Werk:Phaidon (Platon)/77b-78b
◀▷Über alle Maßen, Sokrates, sprach Simmias, scheint es mir dieselbe Notwendigkeit zu sein, und zu etwas Schönem nimmt unsere Rede ihre Zuflucht, zu dem nämlich, daß unsere Seele ebenso [1] vor der Geburt schon gewesen ist wie auch jenes Wesen, von dem du jetzt sprichst. Denn ich zumindest weiß nichts, was mir so klar wäre wie dieses, daß alles von dieser Art im höchsten Maß wirklich ist, das Schöne und Gute und alles übrige, von dem du eben gesprochen hast. Mir wenigstens scheint es hinreichend bewiesen zu sein.
Wie aber dem Kebes? fragte Sokrates. Denn wir müssen auch Kebes überzeugen.
Auch hinreichend, sagte Simmias, wie ich wenigstens meine, obwohl er einer der hartnäckigsten Menschen ist beim Bezweifeln von Reden. Ich glaube jedoch, er ist nun hinlänglich davon überzeugt, daß, bevor wir geboren wurden, unsere Seele schon war. [2] [3] Ob sie allerdings auch nachdem wir gestorben sind noch sein wird, das scheint mir selbst, Sokrates, noch nicht bewiesen zu sein, sondern noch steht dem, wie Kebes eben sagte, die Meinung der Menge entgegen, ob sich nicht, wenn der Mensch stirbt, zugleich die Seele zerstreut und für sie dies das Ende ihres Seins ist. Denn was hindert daran, daß sie zwar irgendwo andersher entsteht und besteht und ist, auch schon bevor sie in den menschlichen Körper gelangt, daß sie aber, nachdem sie in ihn gelangt ist und wieder von ihm getrennt wird, dann auch selbst endet und untergeht?[4]
Wohl gesprochen, Simmias, sagte Kebes. [5] Denn es scheint, als ob nur die Hälfte bewiesen sei von dem, was nötig ist, nämlich daß, bevor wir geboren wurden, unsere Seele schon war; es muß aber noch dazu bewiesen werden, daß sie auch, wenn wir gestorben sind, nicht weniger sein wird als bevor wir geboren wurden, wenn der Beweis vollendet werden soll.[6]
Bewiesen, Simmias und Kebes, sagte Sokrates, ist es auch schon jetzt, wenn ihr diese Rede mit der verbinden wollt, der wir davor zugestimmt haben, nämlich der von der Entstehung alles Lebenden aus dem Toten. Denn wenn die Seele auch vorher schon ist und sie notwendig, [7] wenn sie ins Leben geht und geboren wird, nirgendwo andersher als aus dem Tod und dem Gestorbenen entstehen kann, wie sollte sie da nicht notwendig auch, nachdem sie gestorben ist, noch sein, da sie doch wieder geboren werden muß? Bewiesen ist das, was ihr meint, also schon jetzt. [8] Dennoch scheint ihr mir, du und auch Simmias, gerne auch diese Rede noch genauer untersuchen zu wollen und euch zu fürchten wie die Kinder, daß wahrhaftig der Wind sie verweht und zerstreut, wenn sie aus dem Körper herausgeht, [9] besonders wenn einer zufällig nicht bei Windstille, sondern in großem Sturmwind stirbt.
Auflachend sagte da Kebes: Dann versuche uns umzustimmen, Sokrates, als ob wir uns fürchteten! Besser aber nicht, als ob wir uns fürchteten, sondern vielleicht ist wirklich auch in uns ein Kind, das sich davor ängstigt. Dieses also wollen wir zu überzeugen versuchen, den Tod nicht zu fürchten wie ein Schreckbild.
Nun, sagte Sokrates, ihr müßt es eben jeden Tag beschwören,[10] bis ihr es gebannt habt.▷
—Übrstzng F.S.◀▷[11] Woher, Sokrates, sprach er, sollen wir für derartiges einen guten Beschwörer nehmen, da du uns doch verläßt?
Groß ist Griechenland, Kebes, sagte er, und in ihm gibt es tüchtige Menschen, groß sind aber auch die Geschlechter der Barbaren, die ihr alle durchforschen müßt, um einen solchen Beschwörer zu suchen, und weder Geld noch Mühe müßt ihr scheuen, weil es nichts gibt, wofür ihr das Geld besser verwenden könntet. Suchen aber müßt ihr auch unter euch. Denn wahrscheinlich könntet ihr nicht leicht jemanden finden, der das besser als ihr zu tun vermöchte.
Nun, das soll geschehen, sagte Kebes. Von wo wir aber abgeschweift sind, [12] darauf laß uns zurückkommen, wenn es dir recht ist.
Aber gewiß ist es mir recht – wie sollte es denn nicht?
Schön gesagt, sprach er.
[13] Müssen wir uns nun nicht, sagte Sokrates, etwa folgendes fragen: Wie ist das beschaffen, dem es zukommt, dies zu erleiden, das Zerstreut-Werden nämlich, und für welches ist zu fürchten, daß es das erleidet, und für welches nicht? Und danach müssen wir wiederum darauf sehen, zu welchem von beidem die Seele gehört, und demgemäis entweder zuversichtlich sein oder uns fürchten für unsere Seelen.
Du hast recht, sagte er.
[14] Kommt es nicht dem, was zusammengesetzt wurde und auch dem von Natur aus Zusammengesetzten zu, dies zu erleiden, nämlich geteilt zu werden auf dieselbe Art, wie es zusammengesetzt wurde? Wenn es aber etwas Unzusammengesetztes gibt, dem allein kommt es zu, wenn überhaupt irgendeinem, dies nicht zu erleiden?
Es scheint mir, sagte Kebes, sich so zu verhalten.
Und was sich immer gleich und auf dieselbe Weise verhält, von dem ist es am wahrscheinlichsten, daß es das Unzusammengesetzte ist, was hingegen einmal so, einmal anders und niemals gleich, das das Zusammengesetzte?
Mir zumindest scheint es so.
Laßt uns also zu dem kommen, von dem vorher die Rede war.
[15] Das Wesen selbst, dem wir den Ausdruck »Sein« beilegen, wenn wir fragen und antworten, verhält sich das immer auf dieselbe Weise und gleich oder einmal so, einmal anders? Das Gleiche selbst, das Schöne selbst, jedes selbst, was ist, das Sein, nimmt doch wohl niemals eine Veränderung an, welcher Art auch immer? Oder verhält sich nicht jedes von ihnen, das ist, als ein für sich Einförmiges immer auf dieselbe Weise und gleich und nimmt niemals, nirgends und nicht mi mindestens irgendeine Veränderung an?
Auf dieselbe Weise und gleich, sprach Kebes, verhält es sich notwendig, Sokrates.
Wie steht es aber mit dem vielen Schönen, zum Beispiel Menschen [16] oder Pferden oder Kleidern oder irgend etwas anderem dieser Art, seien sie gleich oder schön oder alles, was mit jenem gleichnamig ist? Bleiben sie sich gleich oder – ganz entgegengesetzt zu jenen – weder sich selbst noch einander jemals sozusagen auch nur im geringsten gleich?
Dies ist wiederum so, sagte Kebes, niemals bleiben sie sich gleich. ▷
—Übrstzng F.S.