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Dritter Brief

aus AufEinWort, der freien Forschung

DRITTER BRIEF

PLATON AN DIONYSIOS.

[315 St.3 B] Wenn ich am Anfange meines Briefes die Begrüßungs-Formel brauchen würde: Platon wünscht dem Dionysios viel Freude, würde ich da vernünftiger Weise die schönste treffen? Oder vielmehr wenn ich nach meiner Gewohnheit schriebe: Heil und Segen der Vernunft in allen Handlungen, wie ich gewohnt bin in meinen Briefen meine Freunde zu begrüßen? Du freilich, wie die damaligen Augenzeugen berichteten, hast bekanntlich sogar den Gott zu Delphi mit eben dieser Redensart mündlich und auch schriftlich, wie man sagt, begrüßt: „Freude dir, und freudiges Leben bescher' auch dem König!”

Ich dagegen würde nicht einmal einem Menschen, geschweige einem Gotte, zurufen, solches zu tun: einem Gotte nicht, weil ich mich gegen sein heiliges Wesen versündigte, denn das Göttliche hat seinen Standpunkt hoch über dem Bereiche der Lust und des Schmerzes, [C] einem Menschen nicht, indem die Lust, wie auch der Schmerz, nur Unheil hervorbringt, dadurch dass sie in der Seele die Mutter von Stumpfsinn, von Vergesslichkeit, von Unverstand, von zügellosem Hoch- und Übermut wird. Doch so viel von mir über die Anrede, du deinerseits magst davon Gebrauch machen wie du willst.

Übrigens behaupten nicht Wenige, dass du gegen einige der Abgesandten an dich äußertest, wie ich dich einmal hätte sagen hören, du wolltest die griechischen Städte in Sizilien wiederaufbauen und die Syrakuser durch Umwandlung der Zwingherrschaft in ein Königtum erleichtern, damals nun [D] hätte ich nach deinem Vorgeben dich von diesem deinem warm beabsichtigten Vorhaben eifrigst abgehalten, jetzt aber würde ich den Dion instruieren dieselben Pläne auszuführen, und durch Ausführung deiner eigenen Ideen würden wir dir deine Herrschaft zu entwinden suchen. Du deinerseits musst selber wissen, ob Du durch dieses ausgesprengte Gerede in deiner Politik einen Vorteil gewinnst, so viel ist aber gewiss, dass du diesen nur durch eine schwere Beleidigung gegen mich gewinnst, indem du ganz das Gegenteil von dem wirklich Geschehenen verbreitest. Ich wäre ja von Philistides und einer andren zahlreichen Clique [E] bei deinen Söldlingen und dem syrakusischen Volke schon genug verschrien gewesen, bloß deshalb, dass ich in deinem Palast verweilte und dass dann die Außenwelt, wenn irgend ein Missgriff drin geschah, Alles mir zuschrieb, indem sie verbreitete, dass Du in allen Stücken nur meinen Ratschlägen folgtest. Du selbst aber weißt in Bezug auf meinen freiwilligen Anteil an deinen Staatsgeschäften am besten dass meine Tätigkeit sich bekanntlich [316 St.3 A] nur auf wenige bezieht und auf die ersten Tage meines Dortseins, so lange ich dieser Beziehung zu nützen glaubte, beschränkt blieb, indem ich unter anderen Kleinigkeiten mit ziemlicher Gründlichkeit die Vorreden zu der Verfassung schrieb, zu welchen du oder ein Anderer Zusätze gemacht hast. Ich höre wenigstens, dass einige von euch jene meine Vorreden ungeschickt überarbeitet haben, doch meine wie ihre Gedanken werden denen sicherlich kenntlich sein, welche meinen Geist zu erkennen vermögen. Drum, wie gesagt, um auf das Thema wieder zurückzukommen, hätte ich außer der oben erwähnten Verleumdung keiner neuen von deiner Seite bei den Syrakusern und wahrscheinlich auch noch bei einer Anzahl der übrigen hinzu bedurft, [B] bei welcher du durch Verbreitung jener Reden etwa noch Glauben finden solltest; vielmehr hätte ich von dir eine Verteidigung erwartet gegen jene frühere Verleumdung statt der jetzigen, nach jener noch größeren und ärgeren Verunglimpfung. Zwei Verleumdungen habe ich erfahren, ich muss demnach also auch eine doppelte Verteidigung vorbringen: erstlich dass ich mit gutem Grunde jeden Anteil an deiner Staatsverwaltung vermied, zweitens dass jener Rat hinsichtlich deines Vorhabens in Bezug auf die hellenischen Städte in Sizilien nicht von meiner Seite kam, wie du ausgesprengt hast, ich wäre nämlich bei deinem Plane, dieselben wieder aufzubauen, [C] hinderlich gewesen. Vernimm also

meine Verteidigung zuerst gegen die erwähnten früheren Verleumdungen, und zwar vom ersten Anfange an.

