelnd", stünde — parallel zu ἐπέων καὶ ἔργων[Anm. 2] in Fragment 1.

Es ist zwar richtig, daß ἔπεα καὶ ἔργα[Anm. 3] in Fragment 1 eine umfassende Bezeichnung für das gesamte Weltverhalten der Menschen und die in diesem Verhalten erschlossene Welt darstellt, jedoch erübrigt sich deswegen nicht die Frage danach, welche Rolle in diesem Weltverhältnis gerade das Wort, die Rede, spielt; wenn Heraklit stehende Redewendungen der poetischen Sprache, wie es diese eine ist, übernimmt, so ist daraus keineswegs zu schließen, daß er sich so wenig bei diesen Wendungen denkt, wie es das alltägliche Sprachbewußtsein tut; der Sprachgebrauch Heraklits läßt vielmehr das Gegenteil erwarten.

Heraklit stellt hier mit hoher Wahrscheinlichkeit bewußt die Gleichung „Denken = ein Reden mit Vernunft" auf.[Anm. 4]

19

Weil der Logos auch in diesem Sinne sprachliche Darlegung ist, bezieht sich lógos im ersten Satz von Fragment 1 („der Logos ist dieser") auf Heraklits Schrift selbst, in Fragment 72 in der soeben gekennzeichneten versteckten Weise auf die Darlegungen von Einsichtigen überhaupt, und im folgenden Logos-Fragment, einem weiteren Beispiel für einen zunächst unterminologisch klingenden Wortgebrauch, auf die Lehren anderer Autoren, sofern sie daraufhin befragt werden können, ob in ihnen die (sprachlich sich darlegende) Thematisierung des Verhältnisses als Verhältnisses gelungen ist:

So vieler Darlegungen (lógoi) ich gehört habe, keiner gelangt dahin zu erkennen, daß das Weise etwas von Allem (oder: "Allen", wenn pántōn Genitiv von pántes) Abgesondertes ist.[26]

20

Der vielumstrittene Nebensatz am Schluß dieses Spruches erweist sich als weniger rätselhaft denn bisher zuweilen angenommen, sobald man erkennt, daß auch in ihm nur eine Konsequenz des heraklitischen Verhältnis-Denkens gezogen wird, eine Konsequenz übrigens, die sich schon bei der Erörterung des 50. Fragments andeutete.

To sophón, „das Weise", bezeichnet einem eigentümlich heraklitischen Sprachgebrauch gemäß[27] die gelingende Gestalt von Einsicht; die vollendete Einsicht ist ein der Ansicht schlechthin überlegenes, weil durch die Selbstunterscheidung von ihr definiertes, Wissen, das keiner Verwechslungsgefahr mit irgendeinem ansichtshaften Bescheidwissen oder Sich-Auskennen mehr ausgesetzt ist und insofern ein von allen Ansichtsvollziehern (pántōn als gen. von pántes) bzw. von jeglichem ansichtshaft Erscheinenden (pántōn als gen. von pánta) „Abgesondertes" heißen kann.

Dabei muß für den vorliegenden Spruch, da er ohne seinen Kontext überliefert ist, offen bleiben, ob das Gelingen eines solchen Wissens dem menschlichen Denken nach Heraklit überhaupt möglich ist oder ob es allein Gott vorbehalten bleibt, ob m. a. W. to sophón in diesem Spruch ebenso wie in den später zu erörternden Fragmenten 32 und 41 die lenkende All-Übersicht Gottes bezeichnet oder so wie das sophón in Fragment 50 auf die menschliche Einsicht zu beziehen ist.

Die Unentscheidbarkeit dieses Interpretationsproblems fällt aber deswegen nicht in einer die Heraklit-Auslegung beeinträchtigenden Weise ins Gewicht, weil für diese Auslegung entscheidend ist, daß der Titel to sophón überhaupt doppelt, sowohl auf die Erkenntnisart des Einsichtigen wie auf die Gottes, bezogen werden kann.

Was aus dieser doppelten Anwendbarkeit von sophon für die heraklitische Theologie folgt, kann erst im letzten Kapitel dieses Teils der Untersuchung gezeigt werden.

Mit der vollständigen Bestimmung der Bedeutung von lógos als „sprachlich sich darlegenden Verhältnisvollzuges" hat sich das relative Recht jener früher referierten Behauptung eines subjektiven Bedeutungsgehalts von lógos gklärt.

Da jegliche sprachliche Darlegung originär in einem Hören zur Gegebenheit kommt, wurde damit zugleich verständlich, in welchem Sinne Heraklit das Verhältnis sowohl der Vielen wie der Einsichtigen zum Logos als ein Hören kennzeichnen kann.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Menschen, solange sie das Verhältnis nicht als Verständnis vollziehen, sowohl hinter dem, was Sprechen im Vollsinne bedeutet, nämlich Darlegung des Verhältnisses als eines solchen, wie hinter der vollen Weise des Hörens[28] als einem hinhörenden Entsprechen („Befolgen") zurückbleiben.

Genau dies sagt Heraklit selbst:

Sie verstehen sich weder auf Hören (Vernehmen) noch auf Reden (Benennen).[29]

Das Erfordernis eines einsichtsvollen Umgangs mit der Sprache läßt Heraklit auch durch den Ausdruck „Barbarenseelen" in dem folgenden Fragment anklingen, da das Wort „Barbar" vom Griechen zunächst als Bezeichnung für den verstanden wird, der die Sprache, nämlich das Griechische, nicht spricht und nicht versteht:

Schlechte Zeugen sind den Menschen Augen und Ohren, wenn sie Barbarenseelen haben.[30]

Der Spruch ist, wie das Auftreten des Wortes mártys, Zeuge, in diesem Zusammenhang zeigt, als eine Stellungnahme des Heraklit zu der im I. Teil schon erwähnten jonischen historiê zu verstehen, deren Entstehung er selbst in seiner Heimat miterlebt hat. Gegen ein altes Mißverständnis muß betont werden, daß Heraklit diese Forschung und Erkundung selbst keineswegs verworfen hat[31]; er hat sie nur angegriffen, sofern sie ihre eigene Leistung in einer bestimmten und gefährlichen Weise überschätzte. In diesen Zusammenhang muß man das vernichtende Urteil des Fragments 40 stellen, in dem der Hauptvertreter der historiê, Hekataios von Milet, als ein Zeitgenosse[32] namentlich aufgeführt wird:

Vielwissen der historiê, sonst hätte es sie Hesiod gelehrt und Pythagoras[33] außerdem auch Xenophanes und Hekataios.[34]

Heraklit attackiert die vier vielwissenden Autoren nicht aus Konkurrenzneid, sondern allein deswegen, weil sie (nach seinem Eindruck) für das Vielwissen den falschen Anspruch erhoben, es sei zur Erlangung von nûs geeignet. Der nûs ist aus Fragment 114 bereits als dasjenige Vermögen bekannt, über das der Mensch verfügt, wenn er durch die Einsicht in das Verhältnis der Ansichten deren Zusammenhang erfaßt.

Heraklit brauchte den Anspruch der Vielwissenden auf die Vermittlung eines solchen Zusammenfassungsvermögens nicht so heftig anzugreifen, wenn er in ihm nicht eine besonders schwere Gefahr sähe, die der Einsicht von der Ansicht droht.

Diese Gefahr ist die Entstehung einer Scheingestalt von Einsicht im Felde der Ansicht, für die die sich selbst überschätzende historiê nur das Heraklit bekannte Beispiel bildet.

Diese Scheingestalt von Einsicht kann deswegen entstehen, weil es, worauf bereits hingewiesen wurde, ein Selbstverständnis der Ansicht als solcher gibt.

Diese Ansicht über das Ansichtenhaben selbst kann die Gestalt einer ausdrücklichen und breiten sprachlichen Auslassung über dieses Thema annehmen, ohne daß damit der Bereich des Ansichtenhabens grundsätzlich überschritten würde.

Die Befangenheit in diesem Bereich bleibt erhalten, weil zwar die umfassende Verbundenheit der Ansichten im „Auch" entdeckt, doch zugleich die Identität dieses Auch mit dem ausschließenden Oder nicht erkannt wird.

Entsprechend dieser Erkenntnislage glauben die überheblich Vielwissenden, die Befangenheit in Ansichten dadurch bereits zu überwinden, daß sie eine möglichst reichhaltige Mannigfaltigkeit von Ansichten bzw. ansichtshaft sich Zeigendem zusammentragen und vergleichen.

Damit erliegen sie aber einem Schein von Einsicht, weil mit einer derartigen Sammeltätigkeit noch keineswegs der gegenspännige Zusammenhang der Ansichten, d. h. die Identität von Auch und Oder, durchschaut wird.

Dieser Schein von Einsicht verfestigt die Verschlossenheit der vorphilosophischen Haltung gegenüber der philosophischen Denkart auf eine für deren Ausbreitung bedrohliche Weise; denn er verschafft den Vertretern einer Erkenntnisart, die selbst noch ansichtshaft ist, in den Augen der Vielen den Nimbus einer Überlegenheit, die sie nicht besitzen.

Die Überlegenheit ist nicht die des wirklichen sophós, sondern selbst ansichtshaft.

Genau diesen Zusammenhang dürfte Heraklit selbst mit Hilfe eines „Wortspiels" in dem folgenden Spruch aufgedeckt haben, dessen zweiter Teil hier noch weggelassen wird, da er an späterer Stelle zu erwähnen ist:

Denn Ansichtshaftes ist das, was der Angesehenste erkennt, festhält …[35]

Ho dokimôtatos bezeichnet denjenigen, der am angesehensten ist, weil seine Meinungen und Urteile am meisten einleuchten.

Den so verstandenen Angesehensten folgen auch die Vielen.

Das, woran diese Angesehensten eine feste Orientierung, eine zuverlässige Erkenntnis finden zu können glauben (Heraklit benutzt hier das Wort ginōskein, d. h. eine Bildung von einem Wortstamm, den er sonst für die einsichtige Erkenntnisart reserviert) ist Ansichtshaftes, dokeonta.

Dokeonta — das meint: solches von der Art, wie es jeweils Jemandem „erscheint", d. h. in der jeweiligen Situation zu Gesicht kommt.

Das Wort bezeichnet genau das, was in dieser Untersuchung „Ansicht" genannt wird, d. h. solches, was sich zeigt, offenbar ist, und doch nur occasionell für Jemanden in seiner beschränkten Erfahrungslage gegeben ist, mithin durch den Ausschließlichkeitsanspruch, den solche Erfahrung notwendigerweise mit sich führt, unwahr wird.

So kann Heraklit hier an den Doppelsinn von Anschein (im Sinne des Offenkundigen) und bloßem Schein anknüpfen, den das griechische dokei (ähnlich wie das deutsche „es scheint") hat.

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Nach der Aussage des vorhin angeführten Fragments 107 hängt es von der Verfassung der Seele ab, ob der Mensch fähig ist, im Vollsinne zu hören und zu sprechen, d. h. das Verhältnis als solches zu vollziehen. Unter psychē, die im Griechischen immer das Belebende bezeichnet[36], wird hier also die besondere Lebendigkeit des Menschen verstanden, der lebend so auf das ihn Umgebende bezogen ist, daß es ihm als etwas und d. h. zunächst im Verhältnisvollzug strittiger Ansichten begegnet.

So kommt es dazu, daß der psychē bei Heraklit zum ersten Mal über den gesamten älteren Sprachgebrauch hinaus so etwas wie eine „intellektuelle Funktion" zugesprochen wird.

Von der Beziehung zwischen so verstandener „Seele" und Logos handeln zwei weitere Logos-Fragmente:

Der Seele Grenzen kannst du im Gehen nicht ausfindig machen, auch wenn du jegliche Straße abwanderst; einen so tiefen Logos hat sie.[37]

Die Seele hat einen Logos, der sich selbst vermehrt.[38]

Man könnte den Wortgebrauch von lógos in diesen Sprüchen für „untermnologisch" halten, sofern der Ausdruck sich einer den Zeitgenossen Heraklits vertrauten Bedeutung entsprechend[39] mit „Überlegung" oder „Nachdenken" übersetzen ließe.[40]

Dabei ergäbe sich die wenig aufregende Feststellung, daß Heraklit die geläufige Metapher von der „Tiefe des Nachdenkens" auch schon gekannt habe.

Abgesehen davon, daß solche Metaphern, wie sich noch zeigen wird, bei Heraklit nicht abgegriffene Münze sind, sondern bewußt verwendet oder sogar geprägt werden, was bereits ein flüchtiges Darüberhinweggehen des Interpreten verbietet, wäre mit jener Feststellung auch nicht die unvermeidlich zu stellende Frage beantwortet, welcher bestimmte geistige Akt denn in der „Überlegung" oder dem „Nachdenken", wovon Heraklit hier zweifellos spricht, vollzogen werde.

Daß dieser Akt aber nur der in sich doppelsinnige Verhältnisvollzug sein kann, ergibt sich dann ohne Schwierigkeit, wenn man auch bei der Interpretation der beiden vorliegenden Sprüche die Grundhypothese unserer Interpretation zugrunde legt und einmal davon ausgeht, daß auch in ihnen eine Konfrontation mit der außerphilosophischen Denkart mitausgesagt wird:

Beide Sprüche verlieren ihre vieldiskutierte Rätselhaftigkeit, wenn man unterstellt, daß sie ihre Front im überheblichen Vielwissen[41] haben; dessen Vertreter glauben nämlich das Ausmaß des Zusammenfassungsvermögens der für das ansichtshaft sich Zeigende geöffneten Seele schon dadurch zu erschöpfen, daß sie im Betreiben der historie sammelnd und vergleichend „jegliche Straße abwandern".

Und deren Denkart entspringt auch die Meinung, der Verhältnisvollzug bedürfe, um zur Erfassung des Zusammenhangs von Allem „Anzuwachsen", anderer Gegebenheiten, nämlich der Mannigfaltigkeit der in der historiê gesammelten Ansichten, statt allein der bereits im einsichtsvollen Verhältnisvollzug beschlossenen Kraft[42], alles Gegensätzliche im Durchschauen der Verwiesenheit der Ansichten aufeinander zusammenzubringen.

Dieser Meinung gegenüber dürfte Heraklit in Fragment 115 den Ton darauf legen, daß der Verhältnisvollzug aus sich selbst imstande ist, sich qua Distanznahme vom Bereich der Ansichten zur Erfassung von deren Zusammenhang „auszuweiten"[43].

Und eben der so verstandene Verhältnisvollzug muß auch das sein, was in Fragment 45 als „tief" bezeichnet wird, weil er sich nämlich nicht auf der Ebene der ansichtshaften Befangenheit abspielt, — einer Ebene, die die historie nur „abwandert", doch nie verläßt —, sondern als Selbstunterscheidung auf einem Standpunkt jenseits des Nebeneinander der Ansichten stattfindet.

Heraklit wählt hier statt des uns seit Platon philosophisch vertrauten Bildes vom Überstieg in die Höhe das sinnverwandte Bild von der Tiefe, weil ihm daran liegt, die Unentdecktheit, d. h. Verborgenheit des einsichtsvollen Verhältnisvollzuges für die Ansicht mit ins Bild zu bringen, wie er dies auch im Spruch über die unscheinbare Zusammenfügung tut[44].

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Den Vergleich zwischen dem Ausmaß der Zusammenfassungskraft der Vielen und der Einsichtigen, um den es nach unserer Auffassung in den beiden zuletzt erörterten Sprüchen geht, zieht Heraklit in anderer Form auch in einem weiteren Logos-Fragment:

In Priene wurde Bias, des Teutamens Sohn, geboren, dessen Ruf (lógos) größer ist als der der anderen.[45]

Wenn Heraklit hier an den zeitgenössischen Wortgebrauch von lógos in der Bedeutung „Ruf" angeknüpft haben sollte, dann läßt sich das ebenfalls ohne Schwierigkeit erklären: Erstens bezeichnet der Ruf, in dem jemand steht, die Weise, wie der Betreffende im Reden von Menschen über ihn zu Anderen ins Verhältnis gesetzt wird; „Ruf" besagt also bereits so viel wie „sprachliche Darlegung von Verhältnisvollzug".

Zweitens darf man nach allem bisher Gesagten davon ausgehen, daß Heraklit nicht willkürlich Zensuren an berühmte Leute verteilt, sondern auch hier Einsicht und Ansicht in ihren Vertretern unterscheidet.

Diese Annahme wird möglicherweise gestützt durch die Überlieferung, daß zu den Aussprüchen des Bias der Satz „Die meisten Mensdien sind schlecht"[46] gezählt wird.

Sollte Bias bereits dem Heraklit als der Vertreter einer solchen Kritik an den „Meisten"[47] bekannt gewesen sein, so könnte er in dieser Kritik den grundlegenden Schritt der Einsicht, die Selbstunterscheidung von der Denk- und Verhaltensart der Vielen, erblickt haben.

In dem größeren Ausmaß des Rufes, in dem Bias steht, d. h. darin, daß er zu den Anderen in ein Verhältnis der Erkenntnisüberlegenheit gesetzt wird (Bias als „sophós"), bekundet sich für Heraklit also nur diejenige Überlegenheit, das „Mehr" an Zusammenfassungskraft, das sich Bias selbst durch den Vollzug des Verhältnisses von Einsicht und Ansicht verschafft hat[48].

Die wahre sophie des Bias ist das Gegenbeispiel zur Scheinüberlegenheit des dokimótatos, von dem im eben erörterten Spruch die Rede war.

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Die Möglichkeit, vergleichend von einem Ausmaß des Logos zu sprechen, ist nach den letzten Überlegungen in folgendem begründet:

1. Der Verhältnisvollzug in der Einsicht hat als Zusammennahme des ins Verhältnis Gesetzten einen Umfang.

2. Jeglicher Ansichtsvollzug ist schon (ein sich selbst undurchschaut bleibender) Verhältnisvollzug und kann insofern ebenfalls auf seinen Umfang hin betrachtet werden.

3. Dadurch, daß auf dem Standpunkt der Einsicht einsichtsvoller und ansichtshafter Verhältnisvollzug untereinander ins Verhältnis gesetzt werden, werden diese beiden, u.a. hinsichtlich ihres Umfangs, vergleichbar.

Diese Feststellungen erlauben eine weitere Konsequenz:

Wenn die strittigen Ansichten in ihrem Maß mit einem Dritten, nämlich dem einsichtsvollen Verhältnisvollzug, vergleichbar sind, dann sind sie es auch untereinander.

Damit aber deutet sich bereits im Ansatz an, daß und wie der für das heraklitische Denken wesentliche Begriff des Maßes, der hier noch eingehend erörtert wird, sich aus dem Logosgedanken ergibt.

Was sich bei Heraklit aneinander bemißt und so in Koexistenz oder Sukzession wechselseitig sein Erscheinen regelt, sind in der Tat Gestalten von Ansicht, auch wenn es zunächst so scheint, als expliziere Heraklit den Maßgedanken an Gegebenheiten in der Welt, die von ihm als nicht auf unsere ansichtshafte Erfahrung bezogene Wirklichkeiten verstanden würden:

So heißt es in Fragment 31, worin Heraklit das Mengenverhältnis der drei „Elemente" Feuer, Meer und Erde behandelt, die sich in einem beständigen wechselseitigen Übergang ineinander befinden:

…(das Meer) bemißt sich nach demselben Verhältnis (lógos), wie es bestand, bevor es Erde wurde.[49]

Dieser einzige erhaltene Heraklitsatz, in dem der zeitgenössische Wortgebrauch von lógos in der Bedeutung „Verhältnis" aufgenommen ist[50], wird im 4. Kapitel noch eingehend interpretiert.

Vorgreifend sei nur schon darauf hingewiesen, daß die „Elemente", von deren Verhältnis in diesem Spruch die Rede ist, sich als Ansichten (und zwar als die weltbezogenen Urgestalten von Ansichten) erweisen werden.

24

Überblickt man abschließend, wie sich der Logosbegriff des Heraklit von seiner Grundbedeutung „sich darlegender Verhältnisvollzug" her konsequent in seinen Bedeutungsmomenten entfaltet, so stellt sich heraus, daß Heraklit mit einer erstaunlichen Treffsicherheit die ursprüngliche Bedeutung des Wortes lógos in der griechischen Sprache aufgenommen und für sein Denken fruchtbar gemacht hat.

Wenn in den Logos-Fragmenten eine Anzahl der charakteristischen Bedeutungen des Wortes, die sich bis zur Zeit Heraklits entwickelt haben, bei ihm selbst auftritt, so geschieht dies nicht zufällig, sondern deswegen, weil sich alle diese Bedeutungsvarianten in der Einheit der bei ihm zur Sprache kommenden Grundbedeutung „sich darlegender Verhältnisvollzug" wie in einem Spectrum sammeln können.

Heidegger hat in der Tradition einer Beobachtung, die sich schon bei Schleiermacher[51] und Lassalle[52] findet, auf die Grundbedeutung des Verbum legein als „sammeln", „auslesendes zusammenlegen" aufmerksam gemacht und die Verwurzelung derjenigen Bedeutungen von legein und des zugehörigen Substantivs lógos, in denen damit sprachliche Darlegungen verschiedenster Art bezeichnet werden können, in jener Grundbedeutung aufgedeckt[53].

Dieser Zusammenhang hat sich in der philologischen Forschung vielfach bestätigt[54] und zugleich dahingehend konkretisiert, daß das mit legein gemeinte Sammeln als ein Zusammenlegen des einander Entsprechenden[55], als ein Aufstellen und auch Aufzählen von Zusammengehörigem zu verstehen ist[56].

Das heißt aber, das mit legein bezeichnete Sammeln wird von vornherein so verstanden, daß für die Bedeutungsentfaltung des zugehörigen Substantivs lögos als Grundbedeutung so etwas wie „sich darlegender Verhältnisvollzug'' angesetzt werden darf.

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Nur von dieser Ausgangsbedeutung her (die sich im Deutschen auch anders umschreiben ließe) kann lógos Bedeutungen wie „Verhältnis, Proportion, Maß, Gesetz" annehmen.

Und nur von ihr her kann das Wort in der Entwicklung derjenigen Sprache, in der nicht zufällig Philosophie und Wissenschaft entstehen, die Führung unter den Wörtern übernehmen, die Sprachliches bezeichnen, und sich zu einem kaum übersehbaren Bedeutungsreichtum von „Wort, Rede, Ruf, Erzählung, Aussage…" bis zu „Erklärung, Rechenschaft, Begründung, Vernunft..." entfalten.

Am deutlichsten tritt die verborgene Intention, von der diejenige Bedeutungsentfaltung des Wortes logos geleitet ist, in der sich die Entstehung von Wissenschaft und Philosophie mitvorbereitet, wohl in der Wendung lógon didónai zutage.

Heraklits Verhältnis-Denken ist nichts anderes als der erste konsequente Versuch eines philosophischen lógon didónai:

Gemäß dem heraklitischen Doppelsinn von „Verhältnisvollzug" ist es „Rechenschaftsablegung" sowohl im Sinne einer Darlegung des Zusammenhangs dessen, worüber die Rechenschaft abgelegt wird[57], als auch kritische Distanznahme dessen, der sie ablegt.

Hinsichtlich seiner ersten Seite ist es dem thematisierten vorwissenschaftlichen bzw. vorphilosophischen Leben der gegenspännig zusammenhängenden Ansichten noch in besonderer Weise nahe und stellt demgemäß eine — wenn auch als Reflexion undurchschaute — Thematisierung dieses Lebens dar, die in der Folgezeit zunehmend in Vergessenheit gerät und erst heute wieder in der transzendentalphänomenologischen Rückbesinnung auf die wissenschaftsgeschichtlichen Ursprünge des Objektivismus sichtbar werden kann.

Hinsichtlich seiner zweiten Seite aber erweist es sich durch die Distanznahme, die eben jene Thematisierung des vorphilosophischen Lebens ermöglicht, als Vorläufer der mit Sokrates beginnenden Gestalt philosophischen Denkens als einer Rechenschaftsablegung in kritischer Wendung gegen das natürliche Bewußtsein.


  1. ↑ Anm. KF:richtiger ist "Ein-Allen-Sein", "Ein-Allen-heit", also "Einallenheit" die Gegensätze von das Eine und Alles bestehen im und als Sein (dem das während ist) als Ganzes. "Totalität, Gänzlichkeit" sind Synonyme.
  2. ↑ Anm. KF:"Wort und Werk"; Epen ist ein Beweis dafür das Logos nicht Wort sondern daß Epos Wort entspricht.
  3. ↑ Anm. KF:"Worte und Werke"
  4. ↑ Anm. KF: das entspricht nur dem Wunschdenken seitens Klaus Held, nicht dem daß Heraklit sagt.

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  24. ↑ Anm. KF:xyn noôi légontas (ξὺν νόωι λέγοντας) "mitsam Vernunft darlegend"
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    Anm. KF:an sich steht da nicht mehr als: "Psyche ist Logos seiner selbst mehrend"
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