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Werk:Bonaventura (Hattrup)/Der Aufbau der Wissenschaften

aus AufEinWort, der freien Forschung

Übersetzung von De reductione artium ad theologiam

DE REDUCTIONE artium ad theologiam

[319a]

DE REDUCTIONE Der Aufbau der Wissenschaften

S. 129

1. Vier Lichter.

Jede wirklich gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk stammt von oben. Es steigt herab vom Vater der Lichter, wie es bei Jakobus im ersten Kapitel seines Briefes heißt.[1] Mit diesem Wort wird der Ursprung aller Erleuchtung berührt; zugleich auch wird das freie Ausströmen der vielfältigen Lichter aus dem einen Urlicht angedeutet. Es mag zwar jede Erleuchtung eine Art von innerem Wissen sein, dennoch können wir sinnvollerweise folgendes unterscheiden: Es gibt ein äußeres Licht, das Licht der handwerklichen Tätigkeit; ein niederes Licht, das Licht der sinnlichen Erfahrung; ein inneres Licht, das Licht der philosophischen Erfahrung; ein höheres Licht, das Licht der Gnade und der Hl. Schrift. Das erste Licht erleuchtet mit Blick auf die handwerklichen Gegenstände, das zweite mit Blick auf die Natur, das dritte mit Blick auf die Wahrheit der Vernunft, das vierte und letzte mit Blick auf die Heilswahrheit.

2. Licht des Handwerks.

S. 131

Die erste Erkenntnis, die aus den Gegenständen des Handwerkers leuchtet, heißt das Licht des Handwerks. Ihre Gegenstände sind äußerlich und werden ersonnen, um die Bedürfnisse des Körpers zu befriedigen. Weil dieses Licht in gewisser Weise zu Diensten steht und im Vergleich zum philosophischen Wissen herab gestiegen ist, wird es ganz zurecht äußerlich genannt. Es wird siebenfach unterteilt nach den sieben Handwerksarten, die Hugo in seinem Lehrbuch angibt.[2] Dazu zählen das Artes mechanicae Leineweben, das Schmiedehandwerk, die Landwirtschaft, die Jagd, Schiffahrt, Medizin und das Theater. Daß diese Aufzählung vollständig ist, läßt sich folgendermaßen einsehen: Ein Handwerk dient einer inneren Befriedigung oder einem äußeren Nutzen. Also vertreibt es entweder die Traurigkeit oder die Not, entweder ist es nützlich oder angenehm. Oder nach einem Wort von Horaz: Entweder nützen wollen sie oder erfreuen, die Dichter.

Und an anderer Stelle: Der trifft den Nagel auf den Kopf, der das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet.[3]

Wenn die handwerkliche Kunst Trost und Unterhaltung spenden soll, dann wird sie zur Schauspielkunst. Sie ist die Kunst der Spiele und umfaßt alle Arten des Spielens, sei es nun den Gesang, die Instrumentalmusik, die Bildhauerei oder das Theater. Wenn diese Kunst den Nutzen oder die Kultivierung des äußeren Menschen im Sinn hat, so kann die Bekleidung oder die Nahrung oder die Beschaffung von beidem gemeint sein.

S. 133

Wenn es sich bei der Kleidung um weichen und zarten Stoff handelt, ergibt sich die Weberei; wenn es sich um hartes und festes Material handelt, ergibt sich das Waffen- oder Schmiedehandwerk, das alle Arten von Waffen umfaßt, seien sie aus Eisen oder sonst einem Metall, aus Stein oder aus Holz.

Wenn das Handwerk der Ernährung dient, kann es auf zweierlei Weise geschehen, denn wir ernähren uns mit pflanzlicher oder tierischer Nahrung. Bei der pflanzlichen Nahrung heißt das Handwerk Landwirtschaft, bei der tierischen heißt es Jagd. Man kann auch anders einteilen: Wenn das Handwerk der Ernährung dient, kann es auf zweierlei Weise geschehen. Einmal dient es der Erzeugung und Vermehrung der Nahrung und heißt Landwirtschaft. Oder es dient der vielfältigen Vorbereitung der Nahrung, dann ist es die Jagd, die alle Arten der Zubereitung von Speisen, Getränken und Geschmäckern umfaßt. Das gehört zur Aufgabe der Bäcker, Köche und Wirte. Der Name aber wird von einem Teil des Tuns, der hervorsticht und vornehm ist, abgeleitet.

Bei der Beschaffung von Nahrung und Kleidung unterscheidet man zweierlei. Zum einen muß das, was fehlt, ergänzt werden, also entsteht die Schiffahrt, was jede Art von Handel umfaßt, ob dazu nun Kleidung oder Nahrung gehört.

