Werk:Bonaventura (Hattrup)/Vorrede zu Der Weg des Menschen zu Gott
Teil I: Text
Latein: Werk:Itinerarium Mentis In Deum/Prologus
Vorrede zu Der Weg des Menschen zu Gott
1. Anrufung des Friedens.

Im Anfang rufe ich den ersten Anfang an, von dem alle Erleuchtungen wie vom Vater der Lichter herab steigen. Von ihm geht jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk aus.[1] Den Vater also rufe ich an durch seinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, damit er uns auf die Fürbitte der allerseligsten Jungfrau Maria, die Mutter dessen, der zugleich Gott und unser Herr Jesus Christus ist, und auf die Fürbitte des seligen Franziskus, der uns wie ein Vater führt, erleuchtete Augen unseres Geistes schenke, damit wir unsere Schritte auf den Weg des Friedens lenken, der alles Begreifen übersteigt.[2] Diesen Frieden verkündete und brachte unser Herr Jesus Christus. Seine Verkündigung hat unser Vater Franziskus wieder aufgenommen. Bei jeder Predigt, zu Anfang und zu Ende, verkündete er den Frieden; bei jedem Gruß wünschte er den Frieden; bei jeder Betrachtung seufzte er nach dem ekstatischen Frieden. Es war, als ob er schon ein Einwohner jenes Jerusalem ist, von dem der Freund des Friedens, der sogar mit denen in Frieden lebte, die den Frieden haßten, sagte: Erbittet für Jerusalem Frieden.[3] Denn Franziskus wußte vom Thron Salomos, der nur im Frieden Bestand haben kann. Es steht ja geschrieben: Sein Zelt erstand im Frieden, seine Wohnung auf dem Zion.
2. Rückzug auf den Alverna.

Nach dem Beispiel des seligsten Vaters Franziskus begann ich, ein Sünder zwar, in allem unwürdig, der ich aber jetzt nach dem Hinübergang des seligsten Vaters als siebter Generalminister der Brüder seine Stelle einnehme, diesen Frieden sehnsüchtig zu suchen. Da zog ich mich aufgrund eines göttlichen Winkes auf den Alvernaberg zurück, etwa zur gleichen Jahreszeit, als der Selige heimgegangen war, aber dreiunddreißig Jahre später.[4] Es war ein Ort der Ruhe, und ich war voll Verlangen nach dem Frieden des Geistes. Als ich dort war und darüber nachdachte, welche geistigen Aufstiege zu Gott es gäbe, kam mir unter anderem das seltsame Wunder in den Sinn, das dem seligen Franziskus an dem vorgenannten Ort zugestoßen war. Ich meine die Vision des geflügelten Seraphen in der Gestalt des Gekreuzigten. Im Nachdenken darüber ging mir alsbald auf, daß diese Vision die Erhebung anzeigt, wie sie unser Vater in der Betrachtung erlebt hatte, und zugleich den Weg, wie man zu ihr gelangt.
3. Seraph mit sechs Flügeln.
Denn unter diesen insgesamt sechs Flügeln lassen sich gut die sechs Grade der Erleuchtung verstehen, in denen die Seele wie auf Stufen oder Teilstrecken vorbereitet wird, durch ekstatische Entrückungen zum Frieden der christlichen Weisheit zu gelangen. Keiner kann diesen Weg beschreiten, außer er ist von glühender Liebe zum Gekreuzigten erfüllt. Durch diese Liebe wurde Paulus, als er in den dritten Himmel gerissen wurde, so stark in Christus umgewandelt, daß er ausrief: Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir.[5] Die gleiche Liebe hat den Geist des Franziskus so stark aufgesogen, daß der Geist im Körper sichtbar wurde. Seitdem trug er bis zum Tode zwei Jahre später die hochheiligen Leidensmale an seinem Körper.

Das Bild von den sechs Flügeln der Seraphen legt es nahe, an sechs Sprossen der Erleuchtung zu denken, die bei den Geschöpfen beginnen und bis zu Gott führen, zu dem niemand wirklich gelangt außer durch den Gekreuzigten. Denn wer nicht durch diese Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch diese Tür eintritt, der wird ein- und ausgehen und Weide finden. Deshalb sagt Johannes in der Apokalypse: Selig, die ihr Gewand waschen im Blut des Lammes, um ein Anrecht auf den Baum des Lebens zu erhalten: durch die Tore treten sie in die Stadt ein.[6] Es ist, als ob er sagen wollte, daß niemand durch Kontemplation allein das himmlische Jerusalem betritt, außer er nimmt das Blut des Lammes als Tor zum Eintritt. Denn es gibt keine andere Art, sich auf die göttlichen Betrachtungen, die zur geistigen Entrückung führen, vorzubereiten, als mit Daniel ein Mensch der Sehnsucht zu werden.[7] Die Sehnsucht wird in uns auf doppelte Weise entzündet: Zum einen durch das Rufen im Gebet, worin sich das Seufzen des Herzens Bahn bricht, dann durch den Blitz im Denken, wodurch sich der Geist geradewegs und mit allen Kräften den Strahlen des Lichtes zuwendet.
4. Seufzen im Gebet.
Zuerst lade ich daher den Leser zum Seufzen im Gebet ein, durch Christus den Gekreuzigten, durch dessen Blut wir vom Schmutz der Sünden befreit werden. Er glaube nämlich nicht, daß ihm der Buchstabe ohne Charisma, das Denken ohne Frömmigkeit, das Forschen ohne Wundern, die Übersicht ohne Begeisterung, die Anstrengung ohne Scheu, das Wissen ohne Liebe, die Klugheit ohne Demut, die Mühe ohne göttliche Gnade oder der Spiegel ohne von Gott gehauchte Weisheit etwas nütze!

Denen also, die von göttlicher Gnade erfaßt sind, lege ich die folgenden spekulativen Gedanken vor, den demütigen und treuen, den gewissenhaften und geistlichen Menschen, den Menschen, die mit dem Öl der Freude gesalbt sind,[8] denen also, welche die göttliche Weisheit lieben und die voll Sehnsucht danach entflammt sind, denen, die frei sein wollen, Gott zu preisen, ihn zu bewundern und auch zu schmecken. Ich gebe aber zu bedenken, daß der äußerlich aufgestellte Spiegel wenig oder gar nichts nützt, wenn nicht der innere Spiegel unseres Geistes gereinigt und poliert ist. Übe dich also zuerst, du Gottessucher, an den beißenden Stachel des Gewissens heran zu kommen, bevor du deine Augen zu den Strahlen der Weisheit erhebst, die in ihren beiden Spiegeln widerstrahlen, damit du nicht, wenn du diese Strahlen erblickst, in ein noch tieferes Loch der Finsternis fällst!
5. Bitte und Ermahnung.
Es schien mir sinnvoll zu sein, die Abhandlung in sieben Kapitel einzuteilen und jedem Kapitel zum besseren Verständnis eine Überschrift voran zu stellen. Schließlich bitte ich, mehr auf die gute Absicht des Autors als auf das vollbrachte Werk, mehr auf den Sinn des Gesagten als auf den gepflegten Stil, mehr auf die Wahrheit als auf den Genuß, mehr auf die Übung für den ganzen Menschen als auf die Belehrung für die Vernunft zu achten. Damit das geschieht, darf man diese Betrachtungen nicht flüchtig erledigen wollen, sondern muß sie hartnäckig wieder und wieder durchkauen.
Ende der Vorrede