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Werk:Verborgene Zahl – Verborgener Gott/Die figura universi.

aus AufEinWort, der freien Forschung

3.2.6. Die figura universi:

Ein Schaubild zur harmonia mundi?

Robert Fludd: Utriusque cosmi maioris scilicet et minoris metaphysica, physica atque technica historia in duo volumina secundum cosmi differentiam divisa, Theodore de Bry (Hg.), Oppenheim 1617, Bd 1 (= De macrocosmi historia in duos tractatos divisa), [im Folgenden zit. als: Utriusque Cosmi 1], Tract. 1 (= De macrocosmi structurae, eiusque creaturarum originis in libros VII divisa), lib. 3 (= De musica mundana), S. 89

Bei den Erläuterungen zu seiner figura universi spricht Nikolaus von circuli, Kreisen. Aber läge nicht ein anderer Begriff, sphaerae, näher? Die Kugelsymbolik hatte in De docta ignorantia noch eine zentrale Bedeutung und es gibt einige Anhaltspunkte, dass sie in der figura universi erneut anklingt, wenngleich sich das nicht begrifflich niedergeschlagen hat. Das verbindende Element stellt dabei die pythagoreische Vorstellung der Sphärenharmonie dar. Schon Robert Fludd (latinisiert: Robertus de Fluctibus (1574–1637)), der englische Mediziner und Anhänger der okkulten Philosophie, dessen Erkenntnislehre stark von Nikolaus beeinflusst ist, hat bei seinen Adaptionen der konjekturalen Bildsprache auf diesen möglichen Zusammenhang angespielt. In den Schriften Utriusque cosmi hatte er das Ordnungsschema der Doppelpyramiden, wie sie in der figura paradigmatica angelegt ist, auf den Sphärenkosmos übertragen.

Auch wenn Fludd die figura paradigmatica hier um einige neue Unterteilungen angereichert hat (und Fludd an dieser Stelle Nikolaus nicht ausdrücklich nennt), bleibt doch das Grundsätzliche des Schemas deutlich: die bildliche Fassung der zunehmenden Entstofflichung im Aufstieg zur göttlichen Einheit und der respektiv abnehmenden Vergeistigung im Abstieg in die Vielheit des Geschöpflichen durch zwei sich durchdringende Pyramiden, die ihrerseits in die Vorstellung von der Kugelgestalt des Kosmos eingebunden werden.

Aus dieser Anwendung der figura paradigmatica gewinnt Fludd nun ein Sphärenmodell, das zwischen Welt und Gott drei (ihrerseits noch feiner untergliederte) Großbereiche ansiedelt: zunächst eine unterste, die erdnächste Region, die durch die Ordnung der Elemente bestimmt wird, dann der Bereich der bewegten Himmelskörper und schließlich die Hierarchie der Engelssphären:

Links: Abbildung zur Sphärenharmonie nach: Utriusque cosmi 1, Tract. 1, lib. 3, S. 84
Rechts: Darstellung der figura universi nach De coni., p2, fol. 49v

Interessant ist nun, dass Fludd, unter Bezugnahme auf das Modell der Sphärenharmonie, seine Unterteilung des Kosmos in irdische Elementen-, himmlische Planeten- und überweltliche Engelssphären auch, auf der rechten Seite der Abbildung durch die verschiedenen mit Proportionsbezeichnungen beschrifteten Halbkreise dargestellt, in musikalische (konsonante) Intervallverhältnisse einfasst. Die Einzelheiten der Darstellung sind hier nicht wichtig. Entscheidend ist, dass sich beim direkten Vergleich mit der figura universi eine (wenn auch entfernte) Ähnlichkeit der Darstellungen offenbart. Könnte die figura universi in ihrer formalen Anlage also möglicherweise dem breiten, durch Platon und Ptolemaios in Fortführung pythagoreischer Vorstellungen vorbereiteten Überlieferungsstrang der kosmologisch-musiktheoretischen Konzeption zur Sphärenharmonie nahe stehen, auf den auch Fludd hier rekurriert? Immerhin merkt Nikolaus in De coniecturis gesondert an, dass auch für die Erfassung der Musik das Schema der figura universi heranzuziehen ist:

Si de musica seorsum doctior esse volueris, fingito universorum circulum musicae rationem, et aliam quasi intellectualem abstractiorem musicam, aliam quasi sensibilem, aliam quasi rationalem constituas, ita de arithmetica, ita de geometria, ita de musica.[1]

Dabei stellt die Musik – Nikolaus deutet es hier nur an – gegenüber anderen Erkenntnisobjekten schon deshalb einen Sonderfall dar, als in ihr die Dichothomie von ‚Einheit‘ und ‚Andersheit‘ über die Empfindung von Konsonanz und Dissonanz sogar sinnlich (sensibilis) erfahrbar wird. Eine Sonderstellung der Musik hatte Nikolaus schon früher herausgestellt, in De concordantia catholica, wo er den politisch-gesellschaftlichen ordo-Gedanken auf dem Fundament der himmlischen Hierarchien gründen lässt und dabei deutlich die Vorstellung einer harmonia celestis berührt. Was dabei anklingt ist die Funktionalisierung der Musik als einer Art Universalwissenschaft der numeralen Harmonie karolingischer Prägung, wie sie unter anderem bei Theodulf (um 760–821) und Isidor von Sevilla (auch: Isidorus Hispalensis, um 560–636) auftritt.[2] Konsonanz ist in diesem Zusammenhang musikalische Konkordanz, durch die alle Regionen des Himmels, wie Nikolaus schreibt, in einem einzigen süßen Ton zusammenklingen:

Recte sicut in angelica sunt tres ordines [et] in primo ordine iterum sunt tres chori. [Et] licet in quolibet choro ad hunc modum graduatio in[v]eniatur. Tame[n] hoc nunc intendo ad hoc, ut una continua co[n]cordialis connexio per totam hierarchiam in[v]eniatur. Ordinatissime tame[n] ultimus chorus est primi ordinis. Licet primi ordinis illuminatio ita in eo inco[m]municabiliter persistat, ut ipsius ibi fluxus terminetur. Tamen adhuc ille chorus est subseque[n]tis primi alterius ordinis ita praelatione connexus, ut absq[ue] radio primi ordinis sibi actualiter radius sufficientis secundo ordini communicet, ut sic sit unus continuus dulcis tonus in ordine graduali continuo .[3]

Das nun ist letztlich nichts anderes als eine theologische Ausdeutung der musica mundana, der pythagoreischen Sphärenharmonie, wie sie unter anderem Boëthius, zweifellos der einflussreichste Musiktheoretiker des gesamten Mittelalters, in seinen Institutiones beschrieben hat. Die musica mundana ist dort Teil einer musikalischen Trias:

[…] Prima quidem [musica (Einfügung des Autors)] mundana est, secunda vero humana, tertia, quae in quibusdam constituta est instrumentis, ut in cithara vel tibiis ceterisque, quae cantilenae famulantur.[4]

Boëthius unterscheidet damit das harmonische Zusammenklingen aller Teile der Himmelsmaschine[5] von der Harmonie der Seele, des Körpers, der Harmonie zwischen diesen beiden[6] und schließlich von den harmonischen Maßverhältnissen des instrumentellen Musizierens.[7]

Sowohl der musica humana als auch der musica instrumentalis hat Nikolaus sich später ausführlich in der Schrift über die Wägeexperimente (De staticis experimentis) zugewandt und macht dabei u.a. den interessanten Vorschlag, die Wägeexperimente zur Untersuchung der Stimmung von Glocken und Orgelpfeifen heranzuziehen.[8] Die musica humana wird aber auch schon in De coniecturis berührt. Nikolaus schreibt – unter Verwendung von für ihn so typischen Wortschöpfungen – im zweiten Buch De coniecturis: Omnia enim universalia, generalia, atque specialia in te Iuliano[9] iulianizant, ut harmonia i n l u t o l u t i n i z a t , in c i t h a r a c i t h a r i z a t , et ita reliquis.[10]

Nikolaus will verdeutlichen, dass die geistige Ausrichtung auf die höchsten Erkenntnisziele auch der Ursprung innerer, seelischer Harmonie ist. Jetzt wird auch verständlicher, warum Nikolaus in der Spätschrift Über die Jagd nach Weisheit das Bild der menschlichen Harfe gebraucht.[11] Auch dabei mag Nikolaus Boëthius vor Augen gestanden haben, der mit der Musik auch die Erfahrung der Zusammenführung von Gegensätzlichem, der Verbindung von hohen und tiefen Stimmen zur Konsonanz durch das Vermögen der menschlichen Seele, die ihrerseits – hier knüpft Boëthius an Aristoteles an – aus Vernünftigem und Unvernünftigem zusammengefügt ist, was sich mit Nikolaus’ Koinzidenzlehre natürlich gut in Einklang bringen ließ. In den Institutiones musicae heißt es:

Humanum vero musicam quisquis in sese ipsum descendit intellegit. Quid est enim quod illam incorpoream rationis vivacitatem corpori misceat, nisi quaedam coaptatio et veluti gravium leviumque vocum quasi unam consonantiam efficiens temperatio? Quid est aliud quod ipsius inter se partes animae coniugat, quae, ut Aristoteli placet, ex rationabili inrationabilique coniuncta est?[12]

Es ist schwierig, zu rekonstruieren, wie weit Nikolaus’ musiktheoretische Kenntnisse tatsächlich reichten, und es gibt auch keinerlei direkte quellenkundliche Zeugnisse, die Nikolaus Auseinandersetzung mit Boëthius’ Institutiones musicae stichhaltig belegen, insbesondere als sich Nikolaus in der Musiklehre auch auf Derivate der Schrift hätte stützen können, wie beispielsweise Jean de Muris’ Musica speculativa von 1323.[13]

Abbildung zu den drei Proportionalitätstypen und den musikalischen Konsonanzen (rechts unten) aus den Institutiones arithmeticae in der HS Bayerische Staatsbibliothek München, clm 13021, fol. 1v–26v, hier: fol. 26v.

Was nun die Abhängigkeit der figura universi vom musiktheoretischen Traditionsstrang Boëthianischer Prägung anbelangt, so offenbart ein Blick in die handschriftlichen Fassungen der Institutiones arithmeticae, in weiten Teilen eine Übersicht zur pythagoreischen Zahlenlehre, die Boëthius um 500 aus der lateinischen Übersetzung der Schriften des Nikomachos (2. Jhdt.) gewonnen hatte – diese Schrift des Boëthius kannte Nikolaus sicher[14] – eben jene bildlichen Parallelen, die sich auch im vorangegangenen Vergleich mit der Darstellung bei Fludd ergeben haben. Links abgebildet ist ein Abschnitt aus der Handschrift der Institutiones arithmeticae der Bayerischen Staatsbibliothek München (clm 13021).

Mit diesem vierfach unterteilten Schaubild ging es Boëthius um eine abschließende Schematisierung der von ihm beginnend mit dem vierzigsten Kapitel seiner Einführung in die Arithmetik behandelten Proportionalitätstypen, dem arithmetischen (proportionalitas arithmetica),[15] geometrischen (proportionalitas geometrica)[16] und harmonischen Mittel (proportionalitas harmonica)[17], und den Zusammenhang letzterer mit dem Wesen musikalischer Konsonanz (consonantia) (in der Abbildung im Kasten rechts unten dargestellt).[18]

Wenn es auch in unterschiedlichen Boëthius-Handschriften teils erhebliche Abweichungen vom hier gegebenen Beispielfall gibt (siehe die nachfolgenden Abbildungen), so bleibt das generelle visuelle Schema, die Verbildlichung der drei als konsonant geltenden, Intervalle, d.h. die Oktave als umschließendes Intervall (diapason), dann die reine Quinte (sesquialtera/diapente), die reine Quarte (diatesseron), sowie des Referenzintervalls des Ganztons (tonus)[19] durch einfassende Halb- bzw. Vollkreise doch überwiegend[20] gleich.

Beispiele:[21] Teilfiguren aus den Institutiones arithmeticae: Brüssel, Bibliothèque Royale 18397, fol. 1v–46r, hier: 46r (links) und Mailand, Biblioteca Trivulziana, Cod. 646, fol. 13–47r, hier: 47r (rechts)
Beispiel: Figur aus den Institutiones musicae, Oxford, Bodleian Library, Cod. Trin. Coll. 47, 71v–100v, hier: 74v

Diese Grundform der Intervalldarstellung bleibt bis weit in die Neuzeit gebräuchlich. Wir finden sie zunächst auch bei Jean de Muris, dem sicher wichtigsten Vermittler der Musiklehre des Boëthius im Mittelalter. Sie taucht dann unter anderem wieder bei dem einflussreichen Musiktheoretiker und Komponisten Gioseffo Zarlino (1517–1590) auf,[22] und auch die Cusanus-Kenner Athanasius Kircher (1602–1680)[23] und, wie wir bereits gesehen haben, Robert Fludd verwenden diese Darstellungsform.

Gioseffo Zarlino: Istitutioni harmoniche, New York 1966 [nach der Ausgabe: Venedig 31573], lib. 2, S. 39
Fludd: Utriusque cosmi, Tract. 2 (= De natura simian seu technica macrocosmi historia in partes undecim divisa), pars 3 (= De consonantiis musicis), cap. 3 (= De consonantiis ex sonorum coniunctione tam simplicibus, quam compositis), S. 187
Athanasius Kircher: Musurgia universalis sive ars magna consoni et dissoni, Rom 1650 (Faksimileausgabe: Hildesheim 1970), lib. 6 (= De muscia instrumentali), S. 529


Natürlich gibt es zwischen dem cusanischen Kreisschema der figura universi und den Intervalldarstellungen Boëthianischer Prägung erhebliche Unterschiede. Dennoch weisen Nikolaus’ musikphilosophische Textverweise im Zusammenhang mit der figura universi auf eine zumindest entfernte semiotische Verwandtschaft hin. Das gemeinsame Element ist dabei die Vorstellung einer alle Seinsbereiche bestimmenden kosmischen Harmonie. Dass die Verbindung von Optik, bzw. Lichtmetaphysik, auf die die figura paradigmatica abhebt, und musikalischer Harmonie (in dem weiten Sinne, den Boëthius ihr beimisst), ein wichtiges Motiv der Mutmaßungsschrift darstellt, deutet Nikolaus bereits in De docta ignorantia an, wo er einen kurzen Ausblick auf die offensichtlich zu dieser Zeit schon weiter voran geschrittene Mutmaßungsschrift gibt:[24]

Ascende hic quomodo praecisissima maxima harmonia est proportio in aequalitate, quam vivus homo audire non potest in carne, quoniam ad se attraheret rationem animae nostrae, cum sit omnis ratio, sicut lux infinita omnem lucem, ita quod anima a sensibilibus absoluta sine raptu ipsam supreme concordantem harmoniam aure intellectus non audiret.[25]

Dass die figura universi und die zugehörigen Erläuterungen mit Einschränkungen auch als Referenz an ältere musiktheoretische Modellvorstellungen gelesen werden können, wird vor dem Hintergrund dieser Ausführungen erheblich wahrscheinlicher. Die figura universalis würde, wenn man diesen Zusammenhang gelten lassen will, Boëthius’ Dreiteilung der musikalischen Formen gleichsam integral fassen, denn die Trennung zwischen Kosmos, Seele und Materie, die Boëthius dabei voraussetzt, wird bei Nikolaus zugunsten der Hervorhebung gemeinsamer Ordnungsprinzipien zurückgestellt. So bindet die figura universi formal alle drei Musikbereiche ein: Die musica mundana durch die Abbildung der himmlischen Hierarchien mit ihren verschiedenen, harmonisch geordneten Regionen und Chören, die innermenschliche Musik durch die Verbindung der figura universi mit dem epistemologischen Schema der figura paradigmatica, und schließlich die Instrumentalklänge, also die musikalische Praxis, insofern Nikolaus auf bekannte Bildschemata der Proportionen- und Intervalllehre anspielt.

Dieses synthetische Verständnis der Konjektur-Symbolik zeigt auch Kircher, der sich in seiner Musurgia universalis deutlich, wenn auch nicht ausdrücklich, auf Nikolaus bezieht. Im Abschnitt Musica quat(t)uor univatum secundum harmonicam dispositionem des zehnten Buches werden die wesentlichen Elemente der cusanischen Zahlenspekulation aufgegriffen und in diesem Zusammenhang auch durch eine musiktheoretische Zusammenführung der figura paradigmatica mit der figura universi verbildlicht.[26]

Aus: Athanasius Kircher: Musurgia universalis sive ars magna consoni et dissoni, Rom 1650 (Faksimileausgabe: Hildesheim 1970), lib 10 (= Decachordon naturae), Registrum 8 (= Metaphysica harmonica sive Musica), § 4 (Abschnitt Musica quat(t)uor univatum secundum harmonicam dispositionem), S. 450
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