S. 135

Oder es muß ein Hindernis oder etwas Schädliches entfernt werden, dann entsteht die Medizin. Sie besteht aus der Anfertigung von Säften, Getränken oder Salben, wozu auch die Pflege von Wunden oder die Amputation von Gliedern gehört, wie bei der Chirurgie. Die Schauspielkunst ist in sich einheitlich. Also ergibt sich die Vollständigkeit.

3. Fünf Sinnesorgane.

Das zweite Licht ist das Licht der sinnenhaften Erkenntnis, das uns die Wahrnehmung der Naturgestalten ermöglicht. Zurecht wird es ein niederes Wissen genannt, weil die sinnenhafte Erkenntnis vom Niederen ausgeht und mit Beihilfe des körperhaften Lichtes zustande kommt. Entsprechend den fünf Sinnen wird es vervielfältigt.[4] Die Vollständigkeit der Sinne leitet Augustinus im dritten Kapitel seines Kommentars zur Genesis von der Lichtnatur der Elementarkörper auf folgende Weise ab:[5] Wenn das Licht oder die Lichtquelle zur Unterscheidung der körperlichen Gegenstände gebraucht wird, dann tritt es einmal unverstellt und gewissermaßen rein hervor und wird zum Sehen, oder es vermischt sich mit der Luft und wird zum Hören. Wenn es sich mit dem Dampf verbindet, wird es zum Geruch, wenn mit dem Feuchten, dann zum Geschmack, und wenn mit der festen Erde, dann zum Tastsinn. Der Geist der Sinne ist von der Art des Lichtes, daher lebt er in den Nerven, deren Art klar und durchlässig ist. In den fünf Sinnen wird er vervielfältigt, je nach dem größeren oder geringeren Grad der Reinheit.

S. 137

Es gibt fünf Elementarkörper der Welt: die vier Elemente und den fünften himmlischen Körper. Dem entsprechend hat der Mensch fünf Sinne, damit er alle körperlichen Gestalten aufnehmen kann. Denn Wahrnehmung kommt nur durch Ähnlichkeit und Übereinstimmung des Wahrnehmungsorgans mit dem Gegenstand zustande, weil ein Sinnesorgan von Natur aus festgelegt ist. Man kann noch auf eine andere Art und Weise die Vollständigkeit der Sinneswahrnehmung darlegen, aber diese hier wird von Augustinus gebilligt und scheint vernünftig zu sein. Zu dieser Vollständigkeit tragen gleichermaßen das Wahrnehmungsorgan, das vermittelnde Medium und der Gegenstand bei.

4. Drei Arten Philosophie.

Das dritte Licht, das die Wahrnehmung der intellektuellen Wahrheit ermöglicht, ist das Licht der philosophischen Erkenntnis. Zurecht wird es inneres Licht genannt, weil es die inneren und verborgenen Gründe untersucht, und zwar mit den Grundsätzen der Wissenschaft und der natürlichen Wahrheit, die dem Menschen von Natur aus eingepflanzt sind.

S. 139

Dies Licht wird dreifach unterteilt in Vernunft-, Natur- und Moralphilosophie. Die Vollständigkeit kann folgendermaßen eingesehen werden. Es gibt nämlich eine Wahrheit der Reden, der Dinge und der Sitten. Die Vernunftphilosophie richtet den Blick auf die Wahrheit der Reden, die Naturphilosophie auf die Wahrheit der Dinge, die Moralphilosophie auf die Wahrheit der Sitten. Anders gesagt: Wie man im höchsten Gott den Blick auf die Wirkursachen, die Wesens- oder Exemplarursachen und die Zielursachen richten muß, denn er ist der Grund des Seins, die Vernunft der Erkenntnis und das Maß des Lebens,[6] so geschieht es bei der Erleuchtung der Philosophie. Denn sie erleuchtet zur Erkenntnis der Seinsgründe und wird damit zur Physik; sie erleuchtet zur Erkenntnis der Vernunft und wird damit zur Logik; und sie erleuchtet zur Einsicht in die Lebensführung und wird damit zur Moral- oder praktischen Philosophie. Eine dritte Ableitung ist diese: Das Licht der philosophischen Erkenntnis erleuchtet die Vernunft selbst. Das kann auf dreifache Weise geschehen: Zum einen leitet das Licht zum Handeln an und wird damit zur Moralphilosophie; zum anderen leitet es sich selbst und wird damit zur Naturphilosophie; schließlich leitet es die Deutung von allem und wird damit zur Logik. Auf diese Weise also gelangt der Mensch zur Erkenntnis der Wahrheit des Lebens, der Wissenschaft und der Vernunft.

