Werk:De ven. sap./4
4▶Epicharmus etiam dixit omnia, quae vivunt, notioni et sapientiae participare. Gallina enim non parit viventes, «sed ova prius incubat et calore animat. Haec autem sapientia ut sese habet, natura novit sola; ab ea quippe eruditur»[1]. Ac rursum ait: «Nihil profecto mirum, [2] si ita loquar, et placere eas sibi et mutuo fovere et videri praeclara.
Nam et canis cani videtur esse pulcherrimum et bovi bos et asino asinus, susque item sui videtur venustate praestare.»[3] Ecce si animal omne habet conatam intelligentiam eorum, quae ad necessitatem conservationis ipsius in se et in eius prole, cum sit mortale, sunt [4] necessaria, et hinc industriam habet venandi pabulum suum et lumen opportunum et organa venationi suae apta – ut lucem oculis congenitam animalia, quae nocte venantur – cognoscitque inventum et eligit sibique unit, utique vita intellectualis nostra his nequaquam carebit. [5]
Quare intellectus dotatus est a natura logica, ut illa mediante discurrat et suam faciat venationem. Est enim, ut Aristoteles dicebat, logice exactissimum instrumentum ad venationem tam veri quam verisimilis. Unde dum invenit, cognoscit et avide amplectitur. Sapientia igitur est quae quaeritur, quia pascit intellectum. [6] Immortalis est enim cibus; immortaliter igitur pascit. Illa autem in variis rationibus lucet, quae ipsam varie participant. In variis enim rationibus quaerit sapientiae lumen, ut inde sugat et pascatur. Quemadmodum in variis sensibilibus, in quibus aliquando vita pascebatur, rationabiliter quaerit sensibilis vita pastum, ita et in sensibilibus [7] notionibus ratione applicata intellectus intelligibilem cibum venatur. Unde in uno cibo melius quam in alio reficitur; sed difficilius id, quod pretiosius, reperitur.
Übs. Sg.
Auch Epicharm[8] ließ alle lebenden Wesen am Denken und an der Weisheit teilhaben. Die Henne bringt keine lebenden Jungen zur Welt, »sondern bebrütet zuerst ihre Eier und beseelt sie durch ihre Wärme. Wie es sich mit diesem Wissen verhält, das weiß allein die Natur, denn von ihr empfängt die Henne ihr Wissen.« Ferner meint Epicharm, »es ist gar nichts Erstaunliches, wenn ich sosagen soll, daß sie an sich Gefallen haben, gegenseitige Zuneigung verspüren und sich als schön empfinden. Auch ein Hund erscheint dem andern doch als Ausbund von Schönheit, ebenso ein Rind dem andern und ein Esel dem anderen. Ebenso hält ein Schwein das andere für den Gipfel des Reizvollen.«
Wenn also jedes Lebewesen ein angeborenes Wissen um das hat, was zu seiner Erhaltung für es selbst und, in Anbetracht seiner Vergänglichkeit, für seine Jungen notwendig ist, und wenn es demgemäß darauf bedacht ist, sich sein Futter zu erjagen, das geeignete Augenlicht hat und ferner die zu seiner Jagdweise geeigneten Organe besitzt, – so die nachtjagenden Tiere ein den Augen von Geburt an eigenes Licht – wenn es seine Beute erkennt, sie wählt und sich einverleibt, dann wird doch unser geistiges Leben diese Dinge keineswegs vermissen lassen.
Deshalb ist unser Geist von Natur aus mit Logik begabt, um mit ihrer Hilfe seine Denkschritte auszuführen und seiner Jagd zu obliegen. Die Logik ist ja, wei Aristoteles sagte,[9] das genaueste Werkzeug zum Erjagen des Wahren wie des Wahrscheinlichen. Daher erkennt unsere Vernunft das Wahre, sobald sie es antrifft, und umfängt es mit Eifer. Die Weisheit ist also das Ziel unseres Suchens, sie speist den Geist, und sie nährt in unsterblicher Weise. Unsterblich ist ja die Speise. Sie erstrahlt in den verschiedenen Schlußfolgen, die in mannigfacher Weise an ihr teilhaben. In den verschiedenen Schlußverfahren sucht nämlich der Geist das Licht der Weisheit, um an ihm zu saugen und sich von ihm zu nähren. Wie das Leben unserer Sinne in den mannigfachen Gegenständen der Wahrnehmung, von denen sich irgendeinmal das Leben nährte, vernünftigerweise seine Nahrung sucht, so erjagt der Geist in den Wahrnehmungsinhalten unter Zuziehung des Verstandes seine geistige Nahrung. Die eine Speise bekommt ihm besser als die andere. Das Wertvollere jedoch ist schwerer zu finden.
Übs. Dp.
Auch Epicharmos sagte, daß alles Lebendige an Erkenntnis und Weisheit teilhabe. Eine Henne bringt keine lebendigen Jungen auf die Welt, sondern sitzt erst auf den Eiern und belebt sie durch ihre Wärme. Die Natur allein weiß durch die Weisheit, wie sich das verhält, denn von ihr wird die Henne herangebildet. Weiter sagt er: es ist wahrlich nicht erstaunlich – wenn ich so sagen darf –, daß jene einander gefallen und wechselseitig wohlgesinnt sind und schön erscheinen. Ein Hund hält einen Hund für ein wunderschönes Tier und einem Ochsen scheint ein Ochse und einem Esel ein Esel und ebenso ein Schwein einem Schwein alle anderen an Lieblichkeit zu übertreffen.
Jedes Lebewesen hat also die angeborene Fähigkeit, die Dinge, welche zu seiner Erhaltung in ihm selbst und, weil es sterblich ist, in seiner Nachkommenschaft notwendig sind, zu erkennen, hat daher auch Interesse, seine Nahrung zu erjagen, besitzt das geeignete Augenlicht und die für seine Jagd notwendigen Organe (wie z. B. die Nachttiere das angeborene gute Sehvermögen); es erkennt das Gefundene, wählt es aus und verleibt es sich ein; so kann auch unser geistiges Leben diese Dinge unter keinen Umständen entbehren. Deshalb hat die Natur dem Intellekt die Logik geschenkt, damit er mit ihrer Hilfe alles absucht und durchläuft und seine Jagd macht. Die Logik ist, wie Aristoteles sagte, das genaueste Instrument sowohl zur Jagd nach dem Wahren als auch nach dem Wahrscheinlichen. Wenn daher der Geist etwas findet, erkennt er es und umfaßt es voll Eifer.
Die Weisheit nun ist es, die gesucht wird, denn sie ernährt den Geist. Da sie unsterbliche Speise ist, nährt sie auf unsterbliche Art. Sie leuchtet in verschiedenem Bestimmungsgrund und Wesenssinn, der an ihr auf verschiedene Weise teilhat. Und in verschiedenem Bestimmungsgrund und Wesenssinn sucht der Geist das Licht der Weisheit, damit er sich an ihr tränke und nähre; ebenso wie in den verschiedenen sinnlichen Dingen, in denen das Leben sich irgendeinmal ernährt hat, dieses sinnliche Leben sinngemäß seine Nahrung sucht, jagt der Geist in den sinnlichen Erkenntnissen, indem er die Vernunft gebraucht, geistige Nahrung. Daher wird er durch die eine Speise mehr als durch die andere gestärkt; schwieriger jedoch ist, was köstlicher zu finden.