De docta ignorantia
- Die Unkenntnislehre
Deo amabili reverendissimo patri domino Iuliano sanctae Apostolicae Sedis dignissimo cardinali, praeceptori suo metuendo.
[4] Admirabitur et recte maximum tuum et iam probatissimum ingenium, quid sibi hoc velit quod, dum meas barbaras ineptias incautius pandere attempto, te arbitrum eligo, quasi tibi pro tuo cardinalatus officio apud Apostolicam Sedem in publicis maximis negotiis occupatissimo aliquid otii supersit et post omnium Latinorum [5] scriptorum, qui hactenus claruerunt, supremam notitiam et nunc Graecorum etiam ad meum istum fortassis ineptissimum conceptum tituli novitate trahi possis, qui tibi, qualis ingenio sim, iam dudum notissimus existo.
Sed haec admiratio, non quod prius incognitum hic insertum putes, sed potius qua audacia ad de docta ignorantia [6] tractandum ductus sim, animum tuum sciendi peravidum spero visendum alliciet.
- Aber ich hoffe, daß nicht sosehr der Glaube, hier etwas bisher Unbekanntes zu finden, als vielmehr die Verwunderung über die Kühnheit, durch welche ich mich verleiten ließ, über die wissende Unwissenheit zu schreiben, deinen wißbegierigen Geist bestimmen wird, Einblick in meine Arbeit zu nehmen.
- „Aber diese Bewunderung entsteht nicht, weil du denkst, dass hier etwas bisher Unbekanntes eingefügt wurde, sondern eher, weil du dich fragst, mit welchem Mut ich dazu bewegt wurde, über die belehrte Unkenntnis zu schreiben. Ich hoffe, dies wird deinen wissbegierigen Geist anziehen, um es zu betrachten.“
Ferunt enim naturales appetitum quandam tristem [7] sensationem in stomachi orificio anteire, ut sic natura, quae seipsam conservare nititur, stimulata reficiatur. Ita recte puto admirari, propter quod philosophari, sciendi desiderium praevenire, ut intellectus, cuius intelligere est esse, studio veritatis perficiatur.
- Die Naturlehre sagt, daß dem Hunger ein unangenehmes Gefühl am Eingang des Magens vorangeht, auf daß die Natur, sich selbst zu erhalten bemüht, angeregt werde, sich zu kräftigen. So glaube ich mit Recht, daß das Staunen, die Ursache des Philosophierens, dem Wissensbegehr vorausgeht, damit der verstehende Geist, dessen Sein Verstehen ist, durch das Streben nach Wahrheit vollendet werde.
Rara quidem, et [8] si monstra sint, nos movere solent. Quam ob rem, praeceptorum unice, pro tua humanitate aliquid digni hic latitare existimes, et ex Germano in rebus divinis talem qualem ratiocinandi modum suscipe, quem mihi labor ingens admodum gratissimum fecit.
- Das Seltene, auch wenn es seltsam und ungeheuerlich ist, pflegt uns zu beeindrucken. Gemäß deiner Güte, einziger Lehrmeister, mögest du darum erachten, daß hier etwas Würdiges verborgen ist und von einem Deutschen diese Erwägungen über die göttlichen Dinge, welche mir die gewaltige Mühe so lieb machte, entgegennehmen.
KI
"Dem überaus ehrwürdigen Vater, dem hochwürdigsten Herrn Julian, Kardinal des heiligen apostolischen Stuhls, seinem ehrfurchtgebietenden Lehrer, der von Gott geliebt wird."
"Dein überaus großes und längst bewährtes Genie wird sich zu Recht darüber wundern, was dies hier soll, da ich, während ich unbedacht versuche, meine barbarischen Albernheiten zu entfalten, dich als Schiedsrichter wähle, als ob dir bei deinen größten öffentlichen Aufgaben, die du aufgrund deines Amtes als Kardinal am Apostolischen Stuhl zu bewältigen hast, noch etwas Muße übrig bliebe. Und als ob du nach deiner höchsten Kenntnis aller lateinischen Schriftsteller, die bislang berühmt geworden sind, und jetzt auch der Griechen, durch die Neuheit dieses vielleicht völlig törichten Konzepts, das ich hier entwickelt habe, angezogen werden könntest, obwohl dir mein Geist und mein Können schon längst wohlbekannt sind."
D
Dem gottgeliebten ehrwürdigen Vater Herrn Jullianus. des apostolischen Stuhles würdigem Kardinal, meinem verehrten Meister
Dein hoher und schon oft erprobter Geist wird sich mit Recht darüber verwundern, daß ich, während ich in allzu unvorsichtiger Weise meine ungereimten Albernheiten auszubreiten wage, dich um dein Urteil ersuche, so als ob dir trotz deiner Tätigkeit am apostolischen Stuhl, wo du mit den wichtigsten öffentlichen Angelegenheiten überhäuft bist, noch Muße bliebe, und als ob dich, der du dir zur vollkommensten Kenntnis aller bislang berühmten lateinischen Schriftsteller nun auch noch die der griechischen angeeignet hast, der ungewöhnliche Titel meiner wahrscheinlich ungeschickten und unpassenden Gedanken anziehen könnte – denn die Fähigkeiten und die Art meines Denkens sind dir schon lange wohlbekannt.