Ich kam nach Syrakus, gerufen von dir sowohl wie von Dion. Was diesen Letzteren anlangt, so war er in meinen Augen ein erprobter und älterer Gastfreund, im Lebensalter der mittleren Jahre und des gesetzten Mannes, und solche Eigenschaften gelten bekanntlich den Leuten auch von ganz geringem Verstand als eine absolute Notwendigkeit, welche über so wichtige Dinge zu Rate gehen wollen, wie sie damals bei dir zu beraten waren, du dagegen warst erstlich sehr jung, ferner sehr wenig erfahren in den Dingen, in welchen du es doch sein solltest, und mir ganz unbekannt. Es dauerte nicht lang und du verbanntest den Dion, sei es auf Antrieb eines Menschen [D] oder durch göttliche Fügung, oder durch einen Zufall, und du bliebst allein da. Glaubst du denn nun, ich hätte damals mit dir in irgendeiner politischen Verbindung stehen können, nachdem ich den verständigen Mitberater verloren hatte, während ich den unverständigen mit einem Schwarm schlechten Hofgesindels zurückbleiben sah? Du warst kein Herrscher mehr, wähntest aber es zu sein, während du der Sklave jener schlechten Menschen warst. Was sollte ich unter diesen Umständen tun? Sollte ich etwa nichts tun, als was ich als das letzte mir Übrige tat? [E] Nämlich erstlich aller Politik künftig Lebewohl sagen aus Vorsicht vor den Verleumdungen der Bosheit, dann dich und Dion, obwohl ihr voneinander getrennt und entzweit wart, dennoch wieder wenigstens in ein möglichst freundliches Verhältnis zu einander zu bringen suchen. Und ich denke, du wirst Zeugnis hiervon geben, dass ich bei Verfolgung eben dieses Planes niemals an Eifer nachgelassen habe. Und zwar schwer, aber dennoch kam es zwischen uns zu folgender Übereinkunft: [317 St.3 A] dieweil nun einmal eure Gedanken durch einen Krieg in Anspruch genommen waren, so sollte ich vorerst nach Hause zurückkehren, wann aber wiederum Frieden geworden sein würde, sollte nicht nur ich wieder nach Syrakus kommen sondern auch Dion, und du wolltest uns dazu einladen. Das waren nun die Vorfälle in Bezug auf meine erste Reise nach Syrakus und auf meine glückliche Heimkehr; und du ließest mich zum zweiten Mal nach wiederhergestelltem Frieden kommen, nicht jedoch deinen Versprechungen gemäß, sondern du schriebst, ich sollte vorerst allein kommen, und versprachst, den Dion bald nachkommen zu lassen. Dieser Gründe wegen kam ich nicht, und ich zerfiel deshalb mit dem Dion, denn er glaubte, dass es besser sei, wenn ich abreiste und deiner Einladung Folge leistete. Was geschah hierauf? [B] Ein Jahr darnach kam ein Schiff und ein Schreiben von dir, der Hauptinhalt des geschickten Schreibens aber war: wenn ich käme, so sollten die Angelegenheiten des Dion ganz nach meinem Sinne geordnet werden, im Falle meines Ausbleibens aber würde das Gegenteil stattfinden. Ich mag nun gar nicht aufzählen, wie viele Briefe damals noch von dir sowohl wie von Andren deines Anliegens wegen aus Italien und Sizilien an mich kamen, sowie auch an viele meiner Verwandten und Bekannten, und diese Briefe redeten mir alle zu, zu gehen, und baten mich, dir unbedingt nachzugeben. [C] Einstimmig also wünschten Alle, besonders Dion, ich sollte die Reise antreten und nicht empfindlich sein. Und dennoch wies ich ihnen sowohl auf mein Alter hin, als auch auf deinen Charakter, wie du nicht im Stande sein würdest gegen unsere Verleumder und Feindschaftsstifter Widerstand zu leisten. Denn ich sah es damals schon und sehe es heute noch, dass Reichtum und Pracht gerade wie in den Bürgershäusern so auch in den fürstlichen Palästen desto mehr und ärgere Verleumder, desto mehr dem Seelenheil gefährliches Schmeichler-Gesindel ausbrüten, je größer sie eben sind, und das ist das allergrößte Übel, [D] welches Reichtum und der Einfluss jeder anderen Macht erzeugt. Obgleich diese Bedenklichkeiten mich zurückhalten mussten, so setzte ich sie doch alle bei Seite; ich kam also, indem folgender Gedanke den Ausschlag gab: keiner meiner Freunde darf mich anklagen, es habe in Folge meiner Fahrlässigkeit ihr ganzes Glück Schiffbruch gelitten, während es durch mich hätte gerettet werden können. Aber die Vorgänge nach meiner Ankunft anlangend, so weißt du sie ja alle von jenem Zeitpunkte an: ich meinerseits verlangte mit Recht in Folge der Zusage deiner Briefe, [E] dass du erstlich den Dion zurückrufen und in die alte innige Freundschaft aufnehmen solltest, nämlich in jene innigst verbundene Freundschaft, in Folge welcher, wenn du mir gefolgt hättest, es vielleicht wenigstens nach meinem Blicke in die Zukunft, besser stände als jetzt, mit dir sowohl wie mit Syrakus und den übrigen Griechen; zweitens verlangte ich mit Fug,

