De docta ignorantia Liber primus Capitulum I.
Capitulum I.
Quomodo scire est ignorare.
- Kapitel 1 Auf welche Welse Wissen Nichtwissen bedeutet
Divino munere omnibus in rebus naturale quoddam desiderium inesse conspicimus, ut sint meliori quidem modo, quo hoc cuiusque [3] naturae patitur conditio, atque ad hunc finem operari instrumentaque habere opportuna, quibus iudicium connatum est conveniens proposito cognoscendi, ne sit frustra appetitus et in amato pondere propriae naturae quietem attingere possit.
Quod si fortassis secus contingat, hoc ex accidenti evenire necesse est, ut dum infirmitas [4] gustum aut opinio rationem seducit. Quam ob rem sanum liberum intellectum verum, quod insatiabiliter indito discursu cuncta perlustrando attingere cupit, apprehensum amoroso amplexu cognoscere dicimus non dubitantes verissimum illud esse, cui omnis sana mens nequit dissentire. Omnes autem investigantes in comparatione [5] praesuppositi certi proportionabiliter incertum iudicant; comparativa igitur est omnis inquisitio, medio proportionis utens.
Et dum haec, quae inquiruntur, propinqua proportionali reductione praesupposito possunt comparari, facile est apprehensionis iudicium; dum multis mediis opus habemus, difficultas et labor exoritur; uti haec in [6] mathematicis nota sunt, ubi ad prima notissima principia priores propositiones facilius reducuntur, et posteriores, quoniam non nisi per medium priorum, difficilius.
Wir werden gewahr, daß durch göttliches Geschenk allen Dingen ein natürliches Verlangen innewohnt, auf die bestmögliche Weise, zu der eines jeden Natur die Voraussetzungen in sich birgt, zu sein; sie besitzen geeignete Mittel, um auf dieses Ziel hinzuarbeiten. Von diesen entspricht die angeborene Urteilskraft dem, was zu erkennen vorgegeben ist, damit Streben und Verlangen nicht vergebens seien, sondern im geliebten Drang der eigenen Natur die Ruhe erreichen können. Wenn dies vielleicht anders ist, dann notwendigerweise durch äußeren Einfluß, wenn Schwäche den Geschmack oder irrige Meinung das Denkvermögen verführt. Darum sagen wir, daß der gesunde und freie Geist das Wahre, das er in unstillbarem Streben, alles durchforschend, zu erreichen verlangt, in liebender Umarmung ergreift und erkennt; und wir zweifeln nicht, daß das wirklich Wahre jenes ist, dem kein gesunder Geist widersprechen kann.
Alle, die etwas untersuchen, beurteilen das Ungewisse im Vergleich und gemäß seinem Verhältnis zu einem als gewiß Vorausgesetzten; also ist jede Untersuchung ein Vergleich, der sich eines Verhältnisses als Mittel bedient, so daß, wenn das zu Erforschende durch nahestehende, verhältnisbezügliche Rückführung mit dem Vorausgesetzten verglichen werden kann, das begreifende Urteil leicht ist.
Wenn wir viele Zwischenglieder notwendig haben, stellen sich Schwierigkeit und Mühe ein. Dies ist von der Mathematik her bekannt, wo sich die ersten Sätze leichter auf die ursprünglichen völlig bekannten Prinzipien zurückführen lassen, die späteren aber schwieriger, da dies nur durch die Vermittlung der ersten möglich ist.
Einzelnachweise
Omnis igitur inquisitio in comparativa proportione facili vel difficili [1] existit; propter quod infinitum ut infinitum, cum omnem proportionem aufugiat, ignotum est. Proportio vero cum convenientiam in aliquo uno simul et alteritatem dicat, absque numero intelligi nequit. Numerus ergo omnia proportionabilia includit. Non est igitur [2] numerus in quantitate tantum, qui proportionem efficit, sed in omnibus, quae quovismodo substantialiter aut accidentaliter convenire possunt ac differre. Hinc forte omnia Pythagoras per numerorum vim | constitui et intelligi iudicabat. [3]
Alles Untersuchen besteht also in einer leichten oder schwierigen vergleichenden Verhältnisbeziehung. Deshalb ist das Unendliche als Unendliches, da es sich jeder Verhältnisbeziehung entzieht, unbekannt. Da die Verhältnisbeziehung in einem bestimmten Punkt zugleich Übereinstimmung und Anderssein aussagt, kann sie ohne Zahl nicht verstanden werden. Die Zahl schließt also jeden möglichen Verhältnisbezug ein; sie ist folglich nicht nur in der Quantität, die den Verhältnisbezug bewirkt, sondern in allem, was irgendwie an Grundsätzlichem oder von außen Hinzukommendem übereinstimmen oder sich unterscheiden kann. Daher kam wohl Pythagoras zu dem Urteil, daß alles durch die Kraft der Zahlen geordnet und erkannt werde.
Omnis igitur inquisitio in comparativa proportione facili vel difficili [4] existit; propter quod infinitum ut infinitum, cum omnem proportionem aufugiat, ignotum est. Proportio vero cum convenientiam in aliquo uno simul et alteritatem dicat, absque numero intelligi nequit. Numerus ergo omnia proportionabilia includit. Non est igitur [5] numerus in quantitate tantum, qui proportionem efficit, sed in omnibus, quae quovismodo substantialiter aut accidentaliter convenire possunt ac differre. Hinc forte omnia Pythagoras per numerorum vim | constitui et intelligi iudicabat. [6]
Alles Untersuchen besteht also in einer leichten oder schwierigen vergleichenden Verhältnisbeziehung. Deshalb ist das Unendliche als Unendliches, da es sich jeder Verhältnisbeziehung entzieht, unbekannt. Da die Verhältnisbeziehung in einem bestimmten Punkt zugleich Übereinstimmung und Anderssein aussagt, kann sie ohne Zahl nicht verstanden werden. Die Zahl schließt also jeden möglichen Verhältnisbezug ein; sie ist folglich nicht nur in der Quantität, die den Verhältnisbezug bewirkt, sondern in allem, was irgendwie an Grundsätzlichem oder von außen Hinzukommendem übereinstimmen oder sich unterscheiden kann. Daher kam wohl Pythagoras zu dem Urteil, daß alles durch die Kraft der Zahlen geordnet und erkannt werde.
Praecisio vero combinationum in rebus corporalibus ac adaptatio [7] congrua noti ad ignotum humanam rationem supergreditur, adeo ut Socrati visum sit se nihil scire, nisi quod ignoraret, sapientissimo Salomone asserente cunctas res difficiles et sermone inexplicabiles; et alius quidam divini spiritus vir ait absconditam esse sapientiam et locum intelligentiae ab oculis omnium viventium. Si igitur hoc ita [8] est, ut etiam profundissimus Aristoteles in prima philosophia affirmat in natura manifestissimis talem nobis difficultatem accidere ut nocticoraci solem videre attemptanti, profecto, cum appetitus in nobis frustra non sit, desideramus scire nos ignorare. Hoc si ad plenum assequi poterimus, doctam ignorantiam assequemur. Nihil enim [9] homini etiam studiosissimo in doctrina perfectius adveniet quam in ipsa ignorantia, quae sibi propria est, doctissimum reperiri; et tanto quis doctior erit, quanto se sciverit magis ignorantem. In quem finem de ipsa docta ignorantia pauca quaedam scribendi labores assumpsi.
Dennoch überschreitet vollkommene Genauigkeit der Verbindungen in körperlichen Dingen und eine völlig entsprechende Anpassung des Bekannten an das Unbekannte den menschlichen Verstand so sehr, daß es Sokrates schien, er wisse nichts, außer, daß er nichts wisse, während der weise Salomon versicherte, daß alle Dinge schwierig und in der Sprache nicht ausdrückbar seien. Und ein anderer, von göttlichem Geist erfüllter Mann sagt, daß die Weisheit und der Ort der Einsicht den Augen aller Lebendigen verborgen sei.
Wenn dies sich also so verhält (und das versichert auch der tiefgründige Aristoteles in der «Ersten Philosophie»: in der Natur bereite uns auch das Offenkundigste die größten Schwierigkeiten, gleich einer Eule, welche die Sonne zu sehen versucht), dann sehnen wir uns – da Drang und Verlangen in uns nicht vergeblich sind – danach, zu wissen, daß wir nicht wissen. Können wir das in seiner Fülle erreichen, so erreichen wir die wissende Unwissenheit. Denn nichts käme dem Menschen, auch dem gelehrtesten, in vollkommenerer Weise zu, als in der Unwissenheit selbst, die ihm eigentümlich ist, höchst weise erfunden zu werden; und je weiser einer ist, um so mehr wird er um seine Unwissenheit wissen.
Um dieses Zieles willen habe ich die Mühe auf mich genommen, einiges wenige über die wissende Unwissenheit zu schreiben.