ÜdSAC/Einleitung
Ziel von De anima ist es, die Seele zu definieren. Die Kenntnis der Seele, heißt es zu Beginn, trage Großes zur Wahrheit insgesamt bei, am meisten jedoch zur Kenntnis der Natur; denn die Seele sei »wie ein Prinzip für die Lebewesen« (I 1, 402a6f.). De anima untersucht die philosophische Frage, was es heißt, lebendig zu sein und was das allgemeine Prinzip ist, wodurch sich Lebendiges von Nichtlebendigem unterscheidet. Bei der Definition der Seele geht es aber ebenso darum, die Phänomene des Lebendigen, so wie sie in der Natur zu beobachten sind, zu erklären. Die Konzeption der Seele, die aus der Untersuchung in De anima resultiert und die dies beides leisten soll, ist für ihre Zeit völlig neuartig und auch sachlich so durchschlagend, dass sie bis heute das ernsthafte Interesse von Philosophen zu erregen vermag. Dies gilt im besonderen Maße von Aristoteles’ hylomorphistischem Verständnis der Seele, dem zufolge es sich bei der Seele um die Form des lebendigen Körpers handelt und das von vielen als aussichtsreicher Ansatz für die Behandlung von Grundfragen der Philosophie des Geistes angesehen wird.
Aristoteles’ Konzeption der Seele ist allerdings nicht ein fach zu verstehen. Zum einen liegt dies in der Natur der Sache selbst: Der Begriff des Lebens stellt eine besondere Herausforderung für jede philosophische Untersuchung dar. Zum anderen ist Aristoteles’ spezifische Herangehensweise an das Thema in mehrfacher Hinsicht ungewohnt. Eine erste Schwierigkeit ergibt sich aus seinem biologischen Ansatz. Wenn De anima die Frage untersucht, wodurch sich Lebendiges von Nichtlebendigem unterscheidet, so ist ›lebendig sein‹ in allgemeiner Weise zu verstehen, wonach alles lebendig ist, was eine Seele hat und deswegen beseelt ist, also Menschen, Tiere und Gewächse. Dieser breite, biologische Ansatz erklärt das ungewöhnlich hohe Abstraktionsniveau der Schrift. Des Weiteren soll die Definition der Seele nicht nur allgemein den Unterschied zwischen Leblosem und Lebendigem angeben, sondern auch spezifisch für jede Gattung des Lebendigen erfassen, was es für sie jeweils heißt, lebendig, d.h. Gewächs, Tier oder Mensch, zu sein. Aus heutiger Sicht besteht die Themenstellung der Schrift damit in einem komplexen Gemenge aus Fragestellungen der Metaphysik des Lebendigen und der Philosophie des Geistes.
Für heutige Leser besonders ungewohnt dürfte schließlich die De anima zugrundeliegende Auffassung von Wissenschaftlichkeit sein. Mit seiner Definition der Seele beansprucht Aristoteles nämlich nicht nur festzustellen, was es heißt, lebendig zu sein, sondern gleichzeitig damit auch seiner Wissenschaft vom Lebendigen einen begrifflichen Ausgangspunkt zu geben. Dieser Ausgangspunkt soll den Wissenschaftler des Lebendigen in Stand setzen, die Phänomene des Lebendigen zu erklären. Dies wird bereits in dem gerade zitierten Anfang der Schrift deutlich, wo es heißt, dass es bei der Definition der Seele um das Prinzip der Erklärung des Lebendigen geht. Unter wissenschaftlicher Erklärung versteht Aristoteles grob gesagt die begriffliche Erklärung oder Herleitung allgemeiner und notwendiger Eigenschaften eines gegebenen Wissenschaftsbereichs aus der Definition des Wesens dieses Bereichs. Die Definition des Wesens eines Wissenschaftsbereichs – von Aristoteles »Gattung« (génos) genannt – muss also in der Lage sein, die übrigen zur Wissenschaft gehörigen Eigenschaften und Merkmale der Gattung als deren erstes Prinzip zu erklären. Die in De anima gesuchte Definition der Seele formuliert dementsprechend das explanatorische Wesen des Lebendigen als solches. Gelingt sie, müssen sich aus der Definition also in der einen oder anderen Weise die sonstigen wissenschaftlich relevanten Eigenschaften und Merkmale lebendiger Dinge herleiten lassen. Der Erklärungsanspruch, dem die Definition der Seele in De anima genügen muss, ist damit sehr hoch. Diese Kombination aus hohem Abstraktionsniveau, hohem Erklärungsanspruch und schwieriger Themenstellung macht De anima zu einem ungewöhnlich anspruchsvollen Text. Hinzu kommt, dass Aristoteles in De anima durchaus nicht in einem wissenschaftlich luftleeren Raum operiert. Der Argumentationsgang der Schrift setzt Vertrautheit mit Begrifflichkeiten und Argumenten aus Aristoteles’ Wissenschaftstheorie, Naturphilosophie und Metaphysik voraus. Schließlich gibt es noch sprachliche Schwierigkeiten: Abgesehen von Fragen der Textüberlieferung und Übersetzung scheint es, als sei De anima nie wirklich vollständig redigiert oder gar für die Publikation vorbereitet worden. Der Sprachstil ist häufig sehr knapp und teils geradezu kryptisch. Wir können nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob alle Kapitel an der richtigen Stelle stehen oder ob der Argumentationsgang in der überlieferten Form ein auch von Aristoteles so intendiertes vollständiges Ganzes darstellt. De anima ist damit in mindestens vier ver schiedenen Hinsichten erläuterungsbedürftig: thematisch, methodisch, kontextuell und sprachlich. Diese Einleitung beginnt mit dem Thema der Schrift, um dann ihre Methode und den Zusammenhang mit anderen Teilen des aristotelischen Werks zu diskutieren. Sie endet mit Anmerkungen zu Sprache und Übersetzung.