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Werk:Apologia doctae ignorantiae/15

aus AufEinWort, der freien Forschung

▷Iubebat me praeceptor parum sistere et aiebat: «Ecce, | quomodo[1] varietas sensuum oritur, quando respectus variatur. Respexit hic vir ad speculum et aenigma, quasi Deus sit – uti est – incomprehensibilis. Veritas enim in imagine nequaquam, uti est, videri potest; cadit enim omnis imago eo, quia imago, a veritate sui exemplaris. Hinc visum est reprehensori incomprehensibilem non capi per transcensum incomprehensibiliter. Sed qui videt, quomodo imago est exemplaris imago, ille transiliendo imaginem ad incomprehensibilem veritatem incomprehensibiliter se convertit. Nam ille, qui omnem creaturam unius creatoris concipit imaginem, in se videt, quod, sicut imaginis esse penitus nihil perfectionis ex se habet, sic omnis sua perfectio est ab eo, cuius est imago; exemplar enim mensura et ratio est imaginis. Sic enim Deus relucet in creaturis sicut veritas in imagine. Qui igitur tantam videt rerum varietatem unius Dei esse imaginem, ille, dum linquit omnem omnium imaginum varietatem, incomprehensibiliter ad incomprehensibilem pergit. In stuporem enim ducitur, dum hoc infinitum esse admiratur, quod in omnibus comprehensibilibus est ut in speculo et aenigmate. Bene videt ille hanc formam nulla creatura comprehensibilem, cuius omnis creatura imago existit; nulla enim imago esse potest veritatis adaequata mensura, cum in eo, quod imago, deficiat. Non igitur comprehensibilis est veritas absoluta.

Der Meister bat mich, ein wenig innezuhalten, und sagte: «Siehe, wie die Verschiedenheit der sinnlichen Wahrnehmung entsteht, wenn sich der Blickwinkel ändert. Dieser Mann sah in Hinblick auf Spiegel und Gleichnis, daß Gott – wie es ja auch der Fall ist – unbegreiflich ist. Die Wahrheit kann im Bild keineswegs so gesehen werden, wie sie ist; denn jedes Bild fällt deshalb, weil es Bild ist, der Wahrheit seines Urbildes gegenüber ab. Daher schien es unserem Kritiker, daß der Unbegreifliche nicht durch den Überstieg auf unbegreifliche Weise erfaßt werden kann. Aber der, welcher sieht, daß das Abbild das Abbild des Urbildes ist, wendet sich, indem er das Abbild überspringt, auf unbegreifliche Weise zu der unbegreiflichen Wahrheit. Denn jener, der alle Geschöpfe als Abbild des einen Schöpfers begreift, sieht in sich selbst, daß, wie das Sein des Abbildes keine Vollkommenheit aus sich hat, alle seine Vollkommenheit von dem stammt, dessen Abbild er ist. Denn das Urbild ist Maß und Wesenssinn des Abbildes. So strahlt Gott in allen Geschöpfen wider, wie die Wahrheit im Abbild. Jener, der erkennt, daß die ungeheure Verschiedenheit der Dinge das Abbild des einen Gottes ist, wird, wenn er alle Vielfalt aller Abbilder verläßt, unbegreiflich zum Unbegreiflichen gelangen. Wenn er dieses unendliche Sein, das in allem Begreiflichen wie in Spiegel und Gleichnis ist, bewundert, wird er zum Staunen geführt, und er sieht wohl, daß diese Gestalt, deren Abbild jedes Geschöpf ist, durch kein Geschöpf begreiflich ist. Denn kein Abbild kann ein angemessenes Maß der Wahrheit sein, da es ihr gegenüber durch sein Abbildsein unterlegen ist. Darum ist die absolute Wahrheit nicht begreiflich. ◀

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  1. ↑ fol.36v