S. 141

Jemand kann auf dreifache Weise durch Reden ausdrücken, was er bei sich trägt, indem er bekannt macht, was sein Geist ergriffen hat, oder indem er darauf drängt, das Begriffene zu glauben, oder indem er zur Liebe oder zum Haß antreibt. Deshalb wird die Philosophie der Rede oder die Vernunftphilosophie dreifach unterteilt in Grammatik, Logik und Rhetorik. Die erste dient der Darstellung, die zweite der Lehre, die dritte dem Handeln. Die erste bezieht sich auf die Wahrnehmung, die zweite auf das Urteil, die dritte auf die Motivation. Da der Verstand durch die angemessene Rede wahrnimmt, durch das Wahre urteilt und durch die ausgefeilte Rede bewegt wird, daher kommt es, daß diese dreifache Wissenschaft die drei Leidenschaften erkennt, die in der Rede stecken. Weiter: Unsere Vernunft urteilt mit Blick auf die zugrunde liegenden Gestaltprinzipien, und diese können auf dreifache Weise betrachtet werden, im Hinblick auf den zugrunde liegenden Stoff, dann heißen sie Gestaltprinzipien, im Hinblick auf die Seele, dann heißen sie Verstandesprinzipien, oder im Hinblick auf die göttliche Weisheit, dann heißen sie Idealprinzipien. Deshalb wird die Naturphilosophie dreifach unterteilt, in die eigentlich so genannte Physik, in Mathematik und in Metaphysik.

S. 143

Die Physik betrachtet dann das Entstehen und Vergehen der Dinge nach den natürlichen Kräften und Keimprinzipien, die Mathematik die ablösbaren Formen nach ihren geistigen Prinzipien. Die Metaphysik ist die Erkenntnis aller Dinge und führt zu dem einen Uranfang zurück, von dem sie nach Maßgabe der Idealprinzipien oder nach Maßgabe Gottes, insofern er Ursprung, Ziel und Urbild ist, ausgegangen sind. Allerdings gibt es unter den Metaphysikern einige Differenzen über die Idealprinzipien.[7]

Schließlich läßt sich die Leitung der antreibenden Kraft dreifach unterteilen, mit Blick auf das eigene Leben, die Familie und das untergebene Volk. Deshalb wird die Moralphilosophie dreifach unterteilt, in Individual-, Familien- und politische Ethik. Diese werden unterschieden nach der oben genannten Art, wie aus den Namen selbst deutlich wird.

5. Geistliche Schriftsinne.

Das vierte Licht, das die Erkenntnis der heilbringenden Wahrheit ermöglicht, ist das Licht der Hl. Schrift. Es wird höheres Licht genannt, weil es zu höheren Erkenntnissen führt und deutlich macht, was den Verstand übersteigt. Auch wird dieses Licht nicht durch Forschen erlangt, sondern durch eine Einhauchung, die vom Vater aller Erkenntnis niedersteigt. Auch wenn die Schrift dem Buchstaben nach nur einen einzigen Sinn hat, gibt es dennoch einen dreifachen mystischen oder geistlichen Sinn.

S. 145

Denn in allen Büchern der Hl. Schrift läßt sich neben dem buchstäblichen Sinn, den die Worte nach außen kundtun, auch ein geistlicher Sinn feststellen, der allegorische, der uns lehrt, was über Gottheit und Menschheit zu glauben ist, der moralische Sinn, der uns lehrt, wie zu leben ist, und der anagoge Sinn, der uns lehrt, auf welche Weise Gott anzuhangen ist. Daher lehrt die ganze Hl. Schrift diese drei Lehrstücke, die ewige Zeugung Christi und seine Inkarnation, die Lebensordnung und die Einigung der Seele mit Gott. Das erste betrifft den Glauben, das zweite die Sitten und das dritte das Ziel von beiden. Auf das erste muß sich voll Schweiß der Eifer der Lehrer richten, auf das zweite der Eifer der Prediger, auf das dritte der Eifer der Kontemplativen. Das erste lehrt vor allem Augustinus, das zweite vor allem Gregor, das dritte dann Dionysius. Anselm folgt Augustinus, Bernhard folgt Gregor, Richard folgt Dionysius. Denn Anselm sticht in der Argumentation hervor, Bernhard in der Predigt, Richard in der Kontemplation. Bei Hugo aber ist alles auf einmal zu finden.

6. Aus diesen Überlegungen ergibt sich:

Auch wenn das von oben herab steigende Licht nach der ersten Einteilung vierfach ist, besitzt es dennoch sechs Unterschiede, das Licht der Hl. Schrift, das Licht der sinnenhaften Erkenntnis, das Licht des Handwerks, das Licht der Vernunftphilosophie, das Licht der Naturphilosophie und das Licht der Moralphilosophie. Deshalb gibt es sechs Arten des Lichtes in diesem Leben, die alle einen Abend haben, denn alle Erkenntnis vergeht.[8] Es folgt der siebte Tag der Ruhe, der keinen Abend hat, nämlich das Licht der Herrlichkeit.

