Werk:De ven. sap./14
14▶Erit, qui haec legerit, non dubium occupatus, ut posse fieri concipiat. Et hoc ideo difficile, quoniam posse fieri non terminatur [1] nisi in suo principio. Quomodo igitur formari posset conceptus de eo quod interminabile? Ne tamen penitus aberres, rudi quodam exemplo succurram.
Esto lucem aeternam deum appellari, mundum vero penitus invisibilem, qui per visum iudicatur non esse, cum nihil visus esse [2] iudicet, nisi per ipsum videatur. Disponit autem lux velle mundum visibilem facere. Et quia posse fieri visibilem mundum est color, ipsius lucis similitudo – nam coloris hypostasis lux est –, creat igitur lux colorem, in quo omne, quod videri potest, complicatur. Sicut enim sublato colore nihil videtur, ita de colore per lucem [3] omne visibile ut tale de potentia ad actum perducitur. Unde quia varie color in coloratis resplendet, in certis luci propinquior color apparet. Et illa sunt magis visibilia et ut talia nobiliora, uti albus color. Nullum tamen coloratum participat adeo perfecte colorem aliquem, quin perfectius participari possit, et non est terminus [4] ipsius posse fieri nisi causa coloris. Aliqua stabiliter et perpetue manent eiusdem coloris, ut caelestia, alia instabiliter et temporaliter, ut terrestria et quae huius | corruptibilis mundi sunt. Color igitur [5] est posse fieri visibile. Omne enim quod videtur, quia coloratum est, videtur. Et discrete ab omni alio colorato videtur et discernitur [6] propter discretum et singularem suum colorem.
Übs. Sg.
Der Leser ist ohne Zweifel damit beschäftigt, das Werden-Können zu verstehen. Das ist deshalb schwierig, weil das Werden-Können keine Grenze hat außer in seinem Ursprung. Wie sollte sich also ein Begriff von dem bilden lassen, was unumgreifbar ist? Um indes ein völliges Irregehen zu verhindern, will ich ein etwas banales Beispiel zuhilfe nehmen.
Angenommen, wir bezeichnen Gott als ewiges Licht, die Welt aber als völlig unsichtbar, die nach dem Urteil des Gesichtssinns kein Sein hat, da doch der Gesichtssinn nur dem ein Sein zuspricht, das von ihm gesehen wird. Das Licht aber trifft die Willensentscheidung, die Welt sichtbar zu machen. Und da das Werden-Können einer sichtbaren Welt die Farbe als Ähnlichkeit des Lichtes ist – denn Grundlage der Farbe ist Licht –, so schafft das Licht die Farbe, in der alles eingefaltet ist, was gesehen werden kann. Wie nämlich nach Aufhebung der Farbe nichts sichtbar bleibt, so wird mit Hilfe der Farbe vom Licht alles Sichtbare, insofern es sichtbar ist, aus der Möglichkeit in die volle Wirklichkeit überführt. Daraus folgt angesichts des mannigfachen Widerscheins der Farbe in den farbigen Gegenständen, daß in bestimmten Dingen die Farbe dem Lichte ziemlich nahe steht. Diese Gegenstände sind dann in höherem Maße sichtbar und nehmen insofern einen höheren Rang ein, so die weiße Farbe. Kein farbiger Gegenstand indes hat derart volkommenen Anteil an einer Farbe, daß dieser Anteil nicht gesteigert werden könnte. Die einzige Grenze des Werden-Könnens liegt in der Ursache der Farbe. Manche Gegenstände nun behalten beständig und dauernd die gleiche Farbe, so die Himmelskörper, manche halten sie ohne Bestand nur auf kurze Zeit, so die irdischen Dinge und alles, was zu dieser vergänglichen Welt gehört. Die Farbe ist also das Sichtbar-Werden-Können, denn alles, was man sieht, ist wegen seiner Farbigkeit sichtbar. Man sieht es als verschieden von allem anderen Farbigen und unterscheidet es von ihm wegen seiner abweichenden und besonderen Farbe.
Übs. Dp.
Wer dies gelesen hat, wird sich sicherlich damit beschäftigen, das Werden-Können zu verstehen, und das wird deshalb [p.25] schwierig sein, weil das Werden-Können – außer in seinem Ursprung – weder begrenzt noch bestimmt ist. Denn wie kann von dem, was unbestimmbar ist, ein Begriff gebildet werden? Damit man aber nicht zu weit in die Irre geht, werde ich mit einem – wenn auch unzureichenden – Beispiel zu Hilfe kommen.
Stellen wir uns vor, daß das ewige Licht Gott genannt werde und daß die Welt vollkommen unsichtbar und infolgedessen nach dem Urteil der Sinne nicht vorhanden wäre, da für die Sinne nur das vorhanden ist, was sie selbst wahrnehmen.
Das Licht entscheidet nun, die Welt sichtbar machen zu wollen. Da das Werden-Können der sichtbaren Welt die Farbe, das Abbild des Lichtes ist, schafft es die Farbe – denn das Licht ist die Hypostase der Farbe –, in der alles Sichtbare eingefaltet ist. Denn da ohne Farbe nichts gesehen wird, so wird vermittels der Farbe durch das Licht alles Sichtbare als solches aus der Möglichkeit zur Wirklichkeit gebracht.
Da die Farbe im Farbigen auf verschiedene Art widerstrahlt, erscheint sie in manchem dem Licht näher, und dieses ist sichtbarer und deshalb edler, wie z. B. die weiße Farbe; dennoch hat aber kein Farbiges an irgendeiner Farbe so vollkommen teil, daß dieses Teilhaben nicht noch vollkommener sein könnte. Nur der Bestimmungsgrund der Farbe ist Zielgrenze dieses Werden-Könnens.
Manches, wie das Himmlische, bleibt beständig und dauernd in derselben Farbe, anderes, wie das Irdische und was sonst von dieser vergänglichen Welt ist, unbeständig und zeitlich. Daher ist die Farbe das sichtbare Werden-Können; denn alles was gesehen wird, wird nur deshalb gesehen, weil es farbig ist und wegen seiner unterschiedlichen und ihm eigenen Farbe von jedem andern getrennt gesehen und unterschieden wird.