dass die Güter des Dion dessen [318 St.3 A] Blutsfreunde inne haben sollten und dass sie nicht unter sich verteilen sollten in die dir wohl bekannten Teiler; drittens glaubte ich nebst dem, dass die ihm jährlich gewöhnlich zugeschickten Gelder während meiner Anwesenheit in noch größerer Summe geschickt werden sollten, und nicht in einer geringeren. Als ich keinen dieser drei Punkte erreichte, hielt ich es für gut abzureisen. Hierauf beredetest du mich zu einem Aufenthalte von einem Jahre durch das Versprechen, das ganze Vermögen des Dion zu verkaufen und nach dem Verkaufe desselben die eine Hälfte davon demselben nach Korinth zu schicken, die andre Hälfte aber seinem Sohne zurückzulassen. Obgleich ich eine lange Erzählung davon machen könnte, was du versprachst ohne das Geringste zu erfüllen, [B] so will ich mich doch kurz fassen, weil ich die Menge jener Versprechungen nicht alle aufzählen könnte. Ich beschränke mich auf das sicherlich herrlichste Stückchen, was du, allerliebster Herr, geliefert hast, nachdem du alle Güter des Dion verkauft hattest, und zwar verkauft ohne Zustimmung Dions, obgleich du versprachst sie nicht ohne dessen Zustimmung zu verkaufen. Du ersannst nämlich einen hässlichen, niederträchtigen, unehrlichen und dabei ungeschickten Kniff um mich als einen für die damaligen Vorgänge blinden Tölpel einzuschüchtern, [C] damit ich nicht einmal die Fortsendung des für Dion bestimmten Geldes betreiben sollte. Als nämlich nach Verbannung des Herkleides, welche weder den Syrakusern noch mir gerecht schien, ich nebst dem Theodotes und Eurybios dich bat solche Handlungen zu vermeiden, so nahmst du dies als einen hinlänglichen Vorwand zum offenen Bruche und sagtest: schon lange sei es dir nicht entgangen, dass deine Interessen mir nicht am Herzen lägen, sondern nur die des Dion, seiner Freunde und Verwandten, und deshalb böte ich auch Alles auf, den Theodotes und Herkleides der gerechten Strafe zu entziehen, bloß weil sie Verwandte des Dion seien, [D] so sehr sie auch im Verdachte von Verbrechen ständen.

Das und so ist im Allgemeinen das wahre Verhältnis meines Anteiles an deiner angeblichen Reform des Staatsbürgerlebens, und wenn du etwa noch anderweitige Differenzen bei mir gegen dich wahrgenommen hast, so glaubst du nicht mit Unrecht, dass sie alle auf den oben genannten Punkt sich bezogen. Kein Wunder! Denn ich müsste in den Augen jedes Verständigen als ein schlechter Mann erscheinen, wenn ich, geblendet von der Größe deiner Macht, den durch dich ins Unglück gestürzten alten treuen und, ich drücke mich ohne Umstände aus, in jeder Beziehung dich aufwiegenden Freund hätte fahren lassen, [E] dich dagegen, seinen Peiniger, vorgezogen und nach deinen Winken gelebt hätte, und zwar offenbar des schnöden Interesses wegen, denn keinen anderen Beweggrund hätte jedermann meiner Umwandlung unterstellt, wenn ich wandelbar gewesen wäre. Doch so weit über die durch dich hervorgerufenen Vorfälle, welche den Freundschaftsverkehr zwischen uns beiden auseinander gerissen haben.

