Werk:Phaidon (Platon)/68
◀▷… - wäre das nicht der größte Widersinn, wenn sie nicht gerne dorthin gehen wollten,[1] wo sie Hoffnung haben, das zu erlangen, was sie während ihres Lebens liebten – sie liebten aber die Einsicht –; womit sie aber entzweit waren, von der Vereinigung mit diesem getrennt zu werden? Oder: Viele, deren menschliche Geliebte und Frauen und Kinder gestorben sind, wollten ihnen freiwillig in die Unterwelt nachfolgen, von der Hoffnung geleitet, diejenigen dort zu sehen, nach denen sie begehrten, und mit ihnen zusammenzusein. Wenn aber jemand die Einsicht wahrhaft liebt und fest gerade diese Hoffnung hegt, nirgendwo anders mit ihr auf eine Weise, die der Rede wert ist, zusammenzutreffen,[2] als in der Unterwelt, dann sollte der nur widerwillig sterben und nicht gerne dorthin gehen? Man muß es wenigstens annehmen, wenn er wahrhaftig, mein Freund, ein Philosoph ist; denn ganz stark wird er das glauben, nirgendwo anders die Einsicht rein anzutreffen als eben dort. Wenn sich das aber so verhält, wie ich eben gesagt habe, wäre es dann nicht äußerst widersinnig, wenn ein solcher den Tod fürchtet?[3]
Äußerst widersinnig, bei Zeus, entgegnete er.[4] Ist dir das nicht ein hinreichendes Zeugnis, fragte er, daß ein Mensch, den du unwillig siehst, wenn er sterben soll, eben kein Liebhaber der Weisheit,[5] sondern wohl ein Liebhaber des Körpers war? Derselbe aber, der das ist, wird auch ein Liebhaber des Geldes und des Ruhmes sein, entweder das eine davon oder beides.[6]
Es verhält sich ganz so, wie du sagst, sprach er.
Wird nicht auch, Simmias, fragte er, was man Tapferkeit nennt, denen, die so gesinnt sind, am meisten zukommen?
Ganz gewiß, sagte er.
Und ebenso die Besonnenheit, was auch die Leute Besonnenheit nennen,[7] sich von den Begierden nicht hinreißen zu lassen, sondern sich ihnen gegenüber geringschätzig und maßvoll zu verhalten – kommt sie nicht allein denen zu, die den Körper am meisten geringschätzen und in der Liebe zur Weisheit leben?
[8]Notwendig, sprach er.
Denn wenn du, fuhr er fort, die Tapferkeit der anderen und ihre Besonnenheit erwägen willst, werden sie dir sonderbar erscheinen.
Wie das, Sokrates?
Du weißt, sagte er, daß den Tod alle anderen für eines der großen Übel halten,[9]
Durchaus, sprach er.
Erdulden nun nicht aus Furcht vor noch größeren Übeln die Tapferen unter ihnen den Tod, wenn sie ihn erdulden? So ist es.
Weil sie sich fürchten und aus Furcht sind demnach alle tapfer außer den Philosophen; obwohl das doch wohl widersinnig ist, daß jemand aus Furcht und Feigheit tapfer sein soll.