Werk:De ven. sap./34
34▷Intellectus intrans in campum possest, hoc est, ubi posse est actu, venatur cibum sufficientissimum. Deus enim, quem Thales[1] Milesius antiquissimum recte affirmabat, quia non factus seu genitus, antiquior est omni nominabili; nam ante aliquid et nihil, effabile et ineffabile, atque posse fieri et factum. Non igitur potest fieri, quod aeternum non sit actu. Licet enim humanitas sit id quod humanitas requirit, non tamen est actu id quod fieri potest; est[2] enim post fieri posse sub omnipotenti potestate creatoris ipsius posse fieri. Nihil igitur omnium, quae sequuntur posse fieri, umquam a posse fieri aliud, quam est, absolvitur. Solus deus est possest, quia est actu quod esse potest.
Übs. Sg.
Die Vernunft betritt das Feld des Können-Seins, d. h. wo das Können Wirklichkeit ist, und erjagt dort eine vollbefriedigende Speise. Gott, den Thales von Milet[3] mit Recht als den Uralten bezeichnete, da er nicht geschaffen oder gezeugt ist, ist älter als alles, was man benennen mag; er ist vor dem Etwas und dem Nichts, vor dem Aussprechbaren und dem Unaussprechlichen, vor dem Werden-Können und dem Gewordenen. Es ist also unmöglich, daß das Ewige nicht aktuell wirklich ist. Mag nämlich das Menschsein das enthalten, was zum Menschsein gehört, so ist es doch nicht all das in Wirklichkeit, wozu es werden kann. Ist es doch dem Werden-Können unter der allmächtigen Kraft des Schöpfers des Werden-Könnens nachgeordnet. Keines von all den Dingen, die auf das Werden-Können folgen, ist jemals frei von der Möglichkeit, etwas anderes zu werden, als es ist. Nur Gott ist das Können-Sein, da er wirklich ist, was er sein kann.
Übs. Dp.
Der Geist, der das Feld des Können-Ist (d. h. jenes Gebiet, wo das Können Wirklichkeit ist) betritt, erjagt Nahrung im Überfluß.
Gott, den Thales mit Recht den Uralt-Ewigen nennt, ist älter als alles Benennbare, weil er nicht geschaffen oder gezeugt ist. Denn er ist vor dem Etwas und dem Nichts, vor dem Aussprechbaren und Unaussprechbaren und auch vor dem Werden-Können und Gewordenen. Und er kann nichts werden, das er nicht von Ewigkeit als Wirklichkeit ist.
Auch wenn die Menschheit das ist, was die Menschheit erfordert, so ist sie dennoch nicht als Wirklichkeit das, was sie werden kann. Denn sie folgt dem Werden-Können und steht unter der allgewaltigen Macht seines Schöpfers.
Nichts von allem, das dem Werden-Können folgt, wird jemals frei von der Möglichkeit, etwas anderes zu werden, als es ist. Gott allein ist das Können-Ist, weil er als Wirklichkeit ist, was er sein kann.