Und da kommt mir wohl nun unter die Feder der mit dem eben abgehandelten unmittelbar zusammenhängende zweite Punkt, worüber ich mich, wie oben bemerkt, zu verteidigen habe. [319 St.3 A] Sieh nun zu und gib ja sehr Acht, ob ich dir eine Falschheit und eine Unwahrheit zu berichten scheine.

Ich beginne nämlich mit folgendem: Ungefähr 20 Tage vor meiner Abreise von Syrakus nach meiner Heimat sprachst du in dem Garten in Anwesenheit des Archidemos und Aristokritos gegen mich den Tadel aus, den du auch noch bekanntlich aussprichst, dass ich nämlich dem Herakleides und allen den übrigen mehr Anhänglichkeit zeigte als Dir. Und in Gegenwart der genannten Männer fragtest du mich, ob ich mich noch erinnerte, gleich beim Anfange meiner Ankunft hätte ich dir geraten, die hellenischen Städte wieder aufzubauen. Und ich räumte ein, dass ich mich dessen noch erinnerte, und dass ich auch jetzt noch dies für das Beste hielte. [B] Aber auch die hierauf gefallen Worte dürfen nun, mein Dionysius, nicht verschwiegen werden. Ich fragte dich nämlich bekanntlich hierauf, ob ich dir eben jenen Ratschlag allein gegeben hätte, oder noch einen andren dazu. Du hast mir hierauf eine sehr zornige, und, wie du glaubtest, sehr verletzende, mit unschicklichem Gelächter verbundene Antwort gegeben, dieses vermeintlichen Verletzens wegen brach der Groll, welcher lange geschlummert hatte, bei dir aus, und sagtest: ob ich mich erinnerte, dir geraten zu haben, alle jene Reformen erst dann vorzunehmen, [C] nachdem du vorher in Geometrie geschult worden wärest, oder jene Reformen ganz zu

unterlassen? Ja, sagte ich, du hast ein ganz gutes Gedächtnis, worauf du erwidertest: Nicht wahr, nachdem ich mich vorher durch das Studium aller Zweige geschult hätte, oder wie? Ich verschwieg hierauf die Antwort, welche mir auf der Zunge saß, aus Furcht, es möchte aus einem kleinen Wörtchen statt der Bewilligung die Verkümmerung der von mir stündlich erwarteten Abreise entstehen. Indessen das Ergebnis von allem hier Gesagten ist Folgendes: du hast mich nicht zu verleumden durch die Verbreitung von Reden des Inhaltes, dass ich dich die von den Barbaren verwüsteten hellenischen Städte nicht hätte wieder aufbauen lassen, dass ich dich ferner das Joch der Syrakuser nicht hätte erleichtern lassen durch Umwandlung der Zwingherrschaft in eine vernünftige Monarchie. [D] Du hättest keine meinem Charakter widersprechenderen Lügen gegen mich verbreiten können, als diese. Dies erhellt aus meinen obigen Berichtigungen, und wenn ein kompetenter Richter aufzufinden wäre, so würde ich außer diesen noch sonnenklarere geben, dass ich zwar dir jene Ratschläge öfter erteilt, dass es dir dagegen immer an gutem Willen gefehlt hat dieselben auszuführen. Und wahrhaftig, man darf es laut sagen: das Beste wäre es für die Syrakuser wie für die übrigen Bewohner Siziliens gewesen, wenn meine Ratschläge ausgeführt worden wären.

Drum, mein Herr, hast Du jene Unwahrheiten früher ausgesprengt, so erkläre ich, Genugtuung zu haben unter der Bedingung, dass du sagst sie nicht verbreitet zu haben, [E] in dem Falle aber, dass du die Verbreitung derselben immer noch fortsetzt, so erinnere, dass ein gescheiter Mann Stesichoros war, ahme das Lied seines Widerrufs nach und tritt von der Seite der Lüge auf die der Wahrheit.