Werk:Apologia doctae ignorantiae/3
▷Et ego: «Dic, quaeso, praeceptor, quae comparatio fuit scientiae Socratis ad ceteros.» Et ille: «Quasi scientia videntis ad scientiam caeci de solari claritate. Potest enim caecus aliquis multa audisse de solis claritate atque quod tanta sit, quod comprehendi nequeat, credens se per ea, quae sic audivit, scire aliqua de solis claritate, cuius tamen habet ignorantiam. Videns vero de solis claritate, quanta sit, interrogatus respondit se ignorare et huius ignorantiae scientiam habet, quia, cum lux solo visu attingatur, experitur solis claritatem visum excellere.» Sic plerosque, qui se scientiam theologiae habere iactant, caecis comparavit. «Versantur enim paene omnes, qui theologiae studio se conferunt, circa positivas quasdam traditiones et earum formas, et tunc se putant theologos esse, quando sic sciunt loqui uti alii, quos sibi constituerunt auctores; et non habent scientiam ignorantiae lucis illius inaccessibilis, ‹in quo non sunt ullae tenebrae.›[1] Sed qui per doctam ignorantiam de auditu ad visum mentis transferuntur, illi certiori experimento scientiam ignorantiae se gaudent attigisse.»
Darauf sagte ich: «Bitte, sage mir, mein Lehrer, in welchem Verhältnis das Wissen des Sokrates zu dem der anderen stand.» Seine Antwort war: «Wie das Wissen eines Sehenden zum Wissen eines Blinden in bezug auf den Glanz der Sonne. Ein Blinder kann viel über den Glanz der Sonne gehört haben; auch daß er so groß ist, daß man ihn nicht erfassen kann. Nun glaubt er aus dem, was er so gehört hat, etwas über den Glanz der Sonne zu wissen, von dem er doch nichts weiß. Wenn aber ein Sehender über den Glanz der Sonne befragt wird, antwortet er, daß er darüber nichts weiß; und weil er, wenn er die Sonne nur mit dem Gesichtssinn berührt, erfährt, daß der Glanz der Sonne das Sehvermögen übertrifft, hat er das Wissen dieses Nichtwissens.» So verglich er die meisten, die sich mit ihrem theologischen Wissen brüsten, mit Blinden. «Denn beinahe alle, die sich dem Studium der Theologie widmen, beschäftigen sich mit gewissen festgelegten Traditionen und deren Formen, und wenn sie so reden können wie die andern, die sie sich als Vorbilder aufgestellt haben, halten sie sich für Theologen. Sie wissen nichts vom Nichtwissen jenes unerreichbaren Lichtes, in dem keine Dunkelheiten sind. Die aber, die durch das wissende Nichtwissen vom Hören zur Schau des Geistes gebracht werden, freuen sich darüber, das Wissen des Nichtwissens durch sicherere Erfahrung erlangt zu haben.» ◀▷
- ↑ cf. I Ioann. 1,5.