7.

S. 147

Daher lassen sich die sechs Lichter in sehr guter Übereinstimmung auf die sechs Tage der Schöpfung und auf die mit ihnen verbundene Erkenntnis übertragen, in denen die Welt geschaffen wurde. Danach entspricht dem Wissen der Hl. Schrift der erste Schöpfungstag, nämlich die Erschaffung des Lichtes. Und so weiter der Reihe nach. Alle Lichter haben ihren Ursprung in einem einzigen Licht. Deshalb sind sie auf die Erkenntnis der Hl. Schrift angelegt, in ihr liegen sie verborgen, in ihr werden sie vollendet, und durch die Vermittlung der Schrift werden diese Lichter mit dem Licht der Ewigkeit in Verbindung gesetzt. Daher soll alle unsere Erkenntnis in der Erkenntnis der Hl. Schrift ihr Ziel haben, besonders im anagogen Schriftsinn. Durch ihn wird das Licht in Gott hinein geführt, wo es auch seinen Ursprung hat. Damit ist der Kreis durchlaufen, das Sechstagewerk vollendet und das Ziel erreicht.

8.

Wir wollen also sehen, wie sich die anderen Lichter der Erkenntnisse auf das Licht der Hl. Schrift zurück führen lassen. Wir versuchen dieses zunächst beim Licht der sinnlichen Erkenntnis, die ganz auf die Erkenntnis der Sinne gerichtet ist, zu sehen. Dabei gibt es dreierlei zu betrachten: das Erkenntnismittel, den Vollzug und das Genießen daran.

S. 149

Wenn wir das Erkenntnismittel betrachten, so können wir damit den in Ewigkeit gezeugten und in der Zeit Fleisch gewordenen Logos sehen. Kein sinnlich erfaßbarer Gegenstand rührt die Erkenntniskraft an ohne Vermittlung eines Ebenbildes, welches vom Gegenstand ausgeht wie das Kind von Vater oder Mutter. Das gilt notwendig allgemein bei jedem Wahrnehmungsorgan, sei es nun real oder exemplarisch. Das Ebenbild vollbringt nur einen vollständigen Sinnesakt, wenn es mit dem Wahrnehmungsorgan selbst und seiner Kraft vereinigt wird. Wird es aber damit geeint, kommt eine neue Wahrnehmung zustande, durch die das Organ vermittels des Ebenbildes zum Gegenstand geführt wird. Nun wird zwar der Gegenstand nicht immer wahrgenommen, dennoch erzeugt er, soweit es an ihm liegt, ein Ebenbild, wenn der Gegenstand selbst vollständig gegeben ist. Sieh also hierdurch ein, daß vom höchsten Geist, der für die inneren Sinne unseres Geistes erkennbar ist, von Ewigkeit her ein Ebenbild ausgeht, ein Bild und Kind. Dieses hat sich, als die Fülle der Zeit gekommen war, mit dem Geist und dem Fleisch vereinigt und die Gestalt eines Menschen angenommen, was niemals vorher geschehen war.[9] Durch dieses Ebenbild wird der Geist eines jeden von uns, der es durch den Glauben im Herzen aufnimmt, zu Gott zurück geführt.

9.

S. 151

Wenn wir den Vollzug der Sinneserkenntnis betrachten, so können wir darin die Ordnung des Lebens sehen. Denn jeder der Sinne richtet sich auf den ihm eigenen Gegenstand. Er meidet, was ihm schadet, und betreibt nicht, was ihm fremd ist.

Hierdurch läßt sich erkennen, daß das Herz nur dann seiner Ordnung gemäß lebt, wenn es sich, der Nachlässigkeit entgegen, mit dem beschäftigt, was ihm gemäß ist, wenn es, der Begierde entgegen, das meidet, was ihm schadet, und wenn es sich, dem Stolz entgegen, nicht mit dem beschäftigt, was ihm fremd ist. Denn jede Unordnung kommt entweder aus der Nachlässigkeit, aus der Begierde oder aus dem Stolz.[10] Derjenige lebt der Ordnung gemäß, der klug, maßvoll und gehorsam lebt, damit er beim Tun die Trägheit fliehen kann, die Begierde beim Streben und den Stolz bei dem, was über ihm ist.

10.

