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Werk:Phaidon (Platon)/Anm.72

aus AufEinWort, der freien Forschung

72. Eine Anspielung auf •Menon‹. Dort läßt Sokrates einen mathematisch nicht vorgebildeten Sklaven an einem geometrischen Problem den Satz des Pythagoras entwickeln, indem er ihm durch geschickte Befragung den Lösungsweg nahelegt. Damit soll gezeigt werden, daß Lernen ›Erinnerung‹, also Inne-Werden, nicht einfach Aufnahme äußeren Wissens ist. – Wenn in der Literatur dieses ›Menon‹-Beispiel zur Erläuterung der Phaidon-Stelle herangezogen wird, wird allerdings meist übersehen, welche Funktion die praktische Vorführung im ›Menon‹ hat: Mit ihr soll nur die Möglichkeit demonstriert werden, daß man überhaupt lernen kann. Damit wird dem sophistischen Argument der Boden entzogen, was man nicht wisse, könne man auch nicht suchen, da man gar nicht wisse, daß man es nicht kennt. Wenn Lernen aber ›Erinnerung‹, d. h. die Aktualisierung einer bereits vorhandenen Möglichkeit der Erkenntnis ist, dann kann man suchen, ohne bereits im eigentlichen Sinn zu ›wissens‹, Es wird also mi ›Menon‹ nicht gezeigt, daß man sich an bestimmte Wissensinhalte erinnert; denn beim mathematischen Beispiel werden dem Sklaven die Antworten praktisch in den Mund gelegt, in bezug auf die Tugend versagt die ›Erinnerung‹ gänzlich. Diese ironische Komponente in der Vorführung der ›Anamnesis‹, daß ein Wissensbestand gerade nicht abgefragt werden kann, sondern daß der Befragte anläßlich des Fragens nur merkt, daß er des wesentlichen menschlichen Wissens entbehrt und daher lernen muß, darf beim ›Menon‹ nicht übersehen werden und gilt auch für den Phaidon. Vorgegeben ist immer nur die Möglichkeit des Erkennens, nicht aber die Erkenntnis selbst.