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Vierter Brief

aus AufEinWort, der freien Forschung

VIERTER BRIEF

PLATON WÜNSCHT DEM SYRACUSANER DION HEIL UND SEGEN DER VERNUNFT IN ALLEN HANDLUNGEN

[320 St.3 A] Ich habe, denk' ich, zu jeder Zeit für deine nun mit Erfolg gekrönten Unternehmungen meine größte Dienstbereitwilligkeit gezeigt, und hatte auch das ernstliche Bestreben zur Vollbringung derselben, und zwar nach keinem anderen Ruhme geizend als nach dem der Verwirklichung eines vernünftigen und moralischen Reiches, [B] denn nach meiner Überzeugung liegt es in der gerechten moralischen Ordnung, dass den tugendhaft Handelnden der ihnen gebührende äußere Ruhm beigegeben wird. Was also die Gegenwart anlangt, so stehen die Dinge mit Gottes Hilfe gut, aber in Bezug auf die Zukunft steht noch der wichtigste Kampf bevor. Durch physische Tapferkeit, Schnelligkeit und Stärke sich auszeichnen, das kann auch wohl anderen gelingen, dagegen durch Wahrheitssinn, Gerechtigkeitssinn, durch eine hohe alle irdische Güter und Zufälle gering schätzende Denkart, sowie durch einen die Ausübung aller jener Tugenden begleitenden Takt [C] sich vor den Übrigen auszuzeichnen, das verlangt wohl Jeder mit Recht von denen, welche Anspruch darauf machen, dass sie sich auf die Schätzung solcher geistigen Güter verstehen. Du verstehst nun wohl was ich hiermit im Sinne habe, aber dennoch muss ich euch an das Herz legen, dass die Bewussten sich vor andren Menschen mehr auszeichnen müssen, als diese vor den Kindern. Wir müssen demnach der Welt zeigen, dass wir wirklich von dem Geist beseelt sind, welchen wir zu besitzen uns rühmen, zumal da diese Aufgabe unter [D] göttlichem Beistande gar nicht schwer ist. Andere müssen erst in vielen Regionen der Welt umherziehen, wenn sie die Aufmerksamkeit derselben auf sich lenken wollen, bei dir aber ist es in diesem Augenblick der Fall, dass, es ist kein übertriebener Ausdruck, die Menschen der ganzen Welt mit der größten Erwartung ihre Blicke auf eine Region derselben wenden und in dieser vorzüglich auf Dich. In dem Gedanken also, dass von aller Welt auf Dich der Blick gerichtet ist, arbeite dahin, dass du jenem alten Lykurgus, dem Kyros und anderen Gesetzgebern entsprichst, welche sich durch eine moralische und [E] staatsmännische Weisheit sich ausgezeichnet haben. Das musst Du tun sowohl aus anderen Beweggründen und auch deshalb, weil die meisten hiesigen Leute sich verlauten lassen, es stehe nun nach dem Sturze des Dionys sehr zu erwarten, dass die politische Unternehmung in Folge deines Ehrgeizes sowie in Folge des von Herakleides, von Theodotes und den übrigen hervorgehobenen Männern scheitern werde. Am allerbesten wäre es nun, dass keiner von euch von dieser Krankheit behaftet wäre, ist's aber einer, so erscheine du als Arzt, und möglicher Weise kehrt er zum Heile der Vernunft zurück.

[321 St.3 A] Aber diese meine Lehren erscheinen dir vielleicht lächerlich, weil sie dir selbst nicht unbekannt sind, indessen ich sehe ja, dass auch auf den Schauplätzen die Kämpfer von den Buben sich anspornen lassen, um nicht zu sagen, von ihren Freunden, von denen man doch annehmen darf, dass sie aus einem mit Ernst verbundenen Wohlwollen ihre Ermunterungen aussprechen. Kämpfet also diesen guten Kampf aus und schreibt uns, wenn ihr Etwas bedürfet.

Die Dinge hier stehen noch gerade so, wie sie standen bei eurem Hiersein. Schreibet mir auch sowohl was von euch bereits ausgerichtet worden ist als auch das was ihr gerade vorhabt, denn trotz vielerlei Hörensagens wissen wir doch davon gar nichts. [B] Auch jetzt kommen Briefe von Theodotes und Herakleides nach Lakedämon und Ägina, dennoch aber, wie gesagt, wissen wir nichts von den dortigen Dingen.

Beherzige aber auch noch, dass du einigen zu wenig leutselig erscheinst; merke dir also, dass erfolgreiches Wirken nur möglich ist durch das Beliebtsein bei den Menschen, dass Stolz aber uns von denselben isoliert. Lebe wohl.