Wenn wir das Genießen betrachten, so können wir die Einigung Gottes und der Seele sehen. Denn jeder Sinn verlangt mit Sehnsucht nach dem ihm gemäßen Gegenstand. Wenn er ihn gefunden hat, ist er voll Freude und umfaßt ihn wieder und wieder ohne Überdruß, denn das Auge wird nicht satt vom Sehen und das Ohr nicht voll vom Hören.[11] Hierdurch läßt sich erkennen, daß unser Herz sehnlich nach dem Schönen, dem Klangvollen, dem Wohlgeruch, dem Süßen oder dem Zarten verlangen, voll Freude aufnehmen und immer wieder umfassen muß. Siehe, wie die göttliche Weisheit verborgen in der Sinneserkenntnis enthalten ist, wie wunderbar die Betrachtung der fünf geistlichen Sinne in Übereinstimmung steht mit den körperlichen Sinnen!

11.

S. 153

Auf die gleiche Weise ist das Licht der Hl. Schrift im Licht der handwerklichen Kunst zu finden, deren ganzes Ziel auf die Herstellung von Kunstwerken gerichtet ist. In dieser Kunst können wir dreierlei anschauen: die Zeugung des Logos und die Inkarnation, die Ordnung des Lebens und den Bund Gottes mit der Seele. Das geschieht, wenn wir uns den Hervorgang, das Erzeugnis und die Frucht daraus anschauen, oder auch die Kunstfertigkeit selbst, die Art des Kunsterzeugnisses und den Nutzen dieser Frucht. 12. Wenn wir den Hervorgang betrachten, so können wir sehen, daß das Kunstwerk vom Künstler mit Hilfe eines Ebenbildes ausgeht, das in seinem Geist existiert. Dieses denkt er sich aus, bevor er etwas schafft, und mit ihm schafft er, was er sich vorgenommen hat. Das äußere Werk aber schafft der Künstler, indem er es so weit wie möglich dem innerlichen Urbild angleicht. Und wenn er ein Erzeugnis hervor zu bringen vermöchte, das ihn lieben und erkennen könnte, dann würde er es tun. Wenn dieses Erzeugnis seinen Werkmeister erkennen könnte, geschähe es unter Vermittlung des Ebenbildes, gemäß dem es vom Künstler ausgegangen ist. Wären aber die Augen seiner Erkenntnis verdunkelt, so daß er sie nicht über sich erheben könnte, wäre es notwendig, damit er zur Erkenntnis seines Werkmeisters geführt würde, daß das Ebenbild, durch welches das Erzeugnis hervor gegangen ist, bis zu der Natur herab stiege, die von dem Erzeugnis erfaßt und erkannt werden könnte.

S. 155

Sieh hierdurch ein, daß vom höchsten Werkmeister kein Geschöpf hervor gehen kann außer durch den ewigen Logos, in dem er alles geschaffen hat. [12] Durch den Logos hat der Werkmeister nicht nur die Geschöpfe hervor gebracht, die Spur seiner selbst, sondern auch solche, die Bild seiner selbst sind, so daß sie ihm ähnlich werden können durch Erkenntnis und Liebe. Da aber das vernünftige Geschöpf durch die Sünde nur mehr ein verdunkeltes Auge zum Schauen besitzt, war es sehr angemessen, daß der ewige und unsichtbare Logos sichtbar wurde und Fleisch angenommen hat, um uns zum Vater zurück zu führen. Das ist es, was Johannes im vierzehnten Kapitel aussagt: Niemand kommt zum Vater außer durch mich. Bei Matthäus heißt es im elften Kapitel: Niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und der, dem es der Sohn offenbaren will. Deshalb heißt es: Das Wort ist Fleisch geworden.[13] Wenn wir also das Licht der handwerklichen Kunst in Bezug auf den Hervorgang aus der Arbeit betrachten, können wir dort den gezeugten und Fleisch gewordenen Logos sehen, das heißt die Gottheit und Menschheit und den Umfang des gesamten Glaubens.

13.

Wenn wir das Erzeugnis betrachten, so können wir daran die Ordnung des Lebens anschauen. Denn jeder Künstler beabsichtigt, ein schönes, nützliches und beständiges Werk zu vollbringen. Wenn es diese drei Eigenschaften hat, dann ist es wertvoll und angenehm. Diesen drei Punkten entsprechend ist es notwendig, drei Punkte in der Lebensführung aufzusuchen, nämlich das Wissen, das Wollen und das unveränderliche oder beständige Wirken.[14] Das Wissen macht das Werk schön, das Wollen macht es nützlich, das Durchhalten gibt ihm Bestand. Das erste findet sich in der Vernunft, das zweite im Begehren, das dritte in der Widerstandskraft.

14.

