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Werk:Phaidon (Platon)/69

aus AufEinWort, der freien Forschung

—Übrstzng B.Z.

◀▷Wie steht es aber mit den Maßvollen unter ihnen? Ist es mit denen nicht ebenso – aus irgendeiner Zügellosigkeit sind sie besonnen? Obwohl wir sagen, das sei unmöglich; und doch geht es ihnen bei dieser törichten Besonnenheit ganz ähnlich wie dort. Denn weil sie fürchten, anderer Lüste beraubt zu werden und weil sie diese begehren, enthalten sie sich der einen, beherrscht von den anderen. Obwohl man es Zügellosigkeit nennt, von den Lüsten [1] beherrscht zu werden, geht es ihnen doch so, daß sie, beherrscht von Lüsten, andere Lüste beherrschen. Das ist aber dem ähnlich, was eben gesagt wurde, nämlich auf eine gewisse Weise aus Zügellosigkeit besonnen geworden zu sein.

Es scheint so.

Mein lieber Simmias, das ist wohl schwerlich der richtige Tausch, um Tugend zu erlangen, Lust gegen Lust und Schmerz gegen Schmerz und Furcht gegen Furcht einzutauschen, Größeres gegen Kleineres, wie Münzen, sondern jene allein ist die richtige Münze, gegen die man al dieses eintauschen muß, die Vernunft;[2] und alles, was für sie und mit ihr gekauft und verkauft wird, hat wahrhaft Wert, sowohl Tapferkeit als auch Besonnenheit, Gerechtigkeit und überhaupt wahre Tugend, nur mit Vernunft, mögen auch Lust und Furcht und alles andere dieser Art dabei sein oder nicht. Getrennt aber von der Vernunft und bloß gegen die anderen eingetauscht würde eine derartige Tugend wohl nur ein Schattenbild sein und in Wahrheit knechtisch und würde nichts Gesundes und Wahres an sich haben. Das Wahre aber wird gerade[3] eine Art Reinigung von all diesem sein, und die Besonnenheit und die Gerechtigkeit und Tapferkeit und die Vernunft selbst sind Reinigungen.[4] Und es scheint, daß auch diejenigen, die uns die Weihen[5] eingerichtet haben, keine schlechten Leute sind, zudem daß sie uns in Wahrheit seit alters andeuten, wer ungeweiht und ungeheiligt in die Unterwelt komme, werde in Schamm liegen, der Gereinigte und Geweihte aber werde, wenn er dort angekommen ist, bei den Göttern wohnen. Es gibt nämlich, wie die der Weihen Kundigen sagen, »der Thyrsosträger zwar viele, der[6] echte Begeisterte aber wenige«.[7] Diese sind aber meiner Meinung nach keine anderen als die, die auf die rechte Weise Philosophie betrieben haben. Von denen einer zu werden auch ich nach Vermögen im Leben nichts unterlassen, sondern mich auf jede Weise bemüht habe. Ob ich mich aber auf die rechte Weise bemüht und etwas erreicht habe, werden wir, wenn wir dorthin gekommen sind, genau wissen, so Gott will, und zwar in kurzer Zeit, wie mir scheint.

Das also, sprach er, Simmias und Kebes, ist meine Verteidigung dafür, daß ich es zu Recht nicht schwer nehme und nicht[8] geneigt bin, euch zu verlassen und die hiesigen Herren, weil ich glaube, dort nicht weniger als hier gute Herren und Freunde anzutreffen. Den meisten bereitet das aber Zweifel. Wenn ich also für euch überzeugender gewesen bin in meiner Verteidigung als für die Richter der Athener. dann wäre es gut.▷

—Übrstzng F.S.

  1. ↑ [69.A]
  2. ↑ [B]
  3. ↑ [C]
  4. ↑
  5. ↑
  6. ↑ [D]
  7. ↑
  8. ↑ [E]