Werk:Die Psychologie und Erkenntnisslehre des Johannes Duns Scotus/41
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1. Juli 2026 n. Chr. bear.
13:52 Uhr überarbeitet
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Die Tendenz der spekulativen Scholastik des Mittelalters war ein Ringen nach Konkordierung der drei ihr zuhöchst geltenden wissenschaftlichen Auktoritäten eines Aristoteles, Plato und Augustinus.
Dieser Tendenz konnte sich, trotz seiner antispekulativen Haltung, Duns Scotus schon seiner Zeitstellung nach sich nicht entziehen; es kommt nur darauf an, wie er sich zu jeder der genannten drei Auktoritäten zu stellen gedachte.
Nicht ohne Grund durfte er glauben, sich mit Augustinus mehr identifiziert zu haben, als die spekulativen Aristoteliker der Dominikanerschule; obschon er diesen gegenüber von Aristoteles weiter abkam, als er selber zuzugeben bereit war.
Auf dem Gebiete der Anthropologie steht er unstreitig Plato näher als dem Aristoteles, trotzdem daß er die wissenschaftliche Terminologie der scholastisch-aristotelischen Anthropologie adoptiert.
Auf dem Gebiete der Ideenlehre ist er, indem er eine ursprüngliche Vielheit der Ideen in Gott behauptet, gleichfalls weit mehr Platoniker, als die spekulativen Theologen der Dominikanerschule, welche diese Vielheit in Abrede stellen; nur will er freilich diese Ideen nicht in platonischer Weise als Wesenheiten verstanden wissen, weil damit der Intellectus agens überflüssig gemacht würde.[1] Duns Scotus bestreitet indess, daß Plato die Ideen als außergöttliche Wesenheiten gedacht habe; die Ideen in Plato's Sinne sind nichts anderes, als der im göttlichen Denken existente mundus intelligibilisoder die Quidditäten der Dinge als von Gott gedachte und erkannte.
Diese Auffassung der Ideen ist nach Duns Scotus auch jene Augustins, und zu dieser will er sich bekennen[2] jenen gegenüber, welche die göttlichen Ideen als denkhafte Selbstbeziehungen der göttlichen Wesenheit auf das außergöttliche Sein fassen.
Das Hauptinteresse des Duns Scotus ist, die Unabhängigkeit des göttlichen Seins und Denkens zu wahren, die ihm beeinträchtiget erscheint, wenn sich das göttliche Denken mit Beziehung auf etwas außerhalb derselben Seiendes bestimmen soll müssen, während doch umgekehrt das göttliche Denken die geschöpflichen Dinge mensuriere.
Ob sich übrigens die scotistische Anschauung von der Idee mit jener Augustins decke, ist mehr als fraglich; wenn auch bei Augustinus von der durch Scotus bekämpften Auffassung der Idee als Relationsbestimmung des göttlichen Seins zum geschöpflichen keine Rede ist, so ist doch andererseits eben so gewiß, daß der göttliche Gedanke eines Dinges bei Augustinus nicht unter dem Charakter einer göttlichen Willenssetzung erscheint, weil diese Auffassung eben nur der scotistischen Verhältnisbestimmung zwischen dem göttlichen Denken und Wollen eigen ist.