S. 157

Wenn wir die Frucht betrachten, dann können wir die Einigung Gottes mit der Seele finden. Denn jeder Künstler, der ein Werk schafft, tut das entweder, um dafür gelobt zu werden, um dadurch für sich etwas zu erarbeiten oder zu verdienen oder um sich an ihm zu erfreuen, gemäß den drei Gütern, die im Begehren vorhanden sind, die Ehre, das Zuträgliche und das Erfreuliche. Wegen dieser drei Güter hat Gott die vernünftige Seele geschaffen, damit sie ihn lobt, damit sie ihm dient, damit sie in ihm sich freut und Ruhe findet. Das geschieht durch die Liebe, in der jeder bleibt, der in Gott bleibt und in dem Gott bleibt.[15] Hier kommt es zu einer wunderbaren Einigung, und aus dieser Einigung entspringt eine wunderbare Freude. Denn so heißt es im Buch der Sprichwörter: Meine Freude ist es, bei den Menschen zu sein.[16] Sieh also, wie das Licht der handwerklichen Tätigkeit ein Weg zur Erkenntnis der Hl. Schrift ist. Es gibt in dieser Tätigkeit nichts, was nicht die wahre Weisheit verkünden würde. Deshalb gebraucht die Hl. Schrift entsprechende Vergleiche häufig und gewiß zurecht.

15.

In dieser Weise läßt sich das Licht der Hl. Schrift auch im Licht der Vernunftphilosophie auffinden, die ihr Hauptaugenmerk auf die Rede richtet. Dabei sind drei Dinge zu betrachten, entsprechend der dreifachen Art, mit der sich die Rede selbst betrachten läßt, nämlich im Hinblick auf den Sprecher, den Inhalt und den Hörer oder das Ziel der Rede.

S. 159

16.

Wenn wir die Rede im Hinblick auf den Redenden betrachten, so können wir sehen, daß jede Rede einen Gedanken des Geistes ausdrückt.[17] Dieser innere Gedanke ist ein Wort des Geistes und sein Kind, das auch dem Hörenden bekannt wird.

Damit es wirklich dem Hörenden bekannt wird, nimmt es die Gestalt der Stimme an. Das geistige Wort wird vermittels dieser Einkleidung zuerst sinnlich erfahrbar, dann außen gehört und schließlich vom Ohr des Herzens im Hörer aufgenommen. Dennoch verschwindet es nicht aus dem Geist des Sprechers. In dieser Weise können wir im ewigen Logos sehen, daß der Vater ihn von Ewigkeit zeugt und gebiert, wie es im achten Kapitel der Sprüche heißt: Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren.[18] Aber damit er für den sinnenhaften Menschen erkennbar wird, nahm er die Gestalt des Fleisches an. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt;[19] dennoch verblieb es im Schoß des Vaters.

17.

Wenn wir aber die Rede im Hinblick auf sich selbst betrachten, können wir in ihr die Ordnung des Lebens sehen. Zu einer vollständigen Rede müssen drei Punkte notwendig gehören: Einklang, Wahrheit und Schmuck. In Entsprechung zu diesen drei Punkten muß jede unserer Handlungen Maß, Schönheit und Ordnung besitzen. Dann ist sie durch Bescheidenheit maßvoll im äußeren Tun, durch Reinheit schön im Gefühl und durch Geradheit geordnet und geschmückt in der Absicht. Dann auch lebt man gerecht und der Ordnung nach, wenn die Absicht gerecht, das Gefühl rein und die Handlung bescheiden ist.

18.

Wenn wir aber die Rede im Hinblick auf ihr Ziel betrachten, dann dient sie dem Ausdruck, dem Unterricht und dem Ansporn. Niemals drückt sie etwas aus ohne Vermittlung eines Bildes; niemals lehrt sie etwas ohne Vermittlung eines erleuchtende Lichtes; niemals bewegt sie etwas ohne Vermittlung einer Kraft. Gewiß geschieht dies nicht, wenn das Bild, das Licht und die Kraft nicht innerlich sind, also innerlich mit der Seele verbunden.

S. 161

Daraus schließt Augustinus, daß nur der ein wahrer Lehrer ist, der dem Herzen ein Bild einzuprägen, ein Licht einzugießen und eine Kraft einzugeben vermag. Daher kommt es, daß derjenige, der innerlich die Herzen belehrt, seinen Lehrstuhl im Himmel hat.[20] Ohne die Vermittlung von Kraft, Licht und Bild, die mit der Seele vereint sind, wird durch eine Rede also nichts vollkommen erkannt. Deshalb ist es erforderlich, daß die Seele mit dem vereint wird, welcher der Abglanz der Herrlichkeit Gottes und das Abbild seines Wesens ist, der das All durch sein machtvolles Wort trägt.[21] Daraus erhellt, wie wunderbar diese Art der Betrachtung ist, mit der Augustinus in vielen Büchern zur göttlichen Weisheit hinführt.

19.

In dieser Weise läßt sich das Licht der Hl. Schrift auch im Licht der Naturphilosophie auffinden, die ihr Hauptaugenmerk auf die Gestaltprinzipien richtet, die in der Materie, in der Seele und in der göttlichen Weisheit wirken. Diese Prinzipien lassen sich in dreifacher Hinsicht betrachten, nämlich im Verhalten der Proportion, in der Wirkung der Kausalität und im Mittel der Einigung. Mit diesen drei Betrachtungen lassen sich die drei oben benannten Punkte finden.

20.

Wenn wir die Prinzipien im Hinblick auf das Verhalten der Proportion betrachten, können wir in ihnen den ewigen und inkarnierten Logos erkennen. Die abgeleiteten Verstandesprinzipien stehen gewissermaßen in der Mitte zwischen den Keim- und den Idealprinzipien.[22]

S. 163

Es können keine Keimprinzipien in der Materie vorhanden sein, ohne daß es in ihr eine Erzeugung und Hervorbringung von Gestalt gibt. Ebenso kann es keine Verstandesprinzipien in der Seele geben ohne Hervorbringung eines Wortes im Geist, wie es keine Idealprinzipien in Gott geben kann, ohne daß der Logos vom Vater im rechten Verhältnis gezeugt wird. Denn hier handelt es sich um Angemessenheit. Wenn die Hervorbringung aber dem Geschöpf zukommt, dann kann sie um so mehr dem Schöpfer beigelegt werden. Deshalb sagt Augustinus, daß der Sohn Gottes die Kunst des Vaters ist.[23]

Umgekehrt ist das Streben, das in der Materie zu finden ist, auf die Verstandesprinzipien hingeordnet, so daß eine Hervorbringung nur dann vollständig ist, wenn sich die vernünftige Seele mit der körperlichen Materie verbindet. Durch eine ähnliche Überlegung kann man klarstellen, daß es nur dann eine höchste und edelste Vollkommenheit im Universum geben kann, wenn die Natur, in der die Keimprinzipien, die Natur, in der die Verstandesprinzipien, und die Natur, in der die Idealprinzipien wirken, in der Einheit einer Person zusammen kommen, was in der Inkarnation des Gottessohnes geschehen ist. Durch das Verhalten der Proportion verkündet also die gesamte Naturphilosophie den geborenen und inkarnierten Gottessohn, damit sich das Alpha und das Omega als das gleiche erweise.[24] Er wurde geboren im Anfang und vor aller Zeit, er hat Fleisch angenommen am Ende der Zeiten.

21.

S. 165

Wenn wir die Gestaltprinzipien im Hinblick auf die Wirkung der Kausalität betrachten, können wir die Ordnung des Lebens ermessen. Die Materie ist dem Werden und Vergehen unterworfen. Eine Erzeugung durch Keimgründe kann es in ihr nur dank des Lichtes geben, das von den überhimmlischen Körpern kommt, von Sonne, Mond und Sternen, weil sie dem Werden und Vergehen nicht unterworfen sind.

Auf die gleiche Weise ist ersichtlich, daß auch die Seele keine lebendigen Werke vollbringen kann, wenn sie nicht von der Sonne, das ist von Christus, die Wohltat des geschenkten Lichtes erhält, wenn sie nicht die Fürsprache seines Mondes erlangt, das ist die der Jungfrau Maria, die Mutter Christi, und wenn sie nicht die Beispiele der anderen Heiligen nachahmt. Wenn das alles zusammen kommt, entsteht in der Seele ein lebendiges und vollkommenes Werk. Also hängt die Ordnung des Lebens von diesen drei Punkten ab.

22. Wenn wir diese Prinzipien im Hinblick auf das Mittel der Einigung betrachten, können wir erkennen, auf welche Art die Einheit Gottes mit der Seele geschehen soll. Denn die körperliche Natur kann mit der Seele nicht ohne die Vermittlung des Feuchten, des Geistes und der Wärme vereint werden, die alle drei das Fleisch dafür bereit machen, das Leben von der Seele zu empfangen. Auf die gleiche Weise kann man einsehen, daß Gott der Seele weder das Leben verleiht, noch sich mit ihr vereinigt, außer wenn sie durch das Seufzen im Gewissen und in der Frömmigkeit befeuchtet, durch die Verachtung alles Irdischen geistlich und durch die Sehnsucht nach der himmlischen Heimat und ihrem Geliebten erwärmt wird. Sieh also, wie sich in der Naturphilosophie die Weisheit Gottes verbirgt!

23. In der dargelegten Art und Weise läßt sich das Licht der Hl. Schrift auch im Licht der Moralphilosophie auffinden. Denn die Absicht der Moralphilosophie richtet sich grundsätzlich auf die Rechtschaffenheit. Sie richtet sich an der allgemeinen Gerechtigkeit aus, die, wie Anselm sagt, die Rechtschaffenheit oder Geradheit des Willens ist.[25] Das Gerade hat aber eine dreifache Bedeutung, und entsprechend den drei oben genannten Punkten leuchten also die ewige Zeugung und Fleischwerdung des Wortes, die Ordnung des Lebens und die Einheit Gottes mit der Seele auf.

S. 167

Zum einen wird als gerade das bezeichnet, dessen Mitte sich nicht außerhalb der Endpunkte aufhält.[26] Wenn also in Gott eine höchste Rechtschaffenheit ist, sowohl in Bezug auf sich selbst, als auch in Bezug darauf, weil er der Ursprung und das Ziel aller Dinge ist, muß man notwendig annehmen, daß es in Gott eine Person in der Mitte gibt. Die eine Person bringt nur hervor, eine andere wird hervorgebracht, die dritte aber bringt hervor und wird hervorgebracht. Ebenso notwendig muß man annehmen, daß es auch eine Mitte beim Ausgang und bei der Rückkehr der Dinge gibt. Und zwar muß es beim Ausgang eine Mitte geben, die sich stärker an die Seite des Hervorbringenden hält; bei der Rückkehr muß es eine Mitte geben, die sich stärker an die Seite des Hervorgebrachten hält. Wie also die Dinge durch den Logos von Gott ausgegangen sind, so ist es zur vollen Rückkehr notwendig, daß der Mittler zwischen Gott und den Menschen nicht nur Gott sei, sondern auch ein Mensch, damit er die Menschen zu Gott zurück führt.[27]

24.

Anders wird noch als gerade bezeichnet, was sich dem Lenkenden angleicht. Auf diese Weise erblickt man bei der Betrachtung der Rechtschaffenheit die Ordnung des Lebens. Denn derjenige lebt gerecht, der sich an die Regeln des göttlichen Rechtes hält. Das geschieht, wenn der Wille des Menschen den notwendigen Vorschriften, den heilsamen Ermahnungen und den Ratschlägen, die zur Vollkommenheit führen, zustimmt. Dadurch kann der Mensch erfahren, was der gute, der wohlwollende und der auf Vollkommenheit gerichtete Wille Gottes sei.[28] Und dann kommt die rechte Ordnung des Lebens zustande, in der keine Schiefheit mehr gefunden werden kann.

25.

S. 169

Auf eine dritte Weise wird als gerade das bezeichnet, dessen Spitze nach oben gerichtet ist, wie man auch sagt, ein Mensch habe eine gerade Gestalt. Bei dieser Betrachtung der Rechtschaffenheit zeigt sich die Einigung Gottes mit der Seele. Denn da Gott oben ist, muß die Spitze des Geistes notwendig nach oben gerichtet sein.[29] Das geschieht, wenn der Verstand der ersten Wahrheit um ihrer selbst willen und über alles zustimmt, wenn die Widerstandskraft sich auf die höchste Freigebigkeit stützt und wenn das Begehren der Gutheit anhängt. Dann wird, wer auf diese Weise Gott anhängt, ein Geist mit ihm.[30]

26.

S. 171

So wird klar, wie sich die vielgestaltige Weisheit Gottes,[31] die in der Hl. Schrift offen überliefert wird, in jeder Erkenntnis und in der ganzen Natur verbirgt. Es wird auch klar, auf welche Weise alle Erkenntnisse der Theologie dienen. Sie entnimmt deshalb ihre Beispiele und ihre Sprache allen Bereichen der Erkenntnis. Es wird weiterhin klar, wie umfassend der erleuchtete Pfad ist und wie in jedem Ereignis, das gefühlt oder erkannt wird, Gott selbst verborgen anwesend ist.

Dies ist die Frucht aller Wissenschaften, weil in allem der Glaube gestärkt, Gott gelobt, die Sitten gefestigt und der Trost geschöpft wird. Der Trost besteht in der Vereinigung von Bräutigam und Braut. Sie kommt durch die Liebe zustande, auf die hin die gesamte Absicht der Hl. Schrift gerichtet ist. Deshalb steigt alle Erleuchtung von oben herab, ohne sie ist alle Erkenntnis eitel. Denn niemals gelangt man zum Sohn außer durch den Heiligen Geist, der uns in alle Wahrheit führt.[32] Er sei gepriesen in alle Ewigkeit. Amen.

Ende

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  9. ↑
  10. ↑
  11. ↑
  12. ↑
  13. ↑
  14. ↑
  15. ↑
  16. ↑
  17. ↑
  18. ↑
  19. ↑
  20. ↑
  21. ↑
  22. ↑
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  24. ↑
  25. ↑
  26. ↑
  27. ↑
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  29. ↑
  30. ↑
  31. ↑
  32. ↑