KÜZKDWH/9
▶Um die anderen Aspekte und Perspektiven der Wahrheitsproblematik nicht einfach wegzudefinieren, müßte man etwas tiefer ansetzen und den Begriff der Wahrheit so bestimmen, daß er nicht von vornherein ausschließlich die Aussagenwahrheit meint. Wenn man den Sinn von Wahrheit in der Erschließung von Wirklichkeit, im Zur-Erscheinung-Bringen von Seiendem, letztlich des wahrhaft Seienden (όντως ον[A 1]) sieht und im simultanen Sich-zur-Erscheinung-Bringen einer Person, wenn man also Wahrheit auf Wirklichkeit (ontologischer Wahrheitsbegriff)[1] und auf Personsein (subjektiver Wahrheitsbegriff) im Modus ihrer Erschließung und Manifestation bezieht, dann wäre Wahrheit nicht von vornherein auf diskursive Rede festgelegt. Wahrheit meint nicht bloß die objektive Wahrheit des Verstandes, die sich im rationalen Erkennen eines Erkenntnismaterials erfüllt und in einer Aussage manifest wird. Die Aufgabe, Seiendes und Personsein offenbar zu machen, ist aber auch von anderen Verhaltensweisen zu übernehmen, so daß man ebenso bei Kunstwerken, Religionen oder Lebensformen von einer allerdings eigentümlichen Weise der Wahrheit sprechen kann, ohne deshalb den Ausdruck äquivok, vielmehr analog zu verwenden.
Anmerkungen
[✎]- ↑ "tatsächlich Sein"
Einzelnachweise
- ↑ Thomas von Aquin, De veritate I 1 (mit Bezug auf Augustinus, Solii. II 5) : „veritas est id quod est“. In diesen Zusammenhang gehört auch die – transzendental zu verstehende – Grundaussage der abendländischen Philosophie seit Parmenides über die Selbigkeit von Denken und Sein.