De docta ignorantia Liber primus Capitulum VI.
Capitulum VI.
Maximum est absoluta necessitas.
Ostensum est in praecedentibus omnia praeter unum maximum [1] simpliciter eius respectu finita et terminata esse. Finitum vero et terminatum habet, a quo incipit et ad quod terminatur. Et quia non potest dici, quod illud sit maius dato finito et finitum, ita semper in infinitum progrediendo, quoniam in excedentibus et excessis progressio in infinitum actu fieri non potest – alias maximum esset de [2] natura finitorum –: igitur necessario est maximum actu omnium finitorum principium et finis.
Praeterea, nihil esse posset, si maximum simpliciter non esset. Nam cum omne non-maximum sit finitum, est et principiatum; erit autem necessarium, quod ab alio; alioquin, si a seipso, fuisset quando non [3] fuisset. Nec in principiis et causis est – ut ex regula patet – possibile ire in infinitum. Erit igitur maximum simpliciter, sine quo nihil esse potest.
Kapitel VI.
Das Größte ist die absolute Notwendigkeit
Im vorhergehenden wurde gezeigt, daß außer dem Einen Größten schlechthin alles in Hinblick auf dieses endlich und begrenzt sei. Das Endliche aber und das Begrenzte hat etwas, von dem es anfängt und auf das hin es begrenzt wird. Und weil nicht gesagt werden kann, daß jenes – größer als ein gegebenes Endliches – auch endlich sei, so ist, da man dann ins Unendliche fortschreiten müßte, im Ausgegangenen und Ausgehenden ein Fortschritt ins Unendliche aber nicht wirklich geschehen kann, weil sonst das Größte von der Natur der endlichen Dinge wäre, das Größte notwendig Ursprung und Ende jedes Endlichen.
Außerdem könnte nichts sein, wenn das schlechthin Größte nicht wäre, denn da alles Nicht-Größte endlich ist, muß es auch einen Anfang haben, und zwar notwendigerweise aus einem andern; ansonsten – wenn es aus sich selbst stammte – wäre es schon gewesen als es noch nicht war.
Auch ist es, wie die Regel zeigt – nicht möglich, in Grund und Ursprung ins Unendliche zurückzugehen. Es muß also das schlechthin Größte sein, ohne das nichts sein kann.
[4] Praeterea, contrahamus maximum ad esse et dicamus: Maximo esse nihil opponitur; quare nec non esse nec minime esse. Quomodo igitur intelligi potest maximum non esse posse, cum minime esse sit maxime esse? Neque quidquam intelligi potest esse sine esse. Absolutum [5] autem esse non potest esse aliud quam maximum absolute. Nihil igitur potest intelligi esse sine maximo.
Praeterea, veritas maxima est maximum absolute. Maxime igitur verum est ipsum maximum simpliciter esse vel non esse, vel esse et non esse, vel nec esse nec non esse; et plura nec dici nec cogitari [6] possunt. Qualecumque horum dixeris maxime verum, habeo propositum; nam habeo veritatem maximam, quae est maximum simpliciter. .
- Außerdem können wir das Größte zum Sein verschränken und sagen: Das größte Sein hat keinen Gegensatz, ist darum weder das Sein noch das Ganz-Wenig-Sein. Wie kann man aber einsehen, daß das Größte nicht sein kann, da das geringste Sein das größte Sein ist?
- Nichts kann ohne das Sein eingesehen werden. Das absolute Sein aber kann nichts anderes sein als das Größte in Absolutheit. Also kann nichts als Seiendes eingesehen werden ohne das Größte-Sein.
- Ferner ist die größte Wahrheit das Größte in Absolutheit. Die höchste Wahrheit aber ist: daß das schlechthin Größte ist oder nicht ist, oder ist und nicht ist, oder weder ist noch nicht ist; mehr kann weder gesagt noch gedacht werden. Was immer man von diesem auch als das am meisten Wahre bezeichnet, ich habe eine Voraussetzung: die größte Wahrheit, die das schlechthin Größte ist.
Unde, etsi per praemissa manifestum sit, quod hoc nomen esse aut aliud quodcumque nomen non sit praecisum nomen maximi, quod [7] est super omne nomen, tamen esse maxime et innominabiliter per nomen maximum super omne esse nominabile sibi convenire necesse est. Talibus quidem et infinitis consimilibus rationibus ex superioribus docta ignorantia apertissime videt maximum simpliciter necessario esse, ita quod sit absoluta necessitas. Est autem ostensum non [8] posse nisi unum esse maximum simpliciter. Quare unum esse maximum est verissimum.
- Durch das Gesagte ist offenbar geworden, daß dieser Name Sein, oder irgendein anderer Name, nicht der genau abgegrenzte Name des Größten ist, da dieses über jedem Namen steht. Dennoch ist es notwendigerweise das größte Sein, das, mit dem Namen des Größten nicht benennbar, über jedem benennbaren Sein steht.
- Aus diesen und unzähligen ähnlichen Gründen ersieht die wissende Unwissenheit aus dem Vorhergehenden ganz deutlich, daß das schlechthin Größte so notwendig ist, daß es absolute Notwendigkeit ist.
- Es ist aber bereits gezeigt worden, daß es nur ein schlechthin Größtes geben kann. Darum ist die größte Wahrheit die, daß das Eine das Größte ist.