Werk:De docta ignorantia/103
[1] Quis est igitur, qui intelligere queat, quomodo diversimode una infinita forma participetur in diversis creaturis, cum creaturae esse non possit aliud esse quam ipsa resplendentia, non in aliquo alio positive recepta, sed contingenter diversa? Quemadmodum fortassis, si penitus artificiatum ab idea artificis dependens non haberet aliud [2] esse quam dependentiae, a quo haberet esse et sub cuius influentia conservaretur, sicut imago speciei in speculo, – posito, quod speculum ante aut post per se et in se nihil sit.
[3] Neque potest intelligi, quomodo Deus per creaturas visibiles possit nobis manifestus fieri; nam non sicut intellectus noster solum Deo et nobis cognitus, qui, dum in cogitationem venerit, ex quibusdam phantasiis formam quandam in memoria recipit coloris aut soni aut [4] alterius, qui prius informis fuit et post hoc aliam assumens signorum, vocum aut litterarum formam se aliis insinuat. Nam quamvis Deus propter suam cognoscendam bonitatem – ut religiosi volunt – aut ex eo, quia maxima absoluta necessitas, creavit mundum, qui ei oboediat, ut sint qui cogantur et eum timeant et quos iudicet, vel aliter: [5] tamen manifestum est eum nec aliam formam induere, cum sit forma omnium formarum, nec in positivis signis apparere, cum ipsa signa pariformiter in eo, quod sunt, alia requirerent, in quibus, et ita in infinitum.
Wer könnte verstehen, wie die verschiedenen Geschöpfe an der einen unendlichen Gestalt auf verschiedene Weise teilnehmen, da das Sein des Geschöpfes nichts anderes sein kann als deren Widerschein, der in keinem andern positiv aufgenommen, sondern zufällig und verschieden ist? So hätte [p.329] wohl ein völlig von der Idee des Künstlers abhängiges Kunstwerk kein anderes Sein als das der Abhängigkeit, von der es sein Sein hätte, und unter deren Einfluß es erhalten würde, wie das Bild einer Gestalt im Spiegel erhalten wird, vorausgesetzt, daß der Spiegel vorher oder nachher durch sich und in sich nichts wäre.
Es ist auch unverständlich, wie uns Gott durch sichtbare Geschöpfe offenbar werden könnte. Denn er ist nicht wie unser, nur Gott und uns bekannter Geist, der, sobald er zu überlegen beginnt, aus irgendwelchen Vorstellungen, aus Farbe, Klang oder etwas anderem, eine bestimmte Gestalt in sein Gedächtnis aufnimmt. Zuerst ist er formlos, dann nimmt er die fremde Form von Zeichen, Worten oder Buchstaben an und geht in diese ein. Obwohl Gott entweder – wie es die Frommen wollen –, um seine Güte zu offenbaren, oder weil er die größte, absolute Notwendigkeit ist, die ihm gehorchende Welt erschaffen hat, damit es welche gibt, die ihm Untertan sind, ihn fürchten und über die er richtet, oder aus einem andern Grund, so ist dennoch offenkundig, daß er als Gestalt aller Gestalten keine andere annimmt noch in bestimmten Zeichen erscheint, da diese gleichermaßen in dem, was sie sind, anderes erforderten, in welchem sie wären, und so weiter ins Unendliche.