Werk:De ven. sap./45
45▷O mirabilis sapientia dei, quae cuncta quae fecit, vidit bona valde! Pervenire igitur per omnem venationem usque ad admirationem illius aeternae sapientiae est prope accedere. Quoniam, ut ait sapiens Philo, ipsa est vapor virtutis maiestatis dei, huius suavissimum et [1] novum totam intellectualem capacitatem reficientem odorem admiratur venator et inflammatur inenarrabili desiderio in odore illo currendi, ut capiat, quam prope esse non dubitat. Hac spe gaudiosa confortatur et augetur cursus venatoris; retardatur tamen ob aggravans corpus, quod circumfert. Et sapientiam velocissimam, quae attingit [2] a fine ad finem, comprehendere nequiens cupit dissolvi a corpore. Et illi amicitiae, quae nectit ipsum ad corpus, quae maior secundum naturam esse nequit, renuntiat et mori non pertimescit, ut cibum immortalem dei, scilicet sapientiam, comprehendat et degustet. Neque est possibile quemquam venatorum aliter ad eius [3] comprehensionem per|venire, ut haec nos incarnata docuit dei sapientia, quam[4] nemo nisi dignus apprehendit. Dignus autem non est omnis ille, qui ipsam ignorat omnibus et vitae propriae praeferendam, et ita ardeat eius amore, ut se et omnia perdat et ipsam lucretur.
Übs. Sg.
O wunderbare Weisheit Gottes, die alles, was sie schuf, als sehr gut befand![5] Bei aller Jagd bis zur Bewunderung jener ewi- gen Weisheit zu gelangen, heißt nahe hinankommen. Da diese Weisheit, wie der weise Philon sagt[6], der Dunsthauch der Kraft von Gottes Majestät ist, deshalb bewundert der Jäger ihren lieblichen und ungewohnten, die gesamte Fassungskraft der Vernunft erquickenden Geruch und läßt sich von unbeschreiblichem Sehnen entflammen, in der Richtung jenes Geruchs fortzustürmen, um sie zu fassen, an deren Nähe er nicht zweifelt. Diese frohe Hoffnung bestärkt und beschleunigt den Lauf des Jägers; eine Verzögerung bedeutet indes die Bürde des Leibes, den er mit sich schleppt. Unvermögend, die sehr schnell eilende Weisheit, die von einer Grenze der Welt zur anderen sich erstreckt,[7] zu fassen, wünscht er sich eine Loslösung vom Leibe. Er kündigt jenes Freundschaftsband auf, das ihn mit dem Leib verbindet und das der Natur nach nicht größer sein kann, und fürchtet sich vor dem Tode nicht, um die unsterbliche Speise Gottes, die Weisheit, zu ergreifen und zu kosten. Unmöglich kann einer der Jäger auf andere Weise in ihren Besitz gelangen, wie uns das die fleischgewordene göttliche Weisheit lehrte, die nur der Würdige erfaßt. Unwürdig aber ist jedweder, der nicht weiß, daß sie allen Dingen und selbst dem eigenen Leben vor- zuziehen ist; und er soll so von Liebe zu ihr entbrennen, daß er sich und alles hingibt und sie gewinnt.
Übs. Dp.
O wunderbare Weisheit Gottes, die, als sie alles, was sie geschaffen hatte, sah, sagte, daß es sehr gut sei! Durch alle diese Jagdzüge zur Bewunderung der ewigen Weisheit zu gelangen, bedeutet, ihr selbst nahe zu kommen, da sie, wie der weise Philo sagt, der Hauch der Macht und Majestät Gottes ist. Der Suchende bewundert ihren süßen und unbekannten Duft, der die Fassungskraft des Geistes vollkommen erquickt. Er wird von unsagbarer Sehnsucht erfüllt, in jenem Duft weiterzueilen und sie zu erreichen, denn er zweifelt nicht, daß sie nahe ist.
Diese freudige Hoffnung stärkt und beschleunigt den Lauf des suchenden Jägers. Dennoch hemmt ihn die beschwerliche Last des Körpers, die er mit sich tragen muß, und er kann die schnell enteilende Weisheit, die von einem Ende bis zum andern reicht, nicht festhalten. Er sehnt sich danach, vom Körper gelöst zu werden und sagt sich von der Verbindung, die ihn an jenen knüpft und die die stärkste aller natürlichen Bindungen ist, los und fürchtet den Tod nicht, um die Weisheit, die unsterbliche Speise Gottes, zu erreichen und zu kosten. Auf keinem andern Wege – wie uns die fleischgewordene Weisheit Gottes lehrte – kann irgendein Suchender sie erreichen, und der Würdige allein erlangt sie. Würdig aber ist nur der, der weiß, daß sie allem, auch dem eigenen Leben vorzuziehen ist und der von der Liebe zu ihr so entflammt ist, daß er sich und alles hingibt, um sie zu gewinnen.