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PPÜZ/Die Geschichte der ›Phaidon‹ – Rezeption

aus AufEinWort, der freien Forschung

◀▷Die wechselhafte Geschichte der Phaidon-Interpretation zeigt, welche Schwierigkeiten es bereitete, den von Platon gemeinten Sinn dieses Dialogs zu fassen. Schien dem einen der Phaidon ein Plädoyer für die Abwendung von der Welt zu sein, die sogar den Freitod als Möglichkeit miteinschloß, so glaubte der andere, Hauptanliegen des Dialogs sei es, die sokratische Souveränität im Umgang mit den Dingen dieser Welt zu verherrlichen. Hellenismus und Christentumreklamierten den Dialog nicht weniger für sich als Rationalismus und Aufklärung.

Die antike Phaidon-Rezeption befaßte sich vorwiegend mit den praktischen Aspekten, die man der Seelenkonzeptionim Dialog entnehmen zu können glaubte. Der Legende nach war die erste Wirkung dieses Dialogs auf ihren Leser ein Selbstmord. Der im Text als am Todestag abwesend erwähnte Kleombrotos soll sich nach der Lektüre das Leben genommen haben. Im aristotelischen Werk finden sich zahlreiche Spuren des Phaidon, so in der ›Metaphysik‹, der ›Meteorologie‹, der Schrift ›Über die Seele«; immer handelt es sich um kritische Auseinandersetzungen mit Einzelaussagen, vor allem mit der auf die spezifisch aristotelische Weise verstandenen bzw. mißverstandenen Ideenlehre. Epikur verfaßte einen – verlorengegangenen – Angriff auf den Phaidon. Die in diesem entwickelte Seelenvorstellung mußte seiner materialistischen Seelenkonzeption widersprechen. Cicero widmet in seinen »Gesprächen in Tuskulum‹ einen umfangreichen Abschnitt der Frage, ob die Seele unsterblich ist, und beruft sich dabei immer wieder auf Argumente aus dem Phaidon. Bei Seneca führt die als platonisch unterstellte Bewertung des Körpers als Gefängnis zur Befürwortung des Selbstmords.

Für das Mittelalter wurde – via Augustinus – das neuplatonische Platonbild bestimmend. Plotins[1] Lehre von der Emanation alles Seienden aus dem Einen weist der sinnlichen Welt die unterste Rangstufe in der Folge der Emanationen zu, die Hinwendung zu ihr wird zum Bösen. Der philosophische Auftrag mi Phaidon, die Seele von allem Körperlichen zu reinigen, schien dem Rückhalt zu geben. Davon beeinflußt und wohl ohne den Phaidon im Original zu kennen, bezieht sich dann Augustinus[2] bei der Erörterung der Unsterblichkeitsfrage immer wieder auf Gedankengänge, die aus dem Phaidon stammen. Die als zentrale platonische Lehre angenommene Theorie vom Dualismus des Körpers und der Seele, der sinnlichen und geistigen Welt, gewann so Eingang in die christliche Anthropologie.

Die mit dieser Zweiteilung verbundenen Probleme – Ist die Seele der wahre Mensch oder ist er ein Kompositum aus zwei Substanzen? Was geschieht im zweiten Fall mit seinem körperlichen Anteil bei der Auferstehung? - wurden nach Augustinus zum Gegenstand ausgedehnter Kontroversen. Man versuchte, sie durch eine Synthese der platonischen mit der aristotelischen Seelenkonzeption zu lösen. Maßgeblich wurde schließlich die von Thomas von Aquin entwickelte Version: die Seele substantialisiert den Körper, der Körper aber erlaubt die natürliche Subsistenz der Seele[3]. Einen anderen Anstoß für die Philosophie des Mittelalters gab der in Phaidon 100bff. enthaltene Unsterblichkeitsnachweis - er wurde Vorbild für den ontologischen Gottesbeweis des Anselm von Canterbury[4], den Kant[5] in seiner ›Kritik der reinen Vernunft› zu widerlegen unternahm.

In der Neuzeit war es vor allem Leibniz,[6] der wesentliche Impulse aus dem Phaidon empfing. Seine Widerlegung der Locke'schen ›tabula rasa‹-Theorie hat ihre Grundlage in der Anamnesis-Passage in Phaidon 72eff.; die eingeborenen Ideen‹ sind eine Reminiszenz an die dort beschriebenen apriorischen Elemente in der Erkenntnis. Fast noch wichtiger aber ist Leibniz' Abwendung von der mechanistischen Weltsicht seiner Zeit, die von der sokratischen Autobiographie mi Phaidon inspiriert wurde. Die in ihr entwickelte teleologische Welterklärung wurde für Leibniz' eigene Philosophie bestimmend. Damit setzte er die durch Descartes aus der Philosophie verbannte Untersuchung der Letztbegründung wieder in ihr Recht.

Im 18. Jahrhundert war der Tod des Sokrates mehrfach Thema für dramatische Versuche, es stand also wieder mehr die existentielle Seite des Phaidon im Vordergrund; bspw. verfaßte Diderot einen - allerdings nie ausgeführten - dramatischen Entwurf über das sokratische Sterben. Im Geist der Aufklärung geschrieben ist die Phaidon-Nachdichtung von Moses Mendelssohn.[7] Mit ihr will Mendelssohn sowohl die von ihm angenommene Platonisierung der Sokratesgestalt im Original als auch die Christianisierung seiner Philosophie in der Geschichte wieder rückgängig machen und die sokratische Philosophie darüber hinaus um die Einsichten bereichern, die er seiner eigenen Epoche zuschreibt. In der Folgezeit wurde der Phaidon zunehmend nur noch zum Forschungsgegenstand, wobei man sich entweder – wie Natorp[8] – primär auf seine logisch-erkenntnistheoretischen Aspekte konzentrierte oder – wie Guardini[9] – vorrangig die existentielle Problematik behandelte – die beiden in der Rezeptionsgeschichte des Phaidon einander immer wieder abwechselnden Deutungsalternativen.

Dieser fortwährende Wandel der Sichtweisen, diese Vielfalt der Interpretationen ist ein deutliches Indiz mangelnder Einheit. Entweder birgt der Dialog selbst divergierende Ansätze, oder die Vielfalt der Deutungen ist Ergebnis der Vielfalt der Perspektiven, unter denen der Dialog bereits betrachtet wird. Der unvoreingenommenen Interpretation muß es darum zu tun sein, Einheit zu suchen.

Getreu der sokratischen Maxime, daß der wahre Redefreund bei auftauchenden Widersprüchen zuallererst sich selbst die Schuld zuzurechnen hat, nicht etwa den ›logoi‹,[10] muß auch der Interpret zunächst immer davon ausgehen, daß die Schwierigkeiten eher im Auge des Betrachters als im Betrachteten liegen.

  1. ↑ 3. Plotins Schriften, übers. von R. Harder, Hamburg 1956-71.
  2. ↑ 4. Augustinus, Selbstgespräche über Gott und die Unsterblichkeit der Seele, übers. v. H.-P. Müller, Zürich 1954.
  3. ↑ 5. S. E. Gilson, Der Geist der mittelalterlichen Philosophie, Wien 1950,S. 193f.
  4. ↑ 6. A. v. Canterbury, Opera omnia, Vol. 1, Proslogion 2ff., Edinburgh 1946.
  5. ↑ 7. Kant, Werke, Bd. II, .2 Abt., .3 Hauptst., .4 Abschn. Hrsg. .v W. Weischedel, Darmstadt 1966.
  6. ↑ 8. G. W. Leibniz, Werke, Bd. V2, Brief an Hansch (25.7.1707), Darmstadt 1989.
  7. ↑ 9. M. Mendelssohn, Phädon oder über dei Unsterblichkeit der Seele, Hamburg 1979.
  8. ↑ 10. P. Natorp, Platos Ideenlehre, Leipzig 1903.
  9. ↑ 11. R. Guardini, Der Tod des Sokrates, Hamburg 1956.
  10. ↑ 12. 21 s. Phaidon 89d ff.