KÜZKDWH/11
▶Daß Habermas das Begriffsfeld verengt und damit interessante Perspektiven zur Wahrheitsproblematik unterschlägt, zeigt sich vielleicht am deutlichsten im Vergleich zum subjektiven (ethischen, existentiellen) Wahrheitsbegriff. Das Verhältnis zur Wahrheit ist nämlich nicht bloß theoretischer Natur. Zur Wahrheit gehört auch ein Moment willentlicher Zustimmung. Worauf vor allem Kierkegaard hingewiesen hat: die Beziehung zur Wahrheit hat ethische Voraussetzungen und ethische Konsequenzen. Für gewisse Bereiche hält Kierkegaard die ethische Dimension sogar für die alles entscheidende, vor der die Dimension der objektiven Wahrheit belanglos werde. Für das Christentum und die mit ihm gestellte Frage nach der ewigen Seligkeit sei Wahrheit primär keine intellektuelle: spekulative oder historische, viel mehr eine existentielle Leistung: etwas, das sich durch Aneignung konstituiert[1]. In Bezug auf Habermas formuliert: Sofern man die Wahrheitsfragen, die sich im praktischen Diskurs stellen, die Fragen nach der Richtigkeit von Normen, Institutionen und Lebensformen, nicht abstrakt auffaßt, gelten sie der Art und Weise, wie eine Person, auch eine Gesellschaft ihr Leben führen. Mit Kierkegaard: Wahrheit liegt, vom Subjekt her gesehen, im Existieren; Wahrheit ist ein Existenzakt, und dieser ist je unabgeschlossen.
Einzelnachweise
- ↑ Vgl. Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift, hrsg. v. H. Diem, W. Rest (21